Nr. 13/2007 vom 29.03.2007

Reality-Show

Von Adrian Riklin

Aus heiterem Himmel wird Pannonica im Jardin des Plantes verhaftet und in einen Viehwaggon verfrachtet. Allmählich wird ihr klar, was abgeht: Dass sie und ihre Mithäftlinge HauptdarstellerInnen einer Reality-Show mit dem Titel «Konzentration» sind; und «dass Widerstand nicht nur zwecklos, sondern besonders telegen» ist.

Der erste Schock: «Konzentration» ist real bis zur letzten Konsequenz. Amélie Nothomb, in Frankreich seit «Die Reinheit des Mörders» Jahr für Jahr vorn auf den Bestsellerlisten, wagt sich mit schonungsloser Hellsicht in die Finsternis. Sie hat die reale Schoah mit den medialen Inszenierungen des frühen 21. Jahrhunderts zusammengedacht, belässt es aber nicht bei der Erfüllung voyeuristischer Bedürfnisse - die trügerisch echte Empörung der LeitartiklerInnen bei gleichzeitiger Auflagensteigerung und die Melancholie der SatirikerInnen beim Gedanken, die Realität nicht mehr toppen zu können, durchleuchtet sie ebenso wie den Opportunismus der freiwilligen WärterInnen. Und dann hält sie den Spiegel auch noch vor die Augen des atemberaubten Lesers: der zweite Schock.

Doch am Beispiel der schönen Pannonica begleitet Nothomb auch den Widerstand: das Ausscheren aus dem Normalisierungsritual. Wenn sich Pannonica der Kamera zuwendet und jedem einzelnen der Millionen ins Gesicht sagt: «Schalten Sie den Fernseher ab! Wenn Sie dieser schrecklichen Sendung nicht so hohe Quoten einbringen würden, wäre sie längst eingestellt. Und wenn Sie uns beim Sterben zusehen, morden ihre Augen!», erreicht sie zwar zunächst das Gegenteil dessen, was sie wollte, nämlich eine Quotensteigerung auf hundert Prozent und den Punkt, da die ZuschauerInnen mit der Fernbedienung demokratisch darüber abstimmen, wer heute hingerichtet werden soll.

Auch deshalb ist «Reality-Show» eine entsetzlich realitätsnahe Parabel: Kurz vor Schluss durchbricht Pannonicas beherzter Widerstand ihre fatale Telegenität. Für viele zu spät. Für einige gerade noch rechtzeitig.

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