Nr. 34/2012 vom 23.08.2012

Putins orthodoxer Überbau

Der Prozess gegen drei Aktivistinnen der russischen Punkband Pussy Riot ist von religiöser Moral durchtränkt. Einer Moral, die Präsident Wladimir Putin geschickt zu instrumentalisieren weiss.

Je zwei Jahre Haft in der Strafkolonie. So soll die kurze regierungskritische Protestaktion der drei jungen Aktivistinnen des Künstlerinnenkollektivs Pussy Riot in der Moskauer Christus-Erlöser-Kathedrale gesühnt werden. Das letzte Woche gesprochene Gerichtsurteil ist klar politisch und damit ein erschütterndes Symbol für die desolate Rechtslage im Land – auch wenn das Verdikt im Berufungsverfahren vielleicht noch abgemildert wird. Offen bleibt ebenfalls, welche weiteren Massnahmen gegen Opposition und Zivilgesellschaft Präsident Wladimir Putin nun im Kielwasser des Prozesses folgen lassen wird. Die Tatsache, dass er in den letzten Wochen zahlreiche repressive Gesetze durchgedrückt hat (siehe WOZ Nr. 32/12), lässt wenig Gutes erahnen.

Richterin Marina Syrowa urteilte, dass die drei Frauen nicht nur die während ihrer «gotteslästerlichen» Performance anwesenden MessdienerInnen, die die Anklage offiziell vertrat, sondern die Gesamtheit der russisch-orthodoxen Gläubigen zutiefst in ihren religiösen Gefühlen beleidigt und zu «religiösem Hass» aufgerufen hätten. Doch wer ist diese russisch-orthodoxe Glaubensgemeinschaft? Hundert Millionen Orthodoxe gebe es in Russland, behauptet die Russisch-Orthodoxe Kirche (ROK). Diese Rechnung beruht jedoch auf der Gleichsetzung von ethnischen RussInnen mit Orthodoxen. Nur knapp fünf Prozent von ihnen seien praktizierende Gläubige, weiss der Historiker und Ostkirchenkenner Gerd Stricker: «Etwa gleich viele, wie zu Sowjetzeiten das Parteibuch hatten.»

Der Vergleich kommt nicht von ungefähr. Putin hat seit seinem Amtsantritt 1999 das orthodoxe Christentum zum zentralen Bestandteil seiner russisch-nationalen Staatsideologie gemacht: «Grossrussischer Nationalismus mit orthodoxem Kern», so Stricker. Bereits in den neunziger Jahren hatte der Staat der ROK tatkräftig beim Wiederaufbau ihrer Infrastruktur geholfen. Sie wird privilegiert behandelt und ist faktisch eine Staatskirche. Im Gegenzug bietet sie dem System Putin unbedingte Loyalität. So stellten sich hochrangige Würdenträger der ROK nach den Manipulationen der Parlamentswahl vom Dezember 2011 und der darauf folgenden plumpen Ämterrochade zwischen Premierminister und Präsident geschlossen hinter Putin – und gegen die Demokratiebewegung.

Dies war auch der Grund für die Protestaktion von Pussy Riot. Selbst in der breiten Öffentlichkeit sei die ROK schon lange als «Fanklub Putins» abgeschrieben, sagt Stricker. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Moskauer Punkerinnen in der Bevölkerung über viel Rückhalt verfügen. Gemäss Meinungsumfragen begrüsst eine Mehrheit der RussInnen eine harte Bestrafung der Aktivistinnen. Dies ist jedoch eher ein Reflex gegenüber allem, was nach «westlich» und «liberal» klingt, als Ausdruck verletzter religiöser Gefühle. Orthodoxie ist für viele schlicht ein Merkmal nationaler Identität. Trotz ihres schlechten Rufs als Institution bietet die ROK dem autoritären Regime einen konservativ-chauvinistischen moralischen Überbau als Gegenentwurf zum Wertesystem des «Westens». Das Urteil gegen die Aktivistinnen ist deshalb weniger ein Zeichen für den Einfluss der Kirche auf den Staat als ein weiterer Beweis für die Instrumentalisierung der ROK durch Putin, der damit an der politischen Opposition ein Exempel statuieren will.

Russland ist jedoch ein sprachlich wie religiös vielfältiger Staat. Neben der ROK und zahlreichen relativ kleinen Glaubensgemeinschaften gibt es in Russland etwa zwanzig Millionen MuslimInnen – knapp fünfzehn Prozent der Bevölkerung. In der Wolga-Ural-Region herrscht nach offizieller Lesart ein «traditioneller Islam», dessen Repräsentanten als loyal eingestuft werden – anders als im Nordkaukasus, wo radikale islamische Bewegungen regionale Widerstandsgruppen in ihrem Kampf gegen die als Fremdherrschaft empfundene russische Staatsmacht unterstützen. Zwar versucht Putin, den «traditionellen Islam» trotz klarer Privilegierung der ROK ebenfalls für seine Zwecke einzuspannen. Dieser Spagat wird jedoch umso schwieriger, je mehr sich das Regime zur Bekämpfung seiner säkularen und demokratischen GegnerInnen auf christlich-fundamentalistische Rhetorik stützt.

Bezeichnend für den sich verschärfenden Konflikt ist auch eine saloppe Bemerkung des Staatsoberhaupts vor einigen Tagen. Hätten die Aktivistinnen von Pussy Riot ein islamisches Heiligtum «im Kaukasus» gleichermassen «geschändet» wie die Moskauer Kathedrale, wären sie auf der Stelle gelyncht worden, deutete Putin an. Diese Bedienung antiislamischer Klischees stiess vielen russischen MuslimInnen sauer auf. Nail Mustafin vom Rat der Muftis Russlands, einer der Dachorganisationen der islamischen Gemeinschaft, mokierte sich auf Twitter über den Schauprozess gegen die «Häretikerinnen» und behauptete dreist, in einer Moschee hätte man diesen im Gegenteil nach dem Vorbild der Propheten «verziehen und sie mit Gottes Segen ziehen lassen».

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