Nr. 51/2020 vom 17.12.2020

Vom Rhein in den Gulag

Von Anna Wegelin

Die erste eigene Buchveröffentlichung der Baslerin Beatrice Schmid, die in Lausanne Deutsch und Geschichte am Gymi unterrichtet, ist eine umfangreiche Familiengeschichte. Sie umspannt das ganze 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart und streift dabei durch Basler, Schweizer und allgemeines Weltgeschehen.

Schmid erzählt die Biografien zweier Frauen aus der Arbeiterschicht in ihrer Familie nach. Anhand von Briefen, Artikeln, Fotos und Dokumenten sowie durch eigene Nachforschungen tritt Schmid «in den Dialog» mit ihrer Grossmutter und ihrer Grosstante väterlicherseits, die einander zeitlebens verbunden blieben und doch so unterschiedlich waren. Die Autorin fühlt sich ihnen verbunden und als gesellschaftspolitisch engagierter Mensch auf deren «Linie». Marie (1906–1985) stammte aus prekären Verhältnissen. Nach ihrer Heirat mit Schmids Grossvater Hans schrieb sie gescheite und engagierte Beiträge zum Frauenstimmrecht in der sozialistischen Zeitung «Vorwärts». Hans’ ältere Schwester Paula (1902–1973) war und blieb eine stramme Kommunistin. Anfang der zwanziger Jahre war sie nach Moskau ausgewandert, um am Aufbau der Sowjetunion mitzuwirken. Paula war dreimal verheiratet, durchlief die ganze Komintern-Mühle – und kam in den Gulag. Darüber reden mochte sie zeitlebens nie.

Zwischen die Geschichten von Marie und Paula streut Schmid Exkurse über das frühe «Rote Basel». Sie führt uns auf Nebenspuren wie zum Beispiel Maries Briefwechsel mit einer anderen Paula – die Holocaustüberlebende berichtet in einer Offenheit über ihre Zeit im KZ Ravensbrück, die berührt. Oder die Autorin malt sich aus, wie sich der sozialistische Friedenskongress 1912 in Basel zugetragen haben könnte, und sie schreibt eine Minireportage über ihre eigene Reise zu Paulas Verwandten nach Moskau im Jahr 2016.

Beatrice Schmids Recherche ist nicht nur eine immense Fleissarbeit, sondern auch ein sehr beherztes Buch zum Zustand der Welt, die wir alle mitgestalten sollen, damit sie sich in eine gute Richtung weiterentwickelt.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch