Nr. 17/2007 vom 26.04.2007

Darfs ein bisschen mehr Musse sein?

Musikhören und Gamen gehören zwar zur Selbstverwirklichung - aber bezahlte Arbeit tut dies noch viel mehr. Sie könnte bald ein veraltetes Modell sein.

Von Peter Schallberger

Sind wir, was wir arbeiten? Oder erfinden wir uns dauernd neu, indem wir immer andere Lebens- und Berufswege wählen? Und überhaupt: Warum arbeiten wir so viel?

Seit längerem vollziehen sich in der Gesellschaft tief greifende Umwälzungen. Regeln werden flexibler, Sicherheiten schwinden, Angestammtes verliert seine Verbindlichkeit. Einige ZeitdiagnostikerInnen behaupten gar, die gesellschaftlichen Strukturen hätten sich mittlerweile weitgehend aufgelöst: Wirtschaftliche, politische oder soziale Ordnungsfaktoren würden die individuelle Lebensgestaltung kaum mehr einschränken - oder gar bestimmen. Dieser Diagnose haftet etwas Schillerndes an. Gerne wird denn auch von Entgrenzung und Unbestimmtheit gesprochen und von den unzähligen Möglichkeiten und Chancen, die sich uns bieten.

Gedichteschreiben oder Kiffen

Und das macht die Diagnose zu einem Problem: Ihr Erfolg in den Feuilletons lässt es mittlerweile als ein für SoziologInnen unschickliches, wenn nicht gar peinliches Unterfangen erscheinen, sich für diejenigen gesellschaftlichen Aspekte zu interessieren, die in den vergangenen Jahrzehnten erstaunlich stabil und unverändert geblieben sind. Besonders mitleidig beäugt werden diejenigen FachvertreterInnen, die sich mit Fragen der Reproduktion sozialer Ungleichheit befassen; also beispielsweise mit der Frage, weshalb sich der Sohn des Anwalts auch heute noch mit viel grösserer Wahrscheinlichkeit für ein Studium der Betriebwirtschaftslehre als für den Beruf eines Dachdeckers entscheidet oder weshalb es weiterhin überproportional unwahrscheinlich bleibt, dass die in der Schweiz aufgewachsene Tochter des albanischstämmigen Bauarbeiters Professorin für Kunstgeschichte wird.

Weitgehend stabil ist auch die Erwartung geblieben, dass junge Menschen einen Beruf erlernen und später ihren Lebensunterhalt durch Erwerbsarbeit bestreiten. Vielleicht ist sie heute sogar rigider als jemals zuvor. Wehe dem Vierzehnjährigen, der verlauten lässt, er erblicke für sich im Gamen, Gedichteschreiben, Kiffen oder Musikhören langfristig die grösseren Selbstverwirklichungspotenziale als in der mühseligen Unterordnung unter das Regime einer neurotischen Lehrmeisterin!

Unverdientes Glück

Die Zahl der gesellschaftlich als legitim erachteten Möglichkeiten, für sich einen Ort in der Gesellschaft zu finden und sich von da aus so etwas wie eine Identität aufzubauen, ist weiterhin klein. In erster Linie ist das die Existenz als Berufsmensch. Akzeptiert ist zudem das Leben als Klosterfrau oder Mönch, als KünstlerIn (allerdings nur, wenn ein Werk vorgewiesen werden kann) oder als Mutter und Hausfrau (wobei der Legitimationsdruck auf Letztere stetig zunimmt).

Wer die erforderlichen Mittel hat, kann sich selbstverständlich auch für etwas anderes entscheiden. Er oder sie wird dabei freilich ähnliche Erfahrungen machen wie diejenigen, die sich nicht aus Lust, sondern aus Not ausserhalb der vorgegebenen Bahnen bewegen, beispielsweise aufgrund von Invalidität oder Arbeitslosigkeit. Selbst wenn dabei keine direkte Stigmatisierung oder Missachtung erlitten wird, werden Selbstzweifel aufkommen.

Quälend ist für die einen die Frage: Habe ich denn tatsächlich alles unternommen, um für die heutige Arbeitswelt fit zu werden oder fit zu bleiben? Quälend für die anderen die Frage: Wie kann es denn sein, dass ich glücklich bin, indem ich einfach nur über das Leben nachdenke, indem ich mich in einen Text vertiefe, indem ich den Vögeln zuschaue, indem ich schöne Gespräche führe? Kann ein Leben sinnerfüllt sein, das statt greifbarer Werke einzig Erinnerungsspuren hinterlässt? Just in diesem gesteigerten Legitimationsaufwand, der sich sowohl nach innen als auch nach aussen richten kann, bestätigt sich die Kraft von gesellschaftlichen Erwartungen.

Riesige Vermögen

Dass Erwerbsarbeit weiterhin wie selbstverständlich als der Königsweg sowohl der individuellen Bewährung als auch der Positionierung in der Gesellschaft gilt, erscheint auf den ersten Blick vollkommen logisch. Wer sich ernähren, kleiden, einrichten und vergnügen will, muss Geld verdienen. Aber weshalb eigentlich ist heute die Erzielung eines Einkommens weiterhin an die Erwerbsarbeit gekoppelt?

Das gängige Argument lautet, dass nur ein Auskommen haben soll, wer einen Beitrag zur gesellschaftlichen Wertschöpfung leistet. Diese Begründung wird jedoch zunehmend brüchig. Zuerst einmal gilt die Formel «Ohne Erwerbsarbeit kein Einkommen» längst nicht mehr für alle. Der Umstand, dass einzig durch das Glück der Geburt immer mehr Menschen riesige Vermögen besitzen, ist mit dem Selbstverständnis westlicher Gesellschaften als Leistungsgesellschaften nur schwer vereinbar. Des Weiteren werden immer grössere Anteile der Wertschöpfung nicht mehr durch Menschen, sondern durch Maschinen und Automaten erbracht. Auch hier liesse sich fragen, wem diese gewissermassen herrenlosen Erträge denn eigentlich zustehen.

Und drittens handelt es sich bei der heutigen Gesellschaft in einem viel umfassenderen und viel frappierenderen Sinn, als gemeinhin gemeint wird, um eine Gesellschaft von Schmarotzern, Rentnerinnen und Profiteuren. Beschämend mickrig ist beispielsweise der Beitrag, den der CEO eines Weltkonzerns zum Gewinn seines Unternehmens leistet. Die entscheidenden Leistungen haben Generationen von Menschen vor ihm erbracht: Mittelalterliche Bäuerinnen und Handwerker, die Wälder rodeten und Städte bauten; Bürgerinnen und Gelehrte, die Universitäten gründeten; Mütter und Väter, die Kinder grosszogen; unternehmerische Menschen, die produktive Infrastrukturen aufbauten; Heerscharen Werktätiger, die sich abrackerten und so den Koloss erst zum Laufen brachten. Die Erträge aus all diesen längst abgeschriebenen Werten, die sich niemandem spezifisch zurechnen lassen, würde bei weitem ausreichen, um jedem und jeder Einzelnen bedingungslos ein garantiertes Grundeinkommen auszubezahlen.

Wenn Reiche nicht flanieren

ÖkonomInnen befürchten, dass sich mit der Einführung eines Grundeinkommens die Betriebe entleeren würden, weil jeglicher Anreiz zu arbeiten wegfiele. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Dass Menschen in westlichen Industriegesellschaften mit dem Beruf die Vorstellung eines einigermassen vernünftigen, im besten Fall auch sinnerfüllten Lebens verbinden, hat sowohl mit gesellschaftlichen Zwängen als auch mit ökonomischen Anreizen im Grunde sehr wenig zu tun. Wer beispielsweise trotz eines ererbten Vermögens nicht zum Flaneur wird, sondern weiterhin arbeiten geht, tut dies schlicht aufgrund eines inneren Antriebs.

Dieser Antrieb ist freilich nicht psychologischen, er ist vielmehr kulturellen Ursprungs. In seiner berühmten Abhandlung «Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus» ging Max Weber vor knapp hundert Jahren der Frage nach, weshalb sich ab dem 16. Jahrhundert die für den Kapitalismus charakteristische «rationale Dauerunternehmung» ausschliesslich im Westen etablieren konnte. Denn die wissenschaftlichen, klimatischen und ressourcenmässigen Voraussetzungen hätten auch anderswo in der Welt existiert. Weber führt diese Sonderentwicklung auf das Wirken einer spezifischen Wirtschaftsmentalität zurück, die jenen tüchtigen Menschen hervorgebracht hat, der sich auch dann weiter abmüht, wenn für ein Leben in den gewohnten Bahnen längst genügend da ist; der nach Grösse, Gewinn und Expansion strebt; der nicht verprasst, sondern reinvestiert; der sich mit strenger Disziplin allmorgendlich neu ins Getriebe einklinkt.

Genussmenschen ohne Herz

Weber erklärt diesen Sachverhalt religionssoziologisch: Unter den grossen Kulturreligionen sei das Christentum (und hier insbesondere der Protestantismus) diejenige, bei der das Erlösungsversprechen und das Versprechen auf die Überwindung des Todes in einem ewigen Leben an den Heilsweg einer nicht ausser-, sondern innerweltlichen Askese gekoppelt seien. Nicht durch ein kontemplatives oder meditatives Einswerden mit der göttlichen Macht sei hier das ewige Seelenheil anzustreben, sondern durch die treue und gewissenhafte Erfüllung der Berufspflicht (Luther) oder durch die nie auf Gewissheiten stossende Suche nach Zeichen der eigenen Auserwähltheit im wirtschaftlichen Erfolg (Calvin).

Längst hat sich das Bestreben, sich durch Berufsarbeit zu bewähren, gegenüber diesen religiösen Ursprüngen verselbstständigt - einige versprechen sich von ihr Selbstverwirklichung und damit mittlerweile gar ein diesseitiges Seelenheil. Wiederholt wurde in der Vergangenheit die Befürchtung geäussert, der kapitalistische Betrieb werde erstarren, wenn von dem ursprünglichen Bewährungsgedanken nur noch ein primitives, ökonomistisches Maximieren von Gewinnen und Einkommen übrig bleibe. Weber selbst skizzierte das Szenario, der Kapitalismus könnte sich dereinst in ein «stahlhartes Gehäuse der Hörigkeit» verwandeln, dessen oberste Etagen von «Fachmenschen ohne Geist, Genussmenschen ohne Herz» besetzt werden: «Dieses Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben.»

Ein Klima der Unlust

Ein etwas anderes Szenario lässt sich aus den Fallanalysen zu Selbstbildern und Arbeitsethiken junger Erwerbstätiger herleiten, die unlängst die Berner Soziologin Caroline Bühler vorgelegt hat. Ökonomische Restrukturierungen, die auf Effizienzsteigerung ausgerichtet sind und dabei traditionelle Berufs- und Arbeitsethiken aufseiten der Werktätigen missachten, schaffen nicht nur ein Klima der Unlust. Sie bewirken auch, dass der Beruf immer weniger eine Quelle von Identität ist. «Die Erwerbstätigkeit wird von manchen Interviewten als ein sinnstiftendes Zentrum des Lebens dargestellt. Nicht mehr so arbeiten zu können, ‹wie es richtig wäre›, verunsichert und führt zu Motivationsproblemen.» - Dann betätigten sich also die liberalen Antreiber, Panikmacher und Sanierer als Totengräber des Kapitalismus?

Glücklicherweise sind nebst einer erfüllenden Berufsarbeit auch alternative Formen der Selbstverwirklichung denkbar. Indes: Aufgrund der fortwährenden gesellschaftlichen Ungleichheit stehen diese längst nicht allen zur Wahl. Ausserdem ist es aufgrund der tief sitzenden kulturellen Prägung durch die protestantische Leistungsethik möglicherweise gar nicht so einfach, sein ganzes Glück in der Musse zu finden.

Zum Autor

Der 38-jährige Soziologe Peter Schallberger ist Dozent an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in St. Gallen. Er forscht unter anderem zu gesellschaftlichen Strukturumbrüchen und deren Auswirkungen auf die Identität.

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