Nr. 38/2006 vom 21.09.2006

NomadInnen im Dreck

Ihr Sport sei weder besonders umweltschädigend noch sehr gefährlich, betonen die Angefressenen. Eine Reportage aus Guntenswil.

Von Steffen Lindig

Der Start zu einem Motocrossrennen ist eine ziemlich umständliche Sache: Die TeilnehmerInnen (auch drei Frauen sind dabei) treten einzeln hervor und stellen sich hinter den Startklappen auf. Ein Helfer hat die metallenen Bügel von den Steinen und Erdklumpen befreit, die vom vorigen Start hängen geblieben sind. Jetzt könnte das Rennen eigentlich beginnen. Doch weit gefehlt. Die FahrerInnen dürfen sich entsprechend ihrer Trainingszeiten die Startplätze aussuchen. Die Schnellsten nehmen sich die Startplätze weit links, weil sie von hier aus die besten Chancen haben, als Erste in die Linkskurve nahe beim Start einzudrehen. Nicht alle haben in der ersten Reihe Platz. Nach dem Hin und Her um die besten Plätze ist das Startritual immer noch nicht zu Ende. Der Starter geht mit erhobener grüner Fahne an der Front der FahrerInnen vorbei und versucht, Blickkontakt mit ihnen aufzunehmen. Er hat nichts Ungewöhnliches gesehen, alle Motoren laufen, und so winkt er mit seiner Fahne. Das ist das Zeichen, damit ein Starthelfer die Tafel mit der Aufschrift «15» hochhebt, was bedeutet, dass die letzten fünfzehn Sekunden der Vorbereitungszeit laufen. Die Drehzahl der Motoren steigt, entsprechend auch der Lärm. Fängt jetzt das Rennen an? Nein, erst erscheint eine zweite Tafel mit der Aufschrift «5»: In fünf Sekunden geht es los.

Für das, was sich nun abspielt, gibt es ein etwas abgegriffenes Wort, das aber in diesen Momenten des Wahnsinns seine wirkliche Bedeutung offenbart: Inferno. Vierzig Motoren heulen mit Vollgas im Leerlauf, der Lärm steigert sich bis zur Schmerzgrenze, um die FahrerInnen entwickelt sich eine grosse, graublaue Abgaswolke, in der Luft über ihnen bildet sich ein milchig zitternder Hitzeschleier. Der Boden bebt. Es stinkt nach verbranntem Benzin.

Endlich fallen die Startklappen mit einem Knall, die FahrerInnen lassen die Kupplung los und beschleunigen aus dem Stand in ein Affentempo. Hinter ihnen erhebt sich ein meterhoher brauner Wall aus Dreck, Steinen und losgerissener Erde, dem ein paar Unglückliche entsteigen, die in diesem Chaos umgerissen wurden. Mit ein paar hastigen Tritten auf die Anlasserpedale bringen sie ihre Motoren wieder zum Laufen und fahren dem Pulk hinterher.

Heute ist das 32. Motocross in Gutenswil bei Fehraltorf im Zürcher Oberland, organisiert von der lokalen Motorsportgruppe. Seit sechs Uhr morgens ist Betrieb. Die FahrerInnen haben sich im Festzelt eingeschrieben und ihr Startgeld bezahlt. Kurz nach sieben wurde die Piste freigegeben zum dreistündigen Training und Zeitfahren für die verschiedenen Kategorien. Kein Schleck für die BewohnerInnen der Einfamilienhäuser unmittelbar am Fuss des Hangs, auf dem zwei Gutenswiler Bauernfamilien ihren Boden den Motocrossern jedes Jahr überlassen. Die Piste ist relativ schnell und vor allem trocken. Ein paar Sprünge wurden eingebaut, und nicht weit vom Jurywagen wurde ein schöner «Tisch» aufgeworfen - eine Rampe, über die die Maschinen in einem steilen Bogen fliegen.

Alle fluchen über die Steine. Die Grasnarbe wurde an vielen Stellen schon während des Trainings aufgerissen. Bis faustgrosse Steine liegen frei und werden von den Rädern hochgeschleudert. Das gibt deftige Prellungen bei den dahinter Fahrenden.

Schon nach wenigen Runden im Rennen der JuniorInnen ist das Feld weit auseinandergezogen. Die besten FahrerInnen benötigen für eine Runde etwa eine Minute und vierzig Sekunden; die langsamsten brauchen eine Minute mehr. Beim höchsten Sprung, wo Mensch und Maschine bis zu zehn Meter hochgeschleudert werden, stehen die ZuschauerInnen dicht an dicht. Der Streckenposten erklärt: «Wenn die FahrerInnen schlecht wegkommen, landen sie auf dem Vorderrad und können sich überschlagen. Aber wenn sie im Flug Vollgas geben, wird das leer drehende Hinterrad nach unten gedrückt. So können sie ihren Fehler korrigieren, verlieren allerdings etwas Zeit.» Das alles ist aber nicht so einfach. Im Flug muss die Maschine oft auch noch wieder gerade gerichtet werden. Ausserdem sollte in einen höheren Gang geschaltet werden, um im abfallenden Gelände hinter der Welle mehr Fahrt zu machen. Die JuniorInnen auf ihrer KTM, Suzuki, Yamaha, Kawasaki oder Honda machen das nicht schlecht, nur selten kommt ein Vorderrad zuerst auf den Boden. Der Streckenposten lacht: «Die sind jung, die kennen keine Angst.»

Motocrossrennen und Lärm, das gehört zusammen. Wenn die Motoren einen Moment lang etwas weniger zu hören sind, dröhnen Musikkonserven aus Lautsprecheranlagen. Oder der Speaker macht seine schrillen Sprüche über das Renngeschehen. Wenn ein Fahrer von der Piste abkommt, kann sich das so anhören: «Fredi, du hast wohl zu lange an deiner Freundin herumgekurbelt!» Die Grünen hätten früher mal versucht, Motocrossrennen wegen des Lärms, der Abgase und der Umweltschäden verbieten zu lassen, sagt Philip Kempf vom Auto- und Motorradfahrerverband, in dem sich die FahrerInnen organisiert haben. «Dabei verbraucht die Tour de Suisse mit ihrem Begleittross an einem Tag mehr Benzin als wir Motocrössler an allen unseren Anlässen das Jahr durch.»

Etwa 200 Helferinnen und Helfer stehen an der Strecke oder arbeiten im Festzelt. Manchmal müssen ein paar Abschrankungspfosten neu eingeschlagen werden. In den Pausen glätten die Bagger eines Bautrupps mit grossen Schaufeln die Piste, wo sie allzu viel Schaden genommen hat. An allen exponierten Stellen ist ein Streckenposten mit seiner gelben Fahne platziert. Die acht SanitäterInnen, zwei davon in einem geländegängigen Fahrzeug, haben nicht viel zu tun. Nur ein Fahrer der Seniorenklasse hat sich nach einem Sturz das Schlüsselbein gebrochen und muss ins Spital gebracht werden. «Ein bis zwei leichte Unfälle, ein Bruch des Daumens oder des Schlüsselbeins, gibt es durchschnittlich pro Rennanlass. Seitdem alle Fahrer einen Brust- und Rückenschutz tragen, gibt es kaum noch schwere Unfälle», sagt Roland Julmi, der Präsident des Organisationskomitees.

Im Jurywagen ist es verhältnismässig still. Gelegentlich knallt ein Stein aufs Dach oder ans Fenster. Alle Maschinen sind mit einem Transponder ausgerüstet, der seine Signale über ein Empfangsgerät bei der Zeitabnahme an einen Decoder weitergibt. So kann Runde für Runde Zeit und Position der FahrerInnen auf dem Bildschirm abgelesen werden. Motocrossrennen werden in einem vorgegebenen Rahmen gefahren; die JuniorInnen fahren ein Rennen von fünfzehn Minuten plus eine Runde. Nach der Startrunde löst die führende Maschine die Zeitabnahme beim Jurywagen aus. Ist der/die Erste fünfzehn Minuten unterwegs, gibt der Rennleiter den FahrerInnen mit einer gelben Fahne mit schwarzem Kreuz das Zeichen «letzte Runde».

Irgendwo versteckt im FahrerInnenlager zwischen den ungefähr 300 Aktiven und ihren Angehörigen steht der Wohnwagen der Familie Flückiger aus Kreuzlingen. Auf dem grossen Tisch davor lädt eine Käseplatte ein. Vater Flückiger spendiert dazu Fendant. Frisch geduscht sitzen ein paar Aktive auf den Bänken. Auf dem Waschplatz haben sie ihre Maschinen ebenfalls gereinigt. Hinter dem einen oder anderen Wagen in der Nachbarschaft stehen FahrerInnen vor ihren aufgebockten Maschinen und tüfteln und schrauben daran herum. Bis zur Siegerehrung im Festzelt und dem anschliessenden Rambazamba bleibt noch ein wenig Zeit.

Flückigers gehören zum Trupp der Schweizer MotocrossnomadInnen, der von April bis September mit Wohnwagen, Zugfahrzeugen und Anhängern durch die ganze Schweiz tingelt. Zwölfmal messen sich die Juniorinnen und Senioren, die FahrerInnen mit nationaler und internationaler Lizenz, die Swiss Masters, diejenigen auf den neuen vierrädrigen Quads und die Teams der Maschinen mit Seitenwagen. «Mit Helm sind wir Gegner, ohne Helm Kollegen.» Dieser Satz ist oft zu hören.

Sohn Patrick ist der Stolz der Familie. Der siebzehnjährige Lehrling in Maschinenkonstruktion war Schweizer Meister beim Nachwuchs - «Worauf ich schon ein bisschen stolz bin» - und ist jetzt eine der grösseren Hoffnungen. Zweimal wöchentlich geht er mit einem Kollegen ins Fitnesscenter und holt sich zudem Ausdauer beim Jogging. «Wenn du nicht fit bist, kommst du in den letzten Runden ins Zittern und wirst zur Gefahr für die andern und dich.» Verletzungen? Patrick streift seine Ärmel zurück und zeigt die grossen roten und blauen Flecken, die er sich heute am Hals und an den Oberarmen von den herumfliegenden Steinen geholt hat. «Das gehört dazu. Das Schlüsselbein hab ich mir auch schon einmal gebrochen.»

Sein Sponsor, ein Kreuzlinger Bauunternehmer, hat ihm kürzlich zwei Geländemaschinen im Wert von 10000 Franken überlassen. Mit seinem Lehrlingslohn kann er den Sport natürlich nicht finanzieren und ist auch auf die Unterstützung seiner Familie angewiesen. Dabei geht es nicht nur ums Finanzielle. Nach den Rennen, die oft in abgelegenen Gebieten stattfinden, muss ja irgendwer etwas kochen, die Hemden und die Ausrüstung waschen und reinigen oder bei der Instandstellung und Optimierung der Maschinen helfen.

Vater Flückiger, der früher selber Motocrossrennen gefahren ist, möchte noch etwas Wichtiges sagen: «Motocross hat ja wie alle Motorsportarten keinen guten Ruf. Aber die Millionen von Wanderern und Skifahrern fahren doch auch meistens mit ihren Autos in ihre Sportgebiete. Die verbrauchen doch viel mehr Energie als wir paar Motorsportler. Darüber sollen die Leute mal nachdenken.»

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