Nr. 17/2007 vom 26.04.2007

Ein Pinguin im Schrank

Butler sind britisch und gehören in viktorianische Landhäuser. Nicht unbedingt. Auch in der Schweiz gibt es Menschen, die davon leben, zu dienen.

Von Rachel Vogt

Der Butler tritt ein: «Im Ostflügel sind Einbrecher, Euer Lordschaft.» - «Wie viele?» - «Zwei, soweit ich feststellen kann, Euer Lordschaft.» Sir Randolph faltet die «Times». «Die Doppelflinte, Jeeves, den graubraunen Jagdanzug. Und dann legen Sie im Kamin nach.»
P. G. Wodehouse

Ein Butler kennt in seiner Kleidung kein Grau, nur Schwarz und Weiss. Ein Butler lacht nie, er lächelt selten. Ein Butler hat Augen einer Katze. Ein Butler, sagte der englische Schriftsteller Sir Pelham Grenville Wodehouse einmal, sei die feierliche Prozession eines Einzigen.

Zur Prozession gehören steife Rücken und Kragen und eine messerscharfe Ordnung. Sind Butler so? «Man muss Perfektionist sein für diesen Beruf», sagt ein Butler, der seinen Namen nicht bekannt geben will, bei einem Gespräch im Zürcher Hotel Savoy. «Man muss Fingerabdrücke sehen können und einen Wassertropfen als Schmutz.» Um die kleine Welt eines herrschaftlichen Hauses vom Schmutz der grossen Welt bewahren zu können, braucht es die patroullierenden Augen einer Katze. «Wenn ich morgens aufstehe, mache ich den ersten Kontrollgang durchs Haus. Im Laufe des Tages werde ich unzählige weitere Rundgänge machen. Jede schiefe Falte, jede welke Blume, jedes fehlende Objekt fällt auf», sagt der Butler. Und: «Butler kennen nur Schwarz und Weiss. Keine Halbheiten.»

Eingetragene Schuhe

Die «Herrschaften», wie die BrotgeberInnen auch heute noch angesprochen werden, leisten sich den Luxus, dass jemand einen perfekten Hintergrund für ihr Leben schafft - ein Hintergrund, der aus Porzellan, Kristall und Leder besteht. Dabei wird im Zweifelsfall eher über- als untertrieben. So wurden früher etwa die rahmengenähten Schuhe des Herrn vom Butler eingetragen - und sie werden es teilweise immer noch. Der Butler, der meist eine Servicefachausbildung hat, organisiert den Haushalt, plant Reisen, auf die er manchmal auch mitgeht, ist Chauffeur, Sekretär, und manchmal bügelt er auch die Zeitung, damit die Druckerschwärze keine Hände mehr färbt. Um einen Tisch für vier Personen zu decken, braucht er Handschuhe und zweieinhalb Stunden.

Müssen Butler mit dem Hintergrund verschwimmen? «Wenn sie im Zimmer sind, sollte das Zimmer leerer wirken als vorher», sagte Sir Anthony Hopkins in seiner Rolle als Butler Stevens im Film «The Remains of the Day». Soll ein Butler also unsichtbar sein? «Nein», lächelt der Butler, «er soll unhörbar sein.» Butler, erklärt er weiter, gehen nicht durch das Haus, sie schleichen. Und sie schweigen. «Der Butler wird schliesslich nicht dafür bezahlt, die Herrschaften zu belehren.» Einmal, bei einer Einladung, erzählte ein Gast einen besonders gelungenen Witz. Der Butler biss sich auf die Zunge und ging zum Lachen durch die Küche in den Keller. Sein grösster Fauxpas bislang war, von sich aus auf einen Gast zuzugehen und ihm die Hand hinzustrecken, «Stellen Sie sich das einmal vor!».

Die Zeitkapsel

Wieso macht man diesen Job? «Das Dienen muss jemandem gegeben sein. Dann macht es Freude. Und sie leben in einer faszinierenden Umgebung!» Dass diese Umgebung einem nicht gehört, dass man zu ihr immer eine «Armlänge Abstand» wahren muss, könne schon mal zu Schwierigkeiten führen. Der Butler kennt BerufskollegInnen, die nicht damit umgehen konnten, den Luxus nur zu pflegen, aber nie zu besitzen. Sie wechselten den Beruf.

Der Verzicht auf Eigenes besteht auch darin, dass die Hausangestellten immer auf Abruf bereitstehen («das wird erwartet»), insbesondere, wenn sie auf dem Anwesen selbst wohnen. Privatbesuche sind nicht gestattet ebenso wenig wie Alkohol, laute Musik, lockere Kleidung. Interessiert sich der Herr für Golf, dann liest der Butler in der Freizeit Golfbücher. Es bleibt kaum Zeit für die Welt ausserhalb des Hauses. Eine Zeitkapsel. In sie dringt wenig hinein - aber aus ihr dringt auch wenig nach aussen. Ein Butler spricht wie ein Diplomat oder ein Mafioso. «Nicht einmal meine Eltern wissen, für wen ich arbeite», sagt mir der Butler im «Savoy». Keine Namen, Zahlen, Orte. Diskretion ist dem Butler heilig, das gehört zum Berufskodex. Zu erzählen gäbe es vieles, denn niemand kommt der Familie so nahe wie er. Niemand kennt die Termine, niemand die Marotten besser.

«Ein Butler hat viel Einfluss, er kann aus der Defensive heraus viel bewegen», sagt Patrick Heiz, der die Agentur Butlerservices im Zürcher Seefeldquartier leitet. Auch er kann keine Namen von KundInnen nennen, auch wenn er «das gerne tun würde». In der Schweiz wird lieber verschwiegen, dass man einen Butler beschäftigt, und wenn einer in Erscheinung tritt, dann meist ohne weisse Handschuhe, sondern in einem schlichten Anzug. «Hierzulande sind Butler keine Statussymbole wie etwa in den USA oder im Nahen und Fernen Osten. Bei uns fehlt die Tradition.» Butler, die mit ihren Herrschaften wohnen, sind denn auch die Ausnahme in der Schweiz. An fehlendem Geld liegt das nicht, vierzig Prozent der Haushalte verfügen über ein monatliches Einkommen von über 9000 Franken. Doch die aristokratische Schicht, für die Hausangestellte zum guten Ton gehören, fehlt. AuftraggeberInnen finden sich zunehmend in der Finanzbranche, wo das Geld schnell kommt, wo aber auch Dienstleistungen schnell und gezielt eingekauft werden. So werden Butler häufiger tage- oder gar stundenweise gemietet, «für Tiere, Kinder, Pflanzen» oder wenn Anlässe anstehen. Ein Service, den auch immer mehr Banken ihrer internationalen Private-Banking-Kundschaft anbieten. Heiz erzählt, dass er im Auftrag einer Grossbank einen mehrtägigen Ausflug einer russischen Delegation nach St. Moritz organisierte. «Ein Butler, ein Koch, ein Chauffeur, eine Hauswirtschafterin und der Projektleiter standen bereit. Die Russen stiegen aus dem Auto, schauten uns an und sagten ‹Wir wollen doppelt so viele Leute.›»

Ein sich räusperndes Schaf

Die Neureichen hätten einen Hang zur Dekadenz, sagt der Butler. Da kann es vorkommen, dass der Butler mit seinem Monatslohn zwischen 5500 und 7000 Franken mehr Stilbewusstsein hat als der Herr und die Madame. «Butler können daran zerbrechen», sagt Agenturbesitzer Heiz. Der Butler im «Savoy» sagt, er besässe 25 Paar Schuhe, «die Hälfte mit Ledersohlen», und in seinem Schrank hängt «natürlich ein Pinguin». Er wurde auf der Strasse auch schon angepöbelt, weil er eine Luxuskarosse fuhr. «Das ist idiotisch, wenn das Auto mir gehörte, würde ich doch nicht selbst fahren!» (Frage: Wie erkennt man einen Neureichen? Die Antwort des Butlers: Neureiche schauen sich um, wenn sie einen Raum betreten, weil sie sich mit den Anwesenden vergleichen. Altes Geld schaut nur in die Zeitung, auf die Uhr oder tief gelangweilt in die Leere des Raums.)

Die Stilunsicherheit der Hausherren und -damen ist kein Zeichen der Moderne. In den unzähligen, im Laufe des 20. Jahrhunderts erschienenen Romanen von P. G. Wodehouse, in denen der Butler Jeeves die Hauptrolle spielt, hebt dieser in solchen Fällen «die eine Augenbraue um einen Drittelzentimeter», oder er reagiert «mit dem Anflug eines Lächelns, das heisst, sein linker Mundwinkel zuckte unmerklich und kehrte dann in die Ausgangsstellung zurück».

In krassen Fällen erlaubt sich der Butler ein Hüsteln: «Es handelte sich um das leise Hüsteln von Jeeves, welches mich stets an ein hoch betagtes und sich auf einem fernen Berggipfel räusperndes Schaf erinnert. Bekanntlich hatte er haargenau so gehüstelt, als ich zum ersten Mal mit dem Tirolerhut seine Netzhaut gestreift hatte. Normalerweise zeigte es Missbilligung an.» Am Ende des Romans verschwindet der so hart kritisierte Tirolerhut aus dem Leben von Jeeves und seines Herrn Bertram Wooster.

Keine Frauen, Drogen, Waffen

Ein Butler ist nicht unterwürfig. Er weiss einfach, wann er die Herrschaften anschauen soll und wann nicht. Demütige Blicke auf den Boden sind nicht gefragt, «die Herrschaften», sagt Heiz, «wollen ja auch geliebt werden». Zumindest auf eine kühle Weise. «Je höher die Klasse, desto grösser ist die Distanz zwischen Butler und Herrschaften. Und damit auch der gegenseitige Respekt.» In England wurde der Butler denn auch Gentleman’s Gentleman genannt - und geduzt. Noch heute werden die Butler mit ihrem Vornamen angesprochen, häufig geben sich die Butler auch Künstlervornamen, etwa Armin oder James. Themen wie Religion, Sex, Politik werden vermieden ebenso wie Privates. «Wenn jemand in meiner Familie stirbt, dann sage ich, dass es mir gut geht. Das ist die professionelle Haltung», betont der Butler.

Zum Kodex gehört auch, dass ein Butler drei Dinge verweigert (entgegen seiner alten deutschen Bezeichnung «Faktotum», was «mache alles» bedeutet): Er beschafft keine Frauen, Drogen oder Waffen. In einer Welt, in der Wassertropfen als Schmutz gelten, ist dies wenig erstaunlich. Das Aufregendste, was etwa der britische Butler Dean Fielding in seinem Blog beschreibt, ist eine unsorgfältig gebundene Krawatte oder «die Veränderungen im Gebiet der Bettflaschen». «Wir sind traditionelle Menschen», sagt mir der Butler im «Savoy».

Und die Tradition ist lang. Das Wort kommt vom Lateinischen «buticula» und bedeutet im übertragenen Sinn Mundschenk - der Butler war zuständig für die Bottles, die Weinflaschen. Dass noch heute die linke Hand beim Ausschenken stilvoll auf dem Rücken gehalten wird, kommt daher, dass der Trinkende so sicher sein konnte, dass dem Wein kein Gift beigemischt wurde. Lange Zeit war das Butlern ein Vorrecht der Männer (der erste weibliche Butler ist 1735 dokumentiert). Dies, obwohl Ende des 19. Jahrhunderts beispielsweise in der Schweiz gerade mal knapp zehn Prozent des Hauspersonals männlich war. Bei den Butlern sind auch heute noch die Mehrheit Männer.

Äusserst aufmerksame Männer sind es. Und gute Schauspieler wären sie. Der Butler im «Savoy» spricht schnell und pointenreich, unvermittelt wechselt er in ein Hochglanzdeutsch und in fünf Fremdsprachen, um seine professionelle Gewandtheit zu zeigen.

Der britische Schauspieler Tim Curry sagte einmal, ein Engländer werde in Hollywood entweder als Schurke oder als Butler gecastet. Nächstes Jahr kommt ein neuer Butlerfilm in die Kinos, «Harry and the Butler». Der Butler wird gespielt vom Briten Anthony Hopkins. Sein Englisch ist perfekt.

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