Nr. 36/2007 vom 06.09.2007

Auf den Punkt

Aus grosser Höhe herunterschweben und einen drei Zentimeter grossen Punkt berühren: Die Schweizer Meisterschaft im Zielspringen fand letztes Wochenende in Trey statt. Ein Traum vom Fliegen?

Von Martin Bieri

Die Elite der Schweizer ZielspringerInnen trifft sich auf der Wiese hinter einem Bauernhof bei Trey, einem kleinen Dorf über dem Broyetal, unweit von Payerne. Das Wettkampfgelände ist bescheiden: zwei Bierzelte, ein Dutzend Bänke, ein paar Stände. In der Mitte befindet sich die Landevorrichtung: ein Plastikkissen mit Zielscheibe. Nicht wie bei anderen klassischen Disziplinen des Fallschirmsports, etwa beim Figurenspringen, ist der Weg das Ziel. Sondern ein drei Zentimeter kleiner gelber Punkt.

Mit einem präparierten Schuh und Ferse voran versuchen ihn die SpringerInnen zu treffen. Abweichungen werden elektronisch erfasst, bei mehr als sechzehn Zentimetern wird von Hand nachgemessen. Die maximale Fehldistanz beträgt einen Meter, sie gälte selbst, wenn einer in der Scheune landen würde. Aber das passiert nicht. Nur einmal trifft ein Junior fast einen Rentner. Das Publikum schreit auf, halb alarmiert, halb amüsiert - es kommt niemand zu Schaden. Dem Jungen fehlt die Erfahrung. Er hat erst 200 Sprünge hinter sich, die Älteren mehrere Tausend.

Sprung aus der Sonne

Etwas unterhalb des Festplatzes befindet sich die Start- und Landebahn für das Trägerflugzeug. Der Pilatus Porter steht im Dauereinsatz. Alle paar Minuten bringt er seine Passagiere in die Absprunghöhe auf tausend Meter. Dort verlassen die SpringerInnen in Sekundenabständen das Flugzeug. Gesprungen wird in Fünfergruppen, die jeweils eine Mannschaft bilden. Die ersten fallen lange Zeit frei, als seien sie vor den Nachfolgenden auf der Flucht. Das dient der Sicherheit. Nach dem Exit herrscht unten für einen Moment eine beklemmende Spannung - bis alle Schirme offen sind und sich in Spiralen dem Boden nähern.

Einen Sprung in seiner ganzen Länge zu erfassen, ist schwierig. Spätestens nach zwei Läufen setzt Nackenstarre ein, nachmittags fallen die AthletInnen direkt aus der Sonne. Mit der letzten Volte drehen sie sich gegen den Wind. So kommen sie nach einigen Minuten Sturz und Flug fast zum Stillstand. Erst jetzt, kurz vor der Landung, sind Unterschiede in der Technik auszumachen. Manche SpringerInnen steuern das Ziel flach und schnell an, andere kommen steil und ganz ruhig. Gerade aufgerichtet peilen diese eine sanfte Landung an, jene schlittern einem spitzwinkligen Einschlag entgegen. Ein rascher Anflug erweist sich als falsches Mittel. Die Essenz des Vorgangs ist das Innehalten, das zielgerichtete Zögern, die Konzentration. Zwischen den Läufen herrscht reger Betrieb. Die SpringerInnen haben wenig Zeit zur Erholung - sie müssen ihr Material ordnen, den Schirm falten, einrollen, sich für den nächsten Sprung rüsten. Der Umgang mit dem Material ist sorgfältig, innig gar. Einer legt sich auf seinen Schirm, um vor dem Einrollen die Luft herauszupressen. Fast scheint es, als rede er ihm gut zu. Dann werden die nächsten Mannschaften aufgerufen, die Maschine steigt erneut über dem Gelände auf. Zwei Windmesser werden abgeworfen. Die dünnen farbigen Bänder zittern durch die Luft und landen, das Springen ist wieder eröffnet. Ein stiller Startschuss, ein letztes zerbrechliches Zeichen.

Kontrolliertes Fallen

Unten läuft derweil Musik. Für das spärliche Publikum wird das Geschehen über Mikro direkt kommentiert. Neben Namen, Alter, Palmares und Vereinszugehörigkeit der AthletInnen werden auch Berufe und Verwandtschaftsverhältnisse bekannt gemacht. Da fliegen Brüder und Schwestern, Schwiegersöhne und Ziehväter. Ein Instruktor, ein Pilot, eine Optikerin, ein Frisör, eine Mutter. Dem Kommentar folgen Erklärungen und Würdigung der Sprünge, Anekdoten und Sprüche. Was das Geschehen zugänglich machen soll, verleiht ihm Schlagseite: Ist das noch Sport oder schon Show?

Der Wettbewerb schwankt zwischen militärisch-sportivem Ehrgeiz und der Nonchalance der neuen Freestyle-Sportarten. Die AthletInnen strahlen Gelassenheit aus, sie wissen nicht nur um die Gefahr, sondern auch um die eigene Fähigkeit, diese zu meistern. Vom Staunen darüber, dass Menschen fliegen, bleibt nicht viel übrig. Zielspringen ist kein Fliegen, es ist kontrolliertes Fallen.

Das gezielte Landen gehört zu den grundlegenden Techniken des Fallschirmspringens. Es ist eine reine Notwendigkeit. Als sportlicher Wettkampf wird daraus das Zielspringen. Gleitfallschirme, wie sie heute ausnahmslos verwendet werden, ermöglichen hohe Präzision in Manöver und Landung. Die Resultate sind verblüffend. Der Sieger der Einzelwertung, André Bachmann, weist nach zehn zusammengezählten Sprüngen eine Abweichung von acht Zentimetern auf. Georges Toth macht sieben Nuller und wird Zweiter.

«Schöne Schüsse»

Bachmanns Schirm trägt, wie viele andere, die Landesfarben. Zeichen der Zugehörigkeit zum internationalen Militärsportverband CISM. Doch das Fallschirmspringen ist keine militärische Erfindung. Es war zuerst eine experimentelle Disziplin der Aviatik, dann ein Sport. Heute sind die Grenzen fliessend. Ein guter Sprung heisst lapidar auch «schöner Schuss». Man denkt tatsächlich ans Schiessen in der Vertikalen und an lange Abfahrten: Fallschirmspringen hat eine enorme räumliche Dimension. Die meisten ZielspringerInnen reüssieren trotzdem. Das Gelingen ist die Norm, fast wird es monoton. Die Abweichungen sind so klein, dass sie sich der Wahrnehmung entziehen. Der raumgreifende Sprung verengt sich auf ein paar Zentimeter.

Gleich neben dem Festplatz stehen drei Heissluftballons und laden zur Probefahrt. Gleichzeitig mit der Schweizermeisterschaft im Zielspringen finden die Aérolfiades de Trey statt, das Treffen der Ballonfahrer. Die freundlichen Ungetüme ziehen alle in ihren Bann, die Leute sind still begeistert. Schnaubend erzählen die Riesenballone die wahre Geschichten vom Fliegen, nicht die vom Runterkommen.

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