Nr. 13/2007 vom 29.03.2007

Mikrokügelchen mit brisantem Inhalt

Seit Jahren rätseln ExpertInnen darüber, weshalb sich in unmittelbarer Nähe des Atomkraftwerks Krümmel und des Atomforschungszentrums GKSS Leukämieerkrankungen häufen. Jetzt sollen neue Fakten präsentiert werden.

Von Wolf Wetzel, Frankfurt

Übernächste Woche werden im niedersächsischen Landtag ExpertInnen befragt, um den Ursachen für eine Leukämiehäufung in der Umgebung des Dorfes Geesthacht auf den Grund zu gehen. Seit 1989 sind sechzehn Kinder an Leukämie erkrankt, fünf davon sind daran gestorben. Bei Geesthacht liegen das Atomkraftwerk Krümmel sowie das Atomforschungszentrum GKSS. Über die Ursachen der einmalig hohen Leukämiehäufung wird seit Jahren gestritten: Während eine ExpertInnenkommission von «Zufall» spricht, trat eine andere 2004 aus Protest zurück, weil ein vermuteter Brand im GKSS und eine dadurch mögliche Kontaminierung der Umgebung nicht untersucht werden durfte.

Geesthacht liegt dreissig Kilometer von Hamburg entfernt direkt an der Elbe. Das Atomkraftwerk Krümmel nutzt das Elbwasser zur Kühlung, nur wenige Hundert Meter davon entfernt befindet sich die GKSS. Ab Ende der achtziger Jahre häuften sich in Geesthacht (Schleswig-Holstein) sowie in der angrenzenden Gemeinde Elbmarsch (Niedersachsen) Fälle von Leukämie bei Kindern. Die neu gegründete Bürgerinitiative gegen Leukämie (BI) forderte eine unabhängige Untersuchung. 1991 und 1992 riefen die Landesregierungen von Schleswig-Holstein und Niedersachsen je eine Untersuchungskommission ins Leben. Parallel dazu nahmen WissenschaftlerInnen mit Unterstützung der Bürgerinitiative Boden- und Staubproben. Dabei fanden sie immer wieder bis zu einen Millimeter grosse Kügelchen, deren Aussenschicht aus Grafit besteht und die im Innern hochradioaktive Substanzen enthalten.

Verlorenes Vertrauen

Die Existenz dieser radioaktiven Kügelchen wird von der Landesregierung Schleswig-Holstein bestritten. Sie beruft sich dabei auf wissenschaftliche Gutachten. Die eigene Untersuchungskommission stellt dagegen im November 2004 den Fund von Plutoniumisotopen und Americium auf Dachböden fest. Dabei könne ausgeschlossen werden, dass es sich um Fall-out von Atombombentests oder Folgeerscheinungen des Reaktorunglücks in Tschernobyl handle. Diese Transurane könnten auch nicht aus dem Atomkraftwerk Krümmel stammen. Die Kommission vermutete «geheim gehaltene kerntechnische Sonderexperimente auf dem GKSS-Gelände» und forderte vergeblich die Einschaltung von Polizei und Staatsanwaltschaft. Insbesondere solle Berichten nachgegangen werden, nach denen es 1986 bei der GKSS einen Brand gegeben habe. Sechs der acht Kommissionsmitglieder erklärten schliesslich ihren Rücktritt: «Wir haben das Vertrauen in diese Landesregierung verloren», begründeten sie diesen Schritt. Ganz anders die Fachkommission aus Niedersachsen: Sie kommt im gleichen Monat zum Schluss, dass, da alle anderen Erklärungen ausgeschlossen werden können, es sich bei der Leukämiehäufung um einen Zufall handeln müsse.

Für die radioaktiven Kügelchen mit ihrer ausgeprägten Spezifikation gibt es in Deutschland nur einen Hersteller: die Plutoniumfabrik Nukem-Hobeg in Hanau. Dort wurden zwischen 1974 und 1988 Brennelemente für die Versuchsreaktoren von Hamm-Uentrop und Jülich hergestellt. Diese Brennelemente bestanden aus tennisballgrossen Grafitkugeln, die im Inneren gefüllt waren mit weniger als einem halben Millimeter grossen, in die Grafitmatrix eingebetteten Brennstoffteilchen.

Was diesen zivilen atomaren Brennstoff von allen anderen unterscheidet, ist sein Anreicherungsgrad: Die Brennstoffkerne bestanden aus 93 Prozent angereichertem Uran sowie auch aus Thorium-232. Anfang der achtziger Jahre wurde das hoch angereicherte Uran durch Plutonium-239 ersetzt - beides sind atomwaffenfähige Kernbrennstoffe, die bei Versuchen, Atombomben zu verkleinern, eine wesentliche Rolle spielen.

Den Zusammenhang zwischen den rund um Geesthacht gefundenen Mikrokügelchen und den bei Nukem-Hobeg hergestellten Kernbrennstoffen hat Diplom-Ingenieur Heinz Werner Gabriel nachgewiesen. Als es 1986 einen Unfall auf dem Gelände von Nukem-Hobeg gab, nahm er Bodenproben und liess sie von einem unabhängigen Institut untersuchen. Die besondere Form des Kernbrennstoffes, seine radioaktive Zusammensetzung und die Hülle, mit der der radioaktive Kern umgeben ist, sind seiner Ansicht nach identisch mit den Mikrokügelchen, die rund um Geesthacht gefunden wurden.

Recherchen des ZDF

Die Brisanz der umstrittenen Kügelchen von Geesthacht liegt auf der Hand: Sind sie mit dem bombenfähigen Material der Nukem identisch, liegt der Verdacht nahe, dass sie für militärische Optionen abgezweigt wurden und dass damit im staatlichen Atomforschungszentrum GKSS experimentiert wurde. Das könnte auch den bis heute rätselhaften Anstieg der Radioaktivität am 12. September 1986 erklären. Damals meldete das AKW Krümmel erhöhte Werte, hielt aber gleichzeitig fest, dass «definitiv ausgeschlossen» werden könne, dass das eigene Werk Ursache dafür sei.

Seit Anfang 2000 tobt ein erbitterter und ungleicher Experten- und Gutachterinnenstreit über das, was man in den Staub- und Bodenproben gefunden hat. Auf ein Gutachten, das radioaktive Substanzen nachweist, folgt ein Gutachten, das genau dies ausschliesst. Geht es dabei nur um unterschiedliche Untersuchungs-, Extraktions- und Aufschlussmethoden, um unterschiedliche wissenschaftliche Standards?

2004 begannen die Journalistinnen Angelica Fell und Barbara Dickmann mit einer ZDF-Dokumentation über die Hintergründe der Leukämieerkrankungen rund um Geesthacht. Neben zahlreichen anderen Bemühungen, die Vorwürfe der BI und der Deutschen Sektion der Internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) zu überprüfen, entschlossen sie sich, eine erneute Probenentnahme nahe der GKSS zu begleiten und zu dokumentieren. Mit der Untersuchung dieser Proben beauftragten die BI und die IPPNW das Institut für Mineralogie der Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt. Mit dem Ziel, alle Parteien an einen Tisch zu bringen, setzten sich die Redaktorinnen auch mit dem Leiter der Reaktorsicherheit in Schleswig-Holstein, Wolfgang Cloosters, in Verbindung. Sie informierten ihn über das Vorhaben und boten ihm an, an der Probenentnahme teilzunehmen. Cloosters zeigte sich interessiert. Am 20. Dezember 2004 wurden von Axel Gerdes, Wissenschaftler am Institut für Mineralogie, in Gegenwart des ZDF-Teams eine Staubprobe und sechs Bodenproben aus der Elbmarsch genommen. Von der Reaktorsicherheitsbehörde war niemand dabei. Begründung: Eine Teilnahme wäre nicht «zielführend» gewesen.

Sechs Wochen später, am 4. Februar 2005, erschien das ZDF-Team im Institut für Mineralogie. Man wollte das Ergebnis auch im Bild festhalten und Axel Gerdes die Gelegenheit zur Erläuterung geben. Fazit seiner Untersuchung: «Die gefundenen Uran- und Plutoniumkonzentrationen sind mit einer Ausnahme als relativ niedrig im Vergleich zur typischen Konzentration in Böden und Gesteinen Deutschlands zu bezeichnen.» Nach einem Moment des Schweigens und Nachdenkens bat die ZDF-Redaktorin Angelica Fell darum, Proben unter dem Mikroskop zu betrachten - und entdeckte prompt eines der verdächtigen Kügelchen. Beim zweiten Hinsehen räumte auch Gerdes ein: «Da sind erstaunlich viele, so um die hundert Stück.»

Angewiesene Blindheit?

Diese Sequenz wurde aus dem am 2. Februar 2006 im ZDF ausgestrahlten Film «Und keiner weiss warum ... Leukämietod in der Elbmarsch» herausgeschnitten. Die ZDF-Redaktion begründete diesen Schritt mit rechtlichen Erwägungen. Der Chef von Gerdes, der Institutsleiters Gerhard Brey, drohte mit einer Klage, sollte diese Sequenz in die Öffentlichkeit gelangen.

Offensichtlich ist, dass auf das Frankfurter Institut massiv Druck ausgeübt worden war: Der Leiter der Reaktoraufsichtsbehörde von Schleswig-Holstein hatte zwar das Angebot ausgeschlagen, bei der Bodenprobeentnahme teilzunehmen, blieb jedoch alles andere als untätig. Schon vor Untersuchungsbeginn hatte Wolfgang Cloosters Kontakt mit dem Institutsleiter Gerhard Brey aufgenommen. Dieses Gespräch gibt Axel Gerdes gegenüber der WOZ so wieder: «Inzwischen kam ein Anruf vom Ministerium an meinen Chef, ob er wisse, was wir machen. Er [gemeint ist Cloosters, Red.] hat wohl meinem Chef auch über die wilden Spekulationen bezüglich der Kügelchen erzählt. Daraufhin hat mein Chef befürchtet, dass unsere Untersuchungsergebnisse, falls sie nur etwas leicht Ungewöhnliches zeigen, benutzt werden könnten, um die Kügelchenspekulationen anzuheizen.»

Die staatliche Intervention zeigte Wirkung. Nur drei Tage nach der Entnahme der Bodenproben liess der Institutsleiter das ZDF-Team wissen, dass man mit der Untersuchung «dieser Kügelchen» nichts zu tun haben wolle. Man solle sich in der Sache doch bitte an das Bundeskriminalamt oder die Polizei wenden. «Die Brisanz der Problematik ist einfach zu hoch.»

Um sicher zu gehen, dass es nicht gibt, was es nicht geben darf, hatte der Institutsleiter der ZDF-Redaktion zuvor die Zusicherung abgerungen, dass die mögliche Belastung des Bodens Inhalt der Sendung sein werde. Im Wortlaut: «Die im Zusammenhang mit den Vorkommnissen in der Elbmarsch immer wieder auftretenden Vermutungen, wonach es ‹Kügelchen› gäbe, die radioaktives Material enthalten sollen, wird nicht Gegenstand dieser Sendung sein.» Doch der Institutsleiter begnügte sich nicht mit dieser Zusicherung. Er sorgte auch dafür, dass das, was nicht gezeigt werden darf, auch nicht untersucht wurde. Nach dem Gespräch mit dem Ministerium «untersagte» Brey seinem Mitarbeiter, «die Kügelchen explizit zu untersuchen».

Gerdes sagt heute, dass es sich bei diesen Kügelchen um harmloses «organisches Material» handelte. In einer ersten Untersuchung hätten sie sich aufgelöst, in der zweiten dagegen hätte sich ein «Ca-Flurid-Mantel» um sie gebildet.

Minsk macht mit

Die ZDF-Redaktorinnen wollten sich mit diesem Ergebnis nicht abfinden und fragten bei insgesamt siebzehn Instituten im In- und Ausland an, ob sie die Bodenproben aus der Elbmarsch untersuchen könnten - ohne eine einzige Zusage. Sie erweiterten den Radius ihrer Suche beträchtlich, bis sie schliesslich die Internationale Sacharow-Umwelt-Universität in Minsk für diese Untersuchung gewinnen konnten. Das Ergebnis, das Professor Wladislaw Mironow im Dezember 2005 vorstellte, war eindeutig: Die in den Bodenproben gefundenen Mikrokügelchen enthalten Uran und die Transurane Plutonium und Thorium - künstlich erzeugte Radionuklide. Aufgrund des Isotopenverhältnisses schloss Mironow zudem aus, dass dieses radioaktive Material aus Atomwaffentests oder vom Reaktorunglück in Tschernobyl stammen könne.

Die ZDF-Dokumentation hat letztlich die Diskussion um die Leukämiehäufung von Geesthacht neu lanciert. Am 11. und 12. April findet eine vom niedersächsischen Landtag beschlossene Anhörung statt. Verschiedene ExpertInnen sollen dabei befragt werden. Auch Wladislaw Mironow und Axel Gerdes werden Red und Antwort stehen.

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