08.04.2004

Gekränkte wider Willen

Am 8. April 2004 wird einer der zweifellos besten und dazu verlässlichsten deutschsprachigen Prosaautoren sechzig Jahre alt. Beim Publikum ist er stets besser angekommen als in der Literaturkritik.

Von Lothar Baier

Mit kaum einer Gabe, glaube ich, hätte man Christoph Hein zur Feier seines sechzigsten Geburtstags mehr erheitern und erfreuen können als mit dem Verriss seines jüngsten Romans «Landnahme» in der «NZZ vom Sonntag». Dort wird Hein vom Rezensenten Andreas Isenschmid vorgeworfen, eine «antiliberale» Botschaft zu verkünden, und zwar dadurch, dass er neue ostdeutsche Unternehmer nicht als positive Helden vorführt. Mit fast gleich lautenden Worten war Hein 1983 nach Erscheinen seiner Novelle «Der fremde Freund» («Drachenblut» in der westdeutschen Lizenzausgabe) in der DDR hart rangenommen worden, bloss trug das Verdikt damals einen anderen Namen. «Antisozialistisch» sei die Tendenz der Novelle, hiess es in DDR-Organen. Die Weltanschauung der Icherzählerin, schrieb der damalige Hallenser Germanistikprofessor Rüdiger Bernhardt in den «Weimarer Beiträgen», sei eine «unhistorische». NZZ-Isenschmid und DDR-Bernhardt können sich also in die Arme fallen! Unter Ideologen der jeweiligen Herrschaft versteht man sich halt (der einst linientreue Bernhardt ist inzwischen natürlich erfolgreich westlich rezykliert worden).

Mit seiner literaturkritischen Rezeption hat Christoph Hein, einer der zweifellos besten und dazu verlässlichsten deutschsprachigen Prosaautoren der Gegenwart, irgendwie kein Glück, im Gegensatz zur Aufnahme durchs Publikum, sei es vor oder nach dem Mauerfall. «Der fremde Freund» war 1983 den DDR-Buchhändlern aus den Händen gerissen worden, obgleich es weder Werbung noch Rezensionen gab. Eine Nachauflage des den DDR-Behörden unheimlichen Buchs wurde nicht genehmigt. Heins erster Roman «Horns Ende» von 1986 musste durch die Zensur geboxt werden; seinen frühen Theaterstücken war es noch schlechter ergangen. 1987 hielt Hein vor dem DDR-Schriftstellerverband eine Rede gegen die Zensur, die, dem Gesetzeswortlaut nach, gar nicht existierte, obgleich jedes Kind von ihr wusste.

Seinen Ruf als Oppositioneller, fand der «Spiegel»-Autor Volker Hage nach 1989 jedoch heraus, habe Hein zu Unrecht getragen: Was habe der schon gewagt? Was Herr Hage im Lauf seines Lebens gewagt hat, wollen wir lieber nicht untersuchen - Christoph Hein ist allerdings entsetzlicheres Unglück widerfahren: Sein jüngster Roman «Landnahme» wird als deutsches Geschichtsepos gehandelt, Vertreibung und Flüchtlingsschicksale, Teilung des Landes, DDR-Sozialismus und das Leiden darunter bis zur Maueröffnung und staatlichen Vereinigung «gestaltend», wie die frühere DDR-Ästhetik das genannt hätte. Das deutsche Feuilleton hat seit Jahren derart sehnlich, aber vergebens den deutschen Nationalroman über West und Ost und Mauer und Vereinigung erwartet, dass es nun seine immer wieder frustrierten Erwartungen mangels des ausgebliebenen deutschen «Krieg und Frieden» in «Landnahme» hineinprojiziert. Ausserdem ist dessen Held ein aus Schlesien Vertriebener, also ein geradezu ideales neues deutsches Identifikationsobjekt, dem die gesamte deutschnationale Empathie gelten darf. Von den jüdischen Opfern der Deutschen hat die Volksgemeinschaft zwischen Rhein und Elbe, bei allem im Blick aufs Ausland gebotenen Respekt vor ihnen, allmählich, scheint es, die Schnauze ziemlich voll. Aber natürlich sagt man das nicht laut.

Heins Roman handelt freilich von etwas ganz anderem als von deutschen Opfern. Der von ihm geschaffene Bernhard Haber scheint mir ein naher Verwandter jener Hein-Figuren zu sein, die man als die «Gekränkten» kennzeichnen könnte. Der Historiker Horn, Titelfigur von «Horns Ende» (1986), ist einer von ihnen: Man hat ihm Unrecht getan, und etwas in ihm verwindet das nicht, bohrt und nagt. Dem «Tangospieler» ergeht es ähnlich. Auch in Willenbrock, dem Ostberliner Nach-Wende-Autohändler, Hauptfigur des gleichnamigen Romans, ist etwas geplatzt, nachdem er einem Raubüberfall zum Opfer fiel. Die von Hein subtil geschilderten Kränkungen sind etwas ganz anderes als Verletzungen, die irgendwann ausgeheilt sind oder sich durch juristische und materielle Entschädigung aus der Welt schaffen lassen. Über ihre Kränkung wächst eben gerade kein Gras.

Das versteht ihre Umgebung jedoch nicht. In Heins Romanen und Erzählungen - etwa den im Band «Exekution eines Kalbes» gesammelten - tauchen immer wieder derart Gekränkte auf, die in einer Art Untröstlichkeit verharren. Es sind in der Regel nicht unangepasste Aussenseiter, die unter ihnen zugefügten Kränkungen am meisten leiden, sondern eher unauffällige Zeitgenossen, die sich als Gekränkte wider Willen in Randständige verwandelt sehen und dann mit der ihnen aufgezwungenen, ihnen nicht auf den Leib geschriebenen Rolle in Konflikt geraten. In «Landnahme» - diesem ähnlich wie «Horns Ende» mehrstimmig erzählten Roman - schildert Hein mit ausserordentlichem psychologischem Feingefühl, wie sich im Kopf des sich gekränkt fühlenden Handwerkers Bernhard Haber allmählich ein Komplex der Unberechenbarkeit entwickelt.

Nach der Vertreibung aus Schlesien nach Sachsen verschlagen, hat die Flüchtlingsfamilie Haber die geballten Ressentiments der Ortsansässigen zu spüren bekommen, wie es gleichzeitig auch in den Westzonen gang und gäbe war. Dem Vater Haber wird die Werkstatt angezündet, der Hund des Sohns Bernhard wird getötet. Die Vergeltungsgedanken, die im Kopf des Jungen reifen, nehmen lange keine deutliche Form an. Er betätigt sich zwar einmal als

Agitator, der Bauern in die LPG (landwirtschafliche Produktionsgenossenschaft) zu prügeln hat, aber das erweist sich nur als Intermezzo.

In der Kleinstadt Guldenberg, der gleichen, in der «Horns Ende» spielt, geht das Leben seinen Gang, einen nicht immer sozialistischen. Die regierende Partei SED mitsamt ihren Funktionären scheint nur eine Randexistenz zu führen: In der Kleinstadt mit ihrer Sozialstruktur gelten andere Regeln als die von der Partei ausgedachten. Wie nebenbei zeichnet sich in Heins Darstellungsweise die Kontur von etwas ab, was man «Zivilgesellschaft» nennen könnte, hingen an dem verbrauchten Begriff nicht so viele Missverständnisse. Das Zivile ist keineswegs immer zivil, Korruption und Kriminalität zählen zum Kitt dieser Gesellschaft, die ein Eigenleben führt, das mit Begriffen wie «Diktatur» oder «Totalitarismus» auf keinen Fall zu fassen ist.

Deshalb bilden die Öffnung der Berliner Mauer und die Vereinigung in der Guldenberger Welt auch keine radikale Zäsur. Nur für das Vergeltungsbedürfnis Bernhard Habers ergeben die neuen Verhältnisse ungeahnte Möglichkeiten. Der zum erfolgreichen Unternehmer aufgestiegene Haber kann nun die Leute, an denen er sich für einstige Drangsalierungen des Flüchtlings aus Schlesien rächen will, zu Tode konkurrieren, ganz legal. Die kapitalistische Normalität wird, so die ironische Wendung des Chronisten Hein, zur Verbündeten des an seinem Gekränktsein Erkrankten.

Am 8. April 2004 wird Christoph Hein sechzig Jahre alt. In den neunziger Jahren ist er dem Tod nach einem Zerebralunfall gerade noch von der Schippe gesprungen. Im Januar 2002 erlag seine Frau Christiane, bedeutende Dokumentarfilmerin, einem elenden Krebsleiden, Hein hatte sie bis zu ihrem Tod zuhause gepflegt und umsorgt. Nicht nur ein guter Schriftsteller, Christoph Hein, sondern auch, wie man französisch sagt, «une bonne personne».

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