Nr. 39/2006 vom 28.09.2006

Rothmanns Welten

Von Rea Brändle

Zwölf mittellange Erzählungen enthält «Rehe am Meer», das neuste Buch von Ralf Rothmann. Oft ist es ein namenloses Ich, das sich äussert, sich Luft verschafft auf eine Weise, die man nicht immer restlos versteht. Wenn eine Frau sagt, sie habe ihr Kleines gemacht, meint sie damit das Kleine Deutsche Sprachdiplom, so viel wird aus dem Kontext plausibel. Als Kotelett wird vermutlich der Penis bezeichnet, was aber ist ein blonder Vertrag? Das wird, wohl bewusst, im Dunkeln belassen.

Auch der Ich-Erzähler in «Nasse Spatzen» hat eine eigene Sprache, Berufsstolz auch, und wieso sollte er, ein Akkordarbeiter aus der Ostkolonne in Berlin-Schöneiche, uns seine Selbstverständlichkeiten ausdeutschen? Als wäre er ein Journalist, der seinen LeserInnen mit jedem Satz die Welt näherbringen möchte, vermittelnd, erklärend, renommierend, belehrend oder wie immer man das nennen will. Der Mann erzählt aus seinem Alltag, und eine Bildungslücke bedeutet eben nicht nur, sich zeitlebens um Hegel herumgedrückt oder beim besten Willen den Diskontsatz nie recht kapiert zu haben. Im Übrigen weiss der Ich-Erzähler aus leidvoller Erfahrung: «Manchmal hilft es nämlich gar nichts, wenn man eine Sache versteht.» Also weiter lesen. Nur so bekommt man eine Ahnung, wie die Kolonne der beiden Brüder Sobotzki funktioniert. Dass sie von den Hamburgern an die Wald gespielt werden und Leo sich seine Herztabletten mit Kaffee hinunterspült, weil Juhre, der Chef, sich auf Termingeschäfte einlässt, zu Bedingungen, die er, vernünftig betrachtet, nie wird einhalten können. Bis er selber sich nachts mit der Taschenlampe auf Baustellen schleicht und vom Ich-Erzähler dabei überrascht wird, wie er Dellen ins Parkett schlägt, hilflos vor Wut auf seine Konkurrenz. Und wie der Ich-Erzähler (von dem wir beiläufig erfahren, dass er ein Berliner namens Manni ist) seinen Chef bei der Zerstörungsorgie unterstützt: «Und während wir die Seifenschalen und die Armaturen aus den Kacheln brachen, während wir Lampen und Kabel aus dem Putz rissen und Löcher in die Wanne und den Lamellenschrank traten, sahen unsere Schatten an den Wänden aus, als gehörten sie nicht zu uns. Als würden das ganz andere tun.»

Im selben Buch indes kann Ralf Rothmann auch ganz anders erzählen. Wie eine junge Frau frühmorgens am Telefon der eigenen Schwester mit unglaublicher Zärtlichkeit vom Sterben ihres Mannes berichtet. Oder von den Irritationen einer Zwölfjährigen, die sich nach Mamas Tod für den jüngeren Bruder ebenso wie für den arbeitslosen Vater verantwortlich fühlt. Dann wieder wird erzählt von den schwer unterdrückbaren Ressentiments eines Frührentners (in «Den Blitz begraben»), von der Bösartigkeit eines Kindes (in «Stolz des Ostens») oder den Alltäglichkeiten im Schaustellerleben wie zum Schluss in «Der ganze Weg».

Wer so vielschichtig erzählen kann, muss wohl schon einiges erlebt haben. Der 53-jährige Ralf Rothmann wurde in Schleswig geboren, wuchs im Ruhrgebiet auf und lebt seit dreissig Jahren in Berlin. Er ist gelernter Maurer, arbeitete jahrelang als Taxifahrer, Krankenpfleger, Drucker und Koch. Seit 1986 veröffentlicht er Erzählungen, Romane und Gedichte im Suhrkamp-Verlag und schrieb mit «Berliner Blues» auch ein Schauspiel. Mit seinem Roman «Stier» ist er in der erlesenen Bibliothek Suhrkamp vertreten.

Nach den Auszeichnungen mit dem Wilhelm-Raabe-Preis und dem Heinrich-Böll-Preis erhält Max Rothmann nun den Max-Frisch-Preis, mit der Begründung, es handle sich um einen «scharfsichtigen Erzähler, der mit Güte, Grimm und Gerechtigkeit den geringsten Dingen Gewicht und dem Leben unscheinbarer Menschen Fülle und Würde verleiht».

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