Nr. 09/2005 vom 03.03.2005

«Du darfst deinen Sohn auch mitnehmen»

Es kann nur besser werden, sagen sich die jungen Frauen in Moldawien, denen Arbeit in Russland versprochen wird. Ein trauriger Irrtum. Besuch bei Zurückgekehrten in einem kleinen moldawischen Dorf.

Von Keno Verseck, Costesti

Alina* war sechzehn, als alles zerbrach. Ihr Leben, ihre Träume, ihre Seele. Ein blasses, blondes Mädchen in St. Petersburg. Sie hatte ihr bitterarmes Dorf verlassen, ihr Vater war jung verstorben, ihre Mutter krank. Ein Bekannter hatte Alina versprochen, dass sie als Verkäuferin auf einem Markt arbeiten würde. Es stimmte nicht. Tagsüber musste sie an den Metrostationen von St. Petersburg betteln, abends kamen Männer in die schäbige Wohnung, die sie mit zwei anderen Mädchen teilte, vergewaltigten sie. Fast jeden Abend, mehrere Monate lang.

Vier Jahre ist das her, «der Albtraum», sagt Alina stockend. Jetzt sitzt sie auf dem Bett in ihrem kleinen Haus in Costesti, ihrem Dorf in Moldawien. Die ehemalige Sowjetrepublik Moldau, gelegen im Südosten Europas zwischen Rumänien und der Ukraine, ist das ärmste Land Europas. Früher war es der Obst- und Weingarten der Sowjetunion. Heute sind moldawische Konserven und Wein kaum mehr gefragt. Das Land hat keine eigenen Rohstoffe, es muss Gas und Öl teuer in Russland einkaufen. Inzwischen exportiert die Republik Moldau vor allem Menschen. Von den gut vier Millionen EinwohnerInnen lebt seit Jahren nahezu eine Million ständig im Ausland. Sie arbeiten überall in Europa, auf spanischen Erdbeerfeldern ebenso wie auf russischen Baustellen oder eben im Sexgewerbe, hier wie dort zumeist illegal.

Die meistverbreitete Werbung im Land ist die gegen Mädchen- und Frauenhandel. Überall in Städten und Dörfern warnen Plakate. Zum Beispiel mit dem Bild einer jungen Frau, die über einen brüchigen Holzsteg geht, darüber steht: «Du bist keine Ware!», darunter die kostenlose Telefonnummer einer Beratungsstelle. Auch Radio und Fernsehen strahlen permanent Aufrufe gegen Mädchen- und Frauenhandel aus. Das will etwas heissen in einem Land, das von KommunistInnen regiert wird, die nahezu alle Probleme schönreden.

Leeres, stilles Dorf

Costesti, 12 000 Einwohner, eine halbe Autostunde südlich der moldawischen Hauptstadt Chisinau, ist eines der ärmeren Dörfer im Land. Es liegt zwischen sanften Hügeln. Die Gebäude des Kolchos, der früheren sowjetischen Agrarkooperative, sind verlassen, die alten Maschinen und Anlagen verrotten. Es gibt kaum Arbeitsplätze im Dorf. Die meisten unter den Arbeitsfähigen sind irgendwo im Ausland, in fast jeder Familie fehlt mindestens eine Person. Die Daheimgebliebenen betreiben Landwirtschaft auf Subsistenzniveau. Costesti ist ein stilles, leeres Dorf. Ein Dorf, in dem die Kinder auf ihre Eltern warten und die Alten ihre Enkel grossziehen.

Alina gehört zu den Ärmsten im Dorf. Sie wohnt in einem Haus aus Lehmziegeln. Es ist halb verfallen: das Dach notdürftig geflickt, die Wände nicht verputzt, die Eingangstür kaputt, der Vorraum ohne Glasscheiben in den Fensterrahmen. Dahinter zwei enge, niedrige Zimmer mit drei Betten, einem Schrank, zwei Tischen, etwas Geschirr und einem Fernseher. Die Toilette befindet sich in einem Bretterverschlag hinter dem Haus, Wasser gibt es in einem Brunnen, ein Stück weiter wegaufwärts.

In dem Haus ist Alina zusammen mit ihren beiden Schwestern aufgewachsen. Die Grosseltern haben es vor Jahrzehnten gebaut. Die Mutter der drei Schwestern ist behindert, sie kann nicht sprechen, nur Laute stammeln. Sie wohnt bei der ältesten Tochter, die ins Nachbardorf geheiratet hat. Der Vater der drei Mädchen starb vor sechs Jahren auf einer Baustelle, als die Decke eines Hauses einstürzte. Er war 36 Jahre alt.

Alina brach die Schule ab, am Ende der achten Klasse. Valeriu, ein junger Mann aus dem Dorf, zog bei ihr ein, Alina dachte, mit ihm würde sie besser durchkommen. Mit fünfzehn gebar sie ihren ersten Sohn, Petru. Ein Jahr später war sie wieder schwanger, kurz darauf kam Valeriu wegen Diebstahls ins Gefängnis. Eines Tages, im März 2001, wurde sie von einem Bekannten aus dem Dorf angesprochen. Er hätte einen Arbeitsplatz für sie, Verkäuferin auf einem Markt in Russland, regelmässiges Gehalt, billige Unterkunft, sie dürfe ihren Sohn mitnehmen. Alina konnte ihr Glück kaum fassen. Sie verschwieg, dass sie im vierten Monat schwanger war, aus Angst, er würde es sich anders überlegen. Der Bekannte schickte sie zu Leuten in ein Nachbardorf. Dort warteten noch zwei Mädchen, auch die hatten ihre Kinder dabei. Mit dem Zug fuhren die drei Mädchen, ihre Kinder und ein Begleiter nach St. Petersburg. Es war die Fahrt in den Albtraum.

«Ich hätte gern, dass ich nicht mehr daran denken muss», sagt Alina. Ihre Augen schauen gutmütig, aber vor allem unendlich traurig. Es sind Augen, die nicht mehr lachen können. Alina ist heute zwanzig. Ihr dreijähriger Sohn Costinel sieht, wie sie leise weint. Mit seinen runden Kinderaugen schaut er sie hilflos an. Dann legt er ihr seinen Plüschbären in den Schoss.

Um dem Albtraum zu entkommen, ging Alina in St. Petersburg zur Polizei. Sie wurde als Hure verspottet und aus der Dienststelle hinausgeworfen. Nach vier Monaten Betteln und Vergewaltigungen floh sie mit ihrem Sohn Petru in einen Park, in dem Obdachlose lebten. Sie war nun im achten Monat schwanger. Nur Tage vor der Geburt ihres zweiten Sohnes, Costinel, lasen baptistische Missionare sie von der Strasse auf. Einen Monat später kauften sie ihr eine Rückfahrkarte in ihr Heimatland.

Wo sind die Mädchen?

Als Alina mit ihren beiden Söhnen im Heimatdorf Costesti ankam, nahm sich Elena Mereacre, die Dorfbibliothekarin, ihrer an.Elena Mereacre, eine kleine, rundliche Frau von 49 Jahren, hatte schon lange Geschichten vom «Trafic» gehört, von der «Schieberei», wie die Leute in der Republik Moldau den Frauenhandel nennen. Und ihr war aufgefallen, dass immer mehr Menschen aus dem Dorf verschwanden, auch minderjährige Mädchen. Sie hatte es zur Kenntnis genommen. «Ich fragte mich, ob mich das überhaupt etwas angeht», sagt sie. «Ich war Mitte vierzig, hatte zwei Töchter grossgezogen und führte nun ein ruhiges Leben als Bibliothekarin und gute Hausfrau.»

Als die Geschichten immer näher kamen, als Minderjährige aus ihrer unmittelbaren Nachbarschaft verschwanden, fand die Bibliothekarin, dass es sie etwas angehe. «Ich bin zu Familien gegangen und habe mit ihnen geredet, ich habe Nachforschungen angestellt, mir Notizen gemacht und für mich eine Statistik erstellt», erzählt sie. «In fast jedem dritten Haus meiner Nachbarschaft fehlte ein Kind. Manche Eltern haben mir erzählt, sie wüssten nicht genau, mit wem und wohin ihre Kinder fortgegangen seien und wann sie wiederkämen.»

Als Dirne verschrien

Vor allem aber tat Elena Mereacre eines: Sie ging zu Mädchen im Dorf, die im Ausland gewesen und dort zur Prostitution gezwungen worden waren. Manche der Zurückgekehrten waren im Dorf als Huren verrufen, andere trugen das, was sie erlitten hatten, als Geheimnis mit sich herum. Elena Mereacre gewann ihr Vertrauen, sie hörte sich an, was die Mädchen erlebt hatten, sie kochte für sie und steckte ihnen Geld zu. Alina war im September 2001 zurückgekehrt. Seitdem gehört sie zu denen, die im Dorf als Dirnen verschrien sind.

Das Kulturhaus Stefan der Grosse, ein trostloser Plattenbau, steht im Zentrum von Costesti. Nur der hintere Trakt wird noch regelmässig genutzt. In einem kleinen Raum hat Elena Mereacre ihr Büro. Draussen an der Tür hängt ein Schild, darauf steht: Compasiune. Das ist der Name ihres Vereins. Mitgefühl. Als Elena Mereacre anfing, sich um missbrauchte Mädchen zu kümmern, fragten manche Leute im Dorf sie, ob die Hurenmädchen etwa Hunger leiden würden und ob sie, die Bibliothekarin, nichts Besseres zu tun habe.

Elena Mereacre hat den Verein vor fünf Jahren gegründet. Ihr war schnell klar geworden, dass sie mit Essen und Geld aus der eigenen Tasche nicht viel würde helfen können. Mit ihrem Verein wandte sie sich Hilfe suchend an die Regierung, an das Büro der Internationalen Organisation für Migration in Chisinau, an ausländische Botschaften, an den Fonds für soziale Investitionen, eine Stiftung, die von ausländischen InvestorInnen in der Republik Moldau ins Leben gerufen wurde. Spenden kamen zusammen, mehrere Projekte wurden finanziert. Elena Mereacre organisierte Koch- und Nählehrgänge, um den Mädchen beim Einstieg in ein Berufsleben zu helfen. In einem Saal des Kulturhauses liess sie eine Armenkantine einrichten, in der missbrauchte Mädchen arbeiten. Im Januar letzten Jahres wurde in Costesti das «Kinderhaus» eingeweiht, eine Heim- und Tagesstätte für 76 Kinder, darunter Kinder von Mädchen, die Zwangsprostituierte waren, Waisenkinder und Kinder aus armen Familien.

Nähen für die Zukunft

Im Stockwerk über Elena Mereacres Büro sitzen in einem grossen Raum vierzehn Mädchen an Nähmaschinen. Einige von ihnen waren als Zwangsprostituierte im Ausland, andere stammen aus armen Familien im Dorf. Vor wenigen Tagen haben sie einen neuen Nähkurs angefangen, drei Monate wird er dauern. Die deutsche Gesellschaft für technische Zusammenarbeit hat die Nähmaschinen und die Schneiderutensilien gestiftet und bezahlt auch die Kurse.

Catalina Mihai hat es geschafft. Sie hat den Nähkurs beendet, sie hat Arbeit gefunden. Sie hat ein neues Leben begonnen. Die Siebzehnjährige ist ein wortkarges Mädchen. Sie stammt aus einer armen, zerrütteten Familie in Costesti. Anfang letzten Jahres brachten Schlepper sie nach Tarnopol in der Ukraine. Sie hätten ihr ein besseres Leben versprochen, sagt Catalina, aber nicht das habe dort auf sie gewartet. Sechs Monate war sie in Tarnopol. «Ich möchte nie wieder daran denken, was dort geschehen ist», sagt sie. Mehr nicht. Sie schweigt und blickt ins Leere, als habe die Erinnerung sie gelähmt.

Letzten Herbst hat sie den Nähkurs beendet und danach Arbeit bei einer Textilfirma in Chisinau gefunden. Bei einer Rentnerin wohnt sie in einem Zimmer zur Untermiete. Aber sie möchte in ihr Heimatdorf zurückkehren. «Viele Leute hier denken, im Ausland zu arbeiten, sei besser», sagt sie. «Aber hier findet man doch auch Arbeit. Ich will hier im Land bleiben, hier gibt es doch auch Möglichkeiten.»

«Ich mache mir keine Illusionen», sagt Elena Mereacre, «der Handel mit Frauen und Mädchen wird so schnell nicht aufhören. Unser Land ist sehr, sehr arm. Es ist unendlich schwer, Lebensperspektiven zu finden. Die Menschenhändler nutzen das aus. Es ist ja nicht einfach so, dass arme Mädchen zufällig verschwinden. Dahinter steckt ein ganzes System, ein ganzes mafioses Netzwerk. Es gibt Leute, die die Mädchen anwerben, Leute, die Personen- und Reisedokumente fälschen, Leute, die den Transport organisieren, und dann gibt es Leute in den Behörden, bei der Polizei, die die Augen zudrücken oder sogar mithelfen.»

In Costesti hat Mereacre das selber erlebt: Sie hatte herausgefunden, wer die Mädchen angeworben und sie weitervermittelt hatte. Bei der Dorfpolizei hatte sie mehrmals Anzeige erstattet - vergeblich. Erst als sie beim Innenministerium vorsprach, wurden zwei der Polizisten versetzt. Mehr passierte freilich nicht.

Derzeit betreut Elena Mereacre 53 Mädchen und junge Frauen in Costesti, die schon einmal ins Ausland verkauft worden waren oder von Menschenhändlern kontaktiert wurden. Sie haben nicht nur die Möglichkeit, an Lehrgängen teilzunehmen, sondern können jederzeit an die Bürotür der Bibliothekarin klopfen oder zu ihr nach Hause kommen. Elena Mereacre hat immer ein offenes Ohr für sie, sie berät sie bei Beziehungs- und Eheproblemen, sie hilft ihnen mit Lebensmitteln, bei der Arbeitssuche, bei Behördengängen. Sie ist so etwas wie die Adoptivmutter der missbrauchten Mädchen.

Alina schaut fast jeden Tag bei Elena Mereacre im Büro vorbei. Ihre beiden Söhne gehen tagsüber in das Kinderhaus von Costesti. Alina erhält vom Verein monatlich 350 Lei, umgerechnet rund 30 Franken, es ist ihr einziges Einkommen. Gerade versucht Elena Mereacre Geld aufzutreiben, damit sie Alinas Haus reparieren und renovieren lassen kann. Sie sorgt sich um die junge Mutter, sehr. Alina hat zweimal versucht, sich umzubringen. Vor anderthalb Jahren schnitt sie sich die Pulsadern auf, vor einem Jahr nahm sie Schlaftabletten. Valeriu, der Vater ihrer Kinder, hat sie und die gemeinsamen Söhne seit zwei Jahren nicht mehr besucht, er will nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Wenn Alina durchs Dorf geht, tuscheln die Leute auf der Strasse über sie. Für kurze Zeit hatte sie letztes Jahr einen Freund im Dorf. Dessen Eltern verboten ihm die Beziehung zu einer Dirne.

Alina sitzt auf dem Bett in ihrem Lehmhäuschen. Es ist kalt im Zimmer. Sie sieht nicht aus wie zwanzig, wie eine Mutter von zwei Kindern. Sie sieht aus wie ein verlassenes Kind.

*Namen aller Betroffenen geändert

Spenden für Casa de Cultura Stefan cel Mare
Kontoinhaberin: Elena Mereacre, ONG Compasiune, Bank: Banca de Economii, Filiale 32, Ort: Laloveni, BLZ: 280101632, Steuernr.: 28564679, Konto (für Euro): 2251032978169

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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