Nr. 39/2007 vom 27.09.2007

Wiedersehen vor der Geburt

In Guatemala werden Leute mit der Absicht, ein Kind zu adoptieren, schnell fündig. In der Überzeugung, alles sei rechtens, macht ihr Kinderwunsch sie zu KundInnen der Mafia. Was erleben die betroffenen indigenen Frauen?

Von Ruth Reichstein, Guatemala-Stadt

Ein Linienbus für TouristInnen auf der Strecke zwischen Guatemala-Stadt und Antigua, der ehemaligen Hauptstadt des zentralamerikanischen Landes Guatemala. Der weisse Kleinbus, voll mit Europäerinnen und US-Amerikanern, hält mit quietschenden Reifen auf freier Strecke. Der Fahrer springt aus dem Wagen und läuft auf zwei Frauen zu, die am Strassenrand warten. Die eine von ihnen - dunkelhäutig, schlank und in dunklem Kostüm - packt eine Reisetasche, steigt in den Bus und hilft ihrer Begleiterin auf die Rückbank.

«Ist das dein Kind?»

Die andere - US-Amerikanerin, weiss, fettleibig und atemlos - lässt sich neben zwei Kindern auf der Bank in den Sitz fallen und von der offensichtlich einheimischen Frau ein etwa sieben Monate altes Baby reichen. Das Kind schreit, und die Amerikanerin dreht genervt den Kopf zur Seite, während sie das Baby auf den Knien wippen lässt. Nur mühsam beruhigt sich das kleine Mädchen mit dem dunklen Teint und den schwarzen Haaren. Es steckt in einer Latzhose aus Jeansstoff und schaut die anderen Fahrgäste mit grossen schwarzen Augen an.

«Ist das dein Kind?», fragt ein Mädchen, das neben den beiden auf der Rückbank sitzt, in perfektem Englisch. «Nein», antwortet die US-Amerikanerin, die sich als Katty vorstellt. «Ich habe sie adoptiert. Und sie kommt jetzt mit mir nach Hause in die Vereinigten Staaten.» Was «adoptieren» denn bedeuten würde, will das Mädchen wissen. «Sie hat keine Eltern mehr. Ich bin ihre neue Familie. Sie wird es gut haben bei uns», sagt Katty und zieht ein Fotoalbum aus ihrer Reisetasche. Stolz zeigt sie dem Mädchen und ihrer neuen Tochter die Bilder von ihrem Mann, ihren Geschwistern und deren Kindern. Alle würden sie auf den Neuankömmling warten, das Kinderzimmer sei frisch gestrichen. Katty strahlt übers ganze Gesicht und drückt das Baby ein bisschen zu heftig gegen ihre Brust.

Katty ist eine von über 5000 US-AmerikanerInnen, die jährlich Kinder in Guatemala adoptieren. Die Zahl steigt ständig an. Nach Berechnungen der grössten Tageszeitung des Landes «Prensa Libre» wird alle zweieinhalb Stunden ein Kind zur Adoption freigegeben.

«In Guatemala kann praktisch jeder adoptieren - egal ob verheiratet oder alleinstehend, Mann oder Frau. Auch das Alter spielt keine Rolle. Es gibt keine Beschränkung und kaum staatliche Kontrolle», sagt Rossana de Gonzales von der «Mesa de las Adopciones», einem Zusammenschluss von sechzehn staatlichen und privaten Organisationen, die sich für Kinderrechte in Guatemala einsetzen.

Seit 1997 wurden - nach offiziellen Angaben - über 28 000 guatemaltekische Kinder zur Adoption im Ausland freigegeben. 97 Prozent von ihnen wurden in die USA vermittelt. Guatemala liegt mit China und einigen osteuropäischen Ländern wie Kasachstan an der Spitze der Länder für internationale Adoptionen.

«Kurz und relativ billig»

Kattys neue Tochter ist auf der Rückbank des Busses eingenickt. Die einheimische Begleiterin der US-Amerikanerin telefoniert mit dem Handy, blättert in ihren Unterlagen - ganz Geschäftsfrau. Gerade prüft sie, ob das Hotelzimmer in Antigua für Mutter und Tochter tatsächlich reserviert und bezugsfertig ist. Ihrer Sitznachbarin erzählt sie, sie sei von einer Vermittlungsagentur für Adoptionen als Begleiterin für Katty abgestellt worden. «Ich kenne das Land und spreche Spanisch. Wir wollen unseren Kunden schliesslich einen unvergesslichen Aufenthalt bieten.» Alles ist organisiert, bis ins kleinste Detail geplant.

Katty blättert in einer graumelierten Mappe mit der Aufschrift «Five Stars», ihre Adoptionsagentur. Passend zur neuen Tochter gibt es für die Adoptiveltern ein touristisches Programm. Adoptionen zum Sonderpreis «All inclusive». «Der Adoptionsprozess ist einfach, die Reise ins Land ist kurz und relativ billig», preist die US-amerikanische Adoptionsvermittlungsagentur «Carolina Hope» Guatemala auf ihrer Internetseite an. Sie ist eine von rund 160 ausländischen Agenturen, die Adoptionen organisieren. Sie heissen «Helping Hand», «Children's Hope» oder «Adopt Abroad». Meistens können die InteressentInnen im Internet schon mal Fotos ihrer potenziellen Kinder anschauen und ihre Reiseroute buchen. Sie mieten sich in Nobelhotels wie dem Marriot oder Camino Real ein und lassen sich ihre Kinder wie das Frühstück ins Hotelzimmer liefern.

Hinter der glücksgoldenen Fassade der Agenturen verbirgt sich eine skrupellose Mafia. In Guatemala arbeiten die Agenturen nicht mit staatlichen Stellen, sondern mit privaten Anwälten zusammen, die sich darauf spezialisiert haben, guatemaltekische Kinder an ausländische InteressentInnen zu vermitteln. «Es ist in diesem Land das Gleiche, wie ein Telefon oder ein Auto zu kaufen. Ein stinknormales Geschäft: Ich gehe zu einem Anwalt, sage ihm, ich will ein Kind, und er verkauft es mir», sagt die Kinderrechtsvertreterin Rossana de Gonzales.

Und die Anwälte verdienen sich daran eine goldene Nase. Rund 200 Millionen US-Dollar im Jahr nehmen sie mit dem Kindergeschäft ein, schätzen Menschenrechtsorganisationen. «Eine Mutter, die ihr Kind hergibt, bekommt dafür vielleicht 60 Dollar, manchmal auch mehr, aber die Amerikaner bezahlen zwischen 25 000 und 40 000 Dollar für ein Adoptivkind. Die Gewinnspanne ist sehr gross», sagt de Gonzales.

Menschen- und Kinderrechte sind zweitrangig. «Oft werden Kinder schon zu dem Zweck gezeugt, sie später zu verkaufen», sagt die Menschenrechtlerin. Guatemala ist das ärmste Land Zentralamerikas. 56 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze. Nach einer Untersuchung der Vereinten Nationen vom Mai dieses Jahres sind 59 Prozent der Kinder unter fünf Jahren unterernährt. Da sind schon 60 Dollar für ein Kind viel Geld. «Mein Neffe ist Zeitungsverkäufer. Er verdient 800 bis 900 Quetzales im Monat, das ist weniger als 100 Euro. Und wenn dann einer der Mutter für ihr Kind 1000 oder 2000 Quetzales anbietet, ist das natürlich verlockend. Es ist Menschenhandel», sagt Alfredo, der seinen Nachnamen aus Sicherheitsgründen lieber nicht nennen möchte. Er arbeitet in der Hauptstadt für die Deutsche Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ).

Der 32-Jährige sitzt am Schreibtisch, die Hände fest ineinander verschränkt, der Blick schweift aus dem Fenster ins Leere. Seine Familie lebt in Cobán, einer Provinzhauptstadt im Norden des Landes. Die Frau seines Neffen, des Zeitungsverkäufers eben, hatte eine Entführung vorgetäuscht, ihr Baby an die Mafia verkauft. «Am einfachsten ist es, die Mutter zu überreden. Meistens wird das Kind aber geraubt, und - das ist die schlimmste Form - die Leute zwingen die indigenen Frauen, sich in der Hauptstadt in bestimmten Restaurants zu prostituieren. Die Frauen werden schwanger, und dann versprechen sie ihr, sich um das Kind zu kümmern und ihr mögliche Probleme zu ersparen.» Cobán liegt fünf Busstunden von Guatemala-Stadt entfernt, inmitten einer Traumlandschaft von dichten Wäldern und Seen. In dieser Region lebt die mehrheitlich indigene Bevölkerung vor allem von Tourismus und Kaffeeanbau. Viele haben keine offiziellen Identitätspapiere, sind AnalphabetInnen und leben in extremer Armut. Für die Adoptionsmafia ein ideales Terrain.

Das Dorf Chioya besteht aus einigen versprengten Hütten aus Holz und Wellblech, die inmitten von Maisfeldern liegen. Wäsche liegt auf den Palmblättern zum Trocknen in der Mittagssonne.

Adela sitzt mit ihren Geschwistern vor einer Holzhütte auf dem Lehmboden und zerstampft Maiskörner zu einer mehligen Masse, aus der sie später Tortillas macht. An ihrem Bauch lehnt ihre Tochter Anita. Sie ist sieben Monate alt und folgt jeder Bewegung ihrer Mutter mit den Augen. «Im vergangenen Jahr bin ich vergewaltigt worden von einem Mann aus dem Nachbardorf. Acht Monate später ist er wieder aufgetaucht und hat mich gezwungen, mit ihm in die Hauptstadt zu gehen. Dort habe ich mein Kind zur Welt gebracht, aber sie haben es mir sofort weggenommen», erzählt Adela im regionalen Mayaakzent Q'eqchi. Sie habe noch nicht einmal gewusst, ob sie einen Jungen oder ein Mädchen zur Welt gebracht hatte. Sie wurde gezwungen, Blankodokumente zu unterschreiben, aber zu ihrem Glück hatten sich die Entführer ihrer Tochter verzählt. «Es fehlte eine Unterschrift. Deshalb sind sie wieder gekommen. Sie haben mir Geld geboten, viel Geld. Sie haben gesagt, sie wollten meine Tochter in die USA bringen. Aber ich wollte sie zurückhaben», erzählt Adela, und ihr schiessen Tränen der Wut in die Augen. Mit einer lokalen Menschenrechtsorganisation verhandelte sie mit der Bande, sicherte ihnen zu, keine Anzeige zu erstatten. «Nach sieben Monaten haben sie Anita zurückgebracht. Ohne die fehlende Unterschrift konnten sie nichts mit ihr anfangen.»

Adela ist kein Einzelfall. «Die Banden vergewaltigen die Frauen systematisch und nehmen ihnen dann gleich nach der Geburt die Kinder weg», sagt Ana Rutila, die sich in Cobán für die Rechte von indigenen Frauen einsetzt. «Die Frauen können meistens nicht lesen und schreiben und sprechen nur Maya. Sie lassen sich leicht unter Druck setzen und sind ausserhalb ihres Dorfes völlig orientierungslos.»

Die UN-Kommissarin für Menschenrechte in Guatemala weiss von über 200 geraubten Kindern seit Jahresbeginn. Die Dunkelziffer liegt vermutlich um ein Vielfaches höher. In wie vielen Fällen die Frauen auch vergewaltigt wurden, weiss niemand so genau.

Mitte August wurden in Antigua 46 Kinder aus einem Haus befreit. Sie sollten dort mit gefälschten Papieren auf ihre Adoption warten. Ob die Besitzer des illegalen Waisenhauses nun mit einer Strafe rechnen müssen, ist höchst fraglich. Es gibt in Guatemala kein Gesetz, das eine strafrechtliche Verfolgung bei Kindesraub vorsieht.

In der Hauptstadt, die für Adela und Hunderte anderer Frauen grausame Erinnerungen birgt, finden die Adoptiveltern aus den USA unterdessen ihr Glück. Das Hotel «Camino Real» liegt im Herzen von Guatemala-Stadt. Ein Portier, gekleidet in rotem Frack mit Goldknöpfen, öffnet die Tür. Die weitläufige Lobby ist mit Marmor ausgekleidet. Armut und Gewalt bleiben draussen. Die Aufnahme eines Mozart-Klavierkonzerts tönt leise aus versteckten Lautsprechern. Mehrere Pärchen schlendern durch die Halle. Ihre dunkelhäutigen Babys, die sie auf dem Arm tragen oder in Kinderwagen schieben, sind eindeutig nicht ihre leiblichen Kinder. Der Aufzug in die oberen Stockwerke ist nur Gästen zugänglich. «Es gibt hier eine besondere Etage nur für Adoptiveltern, die ihre Kinder besuchen oder abholen. Die Zimmer sind extra babyfreundlich ausgestattet, und die Eltern bekommen einen billigeren Spezialtarif», berichtet ein Hotelangestellter.

Nachfragen unerwünscht

Links von der Lobby, in einem Gang, reihen sich Coiffeur, Post und einige Souvenirläden aneinander. Neben guatemaltekischem Kaffee und bunten Halstüchern gibt es hier auch Windeln, Babyfläschchen und Plastikspielzeug zu kaufen. Eine offensichtlich US-amerikanische Mutter verhandelt gerade mit dem Verkäufer über den Preis von mehreren Gläschen Babynahrung. Einige Schritte weiter ist eine Tür ohne Aufschrift. Hier haben die Adoptionsvermittler ihr Büro. Die Tür bleibt auch nach mehrmaligem Klopfen verschlossen. Einlass nur nach Terminabsprache, Nachfragen unerwünscht.

Hinter dem Hotel gibt es einen Swimmingpool. Die US-AmerikanerInnen, die sich hier in den späten Nachmittagsstunden mit ihren guatemaltekischen Kindern tummeln, werden gesprächig, wenn man sich für ihren süssen Nachwuchs interessiert. «Ich habe ein gutes Gefühl. Die leibliche Mutter war mit der Adoption einverstanden», sagt eine Frau, die es sich auf einem Liegestuhl am Poolrand bequem gemacht hat. «Ich habe das entsprechende Dokument gesehen. Alles ist korrekt gelaufen.» Ihre achteinhalb Monate alte Adoptivtochter sitzt auf ihrem Bauch und spielt mit einer Rassel aus rotem Kunststoff. Die Frau in den Vierzigern hat sie Maya-Angelika getauft. «Ich bin geschieden. Mein Mann wollte keine Kinder. Adoption war für mich die einzige Alternative. Ich habe es in China versucht, aber dort akzeptieren sie keine Alleinstehenden mehr», erzählt die US-Amerikanerin. Immer wieder knuddelt sie ihre neue Tochter und wiederholt ununterbrochen: «Wie süss, wie süss du bist - mein ganzes Glück.»

Von skrupellosen Anwälten, Kindesraub und Vergewaltigung will sie nichts wissen. Schliesslich biete sie Maya-Angelika in Texas ein viel besseres Leben, als sie es in Guatemala hätte führen können. Und es habe doch einen DNA-Test gegeben, um sicherzustellen, dass die leibliche Mutter und das Kind tatsächlich zusammengehören, Maya-Angelika nicht geraubt worden ist. «Solche Tests können in jeder Privatklinik gegen das entsprechende Geld gefälscht werden», sagt Rossana de Gonzales. «Das Land ist korrupt. Solche scheinbaren Beweise sind nichts wert.»

Ab 2008 soll sich das ändern. Das guatemaltekische Parlament hat kurz vor der Sommerpause die Konvention von Den Haag ratifiziert. Die UN-Charta regelt internationale Adoptionen und verlangt unter anderem eine staatliche Kontrolle des Prozesses. So soll das Geschäftemachen der Anwälte unterbunden werden. Ausserdem sollen zum Beispiel die Einverständniserklärung der Mutter und andere Dokumente Pflicht und die Auswahlkriterien für die Adoptiveltern verschärft werden. Noch ist aber völlig unklar, wie diese Verpflichtungen in Guatemala in Gesetze umgesetzt werden sollen. Bereits zweimal lehnten die Abgeordneten in den vergangenen Jahren entsprechende Vorschläge der Mesa de las Adopciones ab. «Ich kann mir kaum vorstellen, dass es diesmal durchkommt», sagt Rossana de Gonzales. «Ich denke, dass die Abgeordneten unter Druck stehen oder dass sie das Problem einfach nicht interessiert.»

Menschenrechtler befürchten ausserdem, dass auch solche Kontrollen kaum etwas verändern würden. «Das Problem ist, dass der Prozess am Ende völlig legal erscheint. Zum Beispiel lassen die Leute Mütter Dokumente unterschreiben, ohne dass die wissen, was sie da eigentlich unterschreiben. Sie glauben, es sei eine Quittung, aber dann wird die Unterschrift für die Dokumente benutzt, die man für den legalen Adoptionsprozess braucht», erläutert Alfredo von der GTZ.

Bis Ende des Jahres wird die Zahl der Adoptionen vermutlich sprunghaft in die Höhe gehen. «Die Agenturen wollen möglichst viele Kinder vermitteln, bevor die Konvention in Kraft tritt und der Adoptionsprozess komplizierter werden könnte.»

Die Adoptivmutter von Maya-Angelika musste keine Prüfungen durchlaufen - nur bezahlen. Wie viel ihre Tochter gekostet hat, will sie nicht sagen. Es sei nicht billig gewesen, sagte die Frau aus Texas. «Aber wenn ich ein Auto kaufe, denke ich auch nicht über den Preis nach. Und jetzt habe ich immerhin mein eigenes Kind.»

Die Geschichte von Ana-Alicia Ical Coc

«Ich hole meinen Sohn zurück!»

Das Protokoll einer neunzehnjährigen Guatemaltekin, der nach einer Vergewaltigung das Kind geraubt wurde.

Ich heisse Ana-Alicia Ical Coc und bin neunzehn Jahre alt. Ich wohne mit meiner Mutter in San Pedro Carchá, einem Dorf in der Nähe von Cobán in Guatemala. Mein Vater lebt in einem Dorf im Norden des Landes. Er hat dort Arbeit gefunden.

Im vergangenen Jahr wurde um die Hand meiner Schwester angehalten. Es musste jemand zu unserem Vater gehen und ihn zur Hochzeit einladen. Das gehört sich so. Ich habe das übernommen. Der zukünftige Schwager meiner Schwester hat mich begleitet. Auf dem Weg zu dem Dorf meines Vaters hat er mich vergewaltigt. Nur ein einziges Mal. Aber ich bin schwanger geworden. Als ich gemerkt habe, dass meine Periode ausblieb, habe ich meiner Mutter von meinem Problem erzählt. Wir haben die Mitglieder des Gemeinderats um Hilfe gebeten. Sie sollten mit dem Mann sprechen, dass er das Kind anerkennt. Das haben sie abgelehnt. Sie haben gesagt, dass die Familie des Mannes sehr gewalttätig sei. Und es sei auch nicht das erste Mal, dass dieser Mann Frauen vergewaltigt. Sie könnten nichts dagegen tun.

Zwei Wochen vor der Geburt kam ein Bruder meines Vergewaltigers zu mir. Er heisst Javier. «Ich habe eine Überraschung für dich», hat er gesagt. «Ich habe einen schönen Ort gefunden, an dem du dein Kind zur Welt bringen kannst - in meinem Dorf. Meine Frau wird dort sein, und sie wird dich gut behandeln. Du wirst ein wenig arbeiten. Du wirst die Fenster putzen, aber das ist alles.»

In meinem Dorf hätte sich niemand um mich gekümmert, und die Leute hätten keine gute Meinung von mir gehabt - mit einem Kind ohne Vater. Also habe ich mich entschieden zu gehen - die Frau dort wurde mir empfohlen. Sie hat mir versprochen, dass ich mich nach der Geburt drei Monate ausruhen darf. Wir haben ausgemacht, dass sie mich um elf Uhr am nächsten Tag abholen. Sie kamen also und haben mich in das Haus von Sandra gebracht. Sandra hat gesagt: «Du wirst dich hier wohlfühlen. Es wird dir an nichts fehlen.»

Zwei Monate nachdem ich in dem Haus angekommen war, haben die Wehen eingesetzt, und ich habe das Sandra mitgeteilt. Sie hat mir gesagt, dass sie mich zu einer Hebamme bringen wird. Dort habe ich mein Baby zur Welt gebracht. Es hatte ganz weisse Haut und grüne Augen - wie der Vater. Ich habe meinen Sohn geboren, aber ich durfte nur zwei Tage mit ihm zusammenbleiben. Dann haben sie mich nach Guatemala-Stadt gebracht. Ich wusste nicht, wo wir waren. Sie haben mich in ein Zimmer gesteckt, in dem nur eine Matratze lag.

Am Mittag haben sie mir mein Kind weggenommen. Zuerst haben sie mich gezwungen, vor einer Videokamera und einem Fotoapparat mit meinem Sohn im Arm zu posieren. Das Gleiche passierte mit einer anderen Frau, die auch mit ihrem Kind da war. Sie haben mich gezwungen, meinen Fingerabdruck auf ungefähr zehn Blankodokumente zu drücken. Ich habe mein Kind nie wiedergesehen.

Eine Woche später haben sie mich in einen Bus nach Cobán gesetzt. Sie haben das Ticket bezahlt, und ich bin alleine zurückgekommen. Ich konnte mich an kaum etwas erinnern. Nach drei Wochen haben mich die Gemeindevorsteher zu einer Stelle gebracht, die sich um die Rechte der indigenen Frauen kümmert. Wir haben gemeinsam angefangen, nach meinem Sohn zu suchen. Wir haben Namen und wissen, wo die Betreffenden wohnen. Aber bisher will uns niemand helfen. Keiner hört mich an. Aber ich bin die Mutter. Ich habe das Baby ausgetragen. Ich habe so sehr gelitten. Es ist mein Sohn. Ich will ihn wiederhaben und ich werde ihn mir da holen, wo sie ihn mir weggenommen haben.

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