Nr. 43/2006 vom 26.10.2006

Risiko-Spiel im Untergrund

Der Roman «Kamtschatka» betrachtet die letzte argentinische Diktatur aus der Perspektive eines Zehnjährigen.

Von Andreas Fanizadeh

Der Film «Kamtschatka» von Marcelo Piñeyro war 2002 in Argentinien ein grosser Erfolg. Bei der Berlinale im Jahr darauf errang er einen Publikumspreis, in den USA war er in der Kategorie bester ausländischer Film für den Oskar nominiert. Nun ist die Romanvorlage des argentinischen Autors Marcelo Figueras in deutscher Übersetzung erschienen. Und egal, ob man den Film gesehen hat oder nicht: Der Roman ist sehr zu empfehlen.

Erzählt wird die Geschichte des zehnjährigen Harry, der zusammen mit seinem jüngeren Bruder - genannt Zwerg - und den Eltern 1976 untertauchen muss. Die argentinische Militärjunta hat das Land mit ihrem Terror überzogen. Harrys Vater ist Anwalt und entgeht nur durch Zufall der Verschleppung, die Mutter wird von der Universität geschmissen und verliert ihre Arbeit im Labor. Harry und Zwerg sind plötzlich aus ihrem Alltag in Buenos Aires gerissen. Sie konnten sich nicht von den Schulfreunden verabschieden und auch nicht den Lieblings-Goofy einpacken.

Erstaunlich unblutig

Die Kinder sind von den unerwarteten Abenteuerferien auf dem Land wenig begeistert. Dennoch beginnen sie sich, anpassungsfähig wie sie sind, an die klandestine Identität zu gewöhnen. Die Liebe der Eltern muss ihnen dabei über die vielen erlittenen Verluste hinweghelfen, auch wenn dies nicht immer funktioniert. «Das Leben ist ungerecht, aber es hat seine Momente.» Figueras spricht aus der Perspektive des Zehnjährigen. Humorvoll lässt er den Blick schweifen auf Ereignisse, die auch im zeitlichen Abstand von zwanzig, dreissig Jahren literarisch nur schwer zu bewältigen sind. Die letzte argentinische Diktatur war eine der brutalsten in Südamerika. Figueras schafft es dennoch, «Kamtschatka» erstaunlich unblutig zu verfassen. Dabei verniedlicht er das historische Geschehen keineswegs. Geschickt verwebt er kindlichen Alltag und Historie. Für Kinder wie Harry und Zwerg passt die Welt, wie der Autor an einer Stelle erwähnt, in eine Nussschale. Gerät diese private, kindliche Illusion, in diesem Fall aufgrund der politischen Vorgänge, durcheinander, muss sie bei nächster Gelegenheit mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln neu errichtet und verteidigt werden.

Figueras hat die Reaktionsweisen von Kindern genau studiert: «Der Zwerg wartete in dem Citroën auf uns. Er sass auf seinem Platz, den Pony bis zu den Augenbrauen, bekleidet mit der karierten Schürze der Vorschulkinder. Er verzog keine Miene, als wir in das Auto stiegen, so als wären wir noch gar nicht da, oder als würde er in einer anderen Zeit leben, die nah an unserer war, aber nicht mit ihr identisch. Ich wollte ihn nicht stören. Er war in sich versunken. Zwei Sekunden später brachte er mit seiner Frühstückstüte fast meinen Kopf zum Platzen.»

Auch den Erwachsenen kann kindliches Verhalten als Schutz und Abgrenzung dienen. Verbissen spielen Vater und Sohn Tácticas y Estrategias de Guerra, TEG genannt, die argentinische Variante des Spiels «Risiko». TEG kam ironischerweise etwa zeitgleich mit der Machtübernahme der Militärs 1976 auf den argentinischen Markt. Der Vater kann den zehnjährigen Sohn bei diesem Welteroberungsspiel auf keinen Fall gewinnen lassen. Kamtschatka, jene 1200 Kilometer lange russische Halbinsel, ist im Spiel wie in der Wirklichkeit die letzte Rückzugs- und Verteidigungslinie. Niemals kann der Vater sie aufgeben. Es ist ein mythisches sibirisches Kamtschatka, ein Symbol eben, der Fluchtpunkt liegt für ArgentinierInnen in jenen Jahren ausserhalb von Raum und Zeit und jeder Realität.

Unglücklicher Geschichtsverlauf

Im letzten Drittel des Romans könnte allerdings der Eindruck entstehen, der Autor verschanze sich hinter all den Kindheitsfantasien, einer Welt aus ertrinkenden Kröten, kleinen Freundschaften, dem Entfesselungskünstler Houdini und griechischen Mythen. Die erzählerische Leichtigkeit Figueras scheint vorübergehend etwas nachzulassen. Der Autor tastet weiter und sträubt sich doch gegen einen Handlungsverlauf, der zumindest in der grossen Geschichte kaum ein Happy End kannte. Im argentinischen Kontext wird an solchen Stellen gerne die sprichwörtliche Melancholie bemüht. Mich beschlich trotz des offenen Endes eine Traurigkeit, die sich mit Arien aus Giuseppe Verdis Opern wunderbar verstärken liess.

«Kamtschatka» rückt auf gelungene Weise die Denk- und Ausdrucksweisen von Kindern in den Mittelpunkt. Diese sind, trotz ihrer sehr unterschiedlichen Lebenssituationen, auf der ganzen Welt ähnlicher, als man oft glaubt. Der antiautoritäre Schriftsteller Figueras verknüpft dabei, ähnlich wie die Filmregisseure Andrés Wood in «Machuca» (Chile 2004) oder Christian Petzold in «Die innere Sicherheit» (Deutschland 2001), die individuell-subjektive kindliche Erzählung mit dem unglücklichen Geschichtsverlauf der emanzipatorischen Linken.

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