14.02.2002

Geht die Rechnung auf?

Von Edith Krebs

Am zweiten Abend der Veranstaltungsreihe «Stand der Dinge. Neuestes Wohnen in Zürich» wurden am Eingang Eier verkauft: zum Preis von drei Franken das Stück, hart gekocht wohlverstanden: Ein Zeichen für den Humor der Veranstalter, die am Eröffnungsabend mit rohen Eiern beworfen wurden? Oder vielmehr ein Symbol für den schwer verdaulichen Gehalt des stadträtlichen Legislaturziels, in zehn Jahren 10 000 neue Grosswohnungen für gute SteuerzahlerInnen zu bauen?

Der Zeitpunkt der Veranstaltung ist optimal angesetzt. Dr. Elmar Ledergeber, Noch-Bauvorstand und künftiger Zürcher Stadtpräsident, hat knapp drei Wochen vor den Wahlen die Gelegenheit zu einer medienwirksamen Promotion seiner wirtschaftsfreundlichen Baupolitik genutzt, gesponsert von städtischen Institutionen. Zürich als Trendstadt zu verkaufen und damit im internationalen Standortwettbewerb möglichst vorteilhaft zu platzieren, das ist neben Ledergerbers politischen Ambitionen die Stossrichtung des von ihm lancierten Programms.

«Markt und Trends» hiess die erste von fünf Wohndebatten, an der vier Vertreter von Bauunternehmen plus ein Genossenschaftsmann ihre Anliegen und Analysen verbreiten durften. Das neue Prestige als Trendstadt verdanke Zürich zu einem guten Teil dem kulturellen Aufschwung, der in den letzten Jahren stattgefunden habe, so die einhellige Meinung. Doch wem verdankt die Stadt diesen Aufschwung? Nicht zuletzt der Street Parade und der boomenden Clubszene, also der (einstigen) Subkultur, da waren sich die Podiumsteilnehmer einig. Doch gerade für diese BewohnerInnen der Stadt Zürich, Katalysatoren des kulturellen und gesellschaftlichen Stadtlebens, wird der Raum immer knapper. Nachdem die ehemaligen Industriebrachen von Zürich West und Zürich Nord, bis vor kurzem die bevorzugten Wirkungsstätten nicht etablierter Kulturschaffender, als letzte Baureserven der Stadt profitorientiert umgenutzt worden sind, stehen nun Pläne an, heruntergekommene Altbauten zu schleifen. Zum Beispiel an der Hohlstrasse 149/151, heute Wohnstätte einer WG von rund 20 Leuten. Hier, an einer extrem verkehrsbelasteten Lage, soll ein neuer Wohnblock mit Stockwerkeigentum zur «Aufwertung» des bis anhin «unattraktiven» und deshalb billigen Kreis 4 beitragen (siehe WoZ Nr. 6/02, Seite 25). Die Protestaktion am Eröffnungsabend galt unter anderem diesem Projekt. Aber auch gegen den Abbruch des selbstverwalteten Kulturzentrums Egocity und der weiteren Häuser des Vierecks sowie gegen die mehrmals vom Zürcher Stimmvolk abgelehnte Kreuzplatz-Überbauung machte sich die Gruppe stark.

Offiziell haben unerwünschte Bevölkerungsgruppen, vom Podium maliziös als AAA (Alte, Arme, Ausländer) umschrieben, bei den Wohnbaudebatten nichts zu melden. Der Erhalt von billigem Wohnraum hat in der Stadt keine Priorität. Als soziales und ökologisches Vorzeigeobjekt für die ledergerbersche PR-Maschine «Stand der Dinge» darf dafür die Genossenschaft Kraftwerk 1 herhalten, die ohne jede städtische Unterstützung entstanden ist. Und wird so unter dem Label Wohnbauförderung vereinnahmt.

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