Nr. 16/2007 vom 19.04.2007

In den Klauen des linken Basler «Daig»

Das alternative Basler Kultur- und Wohnzentrum «Elsie» wurde mit dem Versprechen abgerissen, dass an gleicher Stelle «günstiger Wohnraum» geschaffen würde. Entstanden ist eine Wohnidylle für Bedürftige und linke PolitikerInnen.

Von Benjamin Shuler

Die Vöglein zwitschern und die Magnolien blühen. Auf einem Balkon blinzeln AnwohnerInnen friedlich in die Frühlingssonne. Wir stehen im idyllischen Innenhof des Neubaus an der Ecke Elsässerstrasse und Fatiostrasse in Basel. Gemeinschaftsräume, Dachterrassen, schallisolierte Übungsräume für Bands, Kinder- und Jugendtreff, eine Bibliothek für fremdsprachige Kinder. Hier scheint tatsächlich ein urbaner Wohntraum wahr geworden zu sein. Alles schön und recht und gut. Wenn für den Neubau nur nicht das alternative Kultur- und Wohnzentrum «Elsie» hätte weichen müssen.
Ausgerechnet die Habitat, eine Stiftung, die sich laut Statuten für «güns­tigen Wohnraum» einsetzen will, gab vor drei Jahren den Befehl zur polizeilichen Räumung und Zerstörung der «Elsie». Sie wollte auf dem Gelände einen Neubau erstellen. Günstigen Wohnraum schaffen, indem man eben solchen abreisst und stattdessen einen Neubau hinpflanzt? Auch drei Jahre später sorgt dieses Vorgehen nicht nur unter ehemaligen ElsianerInnen für Kopfschütteln. Auch Beat Leuthardt vom Basler Mieterverband, der damals die Bewohner­Innen der «Elsie» gegenüber der Habitat vertreten hat, findet das damalige Vorgehen der Habitat nach wie vor unverständlich. In der Öffentlichkeit wurde die «Elsie» meist als besetztes Haus wahrgenommen, in Wahrheit war sie das nur ganz am Anfang. In den letzten Jahren waren die BewohnerInnen der «Elsie» ganz normale MieterInnen, denen schlichtweg gekündigt wurde. «Seit hundert Jahren ist die Grundhaltung des Mieterverbandes, dass keine bewohnten Häuser abgerissen werden sollen», sagt Beat Leuthardt. Das gelte selbstverständlich auch, wenn anschliessend ein aus ökologischer und sozialer Sicht vorbildlicher Wohntrakt wie in diesem Fall gebaut werde. «Der Zweck heiligt nicht die Mittel.» Auch die Habitat gibt heute zu, dass ihr damaliges Vorgehen nicht ideal war. «Es wurden Fehler gemacht, von beiden Seiten», sagt der Habitat-Stiftungsrat und baldige Geschäftsführer Klaus Hubmann. Hubmann gehört zusammen mit dem aktuellen Geschäftsführer Christoph Handschin zur «neuen» Generation der Habitat, welche die prominenten Aushängeschilder wie die SP-Ständerätin Anita Fetz oder Astrid van der Haegen, Präsidentin der Wirtschaftsfrauen Schweiz, abgelöst hat. Tatsächlich scheint die Habitat aus ihren Fehlern gelernt zu haben, die «neue» Habitat sei nicht zu vergleichen mit der «alten», hört man aus linken Kreisen. Auch Beat Leuthardt schätzt die Habitat heute als «seriöse Vermieterin».
Vor drei Jahren gelang es der «alten» Habitat nicht zuletzt dank des Versprechens, kostengünstigen Wohnraum für Bedürftige zu schaffen, auch eher linksorientierte QuartierbewohnerInnen auf ihre Seite zu ziehen. Ein halbes Jahr nach dem Einzug der ers­ten MieterInnen an der Elsässerstrasse 7 ist es Zeit, die Habitat an ihren eigenen Ansprüchen zu messen: Wer wohnt im neuen Haus? Und wie günstig und sozial ist der Wohntrakt tatsächlich? Die Nettomonatsmieten reichen von 805 Franken für eine Zweizimmerwohnung bis zu stolzen 3158 Franken für eine Fünfzimmerwohnung. Unter «güns­tigem Wohnraum» stellt man sich im Allgemeinen etwas anderes vor. Allerdings werden die Mietzinse einkommensabhängig gestaffelt. So profitieren 21 der 33 Mietparteien von Subventionen seitens der Habitat, das heisst, sie müssen weniger Miete zahlen. Dieses Mietzinsmodell soll sicherstellen, dass die jeweiligen Mieten nicht mehr als dreissig Prozent des Reineinkommens betragen. Der Unterschied zur ehemaligen «Elsie» scheint also unter anderem darin zu bestehen, dass die damaligen BewohnerInnen selbst verwaltet wohnen konnten, während zwei Drittel der jetzigen MieterInnen von den paternalistisch angehauchten Zuwendungen der von der Roche-Erbin Beatrice Oeri finanzierten Stiftung abhängig sind.
«Uns ist wichtig, dass die Mieterschaft durchmischt ist», sagt Klaus Hubmann. Tatsächlich scheint dies in Sachen Alter, Einkommen und Herkunft verwirklicht. Allerdings weniger in Sachen Parteibüchlein. In der Habitat wohnen auffällig viele linke Politiker­Innen. Zum Beispiel ein Mitglied der Delegiertenversammlung der SP Basel-Stadt und ein Mitglied des Parteivorstandes der SP Basel-Stadt. Auch Michael Wüthrich, Grossrat und Nationalratskandidat der Grünen, wohnt an der Elsässerstrasse 7. Es mutet schon ein wenig merkwürdig an, dass ausgerechnet linke PolitikerInnen in dem Gebäude wohnen, für das das letzte alternative Kultur- und Wohnzentrum im Zentrum von Basel weichen musste. Wüthrich wollte die diesbezüglichen Fragen der WOZ nicht beantworten. «Es trifft zu, dass bei uns viele Leute aus dem linken Lager wohnen», bestätigt Klaus Hubmann. «Das hat damit zu tun, dass wir nur MieterInnen akzeptieren, die unser soziales und ökologisches Mietkonzept mittragen, und das sind halt eher weniger rechtsbürgerliche Leute.»
Die hohe PolitikerInnendichte erklärt sich wohl auch aus den erstklassigen Verbindungen, welche die Habitat traditionell zur Politik pflegt. Böse Zungen sprechen in diesem Zusammenhang auch davon, dass sich der berühmte Basler «Daig» längst nicht mehr nur auf die Bürgerlichen beschränkt, sondern auch in der Linken wuchert, spätestens seit diese den Stadtkanton regiert. Der Neubau der Habitat im St.-Johann-Quartier passt zudem exakt zur aktuellen Politik der «Quartieraufwertung» des rotgrün dominierten Regierungsrates (siehe WOZ Nr. 3/07). Seit die Novartis angekündigt hat, ihren «Campus» ins Quartier zu pflanzen, wurden die diesbezüglichen Bemühungen im St. Johann stark intensiviert. Aus Sicht der Verwaltung und der Novartis soll veralteter und unansehnlicher Wohnraum weg, um Platz für schöne, neue, glänzende Bauten zu schaffen.
Und so steht man als linker Basler heute etwas ratlos vor der Elsässerstrasse 7. Das soziale und ökologische Wohnkonzept ist unbestritten sinnvoll. Aber macht dies den Verlust der «Elsie» wett, mit ihren alternativen Wohnformen, ihren kulturellen Einrichtungen und der pulsierenden Lebensfreude? «Für mich persönlich war die ‹Elsie› kein Zentrum der alternativen Wohnform, das wert war, erhalten zu werden gegenüber dem an diesem Ort geplanten Wohnmodell», sagt Klaus Hubmann. Das sehen die ehemaligen BewohnerInnen und Freunde der «Elsie» anders.

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