Film «Refugiado» : Ein kindlicher Blick in die argentinische Nacht

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In seinem Film «Refugiado» erzählt der argentinische Regisseur Diego Lerman von einer Frau, die mit ihrem Sohn vor ihrem gewalttätigen Ehemann flüchtet – ganz aus der Sicht des Kindes.

Ein ständiges Gefühl der Bedrohung, neunzig Minuten lang: Die Mutter (Juliete Díaz) und ihr Sohn Matías (Sebastián Molinaro). Still: Trigon-Film

Zur Schweiz hat Diego Lerman einen besonderen Bezug. Es war im August 2002, als er 26-jährig erstmals aus seiner Heimat Argentinien ins Ausland reiste – nach Locarno. Dort lief sein erster Spielfilm, «Tán de repente», im Wettbewerb, ein schwarzweisses Roadmovie um zwei lesbische Punkmädchen aus Buenos Aires, die eine schüchterne junge Verkäuferin zu einer gemeinsamen Reise aufs Land nötigen. Der charmant-schräge Erstling beruhte auf einer Kurzgeschichte des argentinischen Schriftstellers César Aira, und Lerman hatte den Film mit einem Budget von einigen Tausend Dollar gedreht, vorgeschossen von Freunden, und ihn in drei Etappen gefilmt, verteilt über einen Zeitraum von zwei Jahren.

Der Silberne Leopard für «Tán de repente» kam dann gerade recht für Diego Lerman. Denn damals, um den «Corralito» herum, den wirtschaftlichen Kollaps von Ende 2001, war die Konkurrenz im jungen argentinischen Filmschaffen riesig. Unter den Etiketten «Argentinos Jovenes» oder auch «argentinische Nouvelle Vague» wurden jede Menge Low-Budget-Filme junger argentinischer RegisseurInnen in das Programm internationaler Festivals gespült. Zahlreiche Talente wurden entdeckt, neben Lerman etwa auch Pablo Trapero, Israel Adrián Caetano, Lisandro Alonso oder Lucrecia Martel.

Aber es gab auch unzählige Leute, die schauderhaft minimalistisch und talentfrei von dem Boom profitierten. Es herrschte ein ähnlicher Hype wie jetzt wieder um das junge griechische Kino – die Vorstellung, dass in Krisenzeiten besonders tolle Kunst entsteht, ist offenbar aus vielen Köpfen nicht wegzubekommen. Im Unterschied zu Griechenland kam bei Argentinien noch die wenig bekannte Tatsache hinzu, dass sich das Land seit den achtziger Jahren die – gemessen an der Bevölkerungszahl – weltweit grösste Dichte an FilmstudentInnen leistet. Die Festivals konnten also aus dem Vollen schöpfen.

Elemente von Alfred Hitchcock

Lermans neuer Film «Refugiado» ist nun vordergründig so schlicht, dass sich der Plot leicht in nur einem Satz zusammenfassen lässt: Eine junge Mutter flüchtet zusammen mit ihrem achtjährigen Sohn Matías vor ihrem gewalttätigen Ehemann (und Vater des Sohnes) durch Buenos Aires. Dabei herrscht neunzig Minuten lang ein ständiges Gefühl der Bedrohung und latenten Gewalt. Die Gewalt in der Gestalt des Mannes wird nie sichtbar, doch stets wartet man darauf, dass dieser im nächsten Moment auftaucht.

Diego Lerman hat selber zwei kleine Kinder, sie sind sieben und vier Jahre alt. Und als Matías im Film einmal mit seinem Vater telefoniert, stellt er ihm in entwaffnender Naivität und grösster Präzision eine Frage, auf die wohl nur jemand kommen kann, der selber Tag für Tag den Kindermund um sich herum hat, der bekanntlich Wahrheit kundtut: «Wenn du Mama so liebst, warum schlägst du sie dann?»

Diego Lerman, Regisseur.

Die Initialzündung zu «Refugiado» hatte Diego Lerman, als eines Tages vor seinem Büro eine Frau von ihrem eifersüchtigen Mann erschossen wurde. Der Mann hatte ihr aufgelauert – verkleidet als Greis, sie hatte ihn nicht erkannt. «Dieses Element wie aus einem Horrorfilm, das hat mich fasziniert, und das sollte im Zentrum stehen.» Er hat jahrelang intensiv in Frauenhäusern recherchiert und Hunderte von Gesprächen mit Opfern häuslicher Gewalt geführt. Dieses solide Fundament merkt man dem Film an, und dennoch ist «Refugiado» zunächst ein Thriller und erst dann ein Film mit feministischem Anliegen. Die Spannung zwischen diesen beiden Polen bündelt sich in der Figur des kleinen Matías: «Der Junge ist zuerst einmal ein weiteres Opfer der Gewalt des Mannes», erklärt Lerman. «Aber er ist auch ein zukünftiger Mann.» Und in der Tatsache, dass die Mutter nie ganz sicher sein kann, ob ihr Sohn nicht doch – ungewollt oder gewollt durch Loyalität dem Vater gegenüber – den Aufenthaltsort verraten könnte, liegt mit ein Grund dafür, dass «Refugiado» atmosphärisch so gut funktioniert.

Lerman spielt dabei meisterhaft mit Versatzstücken des Horrorkinos, und es finden sich auch immer wieder Elemente, die an Alfred Hitchcock erinnern – wie etwa in der Szene, als Mutter Laura und Sohn Matías kurz in ihre Wohnung zurückkehren. Der gewalttätige Ehemann hat offenbar davon erfahren und ist ihnen nun dichter auf den Fersen als je zuvor. Die Angst vor dem Verfolger erzeugt hier ein Gefühl von geradezu physischer Bedrohung, wie das wohl nur jemand in dieser Intensität inszenieren kann, der Ähnliches selber gewissermassen schon mit der Muttermilch aufgesogen hat.

Diego Lerman kam am 24. März 1976 zur Welt, just an dem Tag, an dem sich in Argentinien die Militärs an die Macht putschten. Im Laufe der folgenden sieben Jahre überzogen sie das Land mit einem Staatsterrorismus, der bei weitem mehr Opfer forderte als etwa die Pinochet-Diktatur im benachbarten Chile. Lermans Eltern waren linke AktivistInnen, sie mussten sich verstecken, konnten ihren Häschern aber immer wieder entkommen. Nur mit unglaublichem Glück überlebten sie diese lange argentinische Nacht im eigenen Land. «Dieses Gefühl, ständig auf der Flucht zu sein, hat bei mir Spuren hinterlassen», sagt Lerman. «Das prägte sich mir in meiner frühesten Kindheit als eine geradezu körperliche Sensation ein.» Dabei sei er, wie er betont, eigentlich noch zu klein gewesen, um sich bewusst an die Jahre der Militärdiktatur erinnern zu können. Und präsentiert dann doch eine sehr konkrete Erinnerung: «Ich weiss noch, dass ich manchmal nur ein einziges Spielzeug hatte, weil wir bei den häufig überstürzten Ortswechseln oft alles zurücklassen mussten.»

Die Geister der Vergangenheit

Mit dieser düstersten Epoche der jüngeren argentinischen Geschichte hat sich Lerman schon in seinem dritten Langspielfilm beschäftigt. «La mirada invisible» (2010) ist in einem Eliteinternat in Buenos Aires im Jahr 1982 angesiedelt. Hier, in einer Atmosphäre von Angst und Terror, wird eine neue Aufseherin vom faschistischen Internatsleiter in die Kunst der permanenten Überwachung ihrer Schützlinge eingeführt.

Die Geister der Vergangenheit sind in Argentinien bis heute präsent. Und auch wenn Lermans neuer Film «Refugiado» in der Gegenwart spielt, wirken die Schatten jener Zeit auch hier deutlich nach. Lerman betont aber, dass das für ihn bei der Entwicklung der Geschichte gar nicht so präsent gewesen sei: «Das wurde mir erst bei den Dreharbeiten so richtig bewusst.»

In Baden, Luzern und St. Gallen bereits im Kino, ab 26. März 2015 in Basel, Bern und Zürich.

Refugiado. Regie und Drehbuch: Diego Lerman. Argentinien 2014