Nr. 48/2006 vom 30.11.2006

Beredtes Erinnern

Lisa Fittko und ihr Mann Hans flohen vor den Nazis und halfen anderen über die Grenze. Wie dies geschah, erzählt sie in einem dreiteiligen Hörbuch.

Von Hans-Ulrich Dillmann

Lisa Fittko wurde noch zu Lebzeiten ein Denkmal gesetzt. In dem französischen Küstenort Banyuls-sur-Mer steht ein Gedenkstein, in den ihr Name und der ihres Mannes Hans Fittko eingraviert sind. Mit ihm zusammen hatte sie 1940/41 von Nazis Verfolgten die Flucht aus dem besetzten Frankreich nach Spanien ermöglicht. Die Erinnerungsstätte befindet sich am Beginn eines Wanderwegs in die Ausläufer der Pyrenäen. Noch heute begehen viele BesucherInnen der Region diese ehemalige Fluchtroute, die sie nach einem etwa fünfstündigen Fussmarsch zum spanischen Grenzort Port Bou führt.

Sechzig Jahre später sitzt Lisa Fittko in Chicago am Küchentisch und erzählt der Bühnenbildnerin Hanne Eckart und dem Regisseur Hubert Eckart aus ihrem Leben als politisch Verfolgte. Während im Hintergrund Tassen klappern, das Telefon klingelt und immer wieder startende und landende Flugzeuge zu hören sind, erzählt Fittko mit über neunzig Jahren mehrere Tage lang aus den Stationen ihres bewegten Lebens. Vierzehn Stunden Ton- und Filmaufnahmen sind dabei entstanden, die jetzt auszugsweise in einem dreiteiligen Hörbuch veröffentlicht worden sind.

Wohl ist manches aus diesen Berichten bekannt aus Fittkos schriftlichen Lebenserinnerungen «Mein Weg über die Pyrenäen» (1985) und «Solidarität unerwünscht. Meine Flucht durch Europa» (1992 ebenfalls im Hanser-Verlag erschienen), aber möglicherweise bereits wieder vergessen. Als in den achtziger Jahren die Linke über Migration, Solidaritätsnetze und Fluchthilfe diskutierte, schilderte Fittko sehr anschaulich, wie sie monatelang Flüchtlinge über die Grenze zwischen Frankreich und Spanien geschleust hat, finanziert von einer US-amerikanischen Hilfsorganisation, dem Emergency Rescue Committee (ERC – Nothilfe-Rettungskomitee).

Die Tasche Walter Benjamins

«Über die Pyrenäen-Geschichte wird gerne berichtet, weil es eine Sensation war», sagt Lisa Fittko noch im Nachhinein mit hörbar verwunderter Stimme, «eine mittelmässige Sensation, aber doch eine Sensation.» Besonders die Geschichte über die letzten Stunden des jüdisch-deutschen Philosophen Walter Benjamin hat Aufsehen erregt, denn Lisa Fittko war jene Person, die Benjamin nachts über die Berge führte und ihm den Weg zum spanischen Grenzort Port Bou wies: «An der Friedhofsmauer in Cebère entlang, und dann immer dem Küstenweg folgen.»

An der Art, wie sie erzählt, spürt man die Distanz zum Intellektuellen. Auf der einen Seite sie, die linke Praktikerin, die von sich sagt, dass sie nicht nur reden kann, sondern die Dinge anpacken muss. Auf der anderen Seite Benjamin, der Theoretiker, der in feinem Pariser Zwirn und Strassenschuhen die gefährliche Wanderung antritt. Und dabei eine schwere Tasche mitschleppt, mit seinem letzten Manuskript, wie er immer wieder sagt. Man hört noch heute, wie Lisa Fittko sich geärgert haben muss über dieses Gepäckstück, das andere dann für Benjamin schleppen mussten. Und überhaupt: Nur ja nicht auffallen, hiess es damals, tarnen, täuschen, um keinen Verdacht zu erwecken – und jetzt diese schwere Tasche!

Auch wenn es für die damals dreissigjährige Lisa Fittko der erste Einsatz in den Pyrenäen war – eine Schleusung, wie es heute im Polizeijargon heisst –, redet sie nicht abwertend über Walter Benjamin. Sie versucht, seine Denkweise nachzuvollziehen, Verständnis aufzubringen für diese etwas weltfremde Art, selbst in grosser Gefahr an nichts anderes als an Bücher statt ans Überleben zu denken. Mit fester Stimme indes wiederholt sie aus jahrzehntelanger Distanz: Das Schlimmste waren «Emigranten, die keine Disziplin halten konnten».

Nach seinem illegalen Grenzübertritt fiel Benjamin allerdings der spanischen Guardia Civil auf, sollte abgeschoben werden und nahm sich deshalb mit einer Überdosis Morphium das Leben. Heute ist ihm am Ort des Geschehens eine begehbare Denkmalinstallation gewidmet, von der man aus einen Blick auf den bergigen Küstenteil der französischen Pyrenäenausläufer hat und auf jenen Weg, den er damals nachts zusammen mit der gut dreissigjährigen Fluchthelferin ging.

Für Lisa Fittko war dies alles keine Sensation, sondern eine Form alltäglicher Solidarität, die sie als Linke im politisierten Berlin in den zwanziger und dreissiger Jahren gelernt hatte. «Es gab viele Situationen in unserem Leben, die weit gefährlicher waren, als Flüchtlinge über die Pyrenäen zu bringen», betont sie.

Flucht in die Schweiz

Lisa Fittko wurde 1909 im damals ungarischen Ungvár geboren – die Stadt heisst heute Uschhorod und gehört zur Ukraine –, aufgewachsen ist sie in Wien. Ihr Vater, Ignaz Ekstein, ein jüdischer Intellektueller, war seit 1916 Mitherausgeber und später Eigentümer der kulturpolitischen Zeitschrift «Die Waage». Die Mutter Julie war die Schwester der Wiener Malerin Malvina Schalek. «Religion hat für uns keine Rolle gespielt, wir waren nicht religiös», erinnert sie sich. 1922 zog die Familie nach Berlin. Als Tochter aus wohlhabendem Haus ist Lisa «eher romantisch orientiert», wie sie sagt, sympathisiert mit der Wandervogelbewegung und wird unter dem Einfluss ihres älteren Bruders Mitglied des Sozialistischen Schülerbundes: «Ich habe Marx gelesen, und dann bin ich so langsam politisiert worden. (...) Es waren sehr politisierte Zeiten.»

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme geht sie in den Untergrund und organisiert eine Widerstandsgruppe. Als mehrere Mitglieder dieser Gruppe verhaftet werden, setzt sie sich in die Tschechoslowakei ab. Hier lernt sie ihren späteren Mann Hans kennen, einen links der KPD stehenden Kommunisten. Mit ihm geht sie in die Schweiz; sie schafft es, mit echtem Pass des Deutschen Reiches einzureisen, taucht aber schon kurze Zeit später unter, um sich als Illegale durchs Leben zu schlagen, weil die Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen ist. Vor einem Rabbiner tritt die unreligiöse Jüdin mit ihrem nichtjüdischen Mann Hans unter die Chuppa, den Traubaldachin. Die Zeremonie ist eher symbolisch, man besorgt den notwendigen Trauschein, falls dieser ihnen mal dienlich sein sollte. Schweizerinnen schleusen Lisa Fittko von Basel über die französische Grenze, perfekt getarnt, die Frauengruppe sitzt laut schwatzend in der Strassenbahn: «Ich musste sogar stricken», erzählt sie.

Danach pendelt sie zwischen Paris und den Niederlanden, schmuggelt Menschen sowie politisches Material über Grenzen, an denen Vertriebene, ob Juden oder Linke, nicht willkommen waren. Nach dem überfallartigen Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Luxemburg, Belgien, den Niederlanden und Frankreich wird Lisa Fittko nach Südfrankreich deportiert und interniert. «Ich bleib nicht hinter Stacheldraht», schildert sie unpathetisch ihre damalige Haltung. Zusammen mit zehn andern Frauen gelingt ihr die Flucht aus dem Lager Gurs mit gefälschten Entlassungspapieren: «Wir mussten uns aus dem Nebel herausarbeiten», nennt sie jene nicht ganz legale Form, sich das eigene Überleben zu organisieren. Danach arbeitet sie an einer festen Fluchtroute nach Spanien.

Von Spanien aus konnten die Flüchtlinge nach Portugal weiterreisen, dort gab es den einzigen zugänglichen Hafen mit Fahrten nach Übersee. Lisa und Hans Fittko wollten einen sicheren und immer wieder nutzbaren Schleuserweg organisieren. Während die damals 31-jährige mit Unterstützung des Bürgermeister von Banyuls-sur-Mer noch den Weg durch die Weinberge auskundschaftete, kam ihr erster Kunde: Walter Benjamin.

Tarnungen und inneres Exil

Viele Dutzend Einsätze sollten folgen. Jedes Mal war Lisa als Arbeiterin in den Weinbergen getarnt. Ihr 1967 verstorbener Mann Hans wurde für seine «Rettung von Juden» später in Israel mit der Yad-Vashem-Medaille geehrt. «Ohne die stillschweigende Hilfe der Banyulser hätten wir das nicht geschafft», sagt sie bescheiden. Als die Gruppe aufflog, gelang dem Ehepaar Fittko die Flucht. Sie gingen mithilfe des Emergency Rescue Committee nach Kuba und 1948 in die USA. Leider erzählt Fittko fast gar nichts über die Zeit bis in die siebziger Jahre, als sie sich in der Antivietnamkriegsbewegung engagiert hat. Es wäre spannend gewesen, zu erfahren, warum die Fittkos ins «innere Exil» gingen und sich aus dem «politischen Leben» zurückgezogen hatten.

Lang gehegter Wunsch

Die Herausgabe des Hörbuchs basiert auf einer Idee für eine Reportage aus den späten achtziger Jahren. Hanne Eckart, damals «taz»- und WDR-Mitarbeiterin, plante ein längeres Feature über Lisa Fittko. Das Projekt blieb in der Planungsphase stecken, vergessen war es nicht. Zehn Jahre später flog Eckart mit Ehemann Hubert nach Chicago, um die linke Pazifistin zu interviewen. Das Filmprojekt scheiterte. Um das gesammelte Material doch noch verwenden zu können, entschlossen sich die beiden, es als Hörbuch im Eigenverlag zu publizieren. «Das schien uns überschaubarer und leichter zu finanzieren.»

Chronologisch erzählt Lisa Fittko ihr Leben, die einzelnen Abschnitte sind mit Musik aus der Zeit oder inhaltlichen Zusammenhängen verknüpft. Zwei der CDs hat Lisa Fittko selbst noch hören können, die dritte – über ihre Flucht aus Europa, das kubanische Exil sowie ein Lebensresümee – wurde erst kürzlich fertiggestellt, also mehr als ein Jahr nach ihrem Tod.

Ihren digitalisierten Bericht über ihr Leben auf drei CDs verstehe sie, so formulierte Lisa Fittko es gegenüber Hanne und Hubert Eckart, «als eine Verbeugung vor all jenen, über deren Einsatz für eine bessere Welt niemals berichtet wurde».

Die Bücher von Lisa Fittko: «Mein Weg über die Pyrenäen. Erinnerungen 1940/41». Hanser Verlag, München 1985 (jetzt als dtv-Taschenbuch erhältlich) und «Solidarität unerwünscht. Meine Flucht durch Europa. Erinnerungen 1933-1940». Hanser Verlag, München 1992 (mittlerweile wieder erhältlich, z.B. via bücher.de oder Amazon).

Hanne und Hubert Eckart: «Meine Biographie liegt in der Weltgeschichte. Lisa Fittko (1909-2005) erzählt aus ihrem Leben». Ein dreiteiliges Hörbuch. Abacus Medien. Quedlinburg. www.abacusfilm.de

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