Nr. 25/2016 vom 23.06.2016

Aufrüstung in der Erinnerungszone

Die Landung in der Normandie wurde in den letzten Jahren zum militarisierten Tourismusspektakel. Unser Autor sucht zwischen den Dünen nach einer angemessenen Erinnerung an die Schrecken des Zweiten Weltkriegs.

Von Erich Keller, Normandie

Hinter den Dünen ist der Korso aus Militärfahrzeugen weitergezogen. Als Kind hat man gelernt, dass sich das Rauschen des Meeres für immer in den Kalkwindungen einer Muschel verfangen hat. Press dein Ohr dagegen, und du hörst es! Ob sich das an- und abschwellende Sirenengeheul der Militärjeeps nun ebenso in der Ohrmuschel einnistet? Das quietschende Geklapper der gepanzerten Raupenfahrzeuge, das Gejohle der als Soldaten kostümierten Männer? Manchmal halten sie Gewehre in die Höhe, was eigentlich gegen geltendes Gesetz verstösst. Doch an diesen Tagen im Juni drückt die Gendarmerie grosszügig ein Auge zu: Es ist die zehnte Auflage des D-Day Festival Normandy.

Die Mehrzahl der Häuser entlang des etwa hundert Kilometer langen Küstenabschnitts sieht sich beflaggt mit den französischen Nationalfarben sowie mit jenen der Befreiernationen. Die Kriegsdenkmäler – die ganze Gegend ist von ihnen durchsetzt – sind mit Blumengebinden geschmückt. Tausende TouristInnen sind angereist, denn jedes Jahr um den 6. Juni wird hier die «liberté retrouvée» gefeiert, wie es im Programm heisst. Der D-Day, der Tag der Befreiung Frankreichs von deutscher Besatzung – und, auch wenn man das selten hört, französischer Kollaboration.

Unten am Strand ist davon nichts zu sehen. Schwer liegt Nebel über dem Küstenstreifen, von weit draussen im Meer reicht er bis tief ins Landesinnere. Es ist Mittag. Unsichtbar hat der Tidenhub eingesetzt. Nicht mehr lange, und die Meereszunge wird sich in Richtung der Dünen und Salzwiesen vorschieben. Gedämpft ist am Strand von Saint-Martin-de-Varreville das Rollen der Wellen zu hören. Stimmfetzen zischen im Wind vorbei. Rasch verliert man hier die Orientierung, selbst das Zeitgefühl kommt abhanden.

Wird es ein wenig lichter, werden Traktoren sichtbar. Weit draussen stehen sie, jetzt, solange der Gezeitenteppich noch zurückgerollt ist. Wie ein blattloser Wald ragt hinter ihnen eine Unzahl Pfosten empor, kerzengerade, über und über von Miesmuscheln bewachsen. Zwei Arbeiter in Gummihosen stehen hüfttief im Wasser, schaben Schalentiere ab. Auch weitläufige Austernbänke hat das Meer freigegeben. Es wird vor allem für den Export nach Spanien produziert. Man lebt gut davon.

Das Schweigen der Opfer

Utah Beach hiess früher Sainte-Marie-du-Mont. Der Strand liegt im Westen der Halbinsel Cotentin, sie erstreckt sich hinein in den Ärmelkanal. Vor exakt 72 Jahren machten sich auf der britischen Kanalseite rund 6000 Schiffe auf den Weg, transportierten 130 000 SoldatInnen der alliierten Streitkräfte. Kurz davor waren fast 11 000 Flugzeuge aufgestiegen, in den meisten der Blechbäuche Fallschirmspringer für den Big Jump hinter die deutschen Linien. Insgesamt 170 000 Armeeangehörige drangen in der ersten Welle der Operation Overlord von England ins von Deutschland besetzte Frankreich ein und eröffneten die Westfront.

Es fällt nicht leicht, diese Zahlen zu nennen, in dieser militärischen Sprache zu sprechen. Aber wie reden über diesen Teil der Vergangenheit? Indem man im selben Atemzug die Opfer beziffert? 20 000 ZivilistInnen kamen im alliierten Bombardement und durch Racheaktionen der Besatzer ums Leben. Um die 50 000 alliierte und 200 000 deutsche Soldaten – wie heisst es immer in diesen Texten? – fielen. 150 000 BewohnerInnen der Normandie mussten vor den Kämpfen fliehen. So fürchterlich diese Zahlen auch sind, im Osten des europäischen Kontinents wurden sie noch bei weitem übertroffen.

Die zivilen Opfer eines Kriegs sterben immer zweimal. In der Normandie, einem der wichtigsten Erinnerungsorte des Zweiten Weltkriegs, ist es nicht anders. Ein einziges, kleines Museum weist auf das Schicksal der Zivilbevölkerung hin. Die Dauerausstellung im Mémorial des Civils dans la Guerre in Falaise zeigt die Folgen des Debarquement, wie der D-Day hier auch genannt wird, aus der Sicht der EinwohnerInnen. Das Museum weist auf den historischen Kontext hin (die anderen Gedenkstätten blenden ihn meist aus): Zum ersten Mal überhaupt seien im Krieg zwischen 1939 und 1945 mehr ZivilistInnen als SoldatInnen ums Leben gekommen. Die Zahlen sind umstritten, das Museum nennt 35 Millionen zivile und 30 Millionen militärische Opfer. Die Relationen dürften stimmen.

Doch solches Gedenken ist die Ausnahme. Die gesamte damals vom Krieg unmittelbar betroffene Region ist heute überwiegend eine militarisierte Erinnerungszone. Die Landungsstrände sehen aus, als seien die Requisiten von Steven Spielbergs «Saving Private Ryan» im Sand vergessen worden. Blitzblank geputzte Panzer stehen in den Dünen, Kriegsmaterial überall, martialische Denkmäler, über und über US-amerikanisch oder britisch beflaggt. In Cafés sitzen uniformierte Schaufensterpuppen mit am Tisch. Die massiven Bunkeranlagen des deutschen «Atlantikwalls» hingegen, unverrückbar in den Küstensaum gestampft, werden touristisch kaum bespielt. Zu kalt, zu unfreundlich, zu unheimlich sind sie. Genutzt werden sie vor allem als Toiletten.

Alliierte Soldaten, die von Landungsbooten in den deutschen Kugelhagel ausgespuckt werden; Bewaffnete, sie schweben an weissen Halbkugeln aus Ballonseide vom Himmel; Männer mit Metalltornistern auf den Rücken, die Feuer in Bunker blasen – all das kennt man längst. Kriegsfilme schaffen diese Bildwelten und halten sie am Leben. Wozu also noch hierherkommen? Eine der erfolgreichsten Tagestouren, die NormandietouristInnen für knapp hundert Euro buchen können, folgt dem Verlauf der US-amerikanischen TV-Miniserie «Band of Brothers». Als ob von diesen Orten eine bestimmte Magie ausginge. Was kann man hier lernen?

Die Politik der Erinnerung

Ein Mann in Jeans zieht einen Rechen durch den festgebackenen Sand, den die Ebbe freigegeben hat. «Manchmal werden hier noch Trümmerteile angespült», erklärt er. Selber ist er auf der Suche nach «coques», also Herzmuscheln. Seine Frau und er wollen am Abend mit den Meeresfrüchten ein Risotto kochen, erzählt er, während irgendwo weit hinter ihm der topfebene Untergrund im Meer verschwindet.

«Hier starben verhältnismässig wenige Soldaten, weiter im Hinterland aber war es schrecklich. Die Ausrüstung der Fallschirmtruppen war so schwer, dass viele von ihnen in den Sümpfen ertrunken sind. Das muss man sich vorstellen, was für ein schrecklicher Tod!»

Ich frage ihn, ob er Historiker sei. Er winkt ab. Nein, nein, aber man müsse doch wissen, was hier früher geschehen sei.

Alain hat bis vor zwei Jahren als Psychiatriepfleger gearbeitet, liess sich dann aber frühpensionieren. Seine Frau Claudette – sie trägt den blauen Plastikeimer, er ist schon gut gefüllt mit «Coques» – arbeitet noch in leitender Stellung im Gesundheitswesen. Ihre Nachnamen möchten sie lieber nicht in einer Zeitung sehen.

«Wir leben in einem Dorf mit 76 Einwohnern, zwanzig Kilometer von hier und sind die einzigen Demokraten», sagt Claudette. «Der Rest denkt wie der Front National, egal ob er Le Pen wählt oder die Républicains.» Alain hat sich auf den Rechen gestützt. «Wenn das so weitergeht hier … Nächstes Jahr wird Marie Le Pen an die Macht kommen, befürchte ich.» In den Regionalwahlen vom letzten Jahr hat der Front in der Normandie rund 27 Prozent der Stimmen erhalten, was dem Landesdurchschnitt entspricht, die Rechtsbürgerlichen und die Linke fuhren je 36 Prozent ein.

Stehen die grossen Jubiläen an (man gedenkt am liebsten in Zehnjahresschritten), ist hier kein Durchkommen. Staatsoberhäupter fahren dann mit ihrer Entourage auf, alles wird dichtgemacht. Zum 60. Jahrestag 2004 etwa, als in der Person Gerhard Schröders zum ersten Mal überhaupt die deutsche Bundesregierung an den Feierlichkeiten teilnahm. In einer viel beachteten Rede sprach Jacques Chirac, damals französischer Staatspräsident, von einem Tag des Versöhnens. Noch Schröders Vorgänger Helmut Kohl hatte sich stets geweigert, zusammen mit den «Siegermächten» an den D-Day-Feiern teilzunehmen. 2014, das Sicherheitsdispositiv war noch grösser, dankte Angela Merkel im Namen der Bundesregierung den Alliierten für die Befreiung. Das D in D-Day interpretierte sie an diesem Tag als D für Diplomatie. In einem direkten Gespräch, die Presse schilderte die Atmosphäre als auffallend kühl, forderte sie den russischen Präsidenten Wladimir Putin auf, alles zu tun für eine sofortige Stabilisierung in der Ostukraine, dem östlichen Rand Europas also. Wir wissen heute: mit bescheidenem Erfolg.

Der Vergleich zwischen 2004 und 2014 zeigt, wie sehr sich das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg gegenwärtig verändert. Was sich heute als erinnerungspolitisches Ritual eingeschliffen hat – nämlich, dass sich die deutsche Bundesregierung deutlich und in aller Form zu ihrer historischen Verantwortung bekennt –, darf in seiner politischen Bedeutung für die Stabilität Europas nicht unterschätzt werden. Politik ist immer auch symbolisch, lebt von Gesten und Gedenken. Und von Geschichte. Oder besser, von Geschichtsbildern, Interpretationen und Wertungen historischer Ereignisse.

Steht man am Meeressaum, kann man sich fragen, warum in dieser Gegend ausschliesslich die Fahnen der Alliierten und Frankreichs vom steifen Wind glatt gezogen werden. Warum nicht auch die Flagge der Europäischen Union, deren Gründung eine Folge des Zweiten Weltkriegs war?

Stöhnen mit Hans Magnus Enzensberger: Ach, Europa! Du instabiles Flickwerk verschiedenster Interessen, Sprachen, Vorstellungen, Lebensweisen!

«Es ist ein durch und durch militaristischer Kult, der hier zelebriert wird», sagt Claudette. Das war früher nicht so. Erst seit etwa zehn, zwanzig Jahren verkleiden sich die Leute mit Uniformen, fahren ausgedientes Kriegsgerät durch die Gegend. «Der Kult zieht auch Neonazis an. Das scheint ein Widerspruch, ja? Die Deutschen haben hier ja angefangen, den Krieg zu verlieren.»

2014 untersagten die Behörden ausdrücklich das Tragen von SS-Uniformen. In den Jahren zuvor war es wiederholt zu Problemen gekommen: Einige hatten sich als Angehörige der Waffen-SS verkleidet, mit Schäferhunden und allem, was dazugehört.

Fester Bestandteil der D-Day-Festivitäten sind Militaria-Börsen. Drei Euro kostet der Eintritt in die Untiefen des Militärkults, der sich als Gedenken verkleidet. Dutzende HändlerInnen bieten nachgemachte Uniformen an, T-Shirts («Our boys were here, June 6 1944»), Bücher (viel einschlägige Literatur aus Revisionistenkreisen), Fahnen – das Übliche. Auch verrostete Kriegsreliquien. Panzerfäuste, deformierte Metallteile, Maschinengewehre, als solche kaum mehr erkennbar. In einer Schachtel geschmolzene Klumpen. Trümmer eines Flugzeugs, die kleinen zu zehn, die grossen zu zwanzig Euro das Stück. Auch Uniformteile, Abzeichen von SS und Wehrmacht. Alles Original. Das französische Gesetz erlaubt den Handel damit. Das öffentliche Tragen und Zeigen von nazistischen Symbolen ist untersagt. Aus diesem Grund sind auch die vielen Hakenkreuze und SS-Runen überklebt. Bizarrerweise auch das Wort «Juif» in einem gelben, sechszackigen Judenstern – eine Armbinde, wie JüdInnen sie tragen mussten. Auch dieses Artefakt ist zu kaufen, es kostet 45 Euro. Gleich daneben originale Sammelkarten, auf denen Generäle von Wehrmacht und Waffen-SS zu sehen sind. Panini-Bildchen von Nazis. Was passiert hier eigentlich?

Karneval in Tarnfarben

Im Hinterland von Utah Beach liegt Sainte-Mère-Église, der erste Ort auf französischem Boden, der durch die Alliierten befreit wurde. Befreit von den Deutschen. Und ihren willigen HelferInnen. Im Zentrum des Dorfes ein neu geschaffener, eigentlich viel zu grosser Dorfplatz. Jetzt ist er proppenvoll. Auf einer Bühne ein Mann in einer britischen Repräsentationsuniform, er presst mit viel Schmalz in der Stimme «Green Eyes» von Jimmy Dorsey ins klobige Retromikrofon.

Über den Köpfen des Publikums, es sitzt entspannt in der Nachmittagssonne, hängt an einem Fallschirm eine lebensgrosse Puppe von einer Kirchturmzinne. Nicht bloss heute, 365 Tage im Jahr. Die Geschichte dazu kennt hier jedes Kind, aus einem Spielfilm («The Longest Day», 1962) und einem Computerspiel («Call of Duty»): Es handelt sich um den Fallschirmjäger John Steele, der in der Nacht vom 6. Juni in diese Lage kam, zusammen mit einem weiteren Soldaten. Auch auf dem Gemeindewappen sind sie seither verewigt: zwei Fallschirme im blauen Himmel neben einem Kirchturm.

Am Dorfeingang das US Military Camp Geronimo. Auch hier wird die – wie heisst es im offiziellen Programm? – wiedergewonnene Freiheit gefeiert. Man übernachtet unter schweren Zeltplanen, verpflegt sich in der Feldküche mit Originalmenüs, ein Feldlazarett steht bereit, eine eigene Feldpost wurde nachgebaut. Zudem ist das Ganze mit Kinderbetreuung familiengerecht ausgestattet. Grosszügig ist das Camp Geronimo überdies mit Militärfahrzeugen bestückt. Mit einer Akribie, die wohl bloss kennt, wer von akuter historischer Sehnsucht befallen ist. Eine Traumwelt in Tarnfarben, so authentisch, wie es nur geht. Es ist alles wie früher, bloss zeitlich um 72 Jahre ins Heute verschoben, in die ungeheuer langweile Friedenszeit.

Das Camp Bloody Gulch geht einen Schritt weiter. Dort gibt es auch deutsches Kriegsgerät zu bestaunen. Eine seltene Gelegenheit. Deutsches Militärleben aus dem Zweiten Weltkrieg nachstellen – man stelle sich vor! In Bloody Gulch steht zudem ein Lebensmittelladen aus der guten alten Zeit, und es besteht die Möglichkeit, noch einmal die Schulbank zu drücken, so wie sie 1944 war (vermutlich ohne körperliche Züchtigungen). Abends dann Dinner mit Jazzkonzert.

Ähnlich die Szenerie in Arromanches-les-Bains, eine gute halbe Stunde entfernt. «Wir kommen von überall her. Aus Holland, Belgien, England, Deutschland, einige auch aus den USA», gibt ein amerikanischer GI Auskunft. In Wahrheit ist er französischer Berufsmilitär. Die Uniform sei nicht echt, er sagt es mit leichtem Bedauern, der riesige Fotoapparat mit blauer Blitzbirne allerdings, der ist original. Voller Stolz dreht er das Gerät um, zeigt auf das Typenschild. Da und dort macht eine der als Kriegskrankenschwestern verkleideten Frauen einen Ausfallschritt zur Tanzmusik, denn auch hier wird alles pausenlos mit Swing beschallt. Dafür ist man gekommen, um zu knipsen und geknipst zu werden.

Die Männer in Uniform werfen sich gekonnt in Pose. Man sieht: hinter dem Rücken verschränkte Hände, die hervorgereckte Brust, das lässige Wippen auf den Stiefelabsätzen. Nicht wenige haben sich dicke Zigarren in den Mund geschoben. Darauf kauen sie herum, stossen Rauch in die diesige Luft. Fliegersonnenbrillen, braune Lederjacken mit schaffellbesetzten Kragen und Nähten, Helme und Offiziersmützen prägen das Bild. Oft – aus welchem Grund, lässt sich nicht sagen – stehen die oberen Ränge in kleinen, abgesonderten Gruppen herum. Als ob hier der Generalstab der Feierabendkrieger tagte.

Andere, vielleicht die Mutigeren, haben sich Attrappen von Eierhandgranaten ans Revers gesteckt – auch das kennt man aus den einschlägigen Filmen. Die meisten aber wollen nicht so weit gehen, sie drücken ihre militärisch gestimmte Gefühlslage mit einem verschämt über die Alltagskleidung geworfenen Hemd in Olivgrün aus. Oder mit einem tarnfarbenen Rucksack, einer Kakihose. Eigentlich wie an der Street Parade: hier die Paradiesvögel, dort die MitläuferInnen.

Die französische Armee, also die gegenwärtige, ist ebenfalls vor Ort, mit einem mobilen Rekrutierungsfahrzeug. «L’armée de Terre recrute 15 000 postes» steht auf einer Tafel. Eine andere zeigt einen Hightechinfanteristen: «En cherchant l’action, j’ai trouvé ma vocation.»

Eine Landschaft der Trauer

Der offizielle Teil der Feierlichkeiten findet in einem abgesperrten Bereich statt. Securityangestellte wachen über die Zugänge, auf die andere Seite dürfen heute bloss Veteranen, ihre Angehörigen und die örtlichen Notablen. Jetzt hat die Messe begonnen, mit katholischem Priester. Sein Chorhemd, der ärmellose Überwurf des liturgischen Gewands, trägt in der Mitte die Farben des Regenbogens. Die Farben des Friedens. Er trägt sie exklusiv, nirgends sonst sind sie zu sehen. Seine Stimme ist elektrisch verstärkt, so laut, dass sie die Tanzmusik locker schluckt. Andächtig sitzen die geladenen Gäste auf weissen Plastikstühlen, den Blick zum Militärjeep gerichtet, hinter dem der Priester steht. Die Kühlerhaube dient als Altar. Ein weisses Tuch überdeckt das dunkelgrüne Blech. Messbecher, Kerzen, ein Kissen und die Bibel stehen bereit.

Als die Gesänge verklungen sind, erheben sich die Veteranen. Es sind nur wenige von ihnen hier, es mögen acht an der Zahl sein. Wer zum Zeitpunkt der Landung zwanzig Jahre alt war, ist nun Anfang neunzig.

Einer von ihnen, in einer aufgebürsteten, dunkelblauen Uniform, bewegt sich, auf einen Rollator gestützt, auf das Absperrgitter zu. Die Security macht ihm den Weg frei, der alte Herr salutiert, lacht und bleibt dann stehen. Er befindet sich nun im anderen Teil der Place du 6 Juin 1944, des Dorfplatzes. Mit ihm ist ein Stück Vergangenheit – echter Vergangenheit, wenn man so will – auf die Karnevalseite getreten. Geduldig posiert er für Fotos, streichelt Kinderhände. Was mag vorgehen in ihm?

Der alte Herr, seinen Namen habe ich nicht erfahren, und zu fragen getraute ich mich nicht, wird müde. Er setzt sich auf den Rollator. «I came here as a boy and I left as a man», sagt er, und man merkt, er hat diese Formel im Laufe seines langen Lebens oft verwendet. Was soll er sonst auch sagen? Nun zeigt er mit dem zittrigen Finger auf die Orden an seiner Uniformjacke und erklärt einige von ihnen. «Das ist das Abzeichen der Résistance, ich bin schon Tage vor dem D-Day als Teil einer Sondereinheit hier gelandet. Wir haben zusammen mit französischen Untergrundkämpfern die Landung vorbereitet, Sabotageakte durchgeführt.» Das Wetter, sagt er noch, sei damals gewesen wie heute. Plötzlich sei der Nebel verschwunden und habe den Blick auf die Flotte freigegeben. «Was für ein Anblick war das!», er strahlt über und über. Den Kopf dreht er leicht zur Seite, zum nahen Meer hin, das still seine Arbeit tut. Draussen sind die Überreste des künstlichen Hafens zu sehen, den die Truppen errichtet haben. Gigantische Quader aus Stahl und Beton ragen kreuz und quer aus dem Flachwasser, eingedellt, halb im Meeresgrund versunken und rostzerfressen. Sie leuchten grün in diesem unwirklichen Licht, aber nicht in dem von Uniformen und Kriegsgerät, sondern im reinsten, gleissenden Algengrün.

«Früher war der 6. Juni ganz anders hier», erklärt Alain, der Utah Beach nach Muscheln durchsiebt. Etwa zehn Jahre sei es her, seit hier dieser Kult Einzug gehalten habe. «C’est déplorable!» «Kult» und «erbärmlich»; immer wieder gebraucht er diese Worte.

«Es kommen übers ganze Jahr immer wieder Veteranen in die Normandie. Es sind die letzten. Ich glaube, sie meiden dieses Spektakel eher. Ihre Toten liegen immer noch hier in der Erde, ihre Freunde, Kameraden. Familien aus England, Kanada oder den USA legen Blumen nieder auf den Friedhöfen. Nach dem Krieg hatten viele das Geld nicht, die sterblichen Überreste ihrer Kinder, Geschwister oder Eltern in die Heimat auszufliegen, um sie dort zu bestatten. Andere, es sind Abertausende, sind und bleiben auf ewig vermisst.»

«Es ist hier für viele immer noch eine Landschaft der Trauer.» Claudette drehte den Blick landeinwärts. «Wir, Alain und ich und viele andere, haben früher die Veteranen privat aufgenommen. Wir haben mit ihnen gegessen, gesprochen, sie zu den Feiern begleitet und sie unterstützt, wo wir konnten. Es ist ja auch unsere Geschichte. Wir wissen, was wir diesen Menschen verdanken.»

Wie sähe ein entmilitarisiertes Kriegsgedenken aus? Es würde von den zivilen Opfern des Krieges sprechen. Davon, was Militarismus, Nationalismus und Rassismus angerichtet haben im europäischen Katastrophenjahrhundert und darüber hinaus. Nur von solchem Erinnern ausgehend, lässt sich wirklich in die Zukunft denken.

Mitarbeit: Eliane Kurmann

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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