«Der bewaffnete Freund» I : Dazwischen gibt es nichts

Nr.  38 –

Raul Zelik gelingt es ausgezeichnet, den «baskischen Konflikt» darzustellen, meint Dorothea Wuhrer.

Verklärung des baskischen Militarismus oder kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte? Ralf Zeliks Roman über die baskische Untergrundorganisation Eta spaltet das deutschsprachige Feuilleton. Auch die Meinungen der WOZ-AutorInnen Dorothee Wuhrer und Andreas Fanizadeh gehen auseinander

In seinem neuen Roman erzählt Raul Zelik die Geschichte von Alex, einem Berliner Wissenschaftler, der nach Bilbao reist, um an einem Forschungsprojekt über europäische Identität zu arbeiten. Vor zwanzig Jahren hat er hier den Basken Zubieta kennengelernt, der damals ein jugendlicher Linker war, 1985 aber dem inhaftierten Schriftsteller Joseba Sarrionandia bei dessen Ausbruch aus dem Gefängnis hilft und dann selbst Eta-Mitglied wird. Inzwischen ist Zubieta Führungsmitglied der bewaffneten Organisation, und Alex bietet ihm seine Hilfe zur Flucht von Frankreich über Spanien nach Afrika an.

Raul Zelik mischt in seinem Roman Fiktives und Reales. Real sind diverse Nebenfiguren (Sarrionandia, Bernardo Atxaga, Ruper Ordorika), die Beschreibung des Baskenlands und Bilbaos (das im Roman nur X genannt wird), die Geschichte Sarrionandias, das Protokoll eines Folteropfers, der Auszug aus einem in einer Zeitschrift veröffentlichten Interview mit dem baskischen Schriftsteller Bernardo Atxaga, Ausschnitte aus Sarrionandias Roman «Lagun izoztua» sowie das quasi als Einleitung gedruckte Lied «Lagun erratuena» von Ruper Ordorika. Darüber hinaus stellt der Icherzähler Alex unter anderem Überlegungen zu Walter Benjamins «Zur Kritik der Gewalt» und Carl Schmitts «Dezisionismus» an.

Fiktiv hingegen sind der deutsche Professor Haberkamm, auch wenn er eine Anspielung auf Jürgen Habermas sein könnte, und der spanische Professor Salvatore, der möglicherweise Fernando Savater darstellt, ein bekannter Professor für Ethik und Soziologie sowie Mitbegründer der inzwischen rechtskonservativen Gruppe Basta Ya!, die vor zehn Jahren entstand, nachdem die Eta den jungen Stadtrat Miguel Angel Blanco von der rechtskonservativen Volkspartei (PP) entführt und erschossen hatte. Heute geht es der Gruppe in erster Linie darum, einen Dialog zwischen Regierung und Eta zu verhindern. Dazu gehört die Veranstaltung diverser Demonstrationen in Madrid gegen die sozialdemokratische Regierung von Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero, die im Roman ebenfalls angesprochen werden. Letzte Woche hat Savater mit einer Dissidentin der sozialdemokratischen PSOE die neue Partei UPD (Einheit, Progress und Demokratie) gegründet, die sich auf den Kampf gegen die Eta konzentriert.

Fiktiv ist ausserdem die Rahmengeschichte. Die Fahrt durch Spanien wird für Alex zu einem Horrortrip und dient Zelik dazu, die Bedenken anzusprechen, die die Mehrzahl der Linken im Baskenland und in Europa haben, wenn es um den bewaffneten Kampf der Eta im Speziellen und den baskischen Nationalismus im Allgemeinen geht. Grundsätzlich sind Alex' Sympathien klar - allein aufgrund der Unterdrückung alles Baskischen während der franquistischen Diktatur und der Unabhängigkeitsbewegung nach 1975, wegen der Folterpraktiken der spanischen Polizei (die jedes Jahr im Amnesty-International-Bericht angeklagt wird) und der Verbote legaler Gruppen und Zeitungen in den letzten Jahren. Aber - kann man die bewaffneten Aktionen heute noch verteidigen? Ergibt es Sinn, im 21. Jahrhundert und in Europa für ein unabhängiges Baskenland zu kämpfen, gar zu töten? Darum geht es in «Der bewaffnete Freund», das ist die Diskussion, die Alex während seines Aufenthalts in Spanien mit seinem Berliner Freund Rabbee und VertreterInnen beider Parteien des sogenannten «baskischen Konflikts» führt.

Keine Terrorismusrechtfertigung

Dabei fällt es Alex schwer, Rabbee zu erklären, warum er den Kampf der baskischen Organisation nach wie vor verstehen kann, zumal für Rabbee die Eta und radikale Islamisten dasselbe sind. Weniger Probleme hat der Deutsche hingegen, im Gespräch mit Eta-AktivistInnen den bewaffneten Kampf abzulehnen oder ins Lächerliche zu ziehen.

Mindestens ebenso interessant ist die Darstellung der scheinbaren Nebensächlichkeiten, des Alltags im Baskenland. Es ist offensichtlich, dass Zelik die Region, deren Menschen und ihr Problem mit dem «baskischen Konflikt» bestens kennt. Dazu gehört die Unmöglichkeit, über Politik zu reden, während diese gleichzeitig alles bestimmt, selbst Stadtfeste. So gehören beispielsweise in der Semana Grande von Bilbao die Zelte und Feststände nicht wie anderswo grossen Getränkekonzernen, sondern politischen Initiativen, die der Eta nahestehen. Auch die baskische Sprache, das Euskera, kann sich nicht der Politisierung entziehen, sondern wird von beiden Konfliktparteien instrumentalisiert. Wer Baskisch spricht, ist Eta-Sympathisant, wer Spanisch spricht, gehört der Gegengruppe an. Das war unter Franco so und ist auch heute, dreissig Jahre später, nicht viel anders.

Der Icherzähler würde gern mit seinem deutschen und dem spanischen Professor über das Thema «bewaffneter Kampf» sprechen, weiss aber, dass das im Baskenland und in Spanien nicht möglich ist. Entweder man ist für oder gegen die Eta. Dazwischen gibt es nichts. Zelik lässt Alex sagen: «Ich will mit Sicherheit nicht den Terrorismus rechtfertigen.» Diese Sätze muss man sagen, wenn man gehört werden will. Erst sie stellen Diskursfähigkeit her. Oder: «Zwischen mir und den beiden Professoren hat sich längst jenes Unverständnis breitgemacht, das für das Leben in X so charakteristisch ist. (...) Aneinander vorbeizureden, ist die einzige Zweisprachigkeit, die hier wirklich praktiziert wird.»

Vielleicht werden die kurzen Ausflüge in die Situation der Boatpeople in Südspanien oder in die der Landlosenbewegung Brasiliens der Problematik nicht gerecht, aber darum geht es in «Der bewaffnete Freund» nicht (auch wenn Andreas Fanizadeh da offensichtlich anderer Meinung ist, vgl. unten stehenden Text). Zelik will den Konflikt zwischen dem spanischen Staat und der Eta darstellen - aus der Sicht eines eher unsicheren Sympathisanten der baskischen Unabhängigkeitsbewegung. Und das gelingt ihm hervorragend.

Raul Zelik: Der bewaffnete Freund. Blumenbar-Verlag, München 2007. 287 Seiten. Fr. 32.50

Dieser Text erschien zuerst in der «taz» vom 2. August 2007.