Nr. 43/2006 vom 26.10.2006

Ashcroft-Men gewinnen immer

Nach Krimis und Märchen ist er auf Science-Fiction gekommen. «Chez Max» ist eine mit viel Witz verfasste negative Utopie angesichts des weltweiten «Kriegs gegen Terror».

Von Andreas Fanizadeh

Als junger Schriftsteller hatte Jakob Arjouni in den 1980er Jahren einen äusserst unterhaltsamen und untypischen Helden geschaffen. Sein Privatdetektiv Kemal Kayankaya ermittelte im Grossraum Frankfurt am Main und bot vielleicht das Beste, was die damalige deutsche Krimifiktion zu bieten hatte: Humor, Schlagfertigkeit und, noch vor Bundesmultikulti und Rot-Grün, zeitgemässen Stoff in adäquater Besetzung. Dann kam die deutsche Einheit und mit ihr die Unwägbarkeit des neuen deutschen Nationalismus. Das Ende des östlichen Staatskommunismus bedeutete auch eine umfassende Ethnisierung des Sozialen. Im Kulturellen reüssierten Autoren wie Feridun Zaimoglu, die zuerst als Ausländer und dann als Literaten gelesen werden. Das sind wohl keine guten Zeiten, weder für einen Arjouni noch für Kayankaya als seinen wichtigsten Ermittler.

So wurde sein Romanpersonal mit den Jahren «deutscher», die Helden tragischer wie im Roman «Magic Hoffmann». Noch einmal liess Arjouni 2001 den sympathischen Aussenseiter Kayankaya in dem Kriminalroman «Kismet» auferstehen. Doch scheint dem Autor mit dem Verschwinden der alten Bundesrepublik auch der Bezugsrahmen für diese Figur abhanden gekommen zu sein. Arjouni ist ein zutiefst westdeutscher Autor geblieben, der distanziert aus dem französischen Exil die Vorgänge im deutschsprachigen Grossraum verfolgt. Zuletzt veröffentlichte er den in Deutschland spielenden Lehrerroman «Hausaufgaben» und unternahm einen Ausflug in die Welt der Märchen für Erwachsene. «Idioten. Fünf Märchen» war literarisch gesehen ein Befreiungsschlag und bescherte darüber hinaus Verlag und Autor hübsche Umsätze.

Braten und Fischsuppe Günter

Auf die Märchen folgt nun mit «Chez Max» die Science-Fiction, eine unaufgeregt und humorvoll angelegte negative Utopie. Im Jahre 2064 betreibt Max Schwarzwald das Gourmetrestaurant Chez Max mit Cuisine allemande im wohlgeordneten elften Pariser Arrondissement. Er lässt Hirschbraten oder Fischsuppe Günter servieren, während er seine Gäste belauscht. Im Ohr trägt er einen Übersetzerknopf, am Leib ein mikroskopisches Aufnahmegerät und aus der Augenlinse schiesst er unbemerkt gestochen scharfe Aufnahmen. Max ist ein Ashcroft-Mann. Das sind in dieser Arjouni-Welt Mitarbeiter eines imperialen Weltgeheimdiensts. Sie sind dafür zuständig, dass in der euro-chinesischen Konföderation - die USA sind auf das Niveau eines hoch verschuldeten Agrar- und Tourismusanbieters herabgesunken - Verbrechen präventiv bekämpft werden. Es gibt die Welt vor und hinter dem Zaun. Ashcroft-Männer haben potenzielle Zigarettenschmuggler oder Islamisten-Terroristen vor Begehung einer Straftat unschädlich zu machen.

Auf die Märchen folgt nun mit «Chez Max» die Science-Fiction, eine unaufgeregt und humorvoll angelegte negative Utopie. Im Jahre 2064 betreibt Max Schwarzwald das Gourmetrestaurant Chez Max mit Cuisine allemande im wohlgeordneten elften Pariser Arrondissement. Er lässt Hirschbraten oder Fischsuppe Günter servieren, während er seine Gäste belauscht. Im Ohr trägt er einen Übersetzerknopf, am Leib ein mikroskopisches Aufnahmegerät und aus der Augenlinse schiesst er unbemerkt gestochen scharfe Aufnahmen. Max ist ein Ashcroft-Mann. Das sind in dieser Arjouni-Welt Mitarbeiter eines imperialen Weltgeheimdiensts. Sie sind dafür zuständig, dass in der euro-chinesischen Konföderation - die USA sind auf das Niveau eines hoch verschuldeten Agrar- und Tourismusanbieters herabgesunken - Verbrechen präventiv bekämpft werden. Es gibt die Welt vor und hinter dem Zaun. Ashcroft-Männer haben potenzielle Zigarettenschmuggler oder Islamisten-Terroristen vor Begehung einer Straftat unschädlich zu machen.

Spezialist für Situationskomik

Der Kriminalist als Krimineller, auch das ein klassisches Motiv, welches der Autor hier neu variiert. Arjouni, der jugendliche Kayankaya-Erfinder, hat sich auch mit nun Anfang vierzig seinen charmant kindlichen Humor der Anfangstage bewahrt. Er ist der Spezialist für Situationskomik, der wie aus dem Nichts treffsichere Beschreibungen und Dialoge entwerfen kann. Wofür andere ganze Kapitel schinden, genügt ihm ein lapidar hingeworfener Satz. Nur wenige können so wie er im Deutschsprachigen das Weltgeschehen in Alltagshandlungen übersetzen, ohne dass dies trivial oder altbacken klänge. So ist «Chez Max» auch sehr zu empfehlen als Hörbuch, von Arjouni selbst gelesen, die vier CDs sind eine gute Alternative für einen Sonntagabend, wenn wieder mal ein «Tatort» nicht hergibt, was er verspricht.

«Chez Max» ist schlüssig erzählt und klingt beim jetzigen Zustand der Welt kaum übertrieben. Dennoch möchte man neben die eine oder andere Konstruktion des Romans ein kleines Fragezeichen setzen. Die erklärenden politischen Exkurse eingangs zu «Ashcroft» hätten kürzer sein können. Unverständlich, warum Autor und Lektorat nicht durchwegs der am Handlungsstrang orientierten Erzählkunst vertrauten. Und im Gegenzug hätte das weibliche Personal durchaus stärker in Erscheinung treten dürfen. Es ist ja auch in der Gedankenwelt der männlichen Protagonisten allgegenwärtig, und Geschlechtlichkeit trägt nicht unerheblich zu Arjounis Sprachwitz bei (und er selbst hat noch nie vorgegeben, ein «Frauenversteherschriftsteller» zu sein). Mit «Chez Max» ist ihm jedenfalls eine kurzweilige Parodie auf den «Krieg gegen Terror» und eines sich darin verzettelnden Individuums gelungen, nebenbei: eine ausgezeichnete Vorlage für den Film- und Theaterbetrieb.

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