Nr. 43/2006 vom 26.10.2006

Eine stille Revolution

«Die Vikarin»: ein dokumentarisch-poetischer Bericht über das Leben der Autorin als junge Lehrerin während des Zweiten Weltkriegs. Und ein radikales Bekenntnis zur Freiheit und Kunst.

Von Johanna Lier

Sie ist Lehrerin und will es eigentlich gar nicht sein. Trotz der grossen Zuneigung zu den Kindern empfindet sie den Alltag als belastend, die Zwänge des bürgerlichen Lebens sind ihr eine fast nicht aushaltbare Qual. Da aber der Vater in den Alkohol und in Träume von der Grosswildjagd flüchtet, muss die Tochter Eva – Alter Ego der Dichterin Erika Burkart – das notwendige Geld verdienen. Rundherum wütet der Zweite Weltkrieg, und die deutschen und polnischen Internierten, die des Vaters Gasthaus aufsuchen, können dessen Bankrott auch nicht aufhalten. So verdingt sich Eva als Vikarin. Sie wird nomadisierende Lehrkraft, Handelsreisende in Sachen Liebe zum Kind.

Sucht man nach biografischen Hinweisen zu Erika Burkart, findet man kaum etwas. 1922 in Aarau geboren, besuchte sie das Lehrerseminar und unterrichtete mehrere Jahre in Primarschulen. Nach längeren Auslandaufenthalten liess sie sich wieder in der Schweiz nieder, in der ehemaligen Sommerresidenz der Fürstäbte von Muri, dem Haus, wo der Vater das Gasthaus betrieben hatte und in sie in enger Solidarität mit der tapferen Mutter aufgewachsen war. Zurück in der Gegend, die sie nie losgelassen hat, schreibt Erika Burkart die Gedichte und biografische Prosa, die sie zu einer der wichtigsten Stimmen schweizerischer Literatur macht. So ist denn auch die Natur, der Körper dieser Landschaft der eigentliche Schlüssel zu Werk und Person dieser eigensinnigen Dichterin.

Früh morgens um fünf Uhr im Schlafzimmer auf dem Gaskocher kocht ihr die Mutter Bratkartoffeln und Milchkaffee. Dann macht sich die Vikarin auf zur Schule, in der sie gerade unterrichtet. Weite Wege durch Schnee oder feuchte Herbstnebel, glänzende Sommer- oder erwachende Frühlingstage. Tiere, Pflanzen, Steine, Flüsse und Gedanken, Reflexionen – selten Menschen – begleiten Eva auf ihrem Arbeitsweg; acht Velo- oder 25 Gehminuten, manchmal mit dem Zug, aber nie mit dem Pferd, denn Pferde fürchtet Eva, das Landkind. Diese Natur, die einen existenziellen Mittelpunkt darstellt, spendet Trost vor dem irrwitzigen Wüten oder dumpfen Hinnehmen der Menschen, obwohl ja auch sie der Zerstörung und Vergänglichkeit in exemplarischer Grausamkeit unterliegt. «In der eisenhutblauen Nacht gingen die Füchse um. Auf der Krete holte die Bise sie ein, eine Injektion in die linke Schläfe. Ein kaltroter Wundschlitz klaffte am westlichen Horizont.»

Aber es täuscht. Da flüchtet man nicht einfach in den Spuren einer berauschenden Sprache durch die Natur. Leise, fast unmerklich betritt man semantische Minenfelder, befindet sich in einem radikal politischen Text, und was sich auf den ersten Blick manchmal als etwas altertümlich präsentiert hat, entpuppt sich unversehens als entschiedene Zurückweisung dessen, was uns im modernen Schul- oder Arbeitsalltag versklavt. Als Psychoinquisition klagt Erika Burkart an, dass Kinder und Jugendliche gemanagt und nicht gepflegt werden, dass diese für öde, geisttötende, aber einträgliche Jobs, wenn nicht gedrillt, dann halt motiviert werden. Dass Unwörter wie Rekrutierungsprozess, Statusbericht oder Updates als Lernprogramm der Verwaltung von Existenzen dienen, obwohl das Leben doch erst gerade beginnt. Leidet die junge Vikarin in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts oft unter platter Autorität oder dörflicher Bigotterie, beklagt sie heute die subtile Manipulation, die Individuen dazu bringt, sich möglichst effizient selbst zu regulieren. So sind denn auch in den Betrachtungen der jungen Burkart die ihr anvertrauten Kinder das spannendste Element der Geschichte. Es gelingt ihr, die Buben und Mädchen in ihren oft schwierigen Lebenssituationen und Charakteren zu verstehen und zu lassen. Viel Freiheit braucht, was wachsen will, Freiheit, die auch die Vikarin schmerzlich vermisst. Schliesslich quittiert sie den Dienst.

Das in grosszügigen Ellipsen erzählte Buch, das dank seiner komplexen, reichen Sprache der Falle des Didaktischen virtuos entgeht, macht es einem nicht immer leicht, fordert Ruhe und Zeit. Dieser Geschichte einer gewaltlosen, stillen Revolution gegen Nullbock oder Anpassung ist aber – wie auch vielen Kindern eine solche Lehrerin – eine grosse LeserInnenschaft zu wünschen.

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