Nr. 51/2006 vom 21.12.2006

Die Easy Rider vom Tigris

Im Irak boomt das Motorradfahren, denn viele Menschen satteln wegen Verkehrschaos und Benzinknappheit auf Motorräder um. Doch Motorradfahrer sind verdächtig.

Von Duread Salman, Bagdad

Vor eineinhalb Jahren entschloss sich der 37-jährige Hussein Sahib, ein Auto zu kaufen. Er wählte ein koreanisches Modell, einen kleinen Kia. Wie viele IrakerInnen nach 2003 war er glücklich und stolz, ein Auto zu besitzen. Einen Luxus, den sich viele unter dem Diktator Saddam Hussein wegen der hohen Importzölle und der tiefen Löhne nicht leisten konnten.

Aber die Freude war nicht von langer Dauer. In der ersten Zeit nach dem Fall von Husseins Regime haben Occasionshändler mehr als eine Million Gebrauchtwagen ins Land gebracht. Bald waren verstopfte Strassen und Staus Alltag in den irakischen Städten.

Auch die Nachfrage nach Benzin stieg. Wegen der Sabotageaktionen auf die Ölraffinerien wurde aber immer weniger Benzin produziert. Zudem wurden die überalterten und zerstörten Anlagen nicht schnell genug repariert oder ersetzt. Die Warteschlangen an den Tankstellen wurden immer länger. Zudem hat sich die Sicherheitslage verschlechtert. Bagdad sieht heute wie ein grosses Freiluftgefängnis aus. Betonsperren und Checkpoints zwingen die AutofahrerInnen zu langen Umwegen. Die Strassensperren verschieben sich von Tag zu Tag. Auch AutofahrerInnen, die Bagdad gut kennen, verlieren den Überblick.

Der tägliche Ärger im Strassenverkehr wurde Sahib zu viel. Er ersetzte seinen Kia durch ein kleines blaues Motorrad, das er für 250 US-Dollar kaufte. Jetzt braust er im Zickzackkurs durch die Strassen der irakischen Hauptstadt. Sein Kopftuch und die Dischdascha, das arabische Gewand, wehen im Wind. Mit seinem Motorrad überholt er die langen Autokolonnen, die vor den vielen Check-points warten müssen. Seine Heimfahrt nach Saafaranija im Süden der Stadt ist heute viel kürzer als früher. Der Weg von asch-Schaab im Norden Bagdads nach Bab asch-Scharij ins Zentrum dauere mit dem Auto mehrere Stunden, auf dem Motorrad brauche er nur noch fünfzehn Minuten, sagt Sahib. Die Nachfrage nach fabrikneuen Motorrädern ist hoch, doch der Handel mit Occasionsmotorrädern wird immer lukrativer. Der Umschlagplatz für gebrauchte Motorräder ist der Al-Fadhil-Markt im Zentrum Bagdads. Der 29-jährige Ali Tamir verkauft dort Motorräder. Sie kosten zwischen 250 und 900 Dollar. «Wir verdienen gut», freut er sich.

Die Verkehrspolizei verfügt über keine Zahlen, wie viele Motorräder in den letzten Jahren importiert wurden. Seit April 2003 gibt es keine Vorschriften mehr für Motorradfahrer und keine Nummernschilder mehr. Motorradfahrer benötigen keinen speziellen Führerschein. In Bagdad sieht man sogar Kinder, die mit dem Motorrad rücksichtslos und risikoreich herumbrausen. Die Polizei schaut zu.

Der 38-jährige Verkehrspolizist Sabir Salim erklärt, warum die Polizei über die Verstösse hinwegschaut. Das Leben der Irakis sei so schon hart genug. Sein jüngerer Kollege Nasir Salim pflichtet ihm bei: «Ich und meine Kollegen stoppen oder bestrafen nie einen Motorradfahrer.» Viele IrakerInnen sind der Meinung, dass sie auf dem Motorrad sicherer als in Bus oder Taxi sind, denn die werden von den Aufständischen immer wieder angegriffen. «Ich meide Autobusse», sagt der 36-jährige Techniker Saad Saif. Früher fuhr er mit dem Bus zur Arbeit. Heute sitzt er auf einem kleinen, flinken Motorrad. Auf den Gepäckträger hat er eine Wassermelone geschnallt.

Doch nicht nur gewöhnliche IrakerInnen haben die Vorteile des Motorrads entdeckt. Auch Diebe benützen Motorräder - und Selbstmordattentäter und Aufständische ebenfalls. Die beladen sie mit Sprengstoff und lassen sie dann explodieren. Ein Polizist im Dienst, der anonym bleiben möchte, berichtet, dass vor zwei Monaten seine Streife im Al-Saijdia-Quartier von einer «Motorrad-Bombe» attackiert worden sei. Er wurde verletzt, sein Freund getötet. «Bei jedem Motorrad, das sich unserem Checkpoint nähert, bin ich argwöhnisch.»

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