Nr. 03/2015 vom 15.01.2015

Dreizehn Stunden herzig sein

Cüpli servieren an den Credit Suisse Sports Awards und dabei lächeln, lächeln lächeln: ein harter Job, mit dem sich jedoch leicht Geld verdienen lässt.

Von Nina Kunz

Ich knöpfe die weisse Bluse zu und binde mir die Schürze um. Es ist 14.30 Uhr. Mit rund fünfzig anderen Tempstaff-Angestellten stehe ich in einem kargen Raum im Fernsehstudio in Zürich Leutschenbach. Die nächsten dreizehn Stunden werde ich an den Credit Suisse Sports Awards arbeiten – es wird ein langer Tag werden. Ich schaue in die Runde. Rasch wird klar, was es braucht, um bei Tempstaff angestellt zu werden: gepflegtes Aussehen und Jugendlichkeit. Niemand ist älter als 25 Jahre, und die Mehrheit sind Frauen. Sie tragen – wie vorgeschrieben – elegantes, dezentes Make-up, die Haare hochgesteckt und einen weissen BH unter der Uniform. Die wenigen Männer sind glatt rasiert, denn Bärte sind nicht erlaubt.

Serge Woog, Gründer und Geschäftsleiter der Tempstaff AG, klatscht in die Hände: «Hallo, hallo, alle herhören, jetzt gibt es das Briefing! Hallo, da hinten, könnt ihr bitte ruhig sein?» Ein Mann im schwarzen Anzug tritt vor die Gruppe und beginnt sogleich, die Fingerfoodmenüs herunterzurattern: Petersilienwurzel mit Honig im Filoteig, Luma-Beef-Entrecote mit sautiertem Spinat auf Bauernbrot, Champagnervelouté mit Kerbel. Es folgen fünf weitere Gerichte mit je mindestens drei Bestandteilen. «Das kann ich mir doch niemals merken!», flüstert eine blonde Frau neben mir. Ich flüstere zurück, dass mir die dreizehn Stunden lange Schicht mehr Angst macht. Sie winkt ab: «Das ist doch nichts. Ich bin für fünfzehn Stunden eingetragen, habe aber auch schon siebzehn gearbeitet.»

Warum tun sich junge Menschen das an? Die meisten Angestellten bei Tempstaff sind Studierende, und das Unternehmen bietet ihnen ein rares Gut an: absolut flexible Teilzeitarbeit, für die es keine Vorkenntnisse braucht. Dass dabei die Arbeitsbedingungen schlechter sind als bei einer Festanstellung, ist den meisten egal. «Die Arbeit gefällt mir nicht, aber das Angebot ist zu verlockend», sagt Maria, die seit einem Jahr dabei ist. Sie ist darauf angewiesen, neben ihrem Medizinstudium temporär zu arbeiten. «Es ist verzwickt», sagt sie, «weil der Job so unverbindlich ist, kann ich nichts beanstanden, und gleichzeitig bin ich dankbar dafür, dass der Job so unverbindlich ist.» Sie sei ja freiwillig dort und der Lohn sei mit 24 Franken in der Stunde, ab 23 Uhr sogar noch mehr, auch gut – wie solle man da motzen?

Die Tempstaff-Family

Das Unternehmen gibt es seit 2003. Mittlerweile hat Tempstaff in seiner Kartei rund 800 Personen, die von Hotels, Cateringanbietern und Eventveranstaltern gebucht werden. Regelmässig servieren sie an der Fifa World Player Gala, am Opernball, am St. Moritz Polo World Cup oder wie heute an den Credit Suisse Sports Awards. Die Angestellten müssen vor allem der äusserlichen Norm entsprechen – sonst werden sie zurechtgewiesen. «Als ich einmal ohne Make-up erschien, sagte mir Serge, ich sähe verschlafen aus und solle mich schminken», erzählt Linda. 2011 arbeitete sie ein Jahr lang bei Tempstaff. Natürlich müsse man im Service gepflegt aussehen, «aber ich hatte einem Tussistereotyp zu entsprechen, mit dem ich mich unwohl fühlte».

Sechs Tage vor dem Einsatz wurde mir das Mail mit dem Betreff «Fehlende Anmeldungen diese Woche/Friends&Family» von einer Freundin weitergeleitet. Die Idee hinter dem «Friends&Family»-Konzept: Die Angestellten sollen ihre Bekannten anwerben. Eine ehemalige Mitarbeiterin sagt: «Sie nehmen manchmal zu viele Aufträge an, dann müssen sie irgendwelche Leute verpflichten.» Im Mail heisst es, die Sports Awards seien eine tolle Gelegenheit, ein paar Prominente aus der Nähe zu sehen: «Zum Sonntag: Hier fehlen uns noch über zwanzig Anmeldungen. Wir können nicht nachvollziehen, warum genau an einem solchen Mega-Event noch so viele Anmeldungen fehlen. An diesem Abend geben sich Stars wie Lara Gut, Ottmar Hitzfeld, Stan Wawrinka und natürlich Roger Federer die Klinke in die Hand. Wer sich dieses Spektakel nicht entgehen lassen und ein Teil davon sein will, der soll sich jetzt anmelden.» Zwei Stunden später hatte ich den Einsatzvertrag unterzeichnet, gescannt und zurückgesendet.

«Bei solchen offensiven Aufrufen ist es nicht einfach, sich abzugrenzen», sagt Linda. «Zum einen meldet sich das Büro mehrmals in der Woche bei dir, per Mail, per SMS und per Telefon. Und zum anderen fand ich es schwierig, mich nicht doch irgendwie verbunden zu fühlen, weil es in den Mails immer hiess, man sei so wertvoll für das Team. Dabei wollte ich das gar nicht – ich wollte einfach dort arbeiten.»

Sexismus gehört dazu

In Leutschenbach stehe ich etwas ratlos im noch leeren Studio 5. In der Mitte des Raums ist die Bar, darüber schwebt ein riesiger Klotz, darauf projiziert die Wörter «Sports Awards». Der Raum ist in goldenes Licht getaucht, die Wände sind mit roten Samtvorhängen verkleidet. Die Moderatorin von «Glanz & Gloria» studiert nervös ihre Kärtchen. Gäbe es heute Abend einen Preis für den kürzesten Rock, stünde sie bereits als Siegerin fest. Meine Hände habe ich brav hinter dem Rücken verschränkt – diese Haltung habe ich bei den anderen abgeschaut. Die ersten Gäste treffen ein, lassen sich auf dem roten Teppich von den Fotografen der «Schweizer Illustrierten» ablichten und trinken das erste Cüpli. Die Sportlerinnen tragen lange Glitzerroben, die Sportler sind im Smoking gekommen. Sonst kennt man sie in Hightechausrüstungen, wie sie dynamisch über Hürden springen oder in Halfpipes halsbrecherische Sprünge wagen. In den Abendroben wirken die muskulösen Athletinnen verkleidet, bewegen sich hölzern und steif. Bald ist der Raum proppenvoll. Ich lächle, öffne Flaschen, fülle die Tabletts des «fliegenden» Personals auf. Plötzlich herrscht Aufregung – Roger Federer ist eingetroffen. Eine Menschentraube bildet sich beim Eingang, einige SportlerInnen zücken ihre iPhones, andere verrenken ihre Hälse, um einen Blick auf den einzig wahren Star des Abends zu erhaschen.

Meine Kollegin flucht. Das Eis ist ausgegangen. Ich eile zur Küche, da packt mich ein junger Mann vom Stammpersonal, zieht mich leicht zu sich ihn und flüstert: «Nicht rennen.» Am liebsten würde ich ihn wegstossen und ihm sagen, dass ich es nicht in Ordnung finde, dass er mich festhält, aber ich halte ein Tablett mit leerem Geschirr in den Händen. Ich stehe steif da, bis er mich loslässt. Weibliche Angestellte werden angefasst, an der Schulter gehalten, im Gesicht berührt. Nie aggressiv, immer beiläufig und vielleicht sogar anerkennend gemeint, wie ich beobachte. Niemand sagt etwas – schon habe ich mich still damit abgefunden, dass ein bisschen Sexismus hier halt dazugehört.

«Im Service gilt: Wer höhergestellt ist, hat recht», sagt Linda. Deshalb habe sie bei Tempstaff gekündigt. «Ich war es leid, immer in der Underdogsituation zu sein.» Ihrer Kollegin wurde während eines Einsatzes an den Hintern gefasst, aber sie habe den Vorfall nicht melden wollen, da sie überzeugt gewesen sei, dass es nichts genützt hätte. Auch Maria findet: «Es wird erwartet, dass du unterwürfig und herzig bist, Individualität und Selbstbewusstsein sind nicht gefragt.» Bisher habe sie zwei Situationen erlebt, in denen sie gerne ihre Meinung gesagt hätte. Das erste Mal im «Dolder», als sie acht Stunden lang eine Kaffeemaschine bedienen musste und ihr wegen der mangelnden Bewegung kalt wurde. Da fragte sie ihren «Supervisor», ob sie sich noch etwas anziehen könne unter der Uniform. Dieser lächelte und fragte mit einem aufgesetzten Akzent: «Bisch du also nackisch darunter?»

Das zweite Mal sei an der Geburtstagsfeier des Verlegers Jürg Marquard in dessen Villa gewesen. Sie hätten zu viert gearbeitet – mit Marquards Butler. «Mir fiel das Tablett hinunter, es war aus Silber und daher schwer. Da schrie mich Raquel Marquard vor allen Gästen an, ob ich das eigentlich schon einmal gemacht hätte. Am liebsten hätte ich gesagt: ‹Nein, ich hatte einen eintägigen Crashkurs, sonst nichts! Ich studiere Medizin. Wenn du Profis willst, dann stell Profis ein und spar kein Geld mit Tempstaff-Leuten.› Aber das konnte ich ja nicht sagen. Also schwieg ich und räumte die Scherben zusammen. Nachher sagte mir eine andere Angestellte: ‹Reg dich nicht auf. Die sind reich, die müssen nicht nett sein.›»

Nicht zu kritisch, nicht zu sensibel

Roger Federer und Dominique Gisin werden Sportler und Sportlerin des Jahres. Der zweite Gang wird serviert: dünne Scheiben von hausgebeiztem Hirschrücken an leichter Kürbisvinaigrette, feinem Engelshaar und Crôutons vom Brioche. Mittlerweile ist das Lächeln ein Krampf. Gleichgültigkeit stellt sich ein. Es gibt kein Bier mehr für den Credit-Suisse-Vertreter am Stehtisch beim Ausgang? Egal. Das Mineral ohne Kohlensäure ist ausgegangen? Was solls. WOZ-Kolumnist Pedro Lenz steht am Rand des Raums – er hatte die Laudatio auf den Trainer des Jahres gehalten. Blöderweise steht Lenz die ganze Zeit genau vor dem Vorhang, hinter dem ich Flaschen entsorgen muss. Jedes Mal versuche ich, so unauffällig wie möglich um ihn herumzuschlüpfen. Wenn ich hinter dem Vorhang verschwinde, stehe ich einfach ein paar Sekunden bei der Kühltruhe und denke nichts. Draussen sind alle Gläser voll, und das Geschirr wurde bereits abgeräumt. Trotzdem raffe ich mich auf, drehe Runde um Runde in der Hoffnung, vielleicht doch noch ein leeres Tässchen zu erspähen. Es arbeiten viel zu viele Leute. Mit Serviceprofis bräuchte es halb so viel Personal, denke ich.

Daniela hat im Gegensatz zu Linda und Maria ihre Zeit bei Tempstaff in positiver Erinnerung. Sie hatte zwei Jahre im Service und zwei Jahre im Büro gearbeitet, wo sie für die Personaladministration verantwortlich war. «Service ist anstrengend. Es ist wie mit jedem anderen Job: Nicht alle Tätigkeiten sind auf dich zugeschnitten. Wenn dir die Regeln in der Gastronomie nicht entsprechen, dann arbeite nicht dort.» Man dürfe halt nicht zu kritisch oder zu sensibel sein und müsse auch Anlässe wie Fifa-Feiern oder Ueli Maurers Bundesratsfeier in Kauf nehmen. Im Service müsse man sich eine dicke Haut zulegen. «Einmal fragte ich einen Gast, ob er noch einen Wunsch habe. Er meinte: ‹Schmüsele.› In solchen Situationen habe ich mir vorgestellt, ich sei eine Schauspielerin. So konnte ich cool bleiben und zurückgeben: ‹Das gehört nicht zu unseren Dienstleistungen.›» Die Zeit bei Tempstaff sei zwar anstrengend gewesen, aber sie habe gelernt anzupacken.

Das Dessert wird aufgetischt: marinierte Zitrusfrüchte mit Granatapfel, Macarons, Griessflammeri mit Zwetschgenröster. Danach verschwinden die ersten Gäste, andere halten sich hartnäckig noch einige Stunden an der Bar. Erst um 3 Uhr ist das Studio 5 leer. Der Moderator Rainer Maria Salzgeber ist einer der Letzten, die sich auf den Nachhauseweg machen. Einige Angestellte räumen die Bars aus, verstauen das Geschirr im Lastwagen, sammeln die Blumen und Kerzen ein. Ich kratze die silberne Folie von den Tischplatten. Der Klebstoff brennt unter den Fingernägeln. Die Füsse schmerzen.

Niemand spricht mehr. Um 3.30 Uhr wird vom Dienst ausgecheckt. Zu erledigt, um uns richtig voneinander zu verabschieden, treten wir hinaus in die kühle Morgenluft.

Nachtrag vom 22. Januar 2014

Tempstaff-Mitarbeiterin freigestellt

Letzte Woche berichtete die WOZ über die Arbeitsbedingungen bei der Tempstaff AG, die Gastronomiepersonal für Events und Cateringeinsätze vermittelt. Die Tempstaff-Mitarbeiterin, die im Artikel als Maria auftritt, erhielt vier Tage nach Erscheinen des Textes die Kündigung. Das entsprechende Mail liegt der WOZ vor. Darin heisst es knapp: «Der Grund für die Kündigung ist, dass wir unseren Pool straffen müssen, weil in den kommenden Monaten weniger Einsätze zu vergeben sind. Wir bedauern, dass wir uns zu diesem Schritt gezwungen sehen.»

Laut Thomas Geiser, Professor für Arbeitsrecht an der Uni St. Gallen, ist eine solche Kündigung per Mail wirksam. Sie wäre aber missbräuchlich und es könnte eine Entschädigung geschuldet sein, wenn ein unzulässiger Grund vorläge. Der Kontakt zu Medien wäre ein solcher. Bei Tempstaff heisst es, man wisse nichts vom Artikel. Im Januar seien noch andere Leute entlassen worden – wegen mangelnder Aufträge. Wie viele, wolle man nicht kommunizieren. Laut Geiser müsse auch bei Temporärarbeit bis Ende der Kündigungsfrist Lohn ausbezahlt werden. Da die Arbeit hier auf Aufträgen basiert, müsste man entweder ausrechnen, was die gekündigte Person durchschnittlich pro Monat verdient hatte, oder man müsste die Gelegenheit bieten, bis Ablauf der Frist weiterzuarbeiten. Wie Tempstaff ihren gekündeten Angestellten Lohn bezahlen wird, ist unklar. Darüber wolle man keine Auskünfte erteilen.

Nina Kunz

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