Nr. 19/2007 vom 10.05.2007

Gut und böse, Schuld und Sühne

Aufrechte SchweizerInnen fordern ein Minarettverbot. Die USA dagegen haben selbst nach dem 11. September 2001 keine antiislamische Politik. Ein Gespräch über den unterschiedlichen Umgang mit Religionen beidseits des Atlantiks.

Von Roland Fischer

Der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain hat sich unlängst, zum Klimawandel befragt, dahin gehend geäussert, dass wir die Pflicht hätten, «Sorge für Gottes Schöpfung zu tragen». Eine solche umweltpolitische Äusserung würde in Europa einiges Kopfschütteln auslösen, in Amerika hingegen gehört sie zur ganz alltäglichen Rhetorik von PolitikerInnen.

José Casanova, Professor für Religionssoziologie an der New Yorker New School University und gebürtiger Spanier, kennt sich aus mit solchen kulturellen Brüchen zwischen der alten und neuen Welt: «Die Umweltbewegung in Amerika ist tatsächlich stark religiös geprägt, dies ist ein oft gewählter Weg, um die Leute zu motivieren. Das Gleiche gilt übrigens für alle sozialen Bewegungen in Amerika.» Allerdings relativiert er den Befund eines grossen kulturellen Grabens sogleich: «Vor fünfzig Jahren hätte man solcherlei Äusserungen auch in Europa keineswegs ungewöhnlich gefunden.» Inzwischen hat Europa aber eine dramatische Säkularisierung der Gesellschaft erlebt, während in den USA nichts dergleichen geschehen ist.

Dass auch im politischen Diskurs gern auf religiös geprägte Wendungen, auf gut und böse, Schuld und Sühne, zurückgegriffen wird, ist demnach nicht bloss ein stilistisches Muster in der holzschnittartigen amerikanischen Rhetorik. Eine in den USA eklatant grössere Religiosität findet darin ihren ganz konkreten Ausdruck. «Wir haben eine Menge objektiver Daten; in Meinungsumfragen bezeichnen sich stets über neunzig Prozent der Amerikaner als gläubig. Vierzig bis sechzig Prozent gehen regelmässig in die Kirche. In Europa hat nur noch Polen ähnlich hohe Werte.» Die US-AmerikanerInnen, die sich als säkular bezeichnen, bilden eine verschwindend kleine Gruppe, einen etwas grösseren Anteil machen Menschen aus, die sich keiner Kirche zugehörig fühlen, sich aber als «spirituell» bezeichnen. Eine «Krise der Religiosität», wie sie in Europa spätestens seit den sechziger Jahren offensichtlich ist, hat es in den USA nicht gegeben. «Woran auch immer man es messen will, es gibt keinen Zweifel an der simplen Tatsache: Die Religiosität ist in Amerika sehr hoch, wahrscheinlich so hoch wie nirgends sonst auf der Welt.»

Während man in der US-amerikanischen Gesellschaft höchstens eine moderate Verschiebung hin zu einer nicht kirchlich gebundenen Spiritualität beobachten könne, «sind die Leute in Europa in der Nachkriegszeit in Massen zum Säkularismus konvertiert.» Casanova glaubt, dass der Grund dafür in einem kulturell bedingten Zwang zur Modernität liegt: «Die Leute in Europa glauben, dass sie, um modern zu sein, säkular werden müssen. Im Gegensatz dazu glauben die Leute in Amerika, sie müssten religiös sein, um moderne und gute Amerikaner zu sein. In Europa will man überhaupt und vor allem modern sein. Ich sehe das in Spanien, wo die Leute die Kirche verlassen haben, im Laufe einer einzigen Generation, schlicht weil sie gute und moderne Europäer sein wollten. Es ist ein soziologisches Phänomen, nicht eigentlich ein religiöses.» In den USA hingegen, hat Casanova gefunden, gehen Modernität und Säkularisierung nicht Hand in Hand. Mit der Annahme, dass das eine das andere bedinge, stehe Europa tatsächlich ziemlich allein da. «Es gibt nicht eine Modernität, es gibt vielfältige Modernitäten. Der Fundamentalismus beispielsweise ist in den meisten Fällen alles andere als ein Zeichen für Traditionalität. Das ist für uns Europäer schwer zu verstehen.»

Dass sich die USA als dezidiert religiöse Nation sehen, muss nun nicht unbedingt bedeuten, dass sie grössere Schwierigkeiten mit der islamischen Herausforderung als das säkulare Europa haben werden. Tatsächlich, meint Casanova, ist unter Umständen genau das Gegenteil der Fall. «Amerika ist eine sehr pluralistische Gesellschaft geworden und hat schon gelernt, das religiöse ‹Andere› zu akzeptieren.» Die USA sind der Inbegriff eines Einwanderungslandes (im Gegensatz zu Europa, das lange von der Emigration geprägt war und sich tatsächlich schwer tut mit der Idee, längst auch ein Ziel von Migrationsbewegungen geworden zu sein), und das hatte auch Auswirkungen auf den Umgang mit Religionen.

Im 19. Jahrhundert sahen sich die USA mit katholischen ImmigrantInnen vor allem aus Irland konfrontiert. Daraus resultierte eine starke antikatholische Bewegung, die sich bis ins 20. Jahrhundert hielt und auch dem Ku-Klux-Klan Nahrung bot. Die sogenannten NativistInnen wollten Vorrechte für die ProtestantInnen gegenüber den Neuankömmlingen durchsetzen. Es gab die verbreitete Überzeugung, dass Republikanismus und Romanismus zwei unvereinbare Konzepte darstellten - die heutige Diskussion darüber, inwiefern die Türkei europäisch sein könne, erinnert Casanova stark an die damaligen Abgrenzungsversuche. Die (schmerzhafte) Überwindung dieser Kluft bereitete die USA darauf vor, in der Folge eine weitere religiöse Gruppe zu integrieren: Im Laufe des 20. Jahrhunderts erweiterte sich das religiöse Selbstverständnis nochmals durch den Einbezug des jüdischen Glaubens. Das Resultat ist eine religiöse Pluralität, die durch keine Staatskirche repräsentiert wird - die amerikanische «Zivilreligion». Und weil dieses kulturell-religiöse Fundament nicht mehr allein christlich ist, war auch schon die Rede von einer «abrahamistischen Nation». Inzwischen ist es «ganz normal, dass an offiziellen Zeremonien ein katholischer Priester, ein protestantischer Pfarrer, ein Rabbi und ein Imam teilnehmen, um zusammen einen Segen zu sprechen oder Gebete zu halten.»

Europa hingegen hat niemals Erfahrungen mit der Inkorporation einer fremden Glaubensgemeinschaft gemacht, das kulturelle Fundament Europas ist nach wie vor einseitig christlich geprägt, unabhängig davon, wie religiös die Menschen tatsächlich noch sind. Beispielsweise wurden «in Europa die Juden im 20. Jahrhundert immer als Nichteuropäer gesehen, als Fremde. In Amerika sieht niemand die Juden als Fremde.»

Und die Anschläge vom 11. September 2001? Sicher, räumt Casanova ein, «9/11 hat etwas verändert, die Situation ist komplexer geworden. Doch als Reaktion auf die Anschläge mussten sich die MuslimInnen in Amerika zum ersten Mal als Gemeinschaft organisieren, um sich gegen die pauschalen Anfechtungen zu verteidigen. Der Prozess der Anerkennung hat sich dadurch letztlich, glaube ich, nur noch beschleunigt.»

Eine wichtige Rolle spielt dabei auch, dass ein grosser Teil der MuslimInnen in den USA (insgesamt sind es drei bis sieben Millionen - es gibt, da der Staat keine Erhebungen zur Religiosität durchführen darf, keine verlässlichen Zahlen) nicht ImmigrantInnen sind, sondern konvertierte AfroamerikanerInnen. «Es ist nicht möglich, den Islam als unamerikanische Religion zu charakterisieren. Darüber hinaus gibt es keine grossen sozioökonomischen Probleme, die eingewanderten Muslime sind eine kleine Minderheit, sie sind gut integriert und bilden ausserdem keine homogene Gruppe, gegen die man sich leicht abgrenzen kann wie zum Beispiel die Türken in Deutschland oder die Maghrebiner in Frankreich.»

Das Problem der USA mit dem Islam ist, da ist Casanova überzeugt, vor allem ein geopolitisches. Auch George Bush habe den Islam als Religion immer verteidigt gegen Anfechtungen diverser Hetzprediger. «Amerika hat keine antiislamische Politik. Es ging in diesem Konflikt nie um Religion.» Es sei interessant, findet Casanova, dass die These vom «Clash of Civilizations», der in Europa ein so breites Echo gefunden habe, in den USA mit grosser Skepsis betrachtet werde. Wie genau die Eingliederung des Islam in den USA aussehen wird, das ist für Casanova noch offen. «Alles ist möglich, aber ich sehe das ganz optimistisch im Vergleich zu Europa. Der Prozess der Anerkennung ist schon sehr viel weiter.»

Und die Ankunft des Islam im pluralistischen System der USA wird wiederum zurückwirken auf die globale islamische Gemeinschaft. «Wir wissen nicht, wie der Islam amerikanisiert wird. Es gibt verschiedene Modelle -wird er sich nach katholischem Vorbild unter eine Art Weltkirche gliedern, oder wird es viele kleine unabhängige Glaubensgemeinschaften geben wie bei den Protestanten?» Auf jeden Fall aber wird diese «Amerikanisierung» nicht nur im Landesinnern stattfinden, sie wird auch in den Heimatländern spürbar sein. «Wir sehen das heute sehr deutlich am Beispiel des Hinduismus. Die Art und Weise, wie amerikanische Hindus, beispielsweise im Silicon Valley, ihren Glauben praktizieren, hat einen grossen Einfluss auf das hinduistische Leben auf dem indischen Subkontinent.» In diesem Sinne dürften die USA tatsächlich eine wichtige Rolle bei der Transformation islamischer Gesellschaften spielen - allerdings nicht mit Waffengewalt, sondern durch die kulturelle Hintertür: «Eines ist klar: Die Art und Weise, wie sich der Islam in Amerika entfaltet, wird einen grossen Einfluss haben auf seine Entwicklung weltweit.»

Eine arabische Schule in New York?

Ein Konflikt rund um eine arabische Schule in New York bietet aktuelles Anschauungsmaterial zu José Casanovas These, dass die USA reifer mit der Herausforderung Islam umgehen als Europa. In Brooklyn sollte diesen Herbst die Khalil Gibran International Academy eröffnet werden, eine Sekundarschule, die die arabische Sprache und Kultur vermitteln will. Eine solche Schuleröffnung ist für New York an sich nichts Ungewöhnliches, ähnliche zweisprachig geführte Schulen gibt es zum Beispiel auch für die chinesische Bevölkerung in Manhattan.

Doch vor allem in den Kolumnen der Boulevardpresse wird seit der Ankündigung der Eröffnung scharf gegen die Schule geschossen. Die «New York Sun» schrieb, die Stadt verbeuge sich vor dem Islam und ziehe selbst zukünftige Radikale heran. Es wurde behauptet, in Brooklyn sei eine Medresse, eine islamische Religionsschule, im Entstehen begriffen. Darauf folgte ein Aufruf, vor das Regierungsgebäude zu ziehen und «diese Ungeheuerlichkeit zu stoppen».

Dass die Schulbehörde tatsächlich erwägt, die Eröffnung aufzuschieben und eventuell einen alternativen Standort für die Schule zu suchen, hat allerdings höchstens indirekt mit solchen antiislamischen Parolen zu tun. Die Schule sollte in einem bereits bestehenden Grundschulgebäude unterkommen. Der wesentliche Widerstand kommt von den Eltern, deren Kinder diese Grundschule besuchen. Sie fürchten, dass die Schule an ihre Kapazitätsgrenzen stossen würde, was Auswirkungen auf die Klassengrösse und Einschränkungen beim Freizeitangebot zur Folge hätte. Ausserdem sehen sie es nicht gern, dass ihre Kinder den Schulhof mit wesentlich älteren SchülerInnen werden teilen müssen (geplant ist ein Unterricht bis zum zwölften Schuljahr). Und weil sie davon ausgehen, dass die Kontroverse wohl noch weiter hochgekocht wird, haben sie auch gewisse Sicherheitsbedenken.

Doch sowohl die Behörden wie die Elternvereinigung distanzieren sich von den ideologischen Schlagzeilen. Die Multiethnizität New Yorks ist eine Tatsache, und der Bedarf an entsprechenden Schulen wird nur von HardlinerInnen angezweifelt. Ein Mitglied der Elterngruppe sagte gegenüber der «New York Times»: «Wir wollen mit der Boulevardpresse nichts zu tun haben. Die tun, was sie tun müssen, um eine hohe Auflage zu bekommen.»

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