Nr. 14/2007 vom 05.04.2007

Adieu Manfred

Während der Jugendunruhen stand der Autor bedingungslos für kritische Jugendliche ein. So auch als Begleiter der Autonomen Lerngruppe (ALG). Zwei WOZ-Redaktoren erinnern sich.

Von Armin Köhli und Daniel Stern

Ungenügend gibt es nicht: In seiner Zeit als Mittelschullehrer gab Manfred Züfle keine ungenügenden Noten. Immer wieder hat er versucht, auf die «menschlich absolut unhaltbare Situation der sogenannten Selektion» hinzuweisen. Als 1980/1981, in der Zeit der Zürcher Jugendbewegung, die SchülerInnen reihenweise von den Schulen gingen oder gegangen wurden, tat Manfred es ihnen gleich. Innerhalb der Institution Schule reformerisch zu wirken, schien ihm aussichtslos geworden. Ausserdem wurde er jetzt das, was er immer schon werden wollte - Schriftsteller.

Prägender Mentor

Manfred kehrte den Schulen den Rücken, aber nicht den Jugendlichen und schon gar nicht der Wissensvermittlung. Er begleitete unsere Autonome Lerngruppe (ALG), er war der Mentor dieser Gruppe, obwohl wir uns gegen jegliche Autorität wehrten. Die ALG war von Manfreds Ehefrau Astrid initiiert worden - auch sie ausgestiegene, subversive Mittelschullehrerin. In der ALG trafen wir «verlorene» Jugendlichen uns, wir Bewegten, die die Schulen, den Staat, die bürgerlichen Werte ablehnten - aber vom Lernen nicht lassen wollten. Ausgangspunkt von Astrids Idee war: «Niemand kümmert sich um die, die aus dem öffentlichen System (aus was für Gründen auch immer) herausfallen; die verschwinden einfach.»

Astrid Züfle verstarb unerwartet im Mai 1982, kurz nachdem wir mit der Lerngruppe begonnen hatten. Manfred arbeitete mit uns weiter. Es war für ihn ein Teil seiner Trauerarbeit, ihr Engagement weiterzuführen. Mit seiner Hilfe entwickelte sich unsere Gruppe zu einem kleinen «Biotop» der Bewegung, zu einem Zeitpunkt, als viele um uns herum in der Psychiatrie «versorgt» wurden, mit ihrem Drogenkonsum nicht mehr klarkamen oder sich von der Gesellschaft völlig verabschiedeten. Wir lernten selbstbestimmt und kollektiv zu arbeiten, Werte und Ziele selbst zu definieren. Wir führten das weiter, wofür wir Anfang der achtziger Jahre auf die Strasse gegangen waren. Die ALG bestand bis 1985, danach entstand mithilfe von Manfred ein Buch über diese Erfahrungen.

Parteinahme mit Folgen

Manfred verstand, was 1980 in Zürich passierte - besser als wir selbst es verstanden haben. Er war Gründungsmitglied des Vereins betroffener Eltern und kämpfte gegen die Repression des Staates gegenüber den oft minderjährigen Bewegten in Schule, Ausbildung und auf der Strasse. Er stellte sich bedingungslos auf die Seite der Jugendlichen - ohne sich anzubiedern. Das Engagement von Manfred und Astrid Züfle in der Zeit der Bewegung hatte Folgen: Ihr Haus wurde von Gegnern nächtens attackiert, die Polizei versuchte die beiden einzuschüchtern. Diese Erfahrung hat Manfred noch lange beschäftigt.

Manfred nahm an allen Gruppensitzungen der ALG teil, an denen wir uns mit unserer eigenen Lerngruppe auseinandersetzten, über erwünschte und unerwünschte Lerninhalte und Lehrbeauftragte, über Selbstdisziplin und Gruppendynamik diskutierten, über Jobs, Geld und Politik. Er brachte sich ein, als ehemaliger Lehrer, als Psycho-analytiker, als Vater jugendlicher Kinder. «Wir haben einen Konflikt», rief er manchmal voller Freude aus, wenn er unserer Diskussion lauschte. Der Vollblutdialektiker liebte es, Differenzen herauszuarbeiten und produktiv damit umzugehen. Und er war unser bes-ter Lehrer. Er unterrichtete und erarbeitete mit uns Deutsch, Geschichte, Philosophie, ohne in diesen Kategorien zu denken. Wir sollten verstehen: selbst denken, die gesellschaftlichen Prozesse erkennen können, die intellektuellen und historischen Dimensionen begreifen, um eingreifen zu können.

Manfred war einer, der manchmal sehr lange Sätze mit vielen Nebensätzen schrieb, der wichtige Wörter unterstrich. Er war ein Schnelldenker, dem auf seine Argumente sogleich die Gegenargumente einfielen und der philosophische und historische Bezüge einfach herstellen musste. Damit gelang es dem Marxisten und Freudianer, der auch seinen christlichen Hintergrund nie verleugnet hat, grosse Klammern zu machen, Themen und Menschen zusammenzubringen.

Manfred Züfle war für unser politisches und intellektuelles Selbstverständnis prägend.

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