Nr. 03/2007 vom 18.01.2007

Ich will meinen Juden!

Dani Levys Film «Mein Führer» hat in Deutschland eine grössere Kontroverse ausgelöst, obschon die Satire nicht sehr weit geht.

Von Andreas Fanizadeh

Berlin zum Jahreswechsel 1945: Adolf Hitler ist in seinem Führerhauptquartier eingeschlossen. Die Strassen um die Reichskanzlei sind zerbombt, das «Dritte Reich» liegt in Trümmern. Der Führer lebt in einer inszenierten Realität, überwacht von einer überschaubaren Schar «Heil Hitler!»-rufender Nazigrössen. Der Krieg ist längst verloren, der Führer nässt ins Bett. Um Hitler für die Neujahrsansprache wieder flottzukriegen, befiehlt Propagandachef Goebbels, einen jüdischen Schauspielprofessor aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen zu holen. Dieser soll in Hitler den Hass und «das Feuer von 1939» neu entfachen. Ein Jude soll also den Obernazi von seiner Depression befreien. Dani Levys Film «Mein Führer» trägt den Untertitel: «Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler». Helge Schneider spielt Adolf Hitler, Ulrich Mühe den jüdischen Professor Adolf Grünbaum.

Der satirische Blick auf das ernste Thema hat in Deutschland ein kontroverses Echo hervorgerufen. «Ich komme selbst aus einer Holocaust-Familie. Daher habe ich schlimme Bauchschmerzen, wenn man das Thema Hitler und Holocaust zur Komödie macht», sagt Dieter Graumann, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Seiner Meinung nach verharmlost und bagatellisiert Levys Film den Nationalsozialismus. «Hier kann ich nicht mitlachen, denn jedes Lachen würde mir sofort im Hals stecken bleiben.» Man mag für diese Position Verständnis aufbringen. Absolut gesetzt käme sie aber einem Bilderverbot gleich. Zumal es Levy genau um dieses Lachen geht, das er - im Gegensatz zu Graumann, doch ebenfalls die Opferperspektive reklamierend - als befreiend empfindet.

Dekonstruieren statt dämonisieren

Levy will, wie er in zahlreichen Interviews betont, mit «Mein Führer» einen bewussten Gegenpunkt zur Masse der dokumentarisch-naturalistisch orientierten Filmproduktionen der letzten Jahre setzen. Die meisten dieser Produktionen würden den Anspruch vertreten, den nationalsozialistischen Diktator möglichst naturgetreu wiederzugeben. «Mein Führer» arbeite hingegen dekonstruktiv und versuche das Götzenbild vom Sockel zu holen. Er wende sich gegen ein autoritäres Abbilden der Realität, sagte Levy in einem Interview im «Spiegel», weil dieses die Verbrechen des Nationalsozialismus dämonisiere. Dagegen setze er bewusst auf Komik und fiktional-analytische Freiheit. Wenn der Schäferhund «Blondi» Hitler bespringe, bewirke dies eine Entmystifizierung der Macht. Man brauche andere Bilder, sagt der 1957 in Basel geborene und heute in Berlin lebende Filmemacher. «Wir können nicht immer wieder sehen, wie der Führer als guter Onkel auf dem Berghof herumläuft und mitreissende Reden hält.» Eine filmische Position, die auch aus politischer Perspektive einleuchtend klingt.

Ebenso einleuchtend ist die Besetzung Hitlers mit einem bekannten Satiriker wie Helge Schneider. «Ich konterkariere ein respektvolles, ehrfürchtiges, dokumentarisches Bild, an das wir uns gewöhnt haben, und hole es in einen Bereich urmenschlicher Kleinheit», sagt Levy. Sein Film hat denn auch seine stärksten Momente in jenen Sequenzen, in denen er ganz auf die Kraft des (schwarzen) Humors vertraut. Wenn der Propagandaminister den Sträfling aus Sachsenhausen mit den Worten empfängt: «Das mit der Endlösung dürfen sie nicht persönlich nehmen.» Oder wenn der jüdische Professor Grünbaum, vom NS-Führungspersonal heimlich beobachtet, Hitler in seinem senfgelben Trainingsanzug zur Lockerungsübung antreten lässt und ihn beim Boxen spontan niederschlägt. Oder wenn der Film erzählt, dass 136 Stempel nötig sind, bis ein Grünbaum das Lager Sachsenhausen verlassen und bis zum Führerhauptquartier nach Berlin vordringen kann. Oder dass auch ein mündlich erteilter direkter Befehl des Führers ein Opfer der Bürokratie werden kann, wenn das korrekt auszufüllende Formular 512/VI vergessen wurde. «Formular 512/VI?!? Abschaffen!!!», schreit da der Führer.

Nicht radikal genug

Wenig überraschend, dass der Film dank der vielen gelungenen Witze und Parodien - und einer hervorragenden schauspielerischen Besetzung - bereits auf Platz eins der deutschen Kinocharts rangiert. Dabei hat Levy, wie er offen einräumt, bis zuletzt an vielen Details der filmischen Umsetzung gezweifelt. Wie viel Ironie ist der herrschenden Moral und dem Massenpublikum angesichts der Verbrechen des Nationalsozialismus zumutbar? Auch ein grummelnder Helge Schneider hat zwischendurch Unverständnis vermeldet und für Schlagzeilen gesorgt. Der Starkomiker ist offenbar mit einigen Sequenzen des Films nicht zufrieden, manches scheint ihm wohl nicht radikal genug. Tatsächlich wirkt einiges in Levys Film nicht konsequent. Die moralisierende Sicht auf die Familie Grünbaum und dessen Kinder nimmt zum Beispiel einiges von der Schärfe der Komikperspektive zurück und wirkt teilweise platt und aufgesetzt. Natürlich ist es kein leichtes Unterfangen, wenn man wie Levy das Publikum vom Helge-Schneider-Fan bis zum Bildungsbürgertum für sich gewinnen will.

«Eine Komödie ist es nicht», sagt Walter Rothschild, Landesrabbiner von Schleswig-Holstein, in der Berliner «taz». «Wir wissen: Fast alle, die hier erscheinen, werden innerhalb von sechs Monaten tot sein.» Vor diesem Hintergrund kennt Levys Humor Grenzen, die moralisch nachvollziehbar sind, jedoch auch gleichzeitig die Ästhetik seines Verfahrens beschränken. Würde der Film durchgängig das Niveau der stärksten Satireszenen halten, wäre Levy vielleicht ein Meisterwerk gelungen. «Mein Führer» ist so «nur» ein interessanter, trotz des Medienrummels durchaus sehenswerter Film. Auch wenn er nicht ganz mit dem geäusserten Anspruch Schritt hält und vor manch autoritärer Sichtweise von vornherein kapituliert.

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