Nr. 16/2007 vom 19.04.2007

Die Ruhe zwischen den Rosenstöcken

Als vor über einem Jahr die Vororte von Paris, Lille und Lyon brannten, blieb es in den Banlieues von Marseille friedlich. Warum?

Von Thomas Schaffroth

Les Rosiers – so heisst eine der über ein Dutzend «cités» von Marseille. Die berühmteste ist wohl die 1952 von Le Corbusier gebaute Cité radieuse. Im Volksmund von Marseille wird Corbusier als «Fada» bezeichnet, was, frei aus dem Okzitanischen übersetzt, «Verrückter» heisst. Die Architekten, die ein paar Jahre später das Quartier Les Rosiers (die Rosenstöcke) entworfen haben, gelten hingegen als völlig normale Planer von Wohn- und Lebensraum.

In dem Quartier nördlich der Stadtmitte leben heute offiziell um die 4500 Menschen. Tatsächlich aber dürften es mindestens 7000 Personen sein, wie mir die ursprünglich aus Polen stammende Sozialarbeiterin Madjena Jakubowska sagt. Sie lebt mit ihrem Mann seit drei Jahren hier und arbeitet für die Selbsthilfeorganisation Action Contre toute détresse. «Der grosse Unterschied zwischen der offiziellen und der wirklichen Einwohnerzahl kommt dadurch zustande, dass viele Bewohner und Bewohnerinnen bei der städtischen Verwaltung nicht angemeldet sind», sagt die Frau, die sich für Menschen in «détresse», in höchster Not, einsetzt. «Viele waren als Immigranten oft illegal nach Frankreich gekommen, haben keine gültigen Aufenthaltspapiere, sind Sans-Papiers», erläutert sie.

Labyrinth mit hoher Arbeitslosigkeit

Les Rosiers umfasst fünf zehn- und fünf fünfstöckige Gebäude. Es gibt hier keine Schulen, keine Post. Zur sozialen Infrastruktur gehören hingegen zwei Bäckereien, eine Epicérie (eine Art Dorfladen), ein Cybercafé, eine Imbissbar und ein Gebetssaal für MuslimInnen. Der einzige kollektive Raum ist das Centre social, ein Gemeinschaftszentrum, in dem sich verschiedene Vereine treffen und ihre Sitzungen abhalten können. Am Mittwoch, dem schulfreien Tag, wird hier auch Kinderbetreuung angeboten.

Ein Wohnkomplex wie Les Rosiers gilt unter UrbanistInnen als typisches städtebauliches Objekt aus der Zeit des funktionalen Urbanismus in den fünfziger und sechziger Jahren. Diese private Grossüberbauung mit 730 Wohnungen sieht von aussen wie eine Trutzburg aus, und geht der Ortsunkundige hinein, bewegt er sich wie in einer Art Labyrinth. Wie in vielen anderen, ähnlich aussehenden Quartieren in Frankreich ist auch hier die Arbeitslosigkeit überdurchschnittlich hoch. Sie liegt in Les Rosiers bei über vierzig Prozent; im Landesdurchschnitt beträgt sie heute offiziell weniger als zehn Prozent.

Mourad Mohammar wohnt seit elf Jahren hier und arbeitet als freischaffender Informatiker. Der fünfzigjährige Iraker ist nach dem Ersten Golfkrieg 1991 als Flüchtling nach Marseille gekommen und fühlt sich hier «wohl und frei». «Wir leben hier in einem friedlichen Dorf», sagt er, «ich habe hier schon lange keine Polizisten mehr gesehen.» Die Staatsgewalt habe zum letzten Mal vor rund einem Jahr interveniert wegen einer Drogengeschichte, die tödlich ausging.

Les Rosiers liegt im 14. der insgesamt 16 Arrondissements (Stadtbezirke) von Marseille. Die Ruhe, die Mourad Mohammar in seinem Quartier als so wohltuend empfindet, ist normalerweise auch im Quartier St-Jérome im 13. Arrondissement gegeben. Nur am 28. Oktober des letzten Jahres, am ersten Jahrestag der Aufstände von 2005, kam es dort zu einem Zwischenfall, als vier Jugendliche in einem Bus der Linie 32 plötzlich Benzin aus Plastikflaschen ausgossen und es anzündeten. Die Busfahrerin stoppte das brennende Fahrzeug und öffnete die Türen; die meisten Fahrgäste konnten sich ins Freie retten. Eine junge Studentin aber erlitt lebensgefährliche Verbrennungen. Die Täter flüchteten. Am Tage darauf stand diese Tat – auch in der Schweiz – in den Schlagzeilen.

Im «friedlichen Dorf» Les Rosiers blieb es jedoch ruhig – wie auch in den anderen 110 «Dörfern» oder Quartieren, die die drittgrösste Stadt Frankreichs ausmachen. Und ruhig ist es auch geblieben, obwohl es in den Banlieues von Paris, Lyon und anderen französischen Grossstädten seit den Aufständen von 2005 immer wieder zu Unruhen kommt. Woran liegt das?

Ein sicherer Ort

Eine Erklärung bietet die Tatsache, dass es in dieser Stadt urbanistisch und sozial keine Vorstädte gibt, keine Banlieues wie in Paris oder Lyon. Das hat auch mit der Topografie von Marseille zu tun. Im Süden der Stadt leben die materiell besser gestellten EinwohnerInnen am Meer, während im Norden kahle Bergzüge das Stadtgebiet begrenzen. Die Menschen der unteren Einkommensschichten leben hauptsächlich in den Quartiers du Nord, deren soziale Verhältnisse durchaus mit jenen in den Banlieues der nördlichen Städte Frankreichs verglichen werden können. Und doch haben sie mit den Pariser Vorstädten wenig gemein.

Marseille wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von einem Bürgermeister der Kommunistischen Partei (KPF) regiert; heute ist die Stadt jedoch fest in bürgerlicher Hand. Zwar werden noch immer die Gemeindehäuser der nördlichen Quartiere von Mitgliedern der KPF dominiert, aber das wirkt nur noch wie eine Erinnerung an jene Zeiten, als die KPF in Marseille die stärkste politische Kraft war.

Als ich vor über zwanzig Jahren als Frankreichkorrespondent des Schweizer Fernsehens für eine «Rundschau»-Reportage nach Marseille reiste, war der Grund meines Besuchs nicht die KPF, die damals schon serbelte, sondern der in Marseille immer stärker werdende rechtsextreme Front National (FN). 1983 trat diese Partei zum ersten Mal landesweit bei den Gemeindewahlen an – hier in Marseille unter dem Namen Marseille sécurité. Ihren vorläufig letzten Höhepunkt erlebten die FrontistInnen bei der Präsidentschaftswahl 2002, als ihr Kandidat Jean-Marie Le Pen den sozialistischen Kandidaten Lionel Jospin beim ersten Wahlgang aus dem Rennen geworfen hatte. In Marseille erreichte der FN damals 26,9 Prozent aller abgegebenen Stimmen. Und das damals wichtigste Wahlkampfthema Sicherheit wird auch bei den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen eines der Hauptthemen der SpitzenkandidatInnen sein, heissen diese nun Nicolas Sarkozy, Ségolène Royal, François Bayrou oder Le Pen. Dabei ist – wenn man die Kriminalstatistik betrachtet – Marseille entgegen dem schlechten Ruf, den die Stadt hat, ein vergleichsweise sicherer Ort. In der nationalen Kriminalitätstabelle liegt der Drehort von «French Connection», einem Krimiklassiker aus den siebziger Jahren, weit hinter den reichen Kultur- und Schickimicki-Orten wie Avignon oder Cannes.

Einwanderungspuzzle

Wer sind nun eigentlich die Alteingesessenen und die Zugewanderten, die in Marseille leben und weder besonders häufig Autos anzünden noch ihre NachbarInnen berauben? Der im deutschsprachigen Raum vielleicht bekannteste zeitgenössische Schriftsteller aus Marseille, der inzwischen verstorbene Jean-Claude Izzo, charakterisierte die Stadt als «einen der wenigen Orte auf der Welt, wo jeder, der hier sich einfindet und seinen Koffer abstellt, sagen kann: 'Ich bin angekommen!'». Seine Aussage steht nur vordergründig im Widerspruch zu dem, was eine andere Intellektuelle, die Schriftstellerin, Sozialistin und Frauenrechtlerin Flora Tristan (1803–1844) rund 150 Jahre früher über diesselbe Stadt schrieb: «Je mehr ich von dieser Stadt Marseille sehe, desto mehr stösst sie mich ab. Diese Stadt ist nicht französisch.» Was würde sie wohl heute über diesen Ort sagen, in dem mittlerweile um die 840 000 Menschen leben?

Zu Flora Tristans Zeit holten die lokalen Patrons zum ersten Mal ausländische Arbeitskräfte für die aufstrebende Industrie und Landwirtschaft nach Marseille – vor allem ItalienerInnen. Ihr Hauptbeweggrund dafür: Sie wollten die Einheit der damals immer wieder aktiven ortsansässigen Beschäftigten untergraben.

Den ItalienerInnen folgten am Ende des Ersten Weltkriegs Flüchtlinge und Überlebende des türkischen Genozids an der armenischen Bevölkerung. Dann kamen die Verfolgten des italienischen Faschismus und des deutschen Nationalsozialismus in die Hafenstadt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Marseille Anlaufstelle für die RückkehrerInnen aus dem zerfallenden französischen Imperium in Afrika und in Indochina.

Diese Weissen hatten ein gemeinsames Merkmal: Sowohl jene, die 1956 nach der Niederlage in Dien Bien Phu Vietnam verliessen, wie auch die Zehntausende, die als «repatriés» und als «pieds noirs» nach der Unabhängigkeit von Algerien 1962 zurückkehrten, besassen in der Regel die französische Staatsbürgerschaft. Sie waren also keine «Fremdarbeiter» wie die Hunderttausende, die, zumeist aus dem Maghreb kommend, für die boomende französische Nachkriegswirtschaft gerufen wurden – und immer noch da sind. Die vorläufig letzte Einwanderungsgruppe kommt aus China. Seit drei, vier Jahren lassen sich ChinesInnen im Stadtzentrum - in der Nähe des Vieux Port, des alten Hafens - nieder, wo sie als TextilhändlerInnen mit den bis anhin im gleichen Sektor tätigen jüdischen und armenischen Gemeinschaften konkurrieren.

Lokale Identitäten

Eine namentliche Zusammenfassung der Immigrationsgeschichte von Marseille ist den Schildern zu entnehmen, die an den Briefkästen von Wohnsiedlungen wie Les Rosiers kleben. Die Namensvielfalt zeugt davon, dass in Marseille ethnische Bevölkerungsgruppen aus mehr Kontinenten leben als in anderen mediterranen Hafenstädten wie beispielsweise Neapel oder Istanbul. So finden sich hier an einem der Wohnblocks Namen wie Ngo Malik, Sfar, Jemili, Ravolomanana oder Antoinette. In Les Rosiers stammt etwa ein Drittel der BewohnerInnen aus dem Maghreb, ein weiteres Drittel kam von der ehemals von Frankreich kontrollierten Inselgruppe der Komoren (sie liegt nordwestlich von Madagaskar im Indischen Ozean). Sie stellen die beiden wichtigsten Bevölkerungsgruppen in Les Rosiers – und sie halten Abstand voneinander. Die Sozialarbeiterin Madjena Jakubowska glaubt nicht, dass es so bald zu einem Miteinander der Ethnien kommt: «Die verschiedenen Minderheiten sind sozial stark auf ihre Herkunftsgruppen bezogen; auch soziale Spannungen und Konflikte spielen sich zumeist innerhalb der eigenen Ethnie ab», sagt sie.

Die meisten Jugendlichen, deren Eltern sich in «Massilia» niedergelassen haben, zum Teil bereits hier geboren sind, also meistens die französische Staatsbürgerschaft haben, sehen sich (anders als die Gleichaltrigen in den Banlieues von Paris oder Lille) selten als Franzosen oder Französinnen, aber immer als Marseillais. Die Stadtverwaltung fördert dieses Wir-Gefühl. Sie plakatiert immer wieder den Slogan «Fiers d'être Marseillais!» – wir sind stolz darauf, Marseillais zu sein.

Dabei ist die jüngere Generation nur ausnahmsweise dem täglichen Pastis zugetan, den die alteingesessenen Marseillais trinken, und verzichtet am Freitag auch auf die traditionelle «aïoli» (eine Knoblauch-Mayonnaise-Vorspeise mit vielen Zutaten). Sie isst lieber Pizza. Aber eines verbindet die Jungen mit ihren Eltern (zumeist mit den Vätern) und den französischstämmigen NachbarInnen: Sie pilgern regelmässig zusammen mit Zehntausenden anderer Marseillais ins Stade Vélodrome, um die Fussballmannschaft Olympique Marseille mit oft zotigen und vulgären Sprechgesängen zu unterstützen und anzuheizen. Die Tribünen sind mit 40 000 bis 50 000 Menschen stets gut gefüllt, egal, wie gut oder schlecht ihre Mannschaft spielt. Sie schert es auch nicht, dass die Verantwortlichen des Klubs wegen Betrugs und Korruption oft ebenso häufig vor dem Richter stehen, wie sie auf ihren VIP-Plätzen sitzen (oder gar im Gefängnis landen wie Bernard Tapie, der ehemalige Klubbesitzer und Zögling des früheren Staatspräsidenten François Mitterrand).

Rechte Stadtplanung

Im Stade Vélodrome, das sich in einem südlichen Quartier befindet, gastiert ab und zu auch der Stadtpräsident Jean-Claude Gaudin vom rechten Parteienbündnis UMP. Und dort verkündet er manchmal sein urbanistisches Programm für Marseille: «Das Stadtzentrum wird von der ausländischen Bevölkerung überschwemmt, und die Marseillais sind abgezogen», sagt er dann, und: «Ich will die Stadt erneuern und jene Bewohner zur Rückkehr bewegen, die ihre Steuern bezahlen.» Säubern möchte Gaudin vor allem Quartiere der Stadtmitte wie Belsunce oder Canebière, deren bunte Strassenmärkte nicht so recht zu der von ihm erträumten Dienstleistungsmetropole im Hightech-Design passen wollen.

Stadtpräsident Gaudin, er gehört der Regierungspartei an und ist seit 1995 im Amt, will das ändern, was Marseille ausmacht. Im Unterschied zu den meisten anderen französischen Grossstädten hat Marseille die Unterschichten nicht aus der Stadt verbannt und in Banlieues am Rand der Metropole gettoisiert. In Marseille lebt ein Grossteil der Armen «intramuros», zumindest jetzt noch. Denn mittlerweile haben Gaudin und seine Gefolgsleute begonnen, städtische Grundstücke im Zentrum an private ImmobilienspekulantInnen und Pensionskassen zu verkaufen, die, um Luxuswohnungen bauen zu können, die dort Wohnenden vertreiben.

Und noch eines zeichnet die heute praktisch deindustrialisierte Stadt aus (vgl. Kasten): Die meisten Menschen leben von der öffentlichen Hand, und das heisst oft: von der Verwaltung. Während in Lyon zum Beispiel 47 Prozent der Haushalte vom staatlichen Sektor leben, sind es in Marseille 64 Prozent. Im «Tor zum Orient», wie die Stadt Anfang des letzten Jahrhunderts wegen seines wichtigen Handelshafens noch genannt wurde, arbeiten heute weit mehr Menschen in der Hafenbürokratie des «Port autonome» – zum Beispiel beim Zoll – als im Hafen selbst.

Zählte die offizielle Statistik Ende der fünfziger Jahre noch über 4000 Dockarbeiter, so sind es heute nur mehr knapp 700. Der Containerverkehr hat die menschliche Arbeitskraft im Hafen radikal wegrationalisiert. Die wenigen Dockarbeiter, die übrig geblieben sind, können allerdings dank ihres hohen Organisationsgrads – praktisch alle gehören einer Gewerkschaft an – der herrschenden Ordnung recht einheizen, wenn sie wollen. So beispielsweise 2005, als sie während mehrerer Wochen den öffentlichen Fährtransport nach Korsika blockierten, um gegen die geplante und inzwischen auch teilweise erfolgte Privatisierung der Unternehmen zu protestieren. Oder als sie, wie Ende November 2006, die Ausfahrt eines Linienschiffs Richtung Algier verhinderten, weil auf ihm mehrere Sans-Papiers ausgeschafft werden sollten.

Diese gewerkschaftliche Tradition spielt immer noch eine grosse Rolle. Während die Vorstädte im nördlichen Frankreich brannten, sorgte in Marseille nur ein wochenlanger Streik für Schlagzeilen. Beschäftigte der öffentlichen Verkehrsbetriebe Régie des transports de Marseille hatten den Bus- und Metroverkehr lahmgelegt. Kampfgrund: Der geplante und sich im Bau befindende neue Trambetrieb sollte einem privaten Betreiber überlassen werden. Solche Konflikte, sagte Präfekt Christian Fremont, der Vertreter der Zentralregierung für das Departement Bouches du Rhône, würden «die Schwierigkeiten aufzeigen, die Marseille mit der Modernisierung hat». Diese Modernisierung erzeugt bei der Bevölkerung mehr soziale und wirtschaftliche Unsicherheit als ein in Brand gesteckter Verkehrsbus.

Der Gemeinschaftssinn

Für die Tatsache, dass es in Marseille nicht zum Knall kommt, gibt es aber auch eine soziologische Erklärung: Der Kommunitarismus ist hier stark verankert. Die Menschen identifizieren sich mit der Stadt, mit ihrem Wohnquartier und mit ihrer ethnischen, religiösen, politischen und/oder sozialen Gemeinschaft. Ein Marseillais kann als Gewerkschafter harte und lange politische Kämpfe gegen den Liberalismus führen und möglicherweise gleichzeitig für den Front National stimmen. Eine Marseiller Familie schickt ihre Kinder aus wirtschaftlichen Gründen in eine öffentliche, definitionsgemäss laizistische Schule, pflegt aber gleichzeitig zu Hause vielleicht orthodoxe christliche, islamische oder jüdische Riten.

Ein Teil der traditionellen Linken bekämpft diesen Kommunitarismus, bei dem Identität und Gemeinschaftssinn eine grössere Rolle spielen als das jakobinische Grundprinzip der Egalité, der Gleichheit. Sie übersieht dabei, dass der Kommunitarismus, der bei den eingewanderten Marseillais so ausgeprägt ist, meist eine Reaktion auf die fehlgeschlagene Integrationspolitik der vergangenen fünfzig Jahre darstellt.

Das Zusammengehörigkeitsgefühl – das eher ein Miteinander als den Gegensatz von oben und unten kennt – äussert sich in Marseille beispielsweise in einem überaus aktiven Vereinswesen, das eine besondere Art von sozialer Kontrolle hervorgebracht hat. Während sich in den Banlieues von Paris, Lyon, Lille und anderswo die Staatsgewalt und Jugendliche gegenüberstanden, zog in der Cité Les Rosiers eine Jugendgruppe zu einem Hauswart der Siedlung und versprach ihm, dass sie darauf achten und garantieren würde, dass es in «ihrem» Quartier keine Zerstörungen geben werde.

Gewiss: Auch in Les Rosiers arbeiten viele schwarz, weil die staatliche Sozialhilfe weder vorne noch hinten reicht; die Schattenwirtschaft blüht. Manche handeln mit Drogen, und auch Diebstahl ist nicht selten. Aber alle, mit denen ich sprach, haben mir versichert, dass die Autowracks, die an den Strassenrändern liegen, nicht von hier stammen, die Fahrzeuge also nicht von den NachbarInnen geklaut wurden. Und dass sie nicht Zeugnis einer Revolte sind. Denn die hat es hier bisher nicht gegeben.

Thomas Schaffroth ist Historiker und freier Journalist. Er lebt in Marseille.

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