Nr. 51/2006 vom 21.12.2006

Ohne Pass in Bagdad

Für den Bau der grössten und teuersten US-Vertretung der Welt werden Beschäftigte aus Südostasien in den Irak geschmuggelt - und dort geschlagen und betrogen.

Von David Phinney

John Owen bekam auf dem Flughafen von Kuwait City ein mulmiges Gefühl. Er hatte einige Ferientage verbracht und wartete nun auf seinen Flug zurück nach Bagdad. Dort hatte er eine Stelle als Vorarbeiter beim Generalunternehmen First Kuwaiti Trading & Contracting und arbeitete mit beim Bau der neuen 592 Millionen Dollar teuren US-Botschaft. Owen erinnert sich, dass er am Abfertigungsschalter von etwa fünfzig Arbeitern umringt war, alle frisch von First Kuwaiti aus den Philippinen und Indien angeheuert. Die Arbeiter hielten allerdings Bordkarten nach Dubai in den Händen - nicht nach Bagdad.

«Ich dachte an eine Verwechslung und fürchtete, womöglich ins falsche Flugzeug zu steigen», sagt der 48-jährige US-Amerikaner. Er bat einen herumstehenden First-Kuwaiti-Manager um Aufklärung. Dieser sah sich zuerst geheimnisvoll im Terminal um und flüsterte ihm dann zu, er solle sich ruhig verhalten: «Wenn jemand hört, dass wir nach Bagdad fliegen, wird man uns nicht ins Flugzeug lassen.» Diese Geheimniskrämerei schien Owen zwar merkwürdig, dennoch stieg er mit den Arbeitern in die Maschine ein.

An Bord fand er dann heraus, «dass die Arbeiter zwar Visa für Kuweit hatten, aber nicht für den Irak». Allem Anschein nach wurden sie also in den Irak hineingeschmuggelt. Staaten wie die Philippinen und Indien hatten ihren BürgerInnen das Arbeiten im Irak aus Sicherheitsbedenken verboten oder unter besondere Bewilligung gestellt. So wurden nach 2004 viele Reisepässe mit dem Vermerk «nicht gültig für Irak» versehen.

Owen wusste damals nicht, dass sowohl das Aussen- wie auch das Verteidigungsministerium der USA gegen Firmen wie First Kuwaiti ermittelte. Der Grund: Missbrauch von ArbeiterInnen und Schmuggel von Arbeitskräften. Zuvor hatten verschiedene Medien darüber berichtet, dass First Kuwaiti ihre Arbeiter dazu nötige, in den Irak zu reisen, nachdem sie zuvor unter Vorspiegelung falscher Tatsachen nach Kuweit gelockt worden waren (siehe WOZ Nr. 41/05).

Eine Festung entsteht

First Kuwaiti hat seit Beginn des Irakkrieges im März 2003 Aufträge im Umfang von mehreren Milliarden US-Dollar erhalten. Die meisten Arbeiten werden von BilligarbeiterInnen aus Südasien erledigt. Insgesamt beschäftigt die kuweitische Firma, die mehrheitlich von Libanesen geführt wird, rund 7500 Personen im Kriegsgebiet. Die Bedingungen für den Bau der US-Botschaft im Irak sind in einem geheimen Vertrag mit dem Aussenministerium der USA festgehalten. First Kuwaiti baut die teuerste und bestbefes-tigte Botschaft der Welt. Die geplante Eröffnung des Baus nahe dem Tigrisufer ist für nächstes Jahr vorgesehen. Das Botschaftsgelände hat die Grösse des Vatikanstaates.

Owen sagt, die Arbeit an der Botschaft sei einer der miesesten Jobs gewesen, die er in seiner 27-jährigen Berufslaufbahn je gehabt habe. «Brutal und unmenschlich», seien die Arbeiter behandelt worden. «Jedes US-amerikanische Arbeitsgesetz wurde gebrochen.» Im Juni 2006 quittierte Owen nach sieben Monaten seinen Job. In seinem Kündigungsschreiben hält er fest, dass die Arbeiter auf dem Bau von ihren Vorgesetzen körperlich angegriffen und geschlagen werden. Ausserdem würden Sicherheitsbestimmungen routinemässig verletzt. Eine Kopie des Schreibens schickte er ans US-Aussenministerium.

Owen klagt auch über die bescheidenen sanitären Einrichtungen und die armseligen Lebensbedingungen in den Arbeiterunterkünften. Die ArbeiterInnen würden gerade mal zwischen zehn und dreissig US-Dollar am Tag verdienen. Wie auch viele US-Firmen bevorzugt First Kuwaiti ArbeiterInnen aus Drittstaaten. Die IrakerInnen werden als Sicherheitsrisiko angesehen.

Bis heute hat niemand von First Kuwaiti offiziell auf die Vorwürfe von Owen reagiert. Telefonanrufe und E-Mails blieben unbeantwortet. Auch Generaldirektor Wadih al-Absi schweigt. Genauso lehnt die Firmenanwältin Angela Styles - früher Spitzenberaterin für Auftragsvergaben im Weissen Haus - jeden Kommentar ab. Keine Auskunft geben zudem die Verantwortlichen im US-Aussenministerium.

«Ihren Pass, bitte»

Im gleichen Monat März, als Owen nach seinen Ferien zurück nach Bagdad flog, stand auch Rory Mayberry auf dem Flughafen von Kuweit und wartete auf einen Flug in die irakische Hauptstadt. Der stets heisere Armeeveteran war auf dem Weg zu einer neuen Arbeitsstelle. Er hatte schon früher im Irak gearbeitet - für Halliburton sowie für die Sicherheitsfirma Danubia. Jetzt hatte er einen Vertrag der Beratungsfirma MSDS in der Tasche. Er sollte als Krankenpfleger 10000 Dollar im Monat verdienen.

MSDS ist eine Zweipersonenfirma, welche bis zu diesem Zeitpunkt vor allem Aufträge für das US-Aussenministerium erledigt hatte. Weder hatte MSDS vorher je medizinische Leistungen angeboten, noch hatte sie Erfahrungen im Irak. Dennoch erhielt die Firma von First Kuwaiti den Auftrag, die medizinische Versorgung auf der Botschaftsbaustelle in Bagdad zu übernehmen. MSDS war First Kuwaiti von einem Angestellten des Aussenministeriums empfohlen worden.

Auch Mayberry hatte auf dem Flughafen in Kuweit ein ungutes Gefühl. Als er an diesem 15. März beim vereinbarten Treffpunkt wartete, sah er, wie am Abfertigungsschalter den Managern der First Kuwaiti die Passagierliste, ein Couvert mit Geld und ein Bündel Bordkarten überreicht wurden. Die Manager verteilten dann die Bordkarten an die Wartenden - ausser ihm zumeist Arbeiter aus den Philippinen.

«Allen wurde gesagt, sie sollten beim Zoll und an der Sicherheitskontrolle angeben, dass sie nach Dubai fliegen», berichtet Mayberry. Nach den Kontrollen wurden sie durch einen nicht öffentlichen Zugang zu einer nicht beschrifteten Maschine mit 52 Sitzplätzen geführt. «Den Arbeitern waren ihre Reisepässe abgenommen worden», sagt Mayberry. Nach dem Start hätten sie dann gefragt, wieso man Richtung Norden fliege und nicht gegen Osten über das Meer. «Ich glaube, die meinten tatsächlich, sie würden in Dubai arbeiten.»

Ein früherer Vorgesetzter bei First Kuwaiti bestätigt, dass die Firma die Pässe vieler Arbeiter im Irak zurückbehält - ein klarer Verstoss gegen die US-Vertragsbestimmungen. «Alle Pässe werden in den Büros aufbewahrt», sagt auch ein Firmeninsider, der anonym bleiben will, weil er Sanktionen befürchtet. Und wieso werden an die Arbeiter Bordkarten nach Dubai verteilt? «Das ist wegen der Reiseverbote», sagt er.

Mayberry glaubt, dass Arbeiter von den Philippinen, Indien und Nepal speziell gefährdet sind, in die Fänge von Unternehmen wie First Kuwaiti zu geraten. Deren Heimatstaaten haben wenig oder keine diplomatische Präsenz im Irak. «Ohne Pass und ohne Botschaft im Land - was können die dann tun, um aus einer miesen Situation herauszukommen», fragt er.

Medizin aus dem Kiosk

Owen arbeitete bereits seit November 2005 auf der Baustelle der Botschaft, als Mayberry im März ankam. Die beiden sind sich in Bagdad nie begegnet. Doch beide klagen über dieselben Missstände wie auch über die brutale Behandlung der zu dieser Zeit rund 2500 Arbeiter. Die meisten der Beschäftigten seien aus den Philippinen, Indien und Pakistan, andere aus Ägypten und der Türkei geholt worden. Die Zahl der Arbeiter, die über Verletzungen und Beschwerden klagten, erstaunte Mayberry. Nach seiner Ankunft musste er fast rund um die Uhr arbeiten.

Vier Tage später wurde er allerdings bereits wieder abgezogen. Er hatte in einem Schreiben an die Firmenleitung von First Kuwaiti die Untersuchung über den Tod von zwei Patienten verlangt, die vor seiner Ankunft gestorben waren. Er glaubt, dass medizinische Fehler begangen wurden. Mayberry empfahl zudem die Schliessung der Ambulanzen wegen unhygienischer Verhältnisse und Missmanagement. «Jegliche Vorsorge in der medizinischen Pflege war inexistent. Die Patienten liefen, von Schmerzmitteln betäubt, mit offenen Wunden herum. Viele holten sich so Infektionen», erzählt er. «Von Hygiene keine Spur. Ich bin nicht sicher, ob die Patienten überhaupt gewaschen wurden.»

In späteren Schreiben an das US-Aussenministerium, die US-Armee und an First Kuwaiti machte Rory Mayberry Dutzende von weiteren Beanstandungen. Es fehle an warmem Wasser, Waschmöglichkeiten, sauber ausgerüsteten Ambulanzen und Kommunikationseinrichtungen, kritisierte er. Mayberry klagte auch darüber, dass die Krankenakten verwirrend angelegt oder ganz inexistent sind. Die Betten seien verschmutzt, das Pflegepersonal schlecht ausgebildet.

Der Umgang mit den Medikamenten störte ihn besonders. Viele der aus dem Irak und Kuweit stammenden Arzneien seien ungesichert, unorganisiert und unverständlich beschriftet herumgelegen, schrieb er. Verschreibungspflichtige Schmerzmittel würden zudem «wie in einem Süsswarenladen verteilt. Und dann schickte man die Leute zurück an die Arbeit.»

Er warnte auch davor, dass diese Art von Arzneiabgabe zu Suchtproblemen führen könne und sicherheitsgefährdend sei. «Einige hatten auf der Baustelle auf zehn Meter hohen Gerüsten herumzuklettern. Ich sagte den First-Kuwaiti-Chefs, dass man Leuten, die an Maschinen stehen oder auf Baustellen arbeiten, nicht starke Schmerzmittel geben kann. Doch sie sagten, ‹wir machen das so›.»

Der schludrige Umgang mit Arzneimitteln könnte auch der Grund sein, weshalb die beiden Patienten vor seiner Ankunft starben, spekuliert Mayberry. Ein 25-Jähriger starb in seinem Zimmer. Der Zweite, Mitte dreissig, starb in der Klinik infolge eines Herzversagens. Mayberry glaubt, dass man ihnen die falschen Medikamente verschrieben hat. Ob das Aussenminis-terium aufgrund von Mayberrys Anschuldigungen eine Untersuchung eingeleitet hat, war nicht zu ermitteln. Die für solche Fälle zuständigen Beamten des Ministeriums melden sich weder auf Telefonanrufe, noch beantworten sie E-Mails.

Unfälle passieren

Owen sagt im Rückblick auf seinen siebenmonatigen Einsatz bei First Kuwaiti, dass es faktisch keine Massnahmen zum Gesundheitsschutz und zur Arbeitssicherheit gebe. Einmal sei ein ägyptischer Arbeiter vom Gerüst gestürzt und habe sich den Rücken gebrochen. Er wurde nach Hause geschickt. Niemand hörte je wieder von ihm. «Der Unfall wäre nicht passiert, wenn ihm jemand gesagt hätte, wie man einen Klettergurt benützt.» Offizielle des Aussenministeriums, die den Bau überwachten, hätten miterlebt, dass Arbeiter geschlagen wurden, jedoch nichts unternommen. Als siebzehn Arbeiter versuchten, über die Mauer der Baustelle zu fliehen, habe gar ein Mitarbeiter des Aussenministeriums geholfen, das zu verhindern.

Kurz bevor Owen kündigte, seien im Juni Hunderte von pakistanischen Arbeitern in den Streik getreten. In ihrer Wut hätten sie einen libanesischen Vorarbeiter zusammengeschlagen, der sie immer wieder belästigt habe. Owen schätzt, dass danach 375 Arbeiter in ihre Heimatländer zurückgeschickt wurden.

Verschiedene First-Kuwaiti-Angestellte bestätigen die Berichte von Owen und Mayberry. Ein Vorgesetzter schätzt, dass sich fünfzig bis sechzig Prozent der Arbeiter regelmässig über die Arbeitsbedingungen beklagen. Sie sagten, man würde sie «wie Tiere behandeln», und das versprochene Gehalt werde aufgrund von konfusen oder gar keinen Begründungen reduziert.

Ein anderer ehemaliger Manager der First Kuwaiti sagt, dass die Anschuldigungen von Owen und Mayberry erst «an der Oberfläche kratzen». Doch bis heute ist es nur einer Handvoll FunktionärInnen des Aussenministeriums sowie den Auftragnehmern erlaubt, sich innerhalb des Bauzauns aufzuhalten. JournalistInnen ist der Zugang zum 400 000 Quadratmeter grossen Gelände nicht erlaubt. Als Grund dafür werden die Sicherheitsbestimmungen angegeben. Allerdings seien diese eine Farce, sagt ein ehemals hoher Firmenangestellter. First-Kuwaiti-Managern, die innerhalb des Geländes lebten, gelänge es regelmässig, Prostituierte durch die Absperrungen zu schmuggeln.

In den Irak gelockt

Am 4. April 2006 hat das Pentagon eine neue Direktive für die Auftragsvergabe im Irak erlassen. Vorausgegangen ist eine geheime Untersuchung über die Klagen südasiatischer FremdarbeiterInnen im Irak. Verschiedene Firmen wurden dabei überführt, gegen das Gesetz verstossen zu haben. Betroffen sind auch Subunternehmer der umstrittenen US-Firma Halliburton. So sind viele ArbeiterInnen mit Lockvogelangeboten angeworben worden. Zudem mussten sie Rekrutierungsgebühren bezahlen. Das hat die Beschäftigten für Monate oder gar Jahre in Schulden gestürzt und so an die Unternehmen gebunden. Die Auftragsfirmen haben ausserdem ihre Beschäftigten in minderwertigen, überfüllten Schlafräumen untergebracht, dürftiges Essen ausgegeben und die irakischen Einreisebestimmungen umgangen. Das Pentagon verweigert konkrete Angaben über die Namen der Auftraggeber.

In einem Pentagon-Memorandum vom 19. April heisst es, dass es im Irak und in Afghanistan verbreitete Praxis ist, dass Auftragsfirmen ihren ArbeiterInnen die Pässe abnehmen. Das ist gegen das US-Gesetz. Der Grund für den Passeinzug ist, dass die Arbeiter davon abgehalten werden sollen, den kriegsgeschüttelten Irak zu verlassen oder bei einem anderen Unternehmen eine bessere Stelle anzunehmen. Per 1. Mai 2006 sollen auf Anordnung des Pentagons alle ArbeiterInnen ihre Pässe ausgehändigt erhalten haben. Ob das tatsächlich geschah, ist jedoch nicht festzustellen.

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