Nr. 02/2007 vom 11.01.2007

«Ein Vesuv spricht nicht»

Die amerikanische Lyrikerin erscheint in neuem Licht dank der ausgezeichneten Werkausgabe von Gunhild Kübler und einer aufschlussreichen Briefedition von Uda Strätling. Auch über das extreme Leben der Dichterin ist viel zu erfahren.

Von Eva Pfister

Ich griff nach meiner eigenen Kraft -
Gegen die Welt zu ziehn -
War nicht so stark wie David - einst -
Doch war ich - doppelt kühn -

Welch einen Kraftaufwand muss es für die zierliche Emily Dickinson bedeutet haben, sich in ihrem Alltag das Selbstbewusstsein einer Künstlerin zu bewahren! Die 1830 geborene Tochter eines strengen Puritaners blieb unverheiratet und lebte bis zu ihrem Tod 1886 in ihrem Geburtshaus in Amherst, Massachusetts. Sie kümmerte sich gemeinsam mit ihrer Schwester Virginia um den Haushalt, pflegte die kranke Mutter, buk des Vaters Lieblingsbrot und machte mit ihrem Hund Carlo Spaziergänge in der näheren Umgebung. Ein Augenleiden zwang sie zu Aufenthalten in Boston, wo sie behandelt wurde, aber danach verliess sie ihren Heimatort nicht mehr, ja kaum noch ihr Geburtshaus. Da war sie 34 Jahre alt. Die Welt, die sie bereiste, fand sie in ihrem Kopf, die Freiheit in ihrem Geist. Weit über tausend Gedichte fanden sich nach und nach in ihrem Nachlass, davon waren nur zehn zu ihren Lebzeiten veröffentlicht worden, und zwar anonym.

Auf der Basis der neuesten amerikanischen Ausgabe und deren chronologischer Einordnung legt jetzt der Hanser-Verlag eine englisch-deutsche Auswahl des Werkes von Emily Dickinson vor. Aus den 1789 Gedichten wählte Gunhild Kübler an die 600 aus und übersetzte sie ganz nah am Original, in einem frischen, direkten Tonfall, der nur selten, aus Gründen von Rhythmus und Metrik, von der wörtlichen Übertragung abweicht.

Wild nights - Wild nights!
Were I with thee
Wild nights should be
Our luxury!

Sturmnächte - Sturmnächte!
Wär ich bei dir
In solchen Sturmnächten
Schwelgten wir!

So zurückgezogen Emily Dickinson lebte, in ihrem Inneren fanden «Wilde Nächte» statt, und es gibt viele Gedichte, die sich innig an ein geliebtes Du wenden. Auch in ihren Briefen, die oft lyrische Qualitäten haben, offenbarte sich die Dichterin in beinahe überschwänglicher Zuneigung ihren Freundinnen und Freunden. «Freunde sind mein ‹Besitzstand›. Die Raffgier, sie zu horten, müssen Sie darum verzeihen! Es heisst, wer früh schon arm war, betrachtet Gold doch anders.» So schrieb Dickinson an Samuel Bowles, einen Zeitungsverleger. Unbekannt ist der Adressat von drei Liebesbriefen, die an einen «Master» gerichtet sind - so er denn eine reale Ansprechperson war und nicht die imaginäre eines poetischen Entwurfs.

Starke Gefühle

Die drei Texte lesen sich so kryptisch, dass schon ein sehr vertrautes Verhältnis bestanden haben müsste, damit der «Meister» sie dechiffrieren konnte. Die Botschaft allerdings ist klar. «Eine Liebe so gross, dass sie ihr Angst macht, fährt in ihr kleines Herz - drängt alles Blut beiseite, bis sie (ganz) matt und weiss dem Ansturm im Arm liegt -», so liest man im ersten Brief, und im dritten heisst es: «Ein Vesuv spricht nicht - oder Ätna - einem entschlüpfte - vor tausend Jahren - eine einzige Silbe, und Pompeji hörte und verbarg sich für immer - ...»

Waren Emily Dickinsons Gefühle zu stark für die Wirklichkeit? «Wilde Nächte. Ein Leben in Briefen» heisst denn auch doppeldeutig eine neue Briefausgabe, ausgewählt und übersetzt von Uda Strätling. Durch die sorgfältige Kommentierung jedes einzelnen Briefes und dem ausführlichen Anhang mit Personenverzeichnis und Zeittafel erfahren wir viel über das Umfeld und das Leben von Emily Dickinson. Sie pflegte durchaus auch Umgang mit realen Menschen, korrespondierte mit SchriftstellerInnen ihrer Zeit, die ihre Fähigkeiten hoch schätzten. Immer wieder versuchten diese, die scheue Frau aus ihrem Nest herauszulocken. Sie möge doch nach Boston kommen, bat sie etwa T. W. Higginson, dort gebe es literarische Zirkel, auch von Frauen. Aber Dickinson verweigerte jede Reise, sodass der emanzipatorische Essayist und Dichter - er setzte sich für die Freiheit der Sklaven ebenso ein wie für die Förderung der Frauen - eines Tages nach Amherst fuhr, um die unbekannte Brieffreundin zu besuchen.

Furcht erregend

Seinen Eindruck schilderte er in einem Brief an seine Frau: «Schritte wie die eines trippelnden Kindes & schon glitt eine kleine, unscheinbare Frau herein mit gescheiteltem rötlichem Haar ... in einem sehr schlichten & blütenreinen weissen Piquékleid ... Sie trat mir mit zwei Taglilien entgegen, die gab sie mir geradezu kindlich in die Hand.» Bald aber sei sie aufgetaut und hätte munter geplaudert. Ihre Intensität muss Furcht erregend gewesen sein, denn Higginson schliesst den Brief an seine Frau mit der Feststellung: «Nie habe ich mit einem Menschen Zeit verbracht, der mich derart viel Kraft kostete.»

Bücher, Natur und der engere Familienkreis schienen Emily Dickinson zu genügen, denn «Leben ist so verblüffend, dass wenig Raum für andere Beschäftigung bleibt», wie sie an Higginson schrieb. Diese gewaltige Intensität vermittelt sich in ihren Gedichten, die sich zwar der Form nach an die Kirchenlieder ihrer Zeit anlehnen, diese aber aufbrechen. Um Reime kümmerte sich die Dichterin kaum, und den Rhythmus brachte sie mit Gedankenstrichen ins Stolpern.

Kraft, Überschwang, dann wieder tiefste Verlorenheit sprechen aus den Gedichten von Emily Dickinson, denen Gunhild Kübler die Qualität von Zaubersprüchen und von alter Mystik bescheinigt. Es ist schwer, viele davon auf einmal zu lesen. Aber immer wieder vermögen sie einen direkt zu berühren.

Ansteckung brütet in dem Satz
Verzweiflung haucht uns an
Über Jahrhunderte hinweg
Aus diesem Fieberwahn

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