Nr. 35/2010 vom 02.09.2010

Dani Levy als Filmfigur?

Ein Gespräch mit Dani Levy, der schauspielert, was das Zeug hält.

Von Bettina Spoerri (Text) und Ursula Häne (Foto)

Dani Levy: «Ich habe das Gefühl, dass das Leben, das ich führe, eine bestimmte ­ Art von Inszenierung ist.»

WOZ: Dani Levy, wie fühlen Sie sich, wenn Sie Alfi Seliger, in gewisser Weise Ihr Alter Ego, in Ihrem neuen Film «Das Leben ist zu lang» beob­achten?
Dani Levy: Ich fühle mich glücklich, weil es mir besser geht als ihm – und weil ich das Gefühl habe, dass er ersatzweise für mich Dinge in seinem Leben durchstehen muss, die ich mir von der Seele geschrieben habe, damit ich sie nicht erlebe.

Zwischen Ihnen und Seliger existie­ren einige offensichtliche Parallelen. Welche sind für Sie wesentlich – oder allenfalls peinlich?
Peinlich ist mir da nichts. Alfi ist wie ich auch ein Querdenker. Er hat sich in seiner Situation zurechtgefunden, dass er ein Stück weit ein Aussenseiter ist. Er ist verzweifelt und auch zweiflerisch dem Leben und der Realität gegenüber, und er sucht sein Glück in der Ehrlichkeit und in der Wahrheit. Das sind sehr wahrscheinlich die grössten Parallelen.

Gab es einen Punkt, wo Sie eine Grenze ziehen mussten, damit sich Realität und Fiktion mit dem Film nicht zu sehr ineinander verhedderten?
Alfi habe ich als fiktionale Figur mit viel Spass und Lust erfunden. Für mich war der Reiz, eine Figur zu kreieren, die sehr persönlich ist, einen Geschmack, einen Geruch von mir hat, aber dennoch nicht ich ist. Das Spiel mit der Autobiografie ist etwas, was ich sehr reizvoll finde: dass man als Zuschauer nie weiss, was ist nun wirklich wahr und was erfunden. Es ist wie beim Rätselraten: Man versucht, Hüllen einer Figur, eines Menschen herunterzu­blättern, um dahinter eine Wahrheit zu finden – die man aber nie kennen wird.

Beschleicht Sie in Ihrem Leben manchmal das Gefühl, eine Filmfigur zu sein?
Ich habe auf jeden Fall das Gefühl, dass das Leben, das ich führe, eine bestimmte Art von Inszenierung ist. Ich gehe davon aus und hoffe, dass der Regisseur dieses Lebens ich selbst bin und dass es nicht jemand anderer ist, der mich tanzen und versagen lässt. Diese Existenzfrage – sind wir Herr unseres Willens? – finde ich spannend. Es gibt Momente, in denen ich denke, das kann doch nicht sein, das ist eine Szene aus einem schlechten Film, einem Drama, einer Soap, das gehört nicht zu meinem Leben, ich bin doch eine Komödie, wie kann ich da so etwas Dramatisches oder Verheerendes erleben. Es gibt den Satz «Life imitates art», das Leben imitiert die Kunst. In unserer hochmedialisierten Gesellschaft ist die Frage, inwiefern wir kopieren, was wir täglich präsentiert bekommen. Wir werden mit einer Flut von Informationen konfrontiert – und müssen unser eigenes Leben trotzdem für uns selber führen. Das ist gar nicht so einfach.

Ihr neuster Film «Das Leben ist zu lang» ist – wie Sie – eine Komödie. Was kann Humor besser als Tragik?
Humor hat mehr Distanz. Und mehr Intelligenz, glaube ich. Oder zumindest den Willen zur Erkenntnis. Ich liebe Drama sehr – aber es geht sehr stark davon aus, dass man mit einer Figur leidet, sich möglichst stark identifiziert. In der Komödie ist das auch wichtig, aber es gibt eine ironische Distanz, eine Art Heiterkeit, die dich mit der Figur verbindet – du hast eine sicherere Position beim Schauen.

In Ihrem Film führen Sie die glamour- und quotenfixierte Film- und TV-Welt kritisch vor. Wie konnten Sie trotzdem all die Stars verpflichten, wie etwa Veronica Ferres?
Die Branche ist ja nicht blöd, und die Stars sind sehr ambivalent dem gegenüber, wie Marktwirtschaft in der Kunst funktioniert – was ist Käuflichkeit, was ist Image? Diese Fragen kommen nur als Subtext im Film vor, aber machen seine Tonalität aus. Das hat die Schauspieler interessiert, dass sie da ein Stück weit selbstironisch und selbstbestimmt mit ihrer Rolle in dieser Branche umgehen können.

Wie reagierte die Branche von aussen auf Ihren Film?
Ich habe bisher nur Gutes gehört. Da gab es niemanden, der fand, dass ich da irgendeine Art von Nestbeschmutzung begehe.

Und die Leute von RTL?
Die hatten diesen Humor auch und haben uns ziemlich unkompliziert bewilligt, den Namen des Senders zu verwenden. Jeder muss ja sehen, dass ich mich im Film vor allem selber persifliere, meine Position und meine Funktion als jüdischer Filmemacher in der deutschen Gesellschaft. Ich bin ja unzimperlich mit mir, und das ist die Eintrittskarte dafür, auch andere Zustände ironisierend zu beschreiben.

Im Mittelpunkt von Dani Levys Spielfilm «Das Leben ist zu lang» steht der jüdische Filmemacher Alfi Seliger, der in eine tiefe Krise rutscht. Doch dann entdeckt er, dass er die Figur in einem Film von Dani Levy ist.

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