Nr. 35/2007 vom 30.08.2007

Alpöhi im Kampfanzug

Eine Ausstellung in der Zürcher Shedhalle stellt Fragen zum Umgang mit dem «Faschistischen» und der SVP - und regt zum notwendigen Denken und Diskutieren an.

Von Stefan Howald

Die SVP treibt gegenwärtig mit ihren gesamtschweizerischen Plakaten zur Ausschaffungsinitiative die menschenverachtende Ausgrenzung voran und malt im Aargau die Alternative «Aarau oder Ankara» an die Wand. Gleichzeitig empört sie sich über ein Ausstellungsplakat, auf dem ihr Parteilogo in eine Reihe mit faschistischen Symbolen gestellt wird, bezeichnet dies als eine «Schweinerei der übelsten Sorte» und beantragt eine Subventionskürzung für die Rote Fabrik in Zürich, in der die Shedhalle beherbergt ist, die die Ausstellung «fascho!» zeigt. Das ist ein klassisches Beispiel jenes Verfahrens, das Susan Boos in der letzten WOZ beschrieben hat («Wir sind auch das Volk»): Wie sich die SVP als Täterin jeweils zum Opfer zu stilisieren vermag.

Hat das Kollektiv der AusstellungsmacherInnen mit dem «fascho!»-Plakat der SVP einen billigen Anlass geboten? Oder tappt eine solche Frage in die vielfältig gestellten Medien- und Diskursfallen?

Tatsächlich zielt die Ausstellung über die vordergründige Provokation hinaus. «Berichte aus dem Alltag» lautet der Untertitel, und gezeigt werden soll, wie Identitätskriterien ein- und ausschliessen, wie unser Alltag durchsetzt ist von ausgrenzenden, rassistischen Mechanismen, wie Alltagsästhetik und Nationalstolz reaktionär aufgeladen werden; und dabei sollen Ideologien, Politiken und Praktiken zugleich auf ihren latent faschistischen Gehalt überprüft werden.

Antifa entdeckt Foucault

Die AusstellungsmacherInnen vom Verein zur Förderung antifaschistischer Aktivitäten, rund zwanzig AktivistInnen, waren bislang in unterschiedlichen Zusammenhängen engagiert. Durch die Ausstellung «Brennpunkt Faschismus» im Berner Kornhausforum im Frühjahr dieses Jahres angeregt, entschieden sie sich, die eigenen Aktivitäten auszuweiten, thematisch wie in den formalen Mitteln.

Die in der Zürcher Shedhalle präsentierte Ausstellung ist in relativ kurzer Zeit in einem kollektiven Prozess entstanden. Sie gliedert sich lose in vier Abteilungen, unterlegt und eingerahmt von Grundsatzinformationen. Da findet sich eine Werkstatt voller ideologischer Versatzstücke und ein Wohnzimmer, in das neonazistische Symbole und faschistische Ästhetik Einzug gehalten haben; die Schweizer Identität und ihre Konsequenzen werden anhand von Heidi und der «Swissness» im Fussballfieber erörtert, dazu wird antifaschistischer Widerstand dokumentiert, historisch und aktuell.

Man merkt dem Produkt den Arbeitsprozess in verschiedener Hinsicht an. Der hat den AktivistInnen auch zur Selbstreflexion gedient. Schön und gut. Wir brauchen dringend mehr Qualifizierungen für die politische Auseinandersetzung. Bleibt die Frage, was dabei für die BesucherInnen herausspringt.

Und das ist, bei aller Heterogenität in den ästhetischen Mitteln und dem theoretischen Zugriff, bemerkenswert viel. Manche Informationen, zum Beispiel zur Neonaziszene und ihrer Symbolik, werden solide, in traditioneller Manier dargeboten. Darüber hinaus strebt einiges ins Neue. «Antifa entdeckt Foucault und die Diskurstheorie», könnte man gelegentlich vermuten.

Das ist nicht abschätzig gemeint. Inhalt und Form stimmen überein in der Ideologiewerkstatt. Anhand der fiktiven Firma «Neo-Vision» werden theoretische Analysen anschaulich vergegenwärtigt. In einer Art Rohstofflager werden Begriffe in Kurzbeschreibungen in Konservendosen verpackt, und dann wird ansatzweise vorgeführt, wie sie zu politischen Kampagnen verknüpft werden. Eine beeindruckende Materialfülle umfasst nicht nur die üblichen Stichworte linker Kritik, sondern auch solche, die den Prozesscharakter der sozialen Abrichtung zu fassen versuchen, etwa «Ethnisierung des Sozialen», «Empowerment», «Neuanordnung» oder «Projekt».

Fussball unter Generalverdacht

Einige Installationen strömen im Vergleich mit dem professionalisierten Kunstbetrieb einen herben Charme aus. Etwa die Wohnwand im Wohnzimmer, in deren Büchern und CDs rote Stellen markiert sind, worauf ein eingelegter Text erklärt, was darin an geistigem Gift steckt. Da finden sich überraschende Erkenntnisse.

Man kann Details bemängeln: Dass der Maler Caspar David Friedrich von den Nazis instrumentalisiert wurde und deshalb Vorsicht vor der romantischen Naturverehrung geboten sei, stammt aus dem antifaschistischen Proseminar; und dass der faschistische Körperkult nahtlos in den Sport- und Gesundheitsfetischismus der Leistungsgesellschaft übergegangen sei, wirft uns in ein theoretisches Dämmerlicht, in dem alle Katzen grau sind.

Auch die Auseinandersetzung mit dem Volksbegriff ist unklar. «Heidi, der Öhi und Peter - nicht nur Opfer, sondern Täter?»: Unter diesem Titel wird ein Zusammenschnitt von Heidi-Filmen den Statistiken über fremdenfeindliche Haltungen in der Schweizer Bevölkerung gegenübergestellt. Das verschenkt Differenzierungen. Denn der Gegensatz, der in diesen Heidi-Filmausschnitten im Vordergrund steht, ist nicht derjenige zwischen der Schweiz und dem Ausland, sondern der zwischen (schweizerischer) Landschaft und der Stadt.

Bei der Darstellung von Hooligans und Fussballfans klafft die Argumentation auseinander. Zum einen werden alle rassistischen, antisemitischen und homophoben Zwischenfälle im Schweizer Fussball der letzten Jahre aufgelistet. Gleichzeitig gerät Fussball unter Generalverdacht, da er durch die neue nationale Begeisterung als Ausgrenzungsmechanismus aufgeladen sei. Das ist ja nicht ganz falsch. Aber es reicht nicht genügend weit. Es verkennt Auseinandersetzungen und Ansatzpunkte für eine Alternative. Die multikulturelle Nationalmannschaft lässt sich nicht widerspruchslos dem ausgrenzenden Schweizerbild unterordnen.

Trotzdem ist da was

Die zentrale Zweideutigkeit der Ausstellung ist ihr Titel und die sich darin ausdrückende Perspektive: «fascho!». In einem Grundsatztext wird zu Beginn für eine Differenzierung und historisch genaue Verortung des Faschismusbegriffs plädiert. Dem folgt ein trotziges «Trotzdem». «Trotzdem haben wir bewusst den Titel 'fascho! Berichte aus dem Alltag' für unsere Ausstellung gewählt.» Fascho! als unreflektierte Missbilligung bestimmter Phänomene werde als Ausgangspunkt für die Reflexion genommen. «Könnte es nicht sein, dass die mit 'fascho!' beschimpften Phänomene mehr miteinander zu tun haben, als es die KritikerInnen einer unreflektierten Wortwahl zugestehen wollen?» Etwas weniger verschlungen formuliert: Das heterogene Material soll darauf untersucht werden, ob es nicht doch faschistisch ist.

Versichert wird, es gehe nicht um «lineare Verbindungen», nicht um «Übereinstimmung», nicht um «Gleichsetzung», sondern um «Ähnlichkeiten» und «Anleihen». Denn der Vergleich schärfe den Blick und erlaube «eine Vorsicht gegenüber gegenwärtigen Tendenzen». Brauche ich, um «vorsichtig» gegenüber ausgrenzenden und menschenverachtenden Politiken zu sein, den Rekurs auf den Faschismus?

Bei aller «Vorsicht» werden «trotzdem» Vergleiche zwischen zeitgenössischen Schweizer Politiken und dem Faschismus gezogen. «Trotzdem zeigen diese Politiken Effekte, die uns an Berichte aus faschistischen Diktaturen erinnern.» Etwa die repressive Schweizer Behindertenpolitik: «Deren Resultate sind auf einer phänomenalen Ebene durchaus vergleichbar mit faschistischen eugenischen Programmen.» Hier gerät einiges gefährlich durcheinander. Die «Resultate» der schweizerischen Behindertenpolitik mit der faschistischen Ausrottungspolitik vergleichen zu wollen, wäre ein jede Kritik entwaffnender Unsinn.

Was soll die Stossrichtung der Faschismuskritik? Tendenzen aufzeigen, vor ihnen warnen und sie bekämpfen. Rechtsextremen in der Schweiz keinen Platz lassen und zeigen, wie die SVP arbeitsteilig mit ihnen arbeitet. Doch das Erkenntnisziel «faschistischer Tendenzen» verführt gelegentlich zur Reduktion. Die vorschnelle Identifizierung eines Phänomens mit dem Faschismus als dem Bösen schlechthin kürzt die differenzierte Analyse ab.

Motive und Mechanismen

Interessanterweise liefert die Ausstellung Elemente einer linken Selbstkritik. Beispielsweise wird zu Michael Moore bemerkt, er bediene einen unreflektierten Antiamerikanismus, auch wird ein verabsolutierter linker Antizionismus kritisiert. Gelegentlich droht diese keineswegs selbstverständliche und löbliche Wachsamkeit zum Reflex zu werden. Ein Beispiel: Das in Deutschland lancierte Bonmot von den Heuschrecken-Kapitalisten wird als antisemitisch bezeichnet, und zwar mit folgender Argumentationskette: Die Nazis verwandten häufig Tiervergleiche, um die Juden zu entmenschlichen, und stellten sie als vaterlandslose Drahtzieher dar. Aber wie die AusstellungsmacherInnen an anderer Stelle bemerken, sind Motive und Mechanismen nicht per se faschistisch oder antisemitisch, sondern sie bekommen diese Funktionen innerhalb bestimmter Anordnungen. Nicht jeder abwertende Tiervergleich ist antisemitisch. Als Bild sind die Heuschrecken-Kapitalisten anschaulich: Hedgefunds und Private-Equity-Firmen fallen in eine Volkswirtschaft ein und lassen alles kahl gefressen zurück. Man muss um eine nichtchauvinistische Auslegung kämpfen. Heuschrecken entstehen auch im Lande selbst. Und natürlich genügt das Bild allein nicht. Aber dessen mangelnde analytische Kraft zu kritisieren, ist etwas anderes, als es wegen Antisemitismus mit einem Tabu zu belegen.

Trotzdem kommen wir nicht um die Frage herum: Ist die SVP faschistisch, «faschistisch» oder faschistoid?

Die SVP ist rechtspopulistisch, und sie bedient sich rassistischer und menschenverachtender Taktiken. Zu einer faschistischen Bewegung gibt es mindestens drei Unterschiede. Als Massenbewegung ist die SVP (noch) nicht gewalttätig angelegt. Sie setzt nicht auf den totalen Staat des ständisch verfassten Faschismus, sondern will den Staat im Wesentlichen auf Repressionsfunktionen beschränken. Und sie steht in einer anderen Beziehung zum Grosskapital als die historischen Faschismen.

Das ist kein leerer Streit um Begriffe und Worte. Auch keine akademische Seminararbeit. Nein: Wir brauchen die Trennschärfe der Begriffe, um die damit bezeichneten Politiken bekämpfen zu können. Nur eine möglichst präzise Analyse erlaubt präzise politische Gegenstrategien.

Soll man zurückschlagen?

Der Faschismusbegriff macht es beiden Seiten zu einfach. Die SVP kann sich empört und erfolgreich von diesem Vorwurf distanzieren. Für die Linke wirkt der Fetisch der Bezeichnung beruhigend. Das absolut Böse ist festgemacht und abgetan. Empörung ist nötig, behindert aber zugleich Genauigkeit.

Was also ist zu tun? Steigen wir in die Ideologiewerkstatt ein. Soll man gegen die SVP-Hetze ebenso grobschlächtig zurückschlagen? Soll man den Missbrauchsbegriff generell bekämpfen, oder sich darauf einlassen, dass Missbrauch halt vorkommt, und ihn im Detail widerlegen oder rechtfertigen? Wie sieht es mit dem Angriff auf das Völkerrecht aus? Da genügt der Pauschalverdacht nicht, wie Alex Sutter in der letzten WOZ schreibt («Täuschung oder Illusion»). Man muss zeigen, wie Blocher die Menschenrechte aus dem Völkerrecht herauslöst, wie er Demokratie anders artikuliert, um gegen seine Strategie den progressiven Zusammenhalt von Demokratie, Völkerrecht und Menschenrechten zu verteidigen.

Im Übrigen weist die Ausstellung auf einen merkwürdigen Aspekt hin. Die Kritik rechter Politiken scheint sich neustens auf deren ideologische Arbeit zu konzentrieren. Wie sieht es dagegen mit der Analyse der sozialen Interessen aus, die rechte Bewegungen ausnützen? Eine verfeinerte Untersuchung zur Klassenbasis der SVP wäre nützlich. Ideologische Arbeit muss an Interessen anknüpfen, sonst funktioniert sie auf die Dauer nicht. In der Steuerdebatte muss die SVP taktieren zwischen der Verteidigung der Reichen und den durchaus unterschiedlichen Interessen ihrer verschiedenen Klientelen. Eine clevere linke Steuerpolitik könnte gegenüber der SVP sprengend wirken und zugleich den Zusammenhang von Demokratie und Gerechtigkeit thematisieren.

Das führt zur Frage, die mir kürzlich an einer 1.-August-Feier entgegengehalten wurde: Sind die SVP und ihre Protagonisten das Problem? Oder ist es das Schweizer Volk, von dem sich ein beträchtlicher Prozentsatz hinter den rechten Schalmeien schart? Die Frage stellen heisst, sie halbwegs zu beantworten. Beides. Es gibt soziale, kulturell bedingte Dispositionen. Und es gibt die ideologische Zuarbeit.

«fascho!», auf jeden Fall, regt zum notwendigen Denken und Diskutieren an.

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