Nr. 50/2018 vom 13.12.2018

Zu sich selber verfremdet

«Powerhouse», das neue Album von Planningtorock, ist kein vertontes Genderflugblatt, sondern ein poptechnologisch ermächtigter Identitätstrip.

Von Klaus Walter

Transformation mit sexy Electropop: Planningtorock. Foto: Goodyn Green

«Let’s Talk about Gender, Baby» war 2014 der Hit von Planningtorock. Um den Zauber des Songs zu verstehen, muss das popistisch leichte Baby unbedingt mitgehört und mitgedacht werden, damit es nicht vom schweren Gender erdrückt wird. Seit 2014 wird viel über Gender geredet – zu viel, finden viele. Die Vokabel «Genderwahn» hat als Kampfbegriff der Neuen Rechten Karriere gemacht. Auch unter Linken wächst das Unbehagen am G-Wort, vor allem bei solchen, die zu viel identitätspolitische Nabelschau für den Aufstieg von Rechtsnationalen verantwortlich machen – und es sich damit selbst zu leicht machen.

Nun gibt es keine Kunst, die so exzessiv Identitätspolitisches verhandelt wie die Popmusik. Und die sich in den Psychomodi Adaption, Identifikation und Projektion so gut eignet für identitätspolitischen Konsum. Wenn der Konsum einhergeht mit Genuss, Ekstase und Rausch, kann ich Identitäten switchen und variieren. Pop verhandelt Coming of Age, Coming-out und Abhauen, der populärste Song von Lou Reed erzählt von einer Beinrasur, nach der ein Er eine Sie ist – «Hey babe, take a walk …».

«Transformer» heisst das Lou-Reed-Album mit diesem Song darauf, und von Transformationsprozessen – physischer, psychischer und sexueller Art – handeln auch viele Songs auf «Powerhouse», dem neuen Album von Planningtorock. Es konvertiert autobiografisch grundierte Identitätspolitik in glitzy, charming, sexy Electropop und räumt damit den naheliegenden Einwand aus, dass es sich hier um vertonte Flugblätter handle. Nein, Planningtorock ist nicht das Feine Sahne Fischfilet des Genderwahns.

Mitten im queeren UK-Pop

Planningtorock kommt 1971 als Janine Rostron im nordenglischen Bolton zur Welt. Die Pubertät erreicht sie, als der britische Pop seine queerste Phase erlebt. In den Charts regieren Culture Club und Wham!, Frankie Goes to Hollywood und Bronski Beat, Dead or Alive und Marylin, Soft Cell und Erasure. Und Freddie Mercury. In «Top of the Pops» sieht Rostron effeminierte Männer, SM-Männer, «Club Tropicana»-Männer, Falsett- und Kopfstimmenmänner, Boys, die aus ihrer Small Town in die Grossstadt flüchten. Oder Männer, die Lieder über den Orgasmus unter Männern singen. Relax, now you wanna come!

Während die pubertierende Rostron versucht, diese phänomenale Schieflage zu verstehen, kommt aus Amerika die Nachricht von der «big disease with a little name», wie es Prince in einem seiner grössten Songs formuliert. Derselbe Prince sollte später in einem Anfall von Genderwahn avant la lettre seinen Namen durch ein unaussprechliches Symbol ersetzen, das mit einer Kombination aus Weiblichkeits- und Männlichkeitszeichen spielt. Zwanzig Jahre nach dem Aidsschock, der dem queeren Popzauber ein Ende macht, verlässt Janine Rostron die Kleinstadt und geht nach Berlin, es sind die frühen nuller Jahre. «Hier passieren Dinge, die in anderen Städten nicht möglich sind», sagt Planningtorock im Interview mit dem Internetradio Byte FM. Eine Möglichkeit: ein vergleichsweise freies, gefahrloses Leben in Soziotopen abseits der Heteronorm.

Identitätstechnologien

In den frühen zehner Jahren trennt sich Rostron von ihrem Vornamen und nennt sich geschlechtsneutral: Jam. Transformiert wird auch die musikalische Stimme. Die ist zunächst als weiblich identifiziert, das ändert sich 2014 auf dem Album mit dem sprechenden Titel «All Love’s Legal». Planningtorock modifiziert die Stimme mit Audiosoftware, pitcht sie runter – mal klingt sie nach Jimmy Somerville oder nach der Gay-Black-Diva Sylvester, mal nach Antony/Anohni oder nach dem metallischen Gurgeln einer autogetunten Cher. «Als ich meine Stimme gepitcht habe, war das ein spezieller Moment für mich», sagt Planningtorock. «Ich fühlte mich als nonbinäre, gender-queere Person, aber damals hatte ich nicht die Technologien, um meine Identität zu benennen. Als ich dann meine runtergepitchte Stimme hörte, war das so, als ob ich zum ersten Mal mich selbst hörte.»

Mit diesen zwei Sätzen erklärt Planningtorock ein Mysterium: den Siegeszug der Autotune-Technologie in der Popmusik des 21. Jahrhunderts. Nein, die omnipräsente Technologie zur Stimmmanipulation wird nicht nur von queeren Personen verwendet, die sich exponentiell vermehrt haben. Durch den Autotune-Effekt oder simples Pitchen wird die Stimme so weit verfremdet, dass wir nicht mehr wissen, welches Geschlecht sie hat. Mit Autotune wird sie gewissermassen überschminkt. Was erfunden wurde als Optimierungswerkzeug zum Ausgleich stimmlicher Schwächen, wird zum Stilmittel.

Auch für Potente und Schöne

Die geschminkte Stimme korrespondiert mit fluiden, changierenden Netzidentitäten, die wir uns zu- und wieder ablegen können. Und mit der endlosen Modifikationsarbeit am eigenen Körper, die Lust bringen, aber auch zur Qual werden kann. «Unser Körper wird immer stärker als ein Objekt erlebt, das es zu bearbeiten und zu optimieren gilt. Männer werden zur Zielgruppe für Steroide, sexuelle Hilfsmittel und speziell auf sie ausgerichtete Diätprodukte», schreibt die britische Autorin Susie Orbach in «Bodies. Schlachtfelder der Schönheit». Sexuelle Hilfsmittel dienen nicht nur sexuell Hilfsbedürftigen – Viagra dient auch Potenten zur Luststeigerung, plastische Chirurgie dient auch Schönen zur Transformation ihres Looks.

Im Klima der entgrenzten Machbarkeit ist das Vokalviagra Autotune Fluch und Segen zugleich. Planningtorock nutzt die Technologie, um eine eigene Stimme zu finden. «Als ob ich zum ersten Mal mich selbst höre» – der Satz ist ja auch deshalb so schön, weil er den reaktionären Mythos der Authentizität unterläuft, den rockistischen Glauben an die echten Gefühle, die sich einstellen, wenn Tom Waits genug Bourbon trinkt. Auf «Powerhouse» entsteht nun ein irritierender Kontrast zwischen der manipulierten Stimme und den biografischen Inhalten der Songs. «Ein Powerhouse ist eine Person, die sich gegen alle Widrigkeiten des Lebens durchsetzt», sagt Planningtorock und tiriliert im gleichnamigen Song: «Oh Mother, you’re a powerhouse!»

Zu den Widrigkeiten des rostronschen Familienlebens gehören ein abwesender Vater, ein empathieloser Bruder und eine todkranke Mutter. Und Beulah. «Meine Schwester brachte mich zur House Music, sie ist autistisch und hat obsessiv diese Musik gehört, sie hat ihr geholfen, in einer feindseligen Gesellschaft klarzukommen.» In «Beulah Loves Dancing» erzählt eine nicht verfremdet anmutende Sprechstimme – die echte, wahre, authentische Rostron-Stimme? – die Geschichte der Schwester, bevor die gepitchte Planningtorock-Singstimme den House-Groove mit dem gesungenen Refrain aufnimmt – unwiderstehlich. Ein Gefühl der Scham kommt ob der intimen Details aus dem Familienleben nicht auf. Planningtorock hört sich selbst, wir hören eine bearbeitete Stimme. Sonst wäre das nicht zu ertragen.

PS: In diesem Text kommen keine auf Planningtorock bezogenen Pronomen vor. Planningtorock selbst verwendet «they» und «them». Im Interview bat Planningtorock darum, folgende Begriffe zu verwenden: als bestimmten Artikel «dier», wie in «dier gender-queere Künstler*in»; als Personalpronomen «sier», wie in «sier hat ein neues Album veröffentlicht»; als Possessivpronomen «siehr/e/n», wie in «sier pitcht sihre Stimme». Das ist irre kompliziert und sorgt für wohlfeile Heiterkeit unter gendermüden Leuten. Ich habe auf die neuen Wörter verzichtet, weil ich glaube, dass sie in so einem Text zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Aber: Neue Begriffe spiegeln neue Realitäten, neue Begriffe stiften neue Realitäten, alte Begriffe verschwinden, mit ihnen alte Realitäten. Oder was würde die AfD-Chefin sagen, wenn man sie als «Fräulein Weidel» anspräche, nur weil sie nicht mit einem Mann verheiratet ist?

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