Nr. 16/2007 vom 19.04.2007

Langsamer als die Wikinger

Ein Schweizer Milliardär frönt seinen Milliardärslaunen und heuert für ein Land ohne Meer die besten Söldner des Segelsports an. Die neuen Alinghi-Boote sind der Konkurrenz technisch so gnadenlos überlegen, dass sie nicht zu schlagen sein werden.

Von Beat Stegmeier

Nun haben die Ausscheidungsregatten für den America’s Cup also endlich begonnen. Während zweier Monate duellieren sich die elf Herausforderer des Alinghi-Teams um den Finalplatz gegen die Schweizer (beziehungsweise die eingekauften Söldner des Schweizer Milliardärs Ernesto Bertarelli), am 26. Juni beginnt dann vor Valencia das Finale.

Der Ausgang dieses nicht nur seines Formates wegen eigentümlichen Anlasses steht allerdings schon fest: «Alinghi schlägt Team New Zealand im Finale des America’s Cup erneut!» Mit solchen und ähnlichen Schlagzeilen werden die Schweizer Tageszeitungen Anfang Juli 2007 die erfolgreiche Titelverteidigung der Schweizer bejubeln. Was die zahlreichen «Experten» - darunter durchaus auch kompetente wie der ehemalige Alinghi-Steuermann Russell Coutts - schon länger prophezeien, hat sich anlässlich der letzten Vorregatta von Anfang April, dem sogenannten Act 13, auch in der Praxis nochmals deutlich bestätigt: Die beiden neuen Alinghis sind technisch so weit überlegen, dass höchstens am einen oder anderen Regattatag irreguläre Windverhältnisse zu einer Niederlage der Schweizer führen könnten, über die Serie von mindestens fünf Match-Race-Regatten (best of nine) werden sich die Schweizer aber zweifelsohne durchsetzen.

WOZ enthüllt: Die besten vier

Auch die vier Halbfinalisten, die sich bis zum 8. Mai aus dem Kreis der Herausforderer hervortun werden, können schon heute benannt werden. Während die drei Syndikate mit den grössten Budgets (100 bis 150 Millionen Euro) - das US-amerikanische BMW-Oracle-Team von Larry Ellison, die Italiener von Luna Rossa mit dem Modehaus Prada im Rücken sowie die 2003 entthronten Titelverteidiger von Emirates Team New Zealand - schon beinahe als gesetzt gelten, wird der vierte Halbfinalplatz mit Mascalzone Latino von einem der beiden mit mittleren Budgets (60 bis 80 Millionen) ausgestatten Teams eingenommen werden. In der letzten Vorregatta zeigte sich das Schiff der Neapolitaner den grossen drei Teams ebenbürtig.

Die sieben chancenlosen Teams haben für ihre Kurzauftritte zusammen rund 400 weitere Millionen ausgegeben, sie werden bereits nach drei Wochen wieder zusammenpacken. Die grössten Chancen auf den Sieg im Herausfordererfinale werden Emirates Team New Zealand eingeräumt. Einerseits aufgrund ihrer Resultate in den Vorregatten, andererseits haben sie ihre Mittel wohl am sinnvollsten in Trainings investiert. Selbst das theoretisch schnellste Schiff nützt wenig, wenn es nicht adäquat bedient werden kann. Vor allem die richtige Einstellung des Riggs und die Optimierung der dazu passenden Segel ist eine zeitaufwendige Angelegenheit, die viele Testfahrten erfordert. Die Neuseeländer haben deshalb ihre erste neue Jacht bereits ein halbes Jahr vor allen anderen Teams in Betrieb genommen.

Auch wenn es dem America’s Cup an sportlicher Spannung mangelt, ist er für verschiedene involvierte Parteien vor allem von finanziellem Interesse.

Kugelstosser an Bord

Die Fähigkeiten der rund 600 von den Teams verpflichteten Segler sind sehr verschieden. Während auf den entscheidenden Positionen in der sogenannten Afterguard erfolgreiche Regattasegler stehen, die ihr Handwerk mit Erfolg im olympischen Segelsport gelernt haben und nun beim America’s Cup eine der raren Möglichkeiten finden, damit auch Geld zu verdienen, gibt es in vielen Teams durchaus auch Crew-Mitglieder, die auf den America’s-Cup-Jachten ihre ersten Segelerfahrungen machen. So etwa der deutsche Kugelstosser Oliver-Sven Buder beim United Internet Team Germany, der wie jeweils drei bis fünf weitere Crew-Mitglieder pro Schiff an den Winschen ausschliesslich für das möglichst rasche Dichtholen oder Setzen der Segel zuständig ist - hier sind Muskeln gefragt. Nichts Neues also - auch nach mehr als 5000 Jahren Seefahrt.

Ermüdend ist für die Teams allerdings weniger das Segeln, sind doch die Einsätze auf dem Wasser eher kurz und rar. Zum einen dauert schon die Vorbereitung und das Zusammenräumen und Auswassern der Schiffe mehrere Stunden, andererseits sind auch die rund 100 000 Franken teuren Segel wenig dauerhaft, sodass die kleineren Teams ganz einfach nicht über Budgets zu täglichen Ausfahrten verfügen. Die Jacht von +39, dem italienischen Underdog unter den Herausforderern, wurde zeitweise gar von der örtlichen spanischen Polizei auf Geheiss der Gläubiger im Hafen von Valencia festgehalten. Umso mehr müssen sich die Segler dafür in der PR- und Geldbeschaffungsarbeit engagieren, um Sponsoren, Fans und Medien bei Laune zu halten: Fotoshootings beim Velofahren, im Kraftraum, bei der Präsentation der neuen Mannschaftsbekleidung, Teilnahmen an der Geburtstagsfeier der Gattin des Mäzens, an Nachtessen mit geladenen Gästen der VIP-Abteilung der Sponsoren oder beim Besuch der Trainingsbasis durch die nationale Schönheitskönigin - stets heisst es lächeln und optimistische Stimmung verbreiten.

Den grössten Reiz hat der America’s Cup wohl für die Ausrüster: Werften, Ingenieure, Universitäten, Segelmachereien, Meteorologen, KommunikationstechnologInnen und Werkstofftechniker werden mit gut bezahlten Aufträgen überhäuft, neue Technologien können entwickelt und getestet werden. Damit leistet der America’s Cup teilweise über den Segelsport hinaus Pionierdienste. Einige der Errungenschaften finden den Weg bis zur Serienreife und werden später auch und nicht nur im allgemeinen Bootsbau eingesetzt. Vor allem bei der Entwicklung von möglichst leichten, aber extrem stabilen Kunststoffverbindungen gehören die America’s-Cup-Ausrüster zu den absoluten Spezialisten.

Höchstens für kleine Kinder

Auch die SegeldesignerInnen arbeiten mit neusten Materialien. Moderne Segel werden heute nicht mehr in Bahnen geschnitten und zusammengenäht, sondern wie beim Bau eines Schiffes aus Kunstharz- oder Karbonfasern und speziellem, weichem Harz in einem Stück über das gewünschte Profil laminiert. Damit ist eine maximale aerodynamische Formstabilität gewährleistet - für etwa zehn Betriebsstunden. Danach sind die Segel nicht mehr regattatauglich.

Ein kleiner Winddreher von zehn Grad verändert in einem Segelwettbewerb sofort die Abstände zwischen den Konkurrenten, manchmal auch die Positionen. Gut also, das Verhalten des Windes möglichst genau zu kennen. Schon kurz nach Bekanntwerden des Austragungsortes Valencia begannen die meisten Teams deshalb auch sofort das lokale Wetter zu erforschen. Den meteorologischen Teams stehen dabei aussergewöhnliche Budgets zur Verfügung. Auf dem neusten Stand der Technik sind auch die IT-SpezialistInnen: Die Bestimmung der exakten Position innerhalb einer Regatta ist für die Regatteure ebenso von Bedeutung wie für die ZuschauerInnen und die Medien - bisher das grosse Manko des Segelsports, was seine Zuschauerfreundlichkeit betrifft, vergleichbar etwa mit einem Skirennen ohne Zeiteinblendung. Dank der Satellitenübertragung durch GPS und dreidimensionaler grafischer Animationen können die Regatten heute in Echtzeit und überschaubar mitverfolgt werden. Diese Technologie wird wohl demnächst auch in weiteren Bereichen des Segelsports Einzug halten.

Eindrücklich sind die Grösse der America’s-Cup-Jachten und ihre eleganten Proportionen. Als Segelschiffe taugen sie allerdings in allen Bereichen wenig. Mit 24 Tonnen Gewicht sind die schwerfälligen Jachten nach altmodischen Konzepten gebaut (nach den Vermessungsvorschriften, damit niemand mit einem kleinen, schnellen Katamaran antreten kann). «Bleitransporter» werden die Jachten auch von America’s-Cup-Seglern genannt. Selbst die vor mehr als tausend Jahren eingesetzten Holzschiffe der Wikinger erreichten mit dem Wind segelnd höhere Geschwindigkeiten als die America’s-Cupper der neusten Generation. Das überdimensionierte filigrane Rigg macht die schweren Schiffe dazu anfällig auf Wind. Bereits bei Windstärke fünf müssen die America’s-Cup-Regatten abgesagt werden, einer mittleren Windstä ke, bei der selbst siebenjährige Kinder bei ihrem ersten Segelkurs noch aufs Wasser gehen, ganz zu schweigen etwa von der Soloweltumseglerin Ellen MacArthur, die sich bei solch gemütlichen Verhältnissen jeweils beruhigt schlafen legen kann. Die Hochseesegler meistern die Elemente auch noch bei Windstärke zwölf und mehr. Einzig der Alinghi-Hauptsponsor UBS hält die America’s-Cupper heute in seinen Inseraten immer noch für Hochseejachten.

Toblerone, Swissair, Alinghi

Nach Ende des Cups taugen die Jachten nur noch zu Showzwecken, alle Einrichtungen sind möglichst leicht und auf Verschleiss ausgerichtet, ein Unterhalt ohne Sponsoren ist kaum möglich, einzig mit einem Weiterverkauf an neue America’s-Cup-TeilnehmerInnen können die Jachten noch recycelt werden. Dies ist wohl einer der Hauptgründe für die Stagnation in der Entwicklung der Schiffe.

Trotz minutiöser Berechnungen - beim US-amerikanischen Oracle-Team wirkte beispielsweise die gesamte Aerodynamikabteilung von BMW mit - bleibt innerhalb der bestehenden Vermessungsregeln das «beste aller Schiffe» auch weiterhin eine Utopie. Zu unterschiedlich sind die verschiedenen Kombinationen von Wind und Wellen, die das Meer zu bieten hat - noch gibt es keine Rechner, die das Verhalten einer Schiffsform in allen möglichen Witterungsbedingungen berechnen könnte. Die Kunst besteht vielmehr darin, aus dem bestehenden Material ein Maximum herauszuholen.

Rund zwanzig Prozent der America’s-Cup-Budgets fliessen in die Medienarbeit. Alle möglichen medialen Darstellungsformen werden dabei vom Alinghi-dominierten America’s-Cup-Management zur Verfügung gestellt, es gibt viel Geld zu verdienen. Auch hierzulande erscheinen die Pressecommuniqués vom Team Alinghi in den Tagesmedien in regelmässigen Abständen beinahe wortgleich, stets begleitet von Inseraten oder TV-Spots des Alinghi-Hauptsponsors UBS. Die Schweizer Medien haben schnell gelernt: Noch vor vier Jahren erklärte das Schweizer Fernsehen den America's Cup zum Nonevent, entsprechend dürftig waren die Not-live-Übertragungen der Finalregatten mit Team Alinghi - ein sachverständiger Schweizer Kommentator konnte erst zum Schluss unter den ZuschauerInnen am Hafen rekrutiert werden.

Heute gehört Alinghi zu den Schwerpunktthemen der «Tagesschau», nach dem Verlust von Toblerone und Swissair gibt es endlich wieder ein Vehikel für eine positive Grundstimmung im Lande. Nun fliessen die Inseratemillionen, Gratisreisen und Dächlikappen winken den JournalistInnen - die Inhalte der Beiträge sind dabei Nebensache. Hauptsache, die Schweiz gewinnt. Und dafür ist gesorgt.

Beat Stegmeier segelt seit 34 Jahren Regatten, manchmal sogar erfolgreich. Er war mehrfacher Schweizer Meister.

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