Nr. 41/2010 vom 14.10.2010

Tiefgläubig, aber ahnungslos

Erleben wir die Rückkehr der Religionen? Der französische Soziologe Olivier Roy widerspricht einer gängigen These.

Von Yves Wegelin

Bärtige muslimische Konvertiten im Schweizer Fernsehen, wiedergeborene Christinnen, die auf US-Fernsehkanälen von ihrer Erleuchtung erzählen, Evangelikale, die abends im Stadtpark für den lieben Gott rocken: Erlebt die Schweiz, der Westen, vielleicht sogar die gesamte Welt eine Rückkehr der Religionen? Kommt nach dem säkularen Zeitalter eines der Religionen?

Ja, glauben auch hierzulande viele Menschen. Vor allem der Islam scheint eine besondere Bedrohung zu sein: Die Kantonsparlamente basteln an Burkaverboten herum, und die SVP hat es schon fast geschafft, die Menschen glauben zu machen, sie würden bald allmorgendlich vom Muezzin aus dem Schlaf geholt.

Säkularisierung sei Dank

Nein, sagt hingegen der Franzose Olivier Roy, einer der derzeit interessantesten und profiliertesten Religionssoziologen, in seinem jüngsten Buch. Seine These: Die aufstrebenden religiösen Strömungen stellen nicht die Säkularisierung der Gesellschaft infrage. Im Gegenteil: Sie sind ihr Produkt. Im selben Masse, wie die hiesige gesellschaftliche Kultur ihre christliche Verankerung verliert, flüchten sich einzelne Individuen in die neuen religiösen Bewegungen.

Was diese Strömungen auszeichne, sei ihre Autonomie gegenüber der gesellschaftlichen Kultur. Es handelt sich um pure, fundamentalistische Religionen. Religionen ohne Kultur.

Wie beispielsweise der salafistische Islam, zu dem etwa der Bieler Nicolas Blancho konvertierte, bevor er vor einigen Monaten mit seinen Aussagen zur Steinigung die Schweiz in Aufregung versetzte: Dem Salafismus fehlt nicht nur die Einbettung in die hiesige Kultur. Er ist auch als Antithese zur heutigen arabischen Kultur entstanden, die von den SalafistInnen als pervertiert, verdorben, im Zerfall begriffen angeprangert wird. Was wir erleben, sei weniger eine Rückkehr der Religionen, glaubt Roy. Diese seien durch ihre Entkoppelung von der Kultur nur sichtbarer geworden, und nicht zuletzt deshalb gäben sie so viel zu reden.

Folgt man Roys These, hat diese Entkoppelung erst ermöglicht, dass junge Schweizer wie Blancho zum Islam konvertieren, dass sich die Religionen ganz allgemein immer stärker globalisieren: Um SalafistIn zu werden, braucht man keine Kultur zu kennen und auch nicht den Koran in seinem kulturellen Kontext zu lesen. Man braucht bloss zu glauben. Heilige Einfalt nennt Olivier Roy dies.

Kein Wunder also, meint der französische Soziologe, dass sich derzeit besonders die Pfingstbewegung so schnell über den Erdball verbreitet. Keine andere religiöse Strömung ist derart gut auf die Globalisierung vorbereitet. Die Pfingstbewegung hat sich von jeglicher kulturspezifischen Sprache gelöst: Die Gläubigen reden in Zungen, in einer wirren Abfolge von Lauten. Der Glaube führt nicht mehr über kulturell verankertes Wissen. Er geht direkt ins Herz.

Identitäten auswählen

Bleibt die Frage: Besteht nicht dennoch die Gefahr, dass die neuen entkoppelten Religionen dereinst die gesellschaftliche Kultur zu beherrschen versuchen? Kaum, meint Roy. Die neuen Religionen präsentierten sich nicht als Gesellschaftsentwürfe, sondern als Identitätsgefässe, in denen sich vereinzelte Individuen rund um den Erdball zu entfalten suchten.

Damit nähert sich Roy der These des kanadischen Philosophen Charles Taylor über das «Zeitalter der Authentizität»: Wir leben in einem säkularen Zeitalter, in dem sich jedes Individuum auf einem globalisierten Markt von Überzeugungen und Lebensweisen seine eigene Identität aussucht (oder zumindest auszusuchen glaubt) – um es selbst zu sein, authentisch zu sein. Die neuen religiösen Strömungen sind einige Angebote unter vielen.

Diese Beobachtung widerspiegelt sich auch in der Sprache, die viele KonvertitInnen verwenden, um ihre Lebensweise zu verteidigen. Kein Wort von göttlichen Befehlen, welche die Gesellschaft zu befolgen hätte. Sie sprechen von freier Meinungsäusserung, von Selbstbestimmung, von freier Entfaltung. Aber kann das, was sich da entfaltet, nicht auch gefährlich sein? Darauf geht Roy – dem Untertitel der deutschen Ausgabe zum Trotz – kaum ein.

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