Nr. 51/2006 vom 21.12.2006

Tödliche Konkurrenz

Vom Gärtner zum Strassenhändler: Wie sich ein Analphabet in Bagdad durchschlagen muss.

Nie war arbeiten im Irak gefährlicher als heute. Bäcker, Coiffeure und Strassen-wischer wurden schon zum Ziel von Todesschwadronen. Der 48-jährige Strassenverkäufer Fuad Amin begibt sich täglich in Gefahr, um seine neunköpfige Familie ernähren zu können.

Wenn Amin seine Wohnung in einem Vorort von Bagdad verlässt, muss er sich genau überlegen, wo er seine Waren verkaufen will. Die zahlreichen Bombenexplosionen zwingen ihn, seinen Standort täglich zu wechseln. Er nimmt seine drei grossen Säcke mit Elektronikartikeln aus China und raubkopierten CDs, die er selber gebrannt hat, und steigt in den erstbesten Bus.

Doch selbst mit zwölf Stunden Arbeit täglich verdient er nicht genug. «Ich verliere Kunden, weil ich jeden Tag an einem anderen Ort bin. Sie finden mich schlicht nicht mehr», sagt er. «Die Leute haben auch weniger Geld als früher. Dazu kommt, dass die Aufständischen westliche Musik verboten haben, weil sie sie für unislamisch halten. Ich kann also nur noch arabische Musik verkaufen - und die ist bei den Jungen nicht gerade populär.»

«Kommt, kommt her, hier ists billig. Hört Musik und tanzt, um euer Leben glücklicher zu machen!», ruft Amin den PassantInnen zu. Er müsse immer wachsam sein, sagt er. Immer wieder schaut er, was hinter seinem Rücken passiert, und beobachtet die vorbeifahrenden Autos. Wenn etwas Verdächtiges passiert oder sich jemand seltsam benimmt, packt er seine Ware zusammen und rennt in ein anderes Quartier. «Vor einigen Wochen hat mich das gerettet. Ein Mann hatte mich gefragt, wo auf diesem Strassenmarkt das Polizeiauto normalerweise anhält. Als er wieder weg war, nahm ich meine Geräte und CDs und rannte davon wie ein gejagtes Reh. Zehn Minuten später hörte ich eine Explosion. Später habe ich in den Nachrichten gehört, dass dieser Mann mindestens sechs Menschen getötet hat. Er war ein Selbstmordattentäter», erzählt Amin. «An manchen Tagen habe ich solche Angst, dass ich nach Hause gehe, ohne irgendetwas verkauft zu haben. Doch das ist mir lieber, als etwas zu riskieren.»

Amin ist nie zur Schule gegangen. Er war ein Waisenkind, und er heiratete sehr jung. «Jahrelang habe ich versucht, einen anständigen Job zu kriegen», sagt er. «Doch als Analphabet ist das aussichtslos.» Bis Anfang 2006 arbeitete Amin als Gärtner und verdiente genug, um seine Familie zu ernähren. Doch im Februar, als die ethnisch-religiöse Gewalt im Irak eskalierte, begannen seine KundInnen nach seiner Religionszugehörigkeit zu fragen. Die Religion wurde zum Kriterium, ob er weiterarbeiten konnte. Dadurch verlor er viele KundInnen. Andere verlor er wegen der zunehmenden Armut in Bagdad - die Menschen können sich keinen Gärtner mehr leisten.

Amin entschied sich, den Beruf zu wechseln. Im April lieh er sich von einem Nachbarn Geld und kaufte sich einen Computer. Damit konnte er Musik-CDs kopieren und sie auf den Strassen verkaufen. Als Analphabet brauchte er Hilfe von seinem Sohn, um den Computer zu bedienen. Das hatte tragische Folgen.

«Im Juli ermordete ein anderer Strassenhändler, der ebenfalls Raubkopien verkauft, meinen Sohn, als dieser für seine Mutter Brot kaufte. Der Mann sagte, mein Sohn habe sein Geschäft an sich gerissen», sagt Amin. Der Mörder sei verhaftet worden - doch das ändere nichts, denn sein Sohn sei für immer gegangen.

Amin musste weitermachen. Er fragte einen Verwandten um Hilfe beim CD-Kopieren. «Er verlangt fünfzig Prozent meiner Einnahmen. Doch ich habe keine Wahl, denn meine Familie muss doch etwas essen», sagt er. «Vielleicht lerne ich eines Tages lesen und schreiben und finde eine bessere Arbeit. Aber bis dann muss ich CDs verkaufen.»

Irin News

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