Nr. 26/2007 vom 28.06.2007

Männeraffin

Von Thomas Meister

Es war Lisa gewesen, die als Erste auf den TV-Sender gestossen war, und zwar bei einer Arbeit, die sie im Rahmen eines Gender-Studies-Seminars geschrieben hatte. Lisa fiel bei der Netzrecherche das Wort «männeraffin» auf, das sie zuvor noch nie gehört hatte. Tatsächlich musste sie kurz lachen, denn sie hatte erst «Männer-Äffin» gelesen, was zumindest aus Genderperspektive nicht ganz uninteressant war. Die weitere Suche führte sie auf die Website des Kanals «Deutsches Sportfernsehen», der sich da als Sender für «männeraffine Programme sowie reichweitenstarken Premium-Sport» anpries.

Ich vermutete von Anfang an, dass Lisa ihre Mitbewohner Ruedi und mich im Rahmen ihrer Studien testen wollte, als sie am selben Abend vorschlug, wir sollten doch einfach beim WG-Fernsehabend mal ein wenig DSF gucken. Sie stellte nach dem Essen eine Flasche Wodka auf den Tisch und war sehr darum besorgt, dass unsere Gläser immer voll waren. Wahrscheinlich dachte sie, so die Wirkung von männeraffinem Fernsehen besser prüfen zu können.

Nun, den Premium-Sportteil liessen wir aus, das kommt ja eh überall, und schalteten das TV-Gerät erst nach elf Uhr ein, als die Sendungen noch männeraffiner wurden. Ruedi setzte sich mit jener eigentümlichen Eleganz auf die Couch, die er immer nach dem Konsum von harten Drinks und veganem Essen an den Tag legte. Lisa, die sich heimlich Notizen machte, glaubte wohl, dies sei ein Ausdruck maskuliner Vorfreude, immerhin stand auf der Website des Senders: «Die männliche Zielgruppe ist die tragende Säule der Positionierung des DSF.» Ganz klar, Lisa wollte Säulen sehen. Doch irgendwie wurden ihre Erwartungen enttäuscht.

Bei einer Strip-Poker-Sendung bemerkte Ruedi enttäuscht, dass man ja gar nichts vom Spiel sähe und das viel langweiliger sei als «Cincinnati Kid». Und während der Clips, in denen sich Frauen auf Sportplätzen entkleiden, konnten ich und Ruedi feststellen, dass man dazu nicht schlecht Blindschach spielen konnte. Zwar kam kurz Aufregung auf, als man bei einem oben-ohne-moderierten Automarkenratespiel erfuhr, dass es mit dem «Arbenz» ein Auto gab, das wie ein ehemaliger Schweizer Flüchtlingsdelegierter hiess. Doch das Thema Männer-TV schien zu wenig Stoff für einen Exkurs in Lisas Arbeit abzugeben. Es mochte an den bescheuerten Dingen liegen, die wir in den letzten zwei Stunden gesehen hatten, oder auch daran, dass Ruedi und ich einfach nicht so affinierbar waren.

Wir schauten uns an, um zu entscheiden, was wir mit dem angebrochenen Abend noch machen sollten, als der Trailer zur Sendung «Car Stuck Girls» über den Bildschirm flimmerte. Wir blickten alle gleichzeitig auf den Fernseher und staunten. Plötzlich schien alles einen Sinn zu ergeben, das Ausharren, die Anstrengung, dem Gähnen neu Varianten zu verleihen, um wenigstens noch den Hauch einer Abwechslung in diesen Abend zu bringen. Wir waren offensichtlich Zeugen eines ganz besonderen Moments der Fernsehgeschichte, nämlich des Versuchs, die Ereignisdichte eines Wetterkanals noch zu unterbieten.

Und der Versuch schien gelungen: «Car Stuck Girls» handelt von Frauen, die mit ihren Autos stecken bleiben. Natürlich sind es Frauen, deren Kleidung das ist, was der Volksmund «sexy» nennt, aber das spielt keine Rolle. Es passiert in dieser Serie nichts anderes, als dass eben Frauen mit ihren Autos irgendwo stecken bleiben. Im Dreck, im Sand und im Schlamm. Die Anstrengungen, sich daraus zu befreien, sind dabei eher halbherzig. Offenbar scheint das Hauptanliegen zu sein, mit den durchdrehenden Rädern möglichst hohe Schlamm-, Dreck-, Sand- und Schneefontänen zu erzeugen und dabei den Tank zu leeren. Noch nie wurde ein Barrel Öl für einen geringeren Zweck gefördert! Das hier war die exakte mediale Antwort auf die Sinnlosigkeit unseres Daseins.

Ruedi brachte es auf den Punkt, als er nach den nächsten drei Folgen sagte: «Würde Samuel Beckett heute leben, dann hätte er nicht , sondern das Drehbuch zu dem hier geschrieben.»

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