Nr. 16/2009 vom 16.04.2009

Wenn die Jule pfeift

Silvio Huonder lädt in seinem neuen Roman ein brandenburgisches Dorf mit Magie auf: ein Dorf, fast so wie Ferch bei Berlin. Dort, an seinem Wohnort, hat ihn die WOZ getroffen.

Von Eva Pfister, Ferch bei Berlin

Von seinem Arbeitszimmer unter dem Dach kann Silvio Huonder auf den See blicken, der eigentlich ein Fluss ist: Der Schwielowsee ist eine Ausbuchtung der Havel, die durch Berlin und Brandenburg fliesst. Seit 2000 wohnt der Schweizer Autor mit seiner Frau, der Filmemacherin Menga Huonder-Jenny, und den beiden Söhnen im kleinen Ort Ferch, einem Dorf mit einigen alten und neuen Häusern, den Ruinen einer Nerzfarm aus DDR-Zeiten, und vielen Schildern, die auf die Maler hinweisen, die in der guten alten Zeit hier residierten.

Eine Sage aus der schlechten alten Zeit spielt in Huonders neuem Roman eine wichtige Rolle. Müllers Jule geht nachts spazieren und trifft heimlich einen Hausierer. Als sie mit einem roten Seidenschal zurückkommt, dreht ihr eifersüchtiger Mann durch und fesselt sie am Schal an einen Windmühlenflügel. Dann setzt er die Mühle in Betrieb. «Die Sage habe ich erfunden», sagt Huonder, «aber die Gegend hier ist berühmt für ihre Bockwindmühlen.» So vermischen sich Realität und Erfindung in seinem Roman «Dicht am Wasser», dessen Schauplatz der fiktive Ort Neumühl am Julensee ist. Wenn der Wind im Sommer kräftig aus Westen weht, die Bäume schüttelt und die Leute nervös macht, dann sagen sie: Die Jule pfeift!

Entsetzte Touristiker

«Brandenburg als literarischer Schauplatz ist sehr verlockend», sagt Silvio Huonder. «Die schöne Landschaft steht zum einen für einen untergegangenen Staat, die DDR, zum andern für eine Generation von jungen Familien, die mit ihren Kindern aus der Grossstadt hinausgezogen sind.» Im Roman können die Alteingesessenen und die «Buletten», wie die aus Berlin Zugezogenen genannt werden, auch aneinandergeraten - so etwa, wenn ein Musiklehrer die Sage von Müllers Jule in einem makabren Requiem vertont, zum Entsetzen der Tourismusverantwortlichen.

Neben pragmatischen Politikern gibt es in Huonders Neumühl auch ökologisch engagierte Frauen, melancholische Männer, aufmüpfige Teenager und einsame Kinder. Es gibt Ehen, die nach den ersten glücklichen Jahren in die müde Phase gekommen sind und Seitensprünge produzieren - mit bösen Folgen, auch wenn keiner mehr seine Frau an der Windmühle aufhängt.

Wir leiden mit

Wenn EhepartnerInnen sich anderweitig orientieren, sind Kinder die Opfer. So sieht das der Musiklehrer, dessen Moralisieren sich allerdings als Heuchelei entpuppt, denn er ist selbst verwickelt in den erotischen Reigen. Aber auch Huonder begreift sich als Anwalt der Kinder: «Es ist einfach eine Realität, dass Kinder die Leidtragenden sind, wenn Paare sich trennen. Ich war jahrelang Elternsprecher und habe in viele Familien hineingesehen. Wir sind zwar sehr liberal, aber wir haben noch keine Antwort gefunden, wie man die Probleme des Zusammenlebens so lösen kann, dass alle zufrieden sind.»

«Dicht am Wasser» beginnt mit dem Verschwinden des neunjährigen Nelson Petri. Um 15 Uhr verlässt der Junge seine Klavierstunde, kommt aber nicht zu Hause an. Am Spätnachmittag werden die Eltern nervös, gegen Abend beginnt die Polizei ihn zu suchen, was viele DorfbewohnerInnen nervös macht. Die Spannung steigt, und mit ihr der Druck in der Atmosphäre, der Wind wird zum Sturm, eine Regenfront naht.

Silvio Huonder hat seinen neuen Roman dramaturgisch raffiniert gebaut, aber spannend ist er nicht nur wegen der Handlung. Sein gradliniger Erzählstil ist dicht und weckt unser Interesse am Mikrokosmos, den er entfaltet. Wir leiden mit den frustrierten Ehefrauen, den verlassenen Männern, pubertierenden Teenagern - und dem Jungen, den es so schrecklich vor dem Vorspiel in der Musikschule graut, dass er lieber wegläuft. So zieht der Autor die Leser und Leserinnen hinein in das Dorf am See, dessen Landschaft immer stärker magisch aufgeladen wird. Als würde das Gespenst von Müllers Jule darüber schweben. Nicht nur wenn der Wind pfeift.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch