Nr. 46/2006 vom 16.11.2006

Liebesverse

Von Raphael Zehnder

I love you, baby. Oooh! Let’s do it. Why do you hurt me so? - So lässt sich der Inhalt der Mehrheit der Popsongs resümieren. Nuanciertere Varianten, wie Herzensangelegenheiten zur Sprache kommen können, bietet jedoch die Literatur seit Jahrtausenden. Denken wir nur an Catull, Caius Valerius Catullus, den in Verona geborenen Dichter des ersten Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung. «Passer, deliciae meae puellae / quicum ludere, quem in sinu tenere ...»: «Sperling, meines Mädchens Wonne, mit dir spielt sie gern, hält dich am Busen», übersetzt Michael von Albrecht Catulls sehnende Worte, und der Dichter endet einige Verse weiter schmachtend mit: «Tecum ludere, sicut ipsa, possem / et tristis animi levare curas!»: «O könnt ich mit dir spielen, wie sie und meines Herzens düstre Sorgen lindern.» Zehn Verse sind es nur, was ziemlich genau dem Dreiminutenformat der Popmusik entspricht, und ich würde mir wünschen, dass viele SchreiberInnen von Liedtexten ganz einfach nur bei den Alten, den Antiken, abschreiben würden als zum hunderttausendsten Mal das zu sagen, was andere vor ihnen schon gesagt haben - und wie das Beispiel zeigt: viel besser gesagt haben. Manchmal fügt Catull auch bloss zwei Verse zu einem kompletten Gedicht: «Odi et amo. Quare id faciam, fortasse requiris. / Nescio, sed fieri sentio et excrucior.»: «Ich hasse und liebe. Warum ich das tue, fragst du vielleicht. Ich weiss es nicht; aber ich fühle, dass es mir widerfährt, und leide Qualen.» Das fasst doch trefflich den Grossteil von Pop und Hollywood und Bollywood zusammen. Die knapp 120 Gedichte von Catull, Gedichte voller Raffinesse, gibt es in einem Büchlein bei Reclam, spottbillig, westentaschenfreundlich.

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