Nr. 28/2018 vom 12.07.2018

«Ich weiss am Anfang nichts vom Ende»

Der deutsche Schriftsteller Ingo Schulze hat einen unterhaltsamen Schelmenroman geschrieben: Sein Protagonist sucht erst im Kommunismus und dann im Kapitalismus nach dem Glück und wird stets aufs Neue enttäuscht.

Interview: Raul Zelik

«Wenn ich in einen falschen Stil hineinrutsche, habe ich manchmal das Gefühl, ich hätte das Schreiben verlernt»: Schriftsteller Ingo Schulze. Foto: Gaby Gerster

WOZ: Ingo Schulze, beginnen wir mit dem deutschen Literaturbetrieb: Renommierte Autorinnen und Autoren wie Uwe Tellkamp oder Monika Maron haben sich zuletzt offen migrationsfeindlich geäussert. In einer von Tellkamp unterzeichneten Erklärung hiess es, Deutschland sei «durch die illegale Masseneinwanderung beschädigt» worden. Wie nehmen Sie das wahr?
Ingo Schulze: Nun, es hat mich an den DDR-Witz erinnert, in dem ein Polizist in einen Laden kommt und nach einem Globus von Cottbus verlangt.

Als Merkel vor drei Jahren «Wir schaffen das» sagte, spürte ich ein gewisses Unbehagen. Da schwang schon der Feierabend mit, nachdem wir es geschafft haben. Man kann eigentlich nur sagen: «Wir versuchen, jetzt endlich anzufangen. Wir beginnen, uns der Frage zu stellen.» Selbstverständlich muss man Migration auch unter völkerrechtlichen und humanitären Aspekten betrachten.

Aber das ist nur die eine Hälfte des Problems. Entscheidend ist meiner Ansicht nach zu sagen, welche Verantwortung wir als Bundesrepublik, als Europa, als Weisse für den Zustand der Welt tragen. Die meisten Flüchtlinge – welch Wunder! – kommen aus Afghanistan, dem Irak und Syrien. Es ist offensichtlich, was der Westen mit der Situation in den genannten Ländern zu tun hat. Aber darüber hinaus muss man eben auch einen Blick auf die Kolonialgeschichte werfen, auf Post- und Neokolonialismus, auf globale Handelsbeziehungen. Das alles fehlt in der deutschen Debatte. Nur Weltoffenheit zu behaupten, ist da zu wenig.

Reden wir über Erfreulicheres: Ihr Buch «Peter Holtz» ist ein wirklich komischer Schelmenroman. Die Hauptfigur Peter Holtz wird in der DDR in einem Kinderheim gross. Schon als Kind ist er überzeugter Kommunist, tritt dann aber der Ost-CDU bei, weil Christentum und Kommunismus für ihn zusammengehören. 1989 wird er als Maurer, der viele Häuser sein Eigen nennt, unerwartet Millionär und fängt an, über die Marktwirtschaft genauso naiv zu sprechen wie zuvor über den Kommunismus.
Das Buch war der Versuch, das, was ich bewusst erlebt habe – ich bin Jahrgang 1962 –, noch einmal neu zu erzählen. Und zwar aus einer Perspektive, die das jeweils Behauptete ernst nimmt. 2013 hatte mich die «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung» gefragt, ob ich einen Debattenbeitrag über eine Grossspende des SAP-Milliardärs Hasso Plattner schreiben wolle. Ich war für das Kontra vorgesehen und argumentierte in meiner Kolumne etwa so: «Ich als Leistungsträger fühle mich völlig demotiviert, wenn jemand seine Milliarden verschenkt. Warum sollte ich aus meinen Leuten dann noch das Letzte herausholen? Dann kann ich ja auch gleich die Putzkolonne wieder einstellen und ihr eine Betriebsrente zahlen.»

Was waren die Reaktionen?
Die FAS hat den Beitrag nicht gedruckt, weil sie meinte, das sei ja gar nicht meine wirkliche Meinung. Ich war erst enttäuscht, fand die Reaktion aber interessant. Es war wirkungsvoller, die Affirmation bewusst weiterzutreiben, als die Spende zu kritisieren. Die Schriftstellerin Irina Liebmann ermutigte mich, einen Picaro-Roman, einen Schelmenroman, zu schreiben. Und so probierte ich herum. Dabei fielen mir auch Ilja Ehrenburgs «Ungewöhnliche Abenteuer des Julio Jurenito und seiner Jünger» in die Hände. Dieser Schelmenroman über einen Veteran des mexikanischen Bürgerkriegs in Europa beginnt damit, wie der Erzähler in der Kneipe sitzt und darauf wartet, dass jemand hereinkommt, der ihn einladen könnte. Und das wurde dann auch zur Einstiegsszene für meinen Peter Holtz: Ein Kind in der DDR bestellt in einer Freiluftgaststätte etwas zu essen, kann nicht bezahlen und sagt: «Geld soll doch sowieso abgeschafft werden.» Peter Holtz nimmt die DDR, genauso wie später die Marktwirtschaft, beim Wort.

Auch wenn Sie im Buch sehr liebevoll bei Ihrer Hauptperson bleiben, hat das Buch etwas von einem Thesenroman. Ist es eine pikarische Erzählung über die Eigentumsfrage?
Gegen die Interpretation hätte ich nichts. Es werden ja wirklich weltanschauliche Fragen durchdekliniert. Allerdings transportieren sich in einer Erzählung – bewusst oder unbewusst – immer auch noch andere Dinge. Das Denken in Bildern ist universaler als das in Begriffen.

Eigentlich wollte ich natürlich etwas über den Westen erzählen. Auf die DDR griff ich zurück, um eine Kontrastmasse zu haben. Meine Idee bestand darin, den Kapitalismus beim Guten zu nehmen und das bis ans Ende zu führen. Nicht die Panne, sondern die eigene Logik sollte ihn ad absurdum führen. Aber als ich über die DDR zu schreiben anfing, merkte ich, dass da auch viel Utopisches mit zum Vorschein kam. Unter all diesen Verkrustungen lag ein Potenzial, das ich heute mehr denn je für bedeutsam halte. Ab dem Oktober 1989 wurde dieses utopische Potenzial für ein paar Monate konkret. Wir diskutierten nicht nur unentwegt darüber, wie wir die Betriebe und Einrichtungen zu unseren machen, sondern unternahmen auch konkrete Schritte dazu.

Der Systemvergleich läuft im Buch darüber, dass Peter Holtz sich mit allem überidentifiziert.
Ja, er nimmt die ihm jeweils vermittelte Ideologie beim Wort. Er hat da keinerlei Distanz, kein ironisches Verhältnis. Sein Glück ist darüber definiert, dass er für das Glück aller eintritt. Anfangs ist er mit dieser Haltung sehr zufrieden, merkt aber mit zunehmendem Alter auch, dass sich eine Differenz auftut. Er kittet das erst durch den christlichen Glauben und hält dann den Herbst 1989 für den Schritt vom Sozialismus zum Kommunismus. An einer Stelle sagt er: Das, was uns auf dem Papier gehörte, das nehmen wir uns jetzt. Für die Zeit nach 89 habe ich mich im Roman vieler Zitate des Liberalismus bedient: Bei Milton Friedman, Friedrich Hayek und so weiter. Da geht es ja auch darum, wie das Streben nach Eigennutz der Gemeinschaft zugutekommt.

Für Peter Holtz spielt eine grosse Rolle, dass er dabei unentwegt enttäuscht wird. Er will die Welt zum Guten verändern und denkt: Wenn es mit der sozialistischen Methode nicht ging, dann vielleicht mit dem verantwortungsvollen Unternehmer. Aber nichts entwickelt sich wie beabsichtigt. Es wohnen nicht mehr diejenigen in den Häusern, die früher dort wohnten. Sein Verhältnis zu den Frauen wird geschäftsmässig. Er merkt, dass alles, was er unter den bestehenden Verhältnissen durch Geld zu bewegen versucht, sich ins Gegenteil verkehrt, es beschert ihm nur noch mehr Geld. Und so ist der letzte Ausweg für ihn schliesslich die Geldvernichtung.

Ihre Bücher sind sehr filmisch geschrieben. Die Schnitttechnik von «Simple Storys» erinnert an Episodenfilme, in «Peter Holtz» gibt es seitenlange Dialoge. Wie ist der Schreibprozess, wenn man so sehr in Szenen denkt? Wie viel ist als Skizze vorher schon klar, wie viel entsteht spontan beim Schreiben selbst?
Man braucht natürlich einen Ausgangspunkt, eine Grundkonstellation, aber die Entwicklung ergibt sich wirklich erst durch den Dialog. Ich weiss am Anfang nicht, was am Ende herauskommt. Deshalb bin ich wohl auch ein so schlechter Schachspieler: Ich ziehe, um zu sehen, was geschieht. Peter Holtz muss viel reden, damit die Differenz zwischen seiner Weltsicht und der Realität um ihn herum sichtbar wird. Handlungen über Dialoge voranzutreiben, hat für mich etwas sehr Beglückendes.

Es ist auch immer wieder gesagt worden, Ihr Schreiben habe etwas «Amerikanisches». Auch wenn der Begriff ein bisschen oberflächlich ist, versteht man, was gemeint ist: Es sind dialogische, nicht besonders bilderopulente Texte, die ihre Tiefe erst auf den zweiten Blick entfalten. Gleichzeitig wählen Sie sehr unterschiedliche Grundformen: «Neue Leben» war ein Briefroman, «Peter Holtz» ist eine sehr klar durcherzählte Geschichte. Nach welchen Kriterien wählen Sie die Form?
Mein Bestreben geht dahin, keinen «eigenen Stil» zu besitzen. Ich konnte erst anfangen zu schreiben, als ich nicht mehr nach meinem eigenen unverwechselbaren Stil suchte, sondern mich in Beziehung zu den verschiedensten literarischen Traditionen zu setzen begann. «33 Augenblicke des Glücks», das in St. Petersburg spielt, braucht ganz unterschiedliche Erzählarten, um der damaligen disparaten Gegenwart gerecht zu werden. Das war eine gesellschaftliche Explosion, in der Anfang der neunziger Jahre die Zeiten durcheinandergerieten. Gerade in St. Petersburg wirkte es, als wären 200 Jahre gleichzeitig anwesend. Ich brauchte eine Puschkin-Erzählung genauso wie einen Soz-Art-Dialog oder etwas vom Avantgardeschriftsteller Daniil Charms.

Beim zweiten Buch, «Simple Storys», war es der Versuch, die ostdeutsche Realität nach 1990 zu erzählen, und da bin ich zu meiner eigenen Überraschung auf die Short Stories gekommen, weil ich eine gewisse Affinität zwischen den amerikanischen Fünfzigern und den ostdeutschen Neunzigern zu erkennen glaubte. Im Briefroman «Neue Leben» gibt es als Anhang noch einmal ganz unterschiedliche Erzählarten, weil ich den Osten dadurch beschreiben wollte, wie jemand vor 89 ihn zu beschreiben versucht, das ist ein Spektrum von Hermann Hesse bis Nikolai Sorokin. «Peter Holtz» schliesslich war für mich ein völlig neuer Ansatz. Ich habe mich noch nie an einem Schelmenroman versucht.

Ist es einfach, von einem Stil zum nächsten zu wechseln?
Mir geht es darum, den jeweils angemessenen Stil aus dem Stoff kommen zu lassen. Deshalb fällt es mir jeweils schwer, von einem Buch zum anderen zu gelangen. Denn wenn ich in einen falschen Stil hineinrutsche, habe ich manchmal das Gefühl, ich hätte das Schreiben verlernt. Und das fühlt sich nicht besonders gut an.

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