Nr. 18/2020 vom 30.04.2020

Fanden wir das wirklich so toll damals?

Den Popmachismo haben Joy Press und Simon Reynolds schon 1995 in «Sex Revolts» zerlegt. Inzwischen haben sich Reaktionäre die Fuck-you-Attitüde unter den Nagel gerissen. Ein Gespräch aus Anlass der deutschen Neuauflage.

Von Klaus Walter

«Wenn du genau hinhörst, wird dich die feindselige Energie gegenüber Frauen stören, aber die Energie an sich ist unglaublich»: Iggy Pop 1993 in New York. FOTO: CATHERINE McGANN, GETTY

Sind die maskulinistisch-faschistischen Massenmörder von heute Wiedergänger der Rockrebellen aus dem vergangenen Jahrhundert? Führt eine direkte Linie von Iggy Pop zum Attentäter von Christchurch? Hat sich Anders Breivik von Nick Cave zu seinen Morden verführen lassen? Trägt Mick Jagger gar eine Mitschuld am rassistischen Massaker von Hanau?

Nein. Aber ganz so abwegig sind diese Fragen nicht, wenn man «Sex Revolts. Gender, Rock und Rebellion» liest, vor allem das aktualisierte Vorwort zur Neuauflage. Geschrieben wurde das Buch ursprünglich in den frühen Neunzigern von Joy Press und Simon Reynolds. Die US-Amerikanerin Press, Jahrgang 1966, war damals Rockkritikerin, später wandte sie sich der Literatur zu. Reynolds kam 1963 in London zur Welt und hat Standardwerke der Popgeschichtsschreibung verfasst, darunter «Rip It Up and Start Again. Postpunk 1978–1984» und «Retromania. Warum Pop nicht von seiner Vergangenheit lassen kann». Heute leben Press und Reynolds mit ihren beiden Kindern in Los Angeles und, ja, sie sind immer noch ein Paar. Das Buch sei ein «labour of love», eine Herzensangelegenheit gewesen, sagt Joy Press im Gespräch.

Sex als Scheiterhaufen?

Materialreich, wie man es von Reynolds kennt, wird in «Sex Revolts» eine Geschichte der Geschlechterpolitik im Rock erzählt, wobei der Begriff «Rock» hier so verwendet wird, wie es bis in die 1990er üblich war: als Klammer für verschiedenste Spielarten populärer Musik. Rock sind hier so unterschiedliche Leute wie Madonna und Public Enemy, Janet Jackson und Nirvana. Ebenfalls sehr 1990er ist die binäre Geschlechterordnung, die Press und Reynolds kaum transzendieren – so war das nun mal, räumen sie selbst im Vorwort ein. So zerfällt das Buch in eine His-Story und eine Her-Story des Rock.

Mit dem Abstand eines Vierteljahrhunderts ist die Männergeschichte deutlich interessanter, weil der hier verhandelte Männerrock problematischer gealtert ist als sein weibliches Pendant. «Sex Revolts» stellt bereits 1995 Fragen an männliche Rockrebellen, die heute obligatorisch sind, damals aber unter Frevelverdacht standen: Warum müssen in den Songs von Nick Cave am Ende immer die Frauen sterben? Warum hält er seinen Phallus für das «Zepter Gottes, das sich in das gefährliche, düstere Terrain der Frau vorwagt, das Cave mit dem Tal des Todes vergleicht»? Warum denkt Jim Morrison beim Sex an Scheiterhaufen, warum soll seine «Rakete uns in hellen Strahlen mit dem Universum verbinden»? Was ist so geil an Stooges-Songs wie «I Wanna Be Your Dog» und «Search and Destroy», in denen «Iggy Pops Sexualität die eines Raubtiers annimmt»?

Und warum wimmelt es in den Songs der Rolling Stones von «stupid girls», «yesterday’s girls» und abgewrackten Müttern? Wo liegt der Reiz von «Under My Thumb»? In diesem akustischen Racheporno träumt Jagger davon, das Girl, das ihn einst am Boden hatte, unter seine Kontrolle zu kriegen.

«Warum lieben Frauen ausgerechnet diejenigen Männer und ihre Musik, die sie, im günstigsten Fall, als heisses Sexsymbol behandeln und im weniger günstigen Fall als bescheuertes Spielzeug?» Das fragt die Musikjournalistin Manon Steiner 2017 im Sammelband «Under My Thumb. Songs That Hate Women and the Women Who Love Them». Joy Press macht sich die Frage zu eigen: «Genau darum geht es in unserem Buch: Songs, die Frauen hassen; und die Frauen und feministisch gesinnten Männer, die diese Songs mit einem Gefühl von Verwirrung und tiefer Ambivalenz lieben. Wir haben ekstatisch getanzt zur Musik von den Stones und den Stooges. Wenn du genau hinhörst, wird dich die feindselige Energie gegenüber Frauen stören, aber die Energie an sich ist unglaublich. Ich glaube, die Stärke des Buchs besteht darin, dass wir die Musik von innen heraus erfassen.»

Press und Reynolds sind im richtigen Alter, um die Musik «von innen» zu erfassen. Bei der Blüte der Sixties-Rockrebellion liegen sie noch im Kinderwagen, Punk erwischt sie in der Pubertät, im Hintergrund läuft Disco. In «Sex Revolts» konfrontieren sie – inzwischen um die dreissig – ihre körperlichen Erfahrungen der Rebel Sounds mit der nachgeholten, zweifelnden Rezeption ihrer Inhalte. Das Resultat: ein «Gefühl von Verwirrung und tiefer Ambivalenz».

Blick in den Spiegel

Vertieft werden Verwirrung und Ambivalenz durch die politischen und kulturellen Verwerfungen der letzten Jahre. Für Press und Reynolds «beruht der Aufstieg der Alt-Right unter anderem darauf, dass provokative, auf Empörung abzielende Strategien, die vormals dem Lager der toleranten Kulturlinken zugerechnet wurden, an den finstersten und reaktionärsten Rändern von Protofaschismus und Anarcholibertarismus eine neue Heimat fanden», wie sie im Vorwort zur aktuellen Ausgabe schreiben.

Liest man (Mann!) heute diese Geschichten von den sogenannten Rockrebellen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, von Jim Morrison, Iggy Pop und Nick Cave, von Big Black, den Noiserockern und Splatterschockern des US-Underground der Neunziger, dann schaut man in den Spiegel: Fand ich das wirklich so toll damals? Waren das Tabubrüche und Grenzüberschreitungen im Namen von Freiheit, von Coolness, von einem besseren Leben? Und was sagt uns diese Musik heute?

Joy Press sieht einen Paradigmenwechsel: «Heute fühlt es sich so an, als hätte sich diese spezielle Variante von Rockrebellion totgelaufen. Diese Idee, dass es cool sein soll, sich um nichts und niemanden zu scheren, diese ‹I don’t give a fuck›-Attitüde, dieses ‹Leckt mich doch alle am Arsch!›, das haben sich nun die Rechten unter den Nagel gerissen. Diese Attitüden von Rockrebellion findest du heute in der Hochfinanz oder im Silicon Valley und in der grenzüberschreitenden Rhetorik der Alt-Right. Das hat sich gedreht.»

Simon Reynolds entdeckt Spurenelemente der Rockrebellion heute im Hip-Hop, wie er im Interview erklärt. «In den letzten Jahren haben Trapmusiker das Bild des Rockstars für sich adaptiert, es gibt diesen tollen Song ‹Black Beatles› von Rae Sremmurd, und in seinem Song ‹Rockstar› spielt Post Malone mit den Rockstar-Klischees.» Längst hat Hip-Hop als global dominierende Popkultur den alten Rock abgelöst, auch diese Erkenntnis unterstreicht «Sex Revolts».

Weisse Rockmänner überwintern derweil in rechten Subkulturen und performen als maskulinistische Pick-up-Artists und Ego-Shooter. Oder als Incels, also als «unfreiwillig Zölibatäre», die Frauen dafür hassen, dass sie ihnen das vermeintlich gottgegebene Recht auf Sex verweigern. Und darüber schon mal zum Frauenmörder werden. Damit nochmals zurück zur Eingangsfrage: Exekutieren heutige Incel-Killer letztlich die alten misogynen Songfantasien von Rockrebellen à la Iggy Pop und Nick Cave?

#MeToo im Rock

«Incel war noch kein Konzept, als wir ‹Sex Revolts› schrieben, und ich glaube, es ist ein anderes Phänomen», sagt Press. «Die Mördersongs von Nick Cave oder Big Black resultierten nicht aus sexueller Frustration, sondern eher aus einem Interesse an den Extremen der menschlichen Psyche, es geht um einen Kult der Aussenseiter. Das ist die alte romantische Idee, dass der Killer oder der Kriminelle der wirkliche Freie ist, weil nur seine Lust und seine Befriedigung zählen. Die heutige Idee des Incel ist eine etwas andere: eine Art Terrorismus, der in Paranoia wurzelt. Der Glaube, dass Frauen eine Beute sind. Dass Frauen den Männern ihr sexuelles Glück verwehren.»

Das Fazit, das Joy Press daraus zieht: «Anders als in Hollywood steht im Rock der Me-Too-Moment noch aus.»

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