Nr. 38/2007 vom 20.09.2007

Die Luft in Ost und West

Grosse Geschichte oder kleiner Zufall: Katja Lange-Müller, Monika Maron und Katja Oskamp über das nachgetragene Leben in der gesamtdeutschen Gegenwart.

Von Ulrike Baureithel

In Berlin meint man nicht nur, eine spezielle Luft zu atmen, wer in Berlin wohnt, wähnt sich von jeher und aus nachvollziehbaren Gründen mit einem besonderen Draht zur Weltgeschichte ausgestattet. Dass dann auch noch eine friedliche Revolution - angeblich - die Mauer hinwegfegte, lieferte der Berliner Selbststilisierung die passende Schlusspointe. Mit dieser der Geschichte abgerungenen Stofffülle wären die hauptstädtischen AutorInnen also schon reichlich versorgt. Berlin ist ein so «heisser» Ort, dass gemässigte Zonen des Seins geradezu unglaubwürdig wirken: Noch das «kleinste Leben» erscheint hier vom Weltatem angehaucht.

In gewisser Weise gilt das auch für die Protagonistinnen dreier Romane, die diesen Herbst um die Publikumsgunst feilschen. Ihre Schöpferinnen gehören zwar verschiedenen Jahrgängen an, stammen aber allesamt aus der DDR. Vielleicht ist gerade das der Grund, dass sie dem Zaunpfahl der Geschichte misstrauen: Mag die Ausreise aus der DDR für Monika Maron (Jahrgang 1941) und die zehn Jahre jüngere Katja Lange-Müller auch «nachhaltig» gewesen sein und der Mauerfall für die 1970 geborene Katja Oskamp ein biografisch dramatischer Höhepunkt, setzen alle drei dennoch auf die den kleinen Zufällen geschuldeten Folgen. Ein verpasster Augenblick, ein zufälliger Weg oder ein ineinander verhakter Blick - und schon hat das Leben, ohne dass es die Figuren richtig merken, eine ganz neue Wendung genommen. Erst in der nachgetragenen Erzählung wird aus dem Zufall sinnstiftender Zusammenhang und der Kontingenz der Stachel genommen.

«Böse Schafe»

Im Falle Sojas, der Protagonistin in Katja Lange-Müllers «Bösen Schafen», waren es ein am 17. April 1987 ausgetauschter Blick und die Vorstellung von Kakao, die ihr Harry auf die gegenüberliegende Matratze spülten. Auf dem Berliner Nollendorfplatz ist ihr Harry über den Weg gelaufen, und plötzlich hat er sich in ihrem höchst bescheidenen Moabiter Domizil, Dusche in der Küche, eingerichtet. Für Soja, die aus der DDR «Rübergemachte» und mit Jobs und Sozialhilfe über Wasser Überlebende, ist Harry eine Herausforderung. Mit Westmännern «aus halbwegs sortierten Verhältnissen» kommt sie nicht klar, aber in dem ehemaligen Knastbruder erkennt sie ein Stück ihrer selbst.

Doch mit dem unberechenbaren Harry hat sich Soja, immerhin Tochter der stellvertretenden Ostberliner Parteibezirkssekretärin, ein echtes Problem aufgeladen. Ihr neuer Kompagnon kommt nicht nur aus dem «Bau», er ist auch ein Junkie. Soja organisiert seine aufwendige Therapie und Betreuung, übersieht aber alle Zeichen, dass er ihr etwas verschweigt. Als die Bombe schliesslich platzt, ist es eigentlich schon zu spät. Harry gehört zu jenen dem Roman den Titel gebenden «bösen Schafen», die schon bei ihrer Geburt «die Arschkarte gezogen haben» und nichts lernen als «lügen und betrügen und prügeln und raufen», aber aus Angst, wieder im Knast zu landen, «nicht einmal mehr einander Gewalt antun, sondern nur noch sich selber».

Diese Einsicht hat Harry in einem Schulheft, das Soja viele Jahre nach dessen Tod findet, festgehalten. Genau 89 Sätze geben Auskunft über seine damalige Befindlichkeit. Kein einziges Mal jedoch erwähnt er Soja, sie ist ihm «keine einzige Silbe wert». Erst diese Auslöschung setzt Sojas Erinnerung in Gang. Der zufällig angespülte Harry war, ohne dass sie sich darüber Rechenschaft abgelegt hätte, das zentrale Ereignis ihres Lebens. Es kostet die Autorin viel erzählerische Schnoddrigkeit, um sich die grossen Gefühle nun vom Leib zu halten.

Ein zufällig wieder aufgefundener Zettel stösst auch Tanja Merz in die Vergangenheit zurück, in eine Ehe, von der sie im ersten Satz behauptet, sie habe keine Erinnerung an sie. Ganz so zufällig wird man den in einem Schuhkarton aufgefundenen Brief an den Exmann Edgar allerdings nicht finden, wenn man weiss, dass Katja Oskamp vor nicht allzu langer Zeit bei Katja Lange-Müller am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, der Kaderschmiede für deutsche Jungtalente, studiert hat. Das Plagiat, so es eines ist, verzeiht man allerdings angesichts des Furors, den Oskamp auf knappen 220 Seiten entfaltet und der ihrer «Staubfängerin» zu Recht den diesjährigen Anna-Seghers-Preis einbringt.

Diese Tanja Merz, von Beruf Regieassistentin, tatsächlich aber eher Leibeigene einer neurotischen Regisseurin an einem ostdeutschen Provinztheater, gerät an den zwanzig Jahre älteren Operndirigenten Edgar, genannt der GMD. So richtig Liebe ist das nicht, was sie an ihm findet, wohl eher Zuneigung, Lebensstil und die Möglichkeit, dem Zugriff ihrer Chefin zu entkommen. Dann wird Tanja schwanger, die beiden heiraten. Doch die Tochter kommt viel zu früh auf die Welt, das Siebenmonatskind schwebt zwischen Leben und Tod, und aus der zufälligen Lebenslage, in die Tanja eher so reingerutscht ist, wird eine existenzielle Sackgasse. Das Frühchen beansprucht unendlich viel Pflege und eine keimfreie Umgebung, die herzustellen der Mutter obliegt, während Edgar durch die Welt jettet, sich zu Hause gehen lässt und am Ende in sein Gewächshaus zurückzieht. Was zunächst noch vernünftig und zum Wohle des Kindes geschieht, verselbstständigt sich von Jahr zu Jahr mehr. Je normaler sich Paula entwickelt, desto stärker wächst sich Tanjas Kampf gegen die Keime zu einem Albtraum aus. Das «koniferenumzingelte Reihenhaus» ist ein einziger Staubfänger, der Tanja mit sisyphosgleicher Energie zu Leibe rückt. Faszinierend zu lesen ist diese Geschichte, weil die Autorin bei aller Sympathie für die ProtagonistInnen und einer geradezu rasend machenden Detailversessenheit die LeserInnen immer auf ironischen Abstand hält. Tanja, die «das Orchester» sein wollte für ihren GMD, die ihn bewunderte, weil er Kraft hatte «dranzubleiben, durchzuziehen, zuzuschlagen» und sich traute, «Tiere zu spielen und Tränen zu vergiessen», sieht ihren Ehemann nach zwei Jahren «in einem Glaskasten» sitzen, «ein Riesenfrühchen in einem Rieseninkubator», in dem er Kamelien pflegt. Im Herbst 1999, nach einem surreal anmutenden Schmutzfinale, endet diese Lebensepisode, die übrigens, auch hier ist Oskamp ganz Lange-Müllers Schülerin, an derben Szenen nicht arm ist.

«Ach Glück»

Eine viel melancholischere Tonlage schlägt die 1941 geborene Monika Maron in ihrem Roman «Ach Glück» an, der die 2002 erschienenen «Endmoränen» fortsetzt, als Lektüre aber nicht voraussetzt. Den Stossseufzer schreibt Maron Johanna Märtin zu, einer Mittfünfzigerin in gepflegter (West-)Berliner Lebenslage und mit altersbedingt heruntergeschraubten Erwartungen. Hatte Johanna im Vorläuferroman noch einmal eine kurz auflebende Romanze mit einem jüngeren Galeristen erlebt, ist sie nun nicht nur sprichwörtlich, sondern ganz eigentlich «auf den Hund gekommen». Auf einer Rückfahrt vom Landaufenthalt läuft ihr nämlich ein schwarzer, zottiger Hund zu, den sie gegen den Willen ihres Mannes in der Stadtwohnung aufnimmt. Durch diesen Zufall lernt sie, ihre «alte» Ehe mit Achim, einem nur für Kleist zu entbrennenden und mit dem «Rücken zur Welt» lebenden Forscher, neu zu sehen. Ausgerechnet der Hund, der ihr bedingungslos seine Liebe entgegenbringt, lehrt sie, die eigenen tief gelegten Ansprüche zu überdenken. Auch bei Maron ist es ein Brief, der sie aus der Agonie reisst und zu einer abenteuerlichen Reise nach Mexiko veranlasst, während Achim durch Berlin streift und Johannas Aufbruch und ihre Suche nach einer verschollenen Künstlerin zu deuten versucht.

Der lebensklug grundierte Roman, alternierend aus der Perspektive Johannas und Achims erzählt, wird angetrieben durch die unterschwellige Unzufriedenheit von Intellektuellen, denen es eigentlich gut geht und die dennoch ein beissendes Unbehagen an sich und der Welt haben. Wie bei Lange-Müller ist auch diese Geschichte biografisch gefärbt und gesättigt von der Erfahrung der Ostdeutschen, in der gesamtdeutschen Gegenwart den Ausnahmestatus als «Ausgereiste» verloren und mit dem Mauerfall die letzte politische Sensation erlebt zu haben. Die Luft in Ost und West atmet sich nun gleich, und die Konsumketten, die den Glücksrausch simulieren, reichen mittlerweile bis nach Osteuropa. Zufall, wenn da noch was passiert.

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