Nr. 16/2019 vom 18.04.2019

Diese Liebe kann sich nicht befreien

Wenn Gesetze weiter sind als die Gesellschaft: In seinem neuen Roman, «Verwirrnis», zeigt Christoph Hein, wie moralische Prägung auch politische Umbrüche überdauert. Dabei erweist er sich einmal mehr als Chronist deutscher Zustände.

Von Stefan Howald

Christoph Hein will die Welt jenseits jeder Moral beschreiben. Auch sein neuer Roman, «Verwirrnis», besticht durch seinen mitleidlosen Blick. Foto: Ullstein Bild

In der Bundesrepublik ist es dann auch nicht besser. Da ihm eine Weiterbildung an der Kirchenmusikschule in Westberlin angeboten wird, siedelt der Pianist Wolfgang von Ost nach West über. Aber nachdem er im Johannesstift mit einem anderen Mann im Bett ertappt wird, fliegt er hochkant aus der Schule. Währenddessen muss sein Freund Friedeward, der als Hochschulassistent in der DDR verblieben ist, neue Überlebensstrategien entwickeln, obwohl «homosexuelle Handlungen» in der DDR Ende 1957 entkriminalisiert werden – doch in diesem Fall ist für einmal «der Gesetzgeber weiter und fortschrittlicher als die Gesellschaft». So heiratet Friedeward eine Kollegin, die mit dieser Ehe ihrerseits die Liebesbeziehung zu einer Dozentin tarnt. In den Geschlechterbeziehungen herrscht hier eine Verwirrnis, die tiefer reicht als die Prägung durch die zeitweilig koexistierenden beiden deutschen Gesellschaftssysteme.

Dabei werden Friedeward die scheinbar klaren Verhältnisse vom Vater früh eingebläut. Als gläubiger Katholik und Monarchist hat sich dieser von den Nazis ideologisch nicht vereinnahmen lassen, später passt sich der Gymnasiallehrer auch nicht den neuen kommunistischen Machthabern an. Aus rigider Moralität züchtigt er seine Buben mit dem Siebenstriemer. Der ältere Sohn flieht, anscheinend nach Amerika, ist aber, wie sich später herausstellt, nicht weit gekommen. Friedeward lässt sich als Jugendlicher die Liebe zu Wolfgang mit der Peitsche vordergründig austreiben. Doch das so aufgezwungene Doppelleben wird bis in die neunziger Jahre weitergehen.

Unerbittliche Kältestudien

Christoph Hein war einer der wichtigsten kritischen Schriftsteller der DDR. Seine Theaterstücke wurden häufiger zensiert als aufgeführt, in den achtziger Jahren betrieb er mit drei Romanen unerbittliche Kältestudien über die soziale Entfremdung im Realsozialismus. Am 4.  November 1989 sprach er bei der grossen Demonstration auf dem Alexanderplatz, war danach Mitgründer und dann lange Mitherausgeber des «Freitags», der eine kritische DDR- und BRD-Presse zusammenführen sollte.

Nach der Wiedervereinigung galt Hein als Kandidat für den grossen gesamtdeutschen Roman. Tatsächlich entstammen alle seine Stoffe der deutschen Geschichte, wechselweise der geteilten und der wiedervereinten. «Von allem Anfang an» (1997) sezierte eine Adoleszenz in der DDR, «Willenbrock» (2000) beschrieb, wie in den abgewickelten neuen Bundesländern Gewaltbereitschaft entsteht. Dem Roman «Landnahme» (2004) über Anpassungsleistungen durch die deutschen Zeitläufte hindurch wurde noch das Zeug zum Klassiker bescheinigt. Aber sein nächstes Buch, «In seiner frühen Kindheit ein Garten» (2005), in dem er sich mit der Erschiessung eines RAF-Mitglieds der dritten Generation beschäftigte, versetzte das Feuilleton in etliche Entrüstung. Seither sind die Urteile über seine weiteren Romane verhalten und widersprüchlich ausgefallen.

Das hat auch mit der Form zu tun. Hein hat immer wieder verschiedene Erzählweisen erprobt, zuweilen Romane in mehrfacher Perspektive erzählt. Die Sprache allerdings wird funktional eingesetzt, als Figurenrede oder nüchtern auktorial. Keine Wortkaskaden, keine selbstreferenziellen Arabesken. Das wird gelegentlich als überholtes Vertrauen in die Kraft der Erzählung abqualifiziert. Tatsächlich gibt es in «Verwirrnis» gelegentlich einen altertümlichen Klang. Aber der ist durchaus sachgerecht – so bleibt der allwissende Erzähler nahe bei den Figuren.

Aus der Zeit gefallen

Im Lauf der Geschichte wird «Verwirrnis» geradezu zu einem Universitätsroman des DDR-Lehrbetriebs in Leipzig, samt einem liebevoll ironischen Porträt des Literaturwissenschaftlers Hans Mayer, der als «Goethe-höchstselbst» auftritt. Als Mayer 1963 angesichts zunehmender Schikanen in den Westen übersiedelt, wird die übliche Kampagne angeworfen, in die sich auch alte homophobe Vorurteile mischen.

Sein Assistent Friedeward Ringeling überlebt die Säuberungen, eine Anwerbung als Inoffizieller Mitarbeiter kann er ins Leere laufen lassen. Die internationale Anerkennung als Germanist ermöglicht es Ringeling später, als Institutsleiter den StudentInnen möglichst grosse Lernfreiheit zu garantieren. Im Privatleben bleibt er verschlossen, im persönlichen Lebensstil wirkt er zunehmend aus der Zeit gefallen. Als die DDR-Universitäten nach 1989 abgewickelt werden, wird der einmalige Kontakt mit der Stasi ausgegraben. Ringeling müsste nur versichern, dass er wegen seiner Homosexualität erpresst worden war, aber diese Offenbarung kann und will er nicht mehr leisten. Die Verwirrnis hat sich ihm längst eingeschrieben, bis zum Tod.

Christoph Hein betont gelegentlich, dass er sich als Chronist verstehe, der die Welt jenseits jeder Moral beschreibe, «mitleidlos, nicht beschönigend». Doch auch der Chronist will kritisch aufklären: wie sich politische und kulturelle Prägungen durchkreuzen und verstärken. So baut der mittlerweile 74-Jährige zäh ein bemerkenswertes Gesamtwerk zusammen.

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