Nr. 39/2010 vom 30.09.2010

Und wie steht es mit der Schweiz?

Im Schweizer Film hält es Dani Levy mit den grossen alten Männern. Er lässt sich aber gern mit neuem Material versorgen und verspürt grosse Lust, mal eine Komödie über seine alte Heimat zu drehen.

Von Bettina Spoerri (Text) und Ursula Häne (Foto)

Dani Levy: «Das Schielen aufs breite Publikum ist vielen Filmen nicht gut bekommen, deshalb steht der Schweizer Film im Moment etwas ratlos da.»

WOZ: Dani Levy, Sie leben seit langer Zeit, seit dreissig Jahren schon, in Deutschland. Wie sieht Ihre Beziehung zur Schweiz aus?
Dani Levy: Die ist interessanterweise geblieben, ich habe ein starkes und emotionales Verhältnis zur Schweiz, sodass ich gerne hierherkomme, dass ich mich hier wohlfühle. Ich habe das Gefühl, dass ich die Schweiz immer noch gut kenne, dass ich sie «durchblicke».

Verfolgen Sie die Schweizer Politik?
Ja, schon, aber eher rudimentär. Die Schweiz ist, aus meiner Aussenposition beob­achtet, definitiv ein Land mit einer starken rechten Strömung geworden, mit einer noch bürgerlicheren oder sehr konservativen Substanz, die politische und alternative Freiräume argwöhnisch beobachtet. Das ist unsere Zeit, selbst in Berlin sind diese Freiräume ziemlich verschwunden.
Ich habe trotzdem das Gefühl, dass hier in der Schweiz die Politik noch mehr an der Oberfläche stattfindet als in Deutschland, wo viel gemauschelt wird zwischen Wirtschaft und Politik und ständig Deals innerhalb der Parteien ausgehandelt werden. In der Schweiz, meine ich, ist das schon etwas transparenter insgesamt. Sicherlich auch durch die direkte Demokratie – und durch unerschrockene Autoren wie Jean Ziegler.

Empfinden Sie einen Unterschied in der Reaktion des Publikums auf Ihre Filme in Deutschland und in der Schweiz?
Die Deutschen sind etwas näher dran an meinen Filmen, die Schweizer sind dafür fantasievoller, habe ich das Gefühl. Die Deutschen schauen emotionaler, die Schweizer halten sich mehr zurück und bleiben introvertierter, ich spüre eine grosse Vorsicht und Reserviertheit. Aber ich zeige meine Filme gerne in der Schweiz, weil ich finde, sie werden hier sehr sensibel und differenziert gesehen. Das habe ich eigentlich mit allen meinen Filmen so erlebt.

Gab es da, bei Filmpremieren zum Beispiel, be­sondere Erlebnisse, Überraschungen vielleicht, oder So­n­­­­der­barkeiten?
Filmpremieren sind immer ein Ausnahmezustand, der Filmemacher ist nervös, der Film ist noch frisch, alles ist noch möglich. Ich bin an solchen Premieren völlig überfordert, es stürzt einfach zu viel auf einen ein.
An einer Berliner Premiere können hundert Fotografen und fünfzehn Fernsehteams am Roten Teppich stehen, man trifft unzählige Freunde, Bekannte und Kollegen, will jeden jedem vorstellen, und wenn es ganz dick kommt, ist auch noch die eigene Mutter dabei. Das ist für einen einzelnen Menschen einfach zu viel, dafür reicht meine emotionale Festplatte nicht aus.

Schauen Sie sich eigentlich umgekehrt auch Schweizer Filme an, verfolgen Sie das hiesige Filmschaffen mit Interesse?
Ja – wenn ich mir aber nur das anschauen würde, was von der Schweiz nach Deutschland rüberkommt, ist das ja sehr wenig. Das geschieht leider selten. In den letzten Jahren hatten wir lustigerweise zwei Schweizer Filme bei uns im X Verleih, Bettina Oberlis «Herbstzeitlosen» und Christoph Schaubs «Giulias Verschwinden» ... Ich bin alle paar Jahre an den Solothurner Filmtagen, wo ich mir Schweizer Filme ansehe – dieses Jahr war ich wieder da. Ich habe mich mit Zentralschweizer Produzenten getroffen und unterstütze ihre Initiative, eine starke Zentralschweizer Filmförderung aufzubauen. Die haben mir einen ganzen Koffer mit Innerschweizer Filmen zusammengestellt, die ich mir Stück für Stück anschaue. Ich beschäftige mich also durchaus mit Schweizer Filmen – wenn ich ihrer habhaft werde.

Gibt es neuere – oder auch ältere – Schweizer Filme, die Ihnen besonders gefallen? Warum?
Natürlich. Ich bin in den siebziger Jahren mit den Filmen von Claude Goretta, Alain Tanner und Michel Soutter aufgewachsen. Es gibt einige Filme von Fredi Murer, Markus Imhoof und Xavier Koller, die ich sehr mag. Ich bin bis heute ein grosser Fan des Schweizer Dokumentarfilms. Der junge Schweizer Film hat es nicht leicht, er will kommerziell sein, populär und muss mit einem verhältnismässig kleinen Budget auskommen. Das Schielen aufs breite Publikum ist vielen Filmen nicht gut bekommen, deshalb steht der Schweizer Film im Moment etwas ratlos da.

Und wie ist es mit der Schweizer Filmpolitik? Da gab es ja in den letzten Monaten teilweise sehr heftige Auseinandersetzungen.
Das habe ich gehört, ja, aber so richtig detailliert krieg ich das nicht mit. Und die wirklichen Internas interessieren mich ehrlich gesagt auch nicht. Wenn ich in der Schweiz wohnen und arbeiten würde, würde ich mich wahrscheinlich schon reinhängen und mich für eine qualitative und mutige Filmförderung einsetzen.

Könnten Sie sich aber vorstellen, einmal ­einen Film als Koproduktion mit Schweizern zu dre­hen?
Ja, das kann ich mir sogar sehr gut vorstellen. Ich würde gerne einmal einen Film in der Schweiz drehen.

Das wäre dann eine Komödie oder eher ein Drama?
Das müsste schon eher eine Komödie sein. Ich finde, die Schweiz eignet sich sehr dafür. Da gibt es doch genügend Stoffe, die auf der Strasse liegen ...

Der 1957 in Basel geborene Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor Dani Levy lebte Ende der siebziger Jahre in den USA, bevor er sich in Berlin niederliess und seine ersten Filme drehte. Die Schweiz besucht er oft, doch sein Lebensmittelpunkt befindet sich seit langem in Deutschland.

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