Nr. 19/2007 vom 10.05.2007

Der Kampf am Berg

Wer den historischen Felsenweg am Bürgenstock entlangwandert, dem eröffnet sich ein einmaliges Panorama. Doch dieser Ausblick hat seinen Preis. Bericht von den Bauarbeiten in den senkrechten Wänden über dem Vierwaldstättersee.

Von Corinne Buchser

Am letzten Samstagmorgen war es endlich so weit: Das erste Stück des legendären Höhenwegs am Bürgenstock wurde nach einer umfassenden Sanierung wieder geöffnet. Allerdings nicht für lange: Bereits am Nachmittag ist ein rund fünfzehn Meter langes Stück des Wegs in die Tiefe gedonnert. Nun ist er wieder zu, der Felsenweg, gesperrt. Es ist nicht das erste Mal. Der Felsenweg hat eine turbulente Geschichte.

Wie eine Rakete ragt der spitze Metallturm über der Nordflanke des Bürgenstocks in den Himmel: Der über hundertjährige Hammetschwand-Lift, lange der schnellste Aufzug der Welt, ist eine tollkühne Pionierleistung der Belle Époque. Der Lift startet auf einem dem Fels abgerungenen Weg über dem Vierwaldstättersee und saust dann 153 Meter die schroffe Felswand hinauf zur Hammetschwand, dem höchsten Gipfel des Bürgenstocks. In diesem Lift soll sogar James-Bond-Darsteller Sean Connery gezittert haben. Doch hier sind an diesem Tag trotz traumhaften Frühlingswetters keine TouristInnen anzutreffen. Stattdessen hängt neben dem Metallturm ein Mann im Seil, ein orangefarbener Punkt im Grau der Steilwand. Die Beine gegen den Fels gestemmt, in der Hand einen grossen Bohrer, bringt er sich von Zeit zu Zeit mithilfe von ein paar zwischen dem Gestein spriessenden Grasbüscheln in die richtige Position. Unter ihm taucht ein zweiter orangefarbener Punkt auf. Bohrlärm, Rufe.

Freizügige Brünette, Steinschläge

Einige Schritte weiter vorn, dort, wo sich sonst AusflüglerInnen auf der kleinen Aussichtskanzel drängen, steht eine blaue Baubaracke - halb auf der Felsnase, halb auf der darüber hinausragenden Plattform, so, als würde sie im nächsten Augenblick in den Abgrund, ins ferne Blau des Vierwaldstättersees, hinunterkippen. Hier geht es fünfhundert Meter senkrecht hinunter. Das Panorama von der Baubaracke aus ist spektakulär: Wie riesige Tentakel greift der See ins Land. Rechterhand die Rigi, linkerhand Luzern, nur als vager Fleck erkennbar. Dahinter verlieren sich sanfte Hügel im Dunst. Unendliche Weite, unendliche Grösse.

Die Tür der Baracke ist geöffnet, an der Wand hängt ein Kalenderbild mit einer freizügigen Brünetten. Hier ist das Basislager der sechs Felssicherungsspezialisten der Gasser Felstechnik AG, die zurzeit am Bürgenstock stationiert sind. Der Felsenweg, ein Bergweg auf gerade mal tausend Metern Höhe, auf dem jährlich rund 60 000 SpaziergängerInnen flanieren, ist wegen Sanierungs- und Unterhaltsarbeiten gesperrt. Die Baustelle - die über 2,5 Kilometer lange Höhenpromenade - ist exponiert, mitten in der Wand draussen. «Wir befinden uns hier in einem sehr sensiblen Bereich. Die Arbeit in dieser hohen Felswand ist relativ heikel, weil sich der Berg immer wieder bewegt. Am meisten Respekt haben wir vor dem Steinschlag», sagt der 38-jährige Ruedi Degelo, Leiter der Abteilung Felssicherung. «Hier oben sind die richtigen Leute das A und O.» Bergtauglich müssten sie sein, wie Degelo, Extrembergsteiger und ehemaliger Zimmermann, erklärt. Männer, die wissen, bis wohin man gehen kann. «Kamikazetypen sind hier fehl am Platz.» Weshalb entschied er sich für ein Leben in der Senkrechten? «Es ist die Faszination für den Fels. Die braucht es, denn die Felssicherung ist ein knochenharter Job.»

Zwei Männer sind daran, den unberechenbaren Berg beim Lift zu bändigen. Hier entsteht eine neue Steinschlagverbauung, um das Risiko «auf ein akzeptierbares Mass zu verringern», wie es in einer Medienmitteilung der Baudirektion der Stadt Luzern heisst. Im Waldstück daneben reinigen drei gesicherte Männer den Fels, klopfen mit ihren Hebeisen Meter für Meter den Berg ab, schlagen oder ziehen lockere Steine heraus. Diese prasseln den Hang hinunter, schlagen zum Teil mit einem dumpfen Geräusch auf dem darunterliegenden Felsenweg auf.

Flanierende mondäne Hotelgäste

Die Bahnstation des Hammetschwand-Lifts ist verwaist, vor der Kasse steht allein die Büste von Franz Josef Bucher-Durrer: Der Obwaldner Tycoon gründete nicht nur einen Nobelkurort auf dem Bürgenstock für die Reichen und Berühmten. Er eroberte nicht nur den bis dahin unberührten Hügelzug, der wie ein dunkles Ungeheuer aus dem See ragt, sondern liess auch den Felsenweg und den Hammetschwand-Lift bauen. Eine Felsenpromenade im Schatten der Nordflanke - ursprünglich war der Weg mit einer Stahlkonstruktion richtiggehend aussen am Fels aufgehängt -, für die mondänen Hotelgäste so angenehm zu begehen wie eine Flaniermeile in Paris, London oder New York. Nach fünfjähriger Bauzeit wurde der Panoramaweg 1905 eröffnet.

Der Felsenweg, der im Inventar der historischen Verkehrswege von nationaler Bedeutung figuriert, hat eine Chronik von Schliessungen und Sanierungen. Erst 1991 - pünktlich zum 700-Jahre-Jubiläum der Schweizer Eidgenossenschaft - konnte der Weg nach umfassenden Sanierungen erstmals seit rund zwanzig Jahren wieder in seiner ganzen Länge eröffnet werden. Ermöglicht wurde das durch die 1990 gegründete Stiftung Felsenweg. Zu den Stiftungsratsmitgliedern gehören die Bürgenstock Hotels & Resort (die Luxushotels auf dem Bürgenstock wurden im Jahr 2000 von der Investorengruppe Richemond Holding SA, heute Rosebud Héritage SA, übernommen. Sie sind seit Ende letzten Jahres geschlossen und sollen für über hundert Millionen Franken erneuert werden). Auch die Kantone Luzern und Nidwalden sowie die umliegenden Gemeinden sind vertreten, federführend ist die Stadt Luzern. Präsidiert wird die Stiftung von Stadtrat und Baudirektor Kurt Bieder persönlich.

Die Schlüsselstelle

Nachdem bereits 1999 der Sturm Lothar an der Nordflanke gewütet hatte, machte 2001 ein schwerer Felssturz, der die Gipfelterrasse auf der Hammetschwand mit sich riss, das hintere Wegstück erneut unpassierbar. Gemäss Guerino Riva, Projektleiter Stadtentwässerung beim Tiefbauamt der Stadt Luzern und Projektleiter der Stiftung Felsenweg, kosten die neuen Sanierungsmassnahmen rund 2,1 Millionen Franken. Sie beinhalteten neben einem neuen Tunnel im Felssturzgebiet auch neue Steinschlagschutzeinrichtungen, eine neue Aussichtskanzel und die Erhaltungsarbeiten an der alten Wegführung. Die öffentliche Hand zeigte sich mit einem Beitrag von rund 1,5 Millionen Franken spendabel. Auch die Fachstelle für den Bereich «Schutz der historischen Verkehrswege» des Bundesamts für Strassen (Astra) leistete einen wesentlichen Beitrag. Im Juni 2006 hat die Gasser AG die rund zehnmonatigen Sanierungsarbeiten beendet. Im November 2006, nur rund viereinhalb Monate nach der Wiedereröffnung, gab es wieder einen Felssturz. Nun also beheben Gassers Mannen die Folgen dieses Blocksturzes. Die Baustelle bietet einen skurrilen Anblick: Direkt an der Felswand steht eine Parkbank mit elegant geschwungenen Beinen - und genau davor klafft ein grosses Loch im Weg. Zwei Meter daneben liegt ein rund drei Tonnen schwerer Felsbrocken, der unter sich die Eisenstange des Geländers begraben hat. Die restlichen Tonnen der rund sechzig Meter breiten, abgegangenen Bergmasse liegen irgendwo weiter unten. «Das ist die Schlüsselstelle», sagt Degelo lachend. Tief unter ihm wirft der Fels einen schwarzen Schatten auf den See.

Folgen der Klimaerwärmung

«Weder wir noch der Geologe haben hier so etwas erwartet. Wir dachten immer, es tätsche sonst wo», sagt Degelo und blickt zum Berg hinauf, zum zerstörten Steinschlagschutzdach, das erst kürzlich gebaut wurde. «Wenn uns etwas Bauchweh macht, dann sind es solche Sachen», sagt Degelo mit ernster Stimme. Ein halbes Jahr vor dem Felssturz hätten sie wochenlang an ebendieser Stelle gearbeitet. «Das gibt einem schon zu denken.» «Fazit ist», heisst es in der Medienmitteilung der Baudirektion der Stadt Luzern vom Dezember 2006, «dass dieser Blocksturz ein nicht vorhersehbares Ereignis ist und als Restrisiko zu tolerieren ist.» «Niemand von uns hat Radaraugen - das Restrisiko bleibt, mit dem muss man leben können», sagt Riva. «Einen todsicheren Bergweg gibt es nicht.»

Steinschlag und Felsstürze hat es am Felsenweg immer gegeben. Doch haben diese Ereignisse durch die Klimaveränderung in den letzten Jahren zugenommen? Dem für den Felsenweg zuständigen Geologen Beat Keller scheint es, dass seit den Stürmen Vivian und Lothar eine «Häufung der Ereignisse» eingetreten sei. Der schwindende Permafrost könne sicher nicht für die möglicherweise gehäuften Steinschläge verantwortlich gemacht werden, da der Bürgenstock weit unterhalb der Permafrostgrenze liegt. Möglich sei jedoch, dass als Folge der Erwärmung vermehrt Frostwechsel, sogenannte Gefrier-Auftau-Zyklen, stattfinden, die dem Gestein zusetzen könnten.

Der Geologe Hans Rudolf Keusen, bei dem die Stiftung nach dem Blocksturz vom November 2006 ein Gegengutachten eingeholt hat, jedoch sieht am Bürgenstock «keine Verbindung zur Klimaerwärmung». Für die Zukunft des Felsenwegs hat er diesbezüglich keine Bedenken. «Es gibt heute nicht mehr Probleme als früher. Bei Gewitter und Sturm besteht sicher ein erhöhtes Risiko, doch das sind Einzelereignisse.»

War der Klimawandel, der eventuell eine Zunahme von solchen Einzelereignissen mit sich bringen könnte, bei der Sanierungsplanung je ein Thema? Riva verneint. «Starkwind und starke Regenfälle helfen ganz sicher mit, dass das ganze Gefüge ein bisschen zum Problem wird. Doch wir werden ein Warnschild aufstellen, dass bei Gewitter und Starkwind erhöhte Steinschlag- und Sturzholzgefahr besteht.»

Wald nicht bewirtschaftet

Auf dem Weg stolpert man immer wieder über herumliegende Steine und Äste. Hindernisse, die der 28-jährige Baustellenchef Marco Rohrer, die Hände in den Hosentaschen, mit seinen Bergschuhen elegant in den Abgrund befördert. Es kommt die Stelle, an der 2001 der Felssturz passierte und an der mit einem neuen Tunnel die Gefahrenzone wieder passierbar gemacht wurde. Die Steinschlagverbauung beim Ausgang des Tunnels steht noch, doch keine Steine, sondern eine ganze Ladung entwurzelter Bäume hängt im Netz, durchbohrt es wie überdimensionale Pfeile. Ein Mahnmal an den Sturm Kyrill, der diesen Januar durchs Land zog. «All die Stürme sind Gift für so ein Objekt», so Degelo. Der Wald sei ein grosses Problem, er sei überaltert. «Rein wirtschaftlich gesehen, ist es in diesem Gelände ein Irrsinn, Forstmassnahmen durchzuführen.» Im Gegensatz zum Plateau des Bürgenstocks, das zum Kanton Nidwalden gehört, befindet sich die Nordflanke auf dem Boden der Stadt Luzern. Und diese hat den Wald nie mehr bewirtschaftet - trotz seiner wichtigen Schutzfunktion. «Der Wald war nie ein Thema. Erst jetzt ist er eines, wo sich die Probleme angehäuft haben», meint Projektleiter Riva. Im Nutzungsvertrag stehe zwar schon, die Stiftung sei für «Sicherheit und Unterhalt des Felsenweges und des Umgeländes» verantwortlich. Doch sei sie jetzt schon etwas überrascht, dass sie für das ganze Waldstück zuständig sein soll.

Es bleibt gefährlich

Nach dem nächsten Tunnel überraschte Ausrufe. Der Weg ist ein Stück weit zugeschüttet, kleine und grosse Brocken liegen herum. «Hier muss etwas Rechtes runtergekommen sein», entfährt es Rohrer. Er und Degelo schütteln den Kopf, blicken den Hang hinauf, um die Situation zu analysieren. Die stämmige Stütze der Steinschlagschutzeinrichtung liegt komplett verbogen auf der Felsnase ausgestreckt. Das müsse erst kürzlich passiert sein, als die Arbeiten wegen Schneefalls eingestellt werden mussten. Eine Baustelle mehr also.

Sicher ist der Felsenweg ein Publikumsmagnet und Prestigeobjekt, doch ist das ständige Instandsetzen langfristig aufrechtzuerhalten? «Für Luzern als Tourismusdestination ist der Felsenweg von grossem Interesse. Selbstverständlich steht man immer wieder vor der Frage: Haben wir da ein Fass ohne Boden?», sagt Projektleiter Riva. «Doch will man sämtliche Risiken umgehen, muss man den Weg schliessen. Denn nicht einmal in einem Tunnel ist man im Grunde genommen ganz sicher.»

Gleicher Meinung ist auch Geologe Keusen. «Es ist unmöglich, alle Risiken zu eliminieren, man muss an die Eigenverantwortung der Wegbenutzer appellieren.» Der Felsenweg sei vergleichbar mit anderen Bergwegen, wo mit gewissen Naturgefahren zu rechnen sei. Natürlich müssten die Betreiber für einen verhältnismässigen Schutz der BesucherInnen sorgen, die nötigen Vorsichtsmassnahmen ergreifen. Aber man müsse aufpassen, dass nicht amerikanische Verhältnisse entstehen würden, wo die Verantwortung einfach auf die Betreiber abgeschoben werden könne. «Das Projekt ist realistisch, ich würde jederzeit über den Felsenweg gehen - allerdings mit offenen Augen und Ohren und nie bei schlechtem Wetter.»

Für die notwendigen Arbeiten im Jahr 2007 hat die Stiftung gemäss Projektleiter Riva 480000 Franken budgetiert. Die Stiftungsratsmitglieder hätten davon 280 000 Franken zugesichert. Von den Bürgenstock Hotels, respektive der Rosebud Héritage SA, würden zu den bereits bezahlten 80 000 Franken nochmals 100000 Franken erwartet. Es fehlen somit 100000 Franken. Ein Gesuch beim Bund sei mündlich schon mal angemeldet. «Wir hoffen, dass wir wieder einen Beitrag erhalten», so Riva. Zusätzlich würde «bei weiteren Firmen um Sponsorenbeiträge gebettelt».

Die heilige Barbara

Diese Ankündigung scheint Hans Peter Kistler vom Bundesamt für Strassen, Bereich Langsamverkehr, nicht zu freuen. Die Gelder aus der Kasse «historische Verkehrswege von nationaler Bedeutung» seien grundsätzlich als einmalige Finanzhilfe zur Erhaltung und Pflege gedacht und nicht für den regelmässigen Unterhalt. Immerhin wurden erstmals Gelder für Sicherheitsmassnahmen zugesprochen - das sei kein Präjudiz für andere Schweizer Felsenwege, betont Kistler. Klar, der Felsenweg sei ein «Topobjekt von nationaler Bedeutung in der höchsten Schutzkategorie». Doch leider liege er in einer topografisch heiklen Zone. Seine Erhaltung müsse «bei jedem Naturereignis» neu beurteilt werden.

Tatsache ist, die Arbeiten sind gefährlich. Doch wer ist eigentlich für die Arbeitssicherheit am Felsenweg verantwortlich? «Planer und Geologen können kaum zur Rechenschaft gezogen werden, wenn etwas passiert», meint Degelo. «Die Verantwortung für die Arbeitssicherheit trägt die Firma Gasser primär allein.» Doch sie hätten bis jetzt Glück gehabt. Einmal sei ein Felssicherer im hinteren Teil des Wegs acht Meter tief gestürzt, doch er sei ohne schwere Verletzungen davongekommen.

«Unser oberstes Ziel ist es, dass abends jeweils alle wieder gesund nach Hause kehren», sagt Degelo. Das ist auch Rivas Wunsch. Er will deshalb vor der Wiedereröffnung des Felsenwegs eine Grotte mit einer heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute, in eine Tunnelwand einbauen lassen. «Sie ist mir bis jetzt dabei behilflich gewesen, dass nie ein Menschenleben zu Schaden kam, ich hoffe, dass das auch in Zukunft so sein wird.» Unbeweglich und ruhig liegt er da, der Berg, streckt seinen gezackten Rücken aus dem See. Doch wenn er sich regt, ist sein Grollen bis nach Weggis zu hören.

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