Nr. 24/2007 vom 14.06.2007

Das Basteln hört nie auf

Sie wohnen an der übelsten Ecke der Stadt Zürich. Und sie wohnen hier so gerne, dass sie keine Mühe scheuten, von MieterInnen zu BesitzerInnen zu werden.

Von Sina Bühler

Alles ist gut gekommen an der Hohlstrasse 149/151 in Zürich. Bislang jedenfalls, denn wer weiss schon, was im Quartier passieren wird, wenn gegen-über auf dem Areal des Güterbahnhofs das neue Zürcher Polizei- und Justizzentrum hingeklotzt wird. Die Lage des Hauses, die sei ja ohnehin schlimm genug, findet Mirjam Uster; da sind die Lastwagen auf der E41, die an der Seebahnstrasse am Rotlicht warten, daneben die Züge, die gen Süden rattern, dann die Hohlstrasse, dreispurig, in der Mitte das Tram. Mirjam Uster ist Hausmitbesitzerin an dieser Lage. Sie wollte unbedingt hier wohnen. In der «Genossenschaft Hohlraum», einem leuchtend rot gestrichenen Haus mit drei Stockwerken, grauen Fensterläden und einem Brockenhaus im Parterre.

BesucherInnen klingeln bei «WG», das hört man dann in der Küche. Die Tür zu diesem Raum ist aus Glas und feuersicher, und sie hat ein Gerät, bei dem man einen Zugangscode eintippen kann. Einen solchen braucht es hier allerdings nicht.

Es war im Herbst 1995, als die BesetzerInnen des Rosengarten 30 einen Häusertausch angeboten bekamen. Für 5000 Franken Miete sollten sie an der Hohlstrasse wohnen können. «Ein sauschlechter Vertrag», sagt die Jugendarbeiterin Mirjam Uster, nicht nur, weil alles versifft und vermüllt war. Die dringend notwendigen Arbeiten am Haus gingen nämlich zulasten der BewohnerInnen - anfangs waren es zwölf, ziemlich bald schon doppelt so viele. Die NeumieterInnen hätten alles repariert, viel umgebaut, auch Wände rausgehauen und manchmal mehr Schaden als Nutzen angerichtet.

Mirjam Uster war damals noch nicht dabei, sie ist erst drei Jahre später in die Gross-WG gezogen. Aber die ständigen Unsicherheiten und Probleme mit dem privaten Hausbesitzer hat auch sie noch miterlebt. Fünf Jahre lang sei es anstrengend gewesen, die Zukunft immer ungewiss. Und dann, 2000, wurde es richtig mühsam: «Wir wollten das Haus kaufen und gründeten die Genossenschaft Hohlraum. Aber der Besitzer hatte bereits andere Pläne: ein grosses Neubauprojekt mit zehn -Eigentumswohnungen», erzählt Mirjam Uster. Mit einer Ostschweizer -Investorengruppe wollte er einen Metallfassadenklotz hinstellen, mit Parkplätzen im Hof. Das Projekt wurde an einer Ausstellung des städtischen Hochbaudepartements gezeigt, im EWZ Selnau, unter dem Motto «Neustes Wohnen in Zürich». Standortmarketing, um gut Verdienende wieder in die Stadt zu locken. Rund fünfzig AktivistInnen, nicht nur aus der Hohlstrasse, störten die Vernissage, verlangten, die Stadt solle die Liegenschaft kaufen. Zuletzt flogen Eier auf den Stadtpräsidenten Elmar Ledergerber. «Diese Leute vertreten ein Thema, das wirklich eines ist», sagte Ledergerber damals den Medien.

Helfen mussten sich die MieterInnen dann doch selbst. Nur wie? Als BewohnerInnen des betroffenen Hauses konnten sie keinen Rekurs gegen das Bauprojekt einlegen. So: Die Hohlraum-Leute informierten ihre Nachbar-Innen. Und aus der städtischen Wohnsiedlung Erismannhof, gleich nebenan gelegen, kam tatsächlich Hilfe: AnwohnerInnen rekurrierten und bekamen in allen Punkten Recht. Der Neubauplan wanderte in die Schublade. Das mit den NachbarInnen ist kein Zufall, die Hohlraum-BewohnerInnen fühlen sich im Quartier richtig daheim.

2000 versuchte die Genossenschaft erneut, das Haus zu kaufen. Die Voraussetzungen waren besser als noch zwei Jahre zuvor. Die InvestorInnen sprangen nach und nach ab. «Der Vermieter hatte mit der Planung schon ziemlich viel Geld in den Sand gesetzt und wollte die Liegenschaft langsam loswerden», sagt David Schärer. Der Informatikstudent zog zu dieser Zeit ins Haus und wurde vor kurzem zum Präsidenten der Genossenschaft gewählt.

Für über eine Million Franken konnten die MieterInnen das Haus schliesslich übernehmen. Viel Geld. Geld, das sie mühsam zusammengekratzt hatten. Mit dem Verkauf von Anteilscheinen, mit Darlehen von Familien und FreundInnen kamen sie auf 240000 Franken Eigenkapital. Die - finanziell gesehen - grösste Unterstützung kam vom Schweizerischen Verband für Wohnungswesen (SVW). Der SVW lieh dem Hohlraum 200 000 Franken aus seinem Solidaritätsfonds, damit konnte eine Hypothek aufgenommen werden. Alles klappte plötzlich: Seit dem 9. Januar 2006 sind die MieterInnen HausbesitzerInnen.

Mit dem Geld konnten vor knapp einem Jahr auch die notwendigsten Renovierungsarbeiten angegangen werden. Die Genossenschaft stellte ihre eigenen Mitglieder als HandwerkerInnen an, und unter der Anleitung von Profis wurde gehämmert, gehobelt und gemalt. «Das Minimum nur», sagt David Schärer zwar. Doch das Minimum bedeutete schon einen Riesenaufwand, denn der ehemalige Besitzer hatte in den letzten fünfzig Jahren überhaupt nichts gemacht. Die Fassade musste dringend gestrichen werden, die ganzen Elektroinstallationen bedurften einer Erneuerung, die Treppenhäuser ebenfalls, die Waschküche musste komplett renoviert werden. Aus dem Umfeld gab es praktische Geschenke: Von den KollegInnen aus der Rüdigerstrasse kam die Feuerschutztüre, die jetzt die Küchentüre ist, vom inzwischen abgerissenen Nebenhaus, in dem sich das Restaurant Seebahn befand, konnten die Hohlraum-Leute Fensterläden erben.

Auf Geldsuche sind sie trotzdem noch immer. «Die ersten Darlehen laufen aus», sagt Mirjam Uster. Sie besuchen nun befreundete Genossenschaften, die ihnen bereits Geld geliehen haben oder das noch tun werden. Und David Schärer redet plötzlich von «Businessplänen». Grinsend tut er das, aber es ist ihm todernst, als Hausbesitzer mit einer Hypothek muss man das halt.

Die Hohlstrasse 149/151 ist aber eine WG geblieben, und das sei gut so. Immer wieder setzen sich MitbewohnerInnen an den grossen Küchentisch, schenken sich Kaffee ein, blättern durch die Zeitungen, rauchen eine Zigarette. «Es klappt einfach gut», sagt auch Silvia Ammirato, die wie Mirjam Uster seit 1998 hier wohnt. Nun, da die Verhältnisse geklärt sind, ist auch die Gruppe konstanter. Seit zwei, drei Jahren sind es fast dieselben BewohnerInnen, ab und zu kommen UntermieterInnen dazu, wenn jemand für eine Weile abwesend ist. «Aber seit wir wissen, dass wir das alles für uns selbst tun, seit klar ist, dass es ein bleibendes Projekt ist, gehören wir irgendwie zusammen», sagt Mirjam Uster.

Mirjam Uster hat 25 Mitbewohner-Innen. Sie teilen sich vierzehn Wohneinheiten, zwei Duschen, ein Gästezimmer mit Hochbett, eine neue Waschküche, einen Übungsraum mit Schlagzeug (im Keller), einen Garten (hinter dem Haus), ein Gemeinschaftsbüro, ein kleines Wohnzimmer, vollgestopft mit Sesseln, ein paar kleine Kochnischen und eine Grossküche. Der geräumige Raum ist rosa gestrichen, wirkt durchdacht und drum praktisch, und schön ist er auch. Wie in allen WGs spielt sich hier in der Küche das Gemeinschaftsleben ab. Gebaut wurde sie aber erst spät nach dem Einzug. «Die Mietverträge waren befristet», erzählt Mirjam Uster, alle ein bis zwei Jahre mussten sie erneuert werden. Da will niemand inves-tieren, da will sich niemand fix einrichten. Früher, als alles so auf der Kippe stand, blieben viele MitbewohnerInnen nicht lange im Haus. Sie hätten damals von einem Tag auf den andern vor der Türe stehen können. Heute leben fünfzehn Männer und elf Frauen im Haus - alle zwischen neunzehn und vierzig Jahre alt. Keine Kinder? Mirjam Uster und David Schärer lachen. «Noch nicht?», es ist eine Frage, keine Feststellung, denn die Zimmer sind klein, die Verhältnisse ohnehin schon eng. Er selbst würde mit Kind wahrscheinlich ausziehen, sagt Schärer.

Die Zimmer sind tatsächlich nicht gross, aber seit klar ist, dass sie nicht mehr kurzfristig ausziehen müssen, wurden die meisten sehr liebevoll renoviert. Früher hatte es noch mehr Ateliers, sie wurden nach und nach in Schlafzimmer umgewandelt. «Das Wohnen, das ist schliesslich unser Anliegen», sagt Mirjam Uster. Deshalb wurde die bisherige Mieterin der Ladenfläche im Parterre, wo das Brockenhaus ist, auch zur Genossenschafterin. Ihre Miete erhöhte sich dadurch. Teuer ist sie zwar noch immer nicht, aber allzu billig darf sie auch nicht sein. Denn es geht ums Prinzip: «Es kann ja nicht sein, dass wir mit den Mieten für Wohnraum das Gewerbe subventionieren», sagt David Schärer.

Vom Besetzen zum Besitzen: Die AktivistInnen des Hohlraums haben einen langen Weg hinter sich. Worin unterscheiden sie sich noch von den traditionellen Zürcher Genossenschaften? «Kleiner» und «jünger» fallen sofort als Stichwort. Oder dass das Projekt an eine gemeinschaftliche Wohnform gekoppelt sei. Die Selbstverwaltung. Und dann das ursprüngliche, ideologische Argument natürlich, die Wohnungsnot in der Stadt. Der Kampf gegen die HausbesitzerInnen, die nichts als den Maximalprofit im Auge haben. Es gebe wenige erfolgreiche Beispiele für den MieterInnenkampf, schreibt der Historiker Thomas Stahel in seiner als Buch veröffentlichen Dissertation «Wo-Wo-Wonige». Die Hohlstrasse 149/151 sei eines davon. Die Gründe dafür lägen auf der Hand: Die Logik des Wohnungsmarktes widerspreche den Anliegen der MieterInnen fundamental.

Und jetzt, wo sie gewonnen haben, hören sie auch nicht auf. Sie haben so viel Geld und Energie in das Haus gesteckt, dass sie noch die eine oder andere Idee umsetzen wollen. Das Projekt 2016 beispielsweise: Es sieht vor, dass auf dem Dach eine grosse Gemeinschaftsebene mit Terrasse und grossen Räumen entsteht. Man will eine Alternative haben zum engen, vollgestellten Schlauch im ersten Stock, den sie heute gemeinsam nutzen. Auch sollen die einzelnen Wohneinheiten eventuell abgetrennt werden könnten. «Es stellt sich schon die Frage, ob das ganze Haus eine Wohngemeinschaft bleiben soll oder irgendwann in einzelne Wohnungen aufgeteilt werden muss», sagen die drei am Küchentisch. Im Moment gehe es nicht anders, und das finden sie auch alle gut so.

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