Nr. 33/2018 vom 16.08.2018

Poetisch das Kriegsgrauen bannen?

Von Hans Ulrich Probst

«Ich hab alles erlebt», sagt die dreizehnjährige Luisa am Ende von Ralf Rothmanns Roman «Der Gott jenes Sommers», als sie aufgrund des in den letzten Kriegsmonaten 1945 Erlittenen um Aufnahme in ein Kloster bittet. Nach «Im Frühling sterben», wo der heute 65-jährige Rothmann den Spuren seines Vaters in der Wehrmacht und im Zusammenbruch folgte, nimmt der Berliner Autor erneut die alltäglichen Schrecken und das Elend der finalen Phase des NS-Unrechtsregimes in den Blick. Schauplatz ist ein grosser Gutshof nahe der ausgebombten Stadt Kiel, geleitet von einem Nazibonzen und seiner ideologisch standfesten Gattin Gudrun; sie ist die älteste Schwester des Mädchens Luisa, das mit seiner Familie vor Bomben hier Zuflucht findet. Ihre Gegenfigur ist die mittlere, knapp erwachsene Schwester Billie, die das nahende Inferno auf ihre Weise mit hemmungslosem Genuss und Männerverschleiss verdrängt und dafür bitter büsst.

Ralf Rothmann schildert behutsam und doch direkt, womit die «unschuldige» Zwölfjährige konfrontiert wird: Kriegsgräuel, Mord, Plünderungen, Vergewaltigung durch den eigenen Schwager, Suizid des Vaters. Rothmann schreibt in eindringlicher Nahdistanz, die die LeserInnen nachvollziehen lässt, welcher Verrohung und Unmenschlichkeit das Mädchen ausgesetzt ist – stellvertretend für all jene, denen es noch viel schlimmer erging.

Der nüchternen Poesie, der gelungenen Komposition und der zwischen detailgenauem Hyperrealismus und kühnen Lyrismen oszillierenden Sprachmacht Rothmanns zum Trotz schleichen sich freilich mit der Zeit beim Lesen auch Zweifel ein, ob diese kunstvolle Evokation eines schon vielfach geschilderten Geschehens durch einen Nachgeborenen die notwendige Dringlichkeit entfaltet. Auch die – vielleicht als Beleg für die Zeitlosigkeit des Themas eingeführte – zweite Erzählebene, wo aus einer Chronik drastisch von den Scheusslichkeiten im Dreissigjährigen Krieg 300 Jahre zuvor erzählt wird, vermag diese Zweifel nicht ganz zu zerstreuen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch