Nr. 32/2014 vom 07.08.2014

Das geraubte Mädchen

Kinder waren im Bürgerkrieg von El Salvador eine begehrte Beute. Soldaten verschleppten sie und verkauften sie an adoptionswillige Paare. Die Angehörigen suchen bis heute. Ein Mädchen wurde in der Schweiz gefunden – und hat nach fast dreissig Jahren ihren Vater kennengelernt.

Von Toni Keppeler

Die Geschichte beginnt mit einem Verbrechen, begangen am 2. Februar 1981 im Norden von El Salvador in den Hügeln der Provinz Chalatenango. Ein paar Tage zuvor war die Regierungsarmee in dieses von der Guerilla kontrollierte Gebiet eingedrungen, mit mehreren Tausend Mann und Unterstützung aus der Luft. Es war die grösste Militäroperation des Bürgerkriegs in dieser Gegend, und der Bauer Tomás Oliva aus dem kleinen Weiler El Cerrón dachte, es sei besser, seine Familie in Sicherheit zu bringen: seine Frau María Avelar und seine vier Kinder José Fredy (6), María Delia (3), Santos Catalina (2) und die gerade drei Tage alte Elizabeth. Zusammen mit den Frauen und den Alten des Weilers marschierte die Familie acht Stunden lang über Hügel und durch Schluchten, hinauf auf den mit Dschungel bewachsenen höchsten Berg der Gegend. Dort, glaubte Don Tomás, könne Frau und Kindern nichts passieren. Er selbst schloss sich einer Kolonne der Guerilla an.

Am 2. Februar stiessen Soldaten auf das Versteck. Sie erschossen alle Frauen und Alten, und auch die Kinder sollten ermordet werden.

Doch der Soldat, der den Befehl dazu bekommen hatte, konnte sich nicht überwinden, ein nur drei Tage altes Baby zu massakrieren. Elizabeth wurde verschont, und das rettete auch das Leben ihrer drei Geschwister. Die Soldaten steckten die drei Grösseren in Rucksäcke; der Mann, der Elizabeth hätte erschiessen sollen, trug das Baby auf den Armen davon.

Kinder als Kasernenmaskottchen

Zwölf Jahre währte der Bürgerkrieg in El Salvador. 75 000 Menschen wurden ermordet, 8000 sind spurlos verschwunden. 1992 einigten sich die rechte Regierung und die linke Guerilla der Nationalen Befreiungsfront Farabundo Martí (FMLN) auf einen Friedensvertrag. In einem Park im Zentrum der Hauptstadt San Salvador erinnert heute ein schlichtes Denkmal an das Gemetzel: eine lange Wand aus schwarzem Stein, in die die Namen der Opfer des Bürgerkriegs eingraviert sind. Die grösste Rubrik sind die Toten, die Liste der Verschwundenen ist deutlich kürzer. Die kürzeste von allen ist die der Wiedergefundenen. In ihr steht auch der Name María Delia Avelar Oliva, die älteste Schwester von Elizabeth.

María Delia hat heute einen anderen Namen, wohnt in einer Kleinstadt im Norden der Schweiz und spricht die dortige Mundart. Dass sie anders ist als die anderen, hat sie schon als kleines Kind gemerkt. Ihre Haut hat den Ton von Milchkaffee, ihre Augen sind dunkelbraun, ihre krausen Haare glänzend schwarz. «Natürlich habe ich gefragt: Mama, war ich in deinem Bauch?» Da erzählten ihr die Eltern, dass sie eine Waise sei, dass sie ihre Eltern verloren habe im Bürgerkrieg in El Salvador und dass es dort keine Verwandten mehr von ihr gebe. «Ich habe mir diese Geschichte wieder und wieder erzählen lassen.» Niemand sagte ihr, dass sie eines der vielen Kinder ist, die damals vom Militär geraubt und verkauft wurden. Heute ist sie Mitte dreissig, und sie weiss, dass sie Geschwister und Verwandte in El Salvador hat, dass ihr Vater noch lebt. Sie war dort; sie hat ihn kennengelernt.

Es ist bis heute nicht bekannt, wie viele Kinder damals im Krieg von Soldaten in Kasernen verschleppt, von dort in Waisenhäuser verteilt und dann über Anwälte und korrupte Familienrichter als «Adoptivkinder» verkauft wurden. Es mögen tausend gewesen sein, vielleicht auch doppelt so viele. Allein Pro-Búsqueda, eine Selbsthilfeorganisation von Familienangehörigen verschwundener Kinder, hat über 900 Fälle registriert. Fast 400 von ihnen wurden inzwischen gefunden. Viele waren von Paaren in den USA adoptiert worden, einige Dutzend leben heute in Frankreich und Italien. Mindestens drei sind in der Schweiz aufgewachsen.

Mehr als hundert der Wiedergefundenen haben El Salvador nie verlassen. Die einen waren in Waisenhäusern geblieben, weil sich nie ein adoptionswilliges Paar gefunden hatte – sei es, weil sie zu alt waren, sei es, weil sie schon als Kleinkinder kriegsversehrt waren. Andere wurden an Militärs verschenkt. Der Soldat, der im Dschungel von Chalatenango Mitleid mit Elizabeth bekommen und die Kinder verschont hatte, behielt das Baby und liess es als Tochter seiner Frau registrieren – ganz ohne formale Adoption. Wieder andere wuchsen als Maskottchen in Kasernen auf. «Wir hatten da einen Jungen mitgenommen, den wir (nach einem mexikanischen Schnulzensänger) Cornelio Reyna nannten, weil er eine so schöne Stimme hatte», erzählt der heutige Verteidigungsminister General David Mungía Payés. «Er lebte bei uns in der Kaserne, und wenn die Soldaten Ausgang hatten, nahmen sie ihn mit, damit er für ihre Freundinnen Serenaden sang. Später wurde der Junge selbst Soldat.»

«Haben wir die Kinder am Ende aufgefressen?»

Nur wenige Soldaten äussern sich so offen über den damaligen Kinderraub, und wenn, dann wollen sie meist anonym bleiben – aus Scham, aber auch aus Angst vor ihren Kameraden und vor denen, die damals das grosse Geschäft machten. «Zwischen 5000 und 20 000 Dollar verlangten Anwälte für ein Kind», weiss Ester Alvarenga, die seit zwanzig Jahren für Pro-Búsqueda arbeitet. «Den Adoptiveltern sagten sie meistens, das seien Gerichts- und Anwaltsgebühren.» Europäische und US-amerikanische Paare mögen solche Summen nicht erschrecken. Im El Salvador der achtziger Jahre stellten sie ein stattliches Vermögen dar.

Dabei ist der Preis, den Alvarenga nennt, eher untertrieben: «Solche Zahlen sind lächerlich», sagt der ehemalige Kommandant einer Infanteriebrigade. «Die haben viel mehr verlangt, das war ein Bombengeschäft.» Anwälte richteten in der Hauptstadt eigens Kinderheime ein, die im Jargon der Schieber «casa de engorde» – Häuser zum Dickwerden – genannt wurden. Hier hat man die ausgehungerten Kleinen aus den Kriegsgebieten aufgepäppelt, bevor sie der ausländischen Kundschaft präsentiert wurden.

Kein Land der westlichen Hemisphäre hat in den achtziger Jahren so viele Kinder zur Adoption ins Ausland gegeben wie El Salvador. Dabei ist das Land gerade einmal halb so gross wie die Schweiz und hatte damals nur knapp fünf Millionen EinwohnerInnen. Aber es «exportierte» mehr Kinder als Mexiko und Brasilien zusammen. «Ehemalige Soldaten haben uns erzählt, dass sie spätestens seit 1982 den Befehl hatten, alle Kinder mitzunehmen, die sie bei einem Angriff antrafen», sagt Alvarenga. Meist wurden die Erwachsenen ermordet; manchmal liess man die Mütter leben und riss ihnen die Kinder mit Gewalt aus den Armen. Offiziell aber wird der Befehl zum Kinderraub bis heute abgestritten. General Mauricio Vargas, der bei den Friedensverhandlungen mit der Guerilla die Armee vertrat, höhnt gar: «Wo sollen diese Kinder denn sein? In irgendeinem geheimen Waisenhaus? Oder haben wir sie am Ende aufgefressen? Gebacken, gebraten oder gekocht?» Diese Geschichten von geraubten Kindern, das sei «wie ein Roman von García Márquez».

«Ich habe meine Eltern nie gefragt, wie viel sie für mich bezahlt haben», sagt María Delia in der Schweiz. «Ich habe mich das nie getraut.» Auch in El Salvador stellte lange niemand Fragen. Einzelne Mütter, die sich bei der Suche nach ihren geraubten Kindern an die Staatsanwaltschaft wandten, wurden beschimpft und abgewiesen. Sie seien Lügnerinnen oder Rabenmütter, hiess es, die nicht auf ihren Nachwuchs aufgepasst hätten.

Später, nach dem Friedensvertrag, beriefen sich Richter auf ein Amnestiegesetz für Kriegsverbrechen, das vom damals von rechten Parteien dominierten Parlament nach dem Ende des Bürgerkriegs erlassen worden war. Auf dieses Gesetz pocht die Armee bis heute. Pro-Búsqueda bekam nie Einsicht in die Militärarchive.

Plötzlich ein Brief

Die Selbsthilfeorganisation wurde 1994 gegründet und fand noch im selben Jahr – eher zufällig – das erste Kind in einem Waisenhaus. Das Mädchen war leicht zu identifizieren: Kurz bevor es geraubt worden war, hatte es bei einem Luftangriff einen Arm verloren. Ein entfernter Verwandter glaubte, das Kind gesehen und erkannt zu haben, und Pro-Búsqueda fragte nach. Solche Zufälle sind selten. In der Regel sind Erfolge bei der Suche das Ergebnis langer kriminalistischer Kleinarbeit: Rechercheure befragen Angehörige und mögliche Zeugen des Kinderraubs; StudentInnen haben Zehntausende von Adoptionsakten nach Spuren durchforstet; eine Ärzteorganisation in den USA hat eine DNA-Datenbank erstellt, um Proben von wahrscheinlich geraubten Kindern mit denen von Angehörigen abgleichen zu können.

Eine Kombination aus Zeugenaussagen, Adoptionsakten und einem DNA-Test als letztem Beweis führte auch zum Auffinden von María Delia. «Wir wussten, dass die vierte Infanteriebrigade die Kinder von Tomás Oliva mitgenommen hatte», erzählt Ester Alvarenga. Ein ziviler Angestellter der Einheit hatte das den Rechercheuren gesagt. Der wusste auch, dass drei der vier Geschwister an ein Waisenhaus in San Salvador weitergereicht worden waren. Dort aber verlor sich zunächst die Spur. Bis StudentInnen in der Zweiten Jugendkammer von San Salvador auf eine Akte stiessen, nach der ein Mädchen von einem Schweizer Paar adoptiert worden war. Dieses Mädchen sei verlassen aufgefunden worden – genau an jenem Tag und an jenem Ort, an dem die Frauen und Alten des Weilers El Cerrón in Chalatenango ermordet und María Delia und ihre Geschwister verschleppt worden waren. Nur der Name stimmte nicht.

In den Akten des Waisenhauses wurde María Delia zunächst als Kind mit unbekanntem Namen geführt. Später nannte man sie Diana Hernández, und schliesslich verschaffte man ihr eine gefälschte Geburtsurkunde auf noch einmal einen anderen Namen. Danach soll sie in San Salvador auf die Welt gekommen sein, der Verbleib ihrer Eltern sei unbekannt.

«Wäre María Delia von US-Bürgern adoptiert worden, hätten wir sie vielleicht nie gefunden», sagt Alvarenga. In den USA gibt es kein Melderegister. «Wir haben in etlichen Fällen die Namen der Adoptiveltern. Aber wenn die Adresse, die in den Akten steht, nicht mehr stimmt, weil die Familie umgezogen ist, wissen wir nicht, wo wir suchen sollen.» In der Schweiz aber fanden Helfer von Pro-Búsqueda die Adresse von María Delia schnell heraus.

Sieben Jahre bis zur ersten Reise

Es ist nun gut fünfzehn Jahre her, dass die damals knapp zwanzigjährige junge Frau einen Brief von Pro-Búsqueda erhielt. «Da stand eine unglaubliche Geschichte drin, und das sollte meine Geschichte sein.» Es war die Geschichte von ihr und ihren Geschwistern, vom Mord an ihrer Mutter, vom Waisenhaus, vom neuen Namen, von der Adoption. Und es war die Geschichte von ihrem Vater Tomás Oliva, dem armen Bauern aus El Cerrón in Chalatenago, der noch immer nach ihr suchte.

María Delia war aufgewachsen wie ein Kind der schweizerischen Mittelschicht und steckte damals mitten in einer Berufsausbildung. Ihr frühkindliches Spanisch hatte sie längst vergessen. «Irgendwann wollte ich diese Sprache lernen», sagt sie. Und irgendwann einmal wollte sie auch nach El Salvador reisen, um zu sehen, wo sie herkommt. «Ich wusste, dass es dort ganz anders ist als in der Schweiz, und ich wusste auch, dass das kein Land für eine Urlaubsreise ist. In den Reisebüros wird El Salvador nicht angeboten.» Aber das waren ganz vage Pläne. Erinnerungen hatte sie nicht. Erst jetzt, da sie ihre Geschichte kennt, glaubt sie, dass ganz tief in ihr doch etwas geblieben ist. «Ich habe Angst, wenn ich Militär auf der Strasse sehe, auch hier in der Schweiz», sagt sie. «Und ich mag es überhaupt nicht, wenn es knallt.»

Zunächst aber wollte sie es nicht wahrhaben und hat das, was in dem Brief stand, «erst einmal nicht geglaubt». Sie schrieb an die Leute von Pro-Búsqueda, dass sie gerade eine Ausbildung mache und dass das wichtiger für sie sei. Aber die liessen nicht locker, schrieben immer wieder, boten psychologische Unterstützung an und schickten auch Fotos von dem Mann, der ihr Vater sein sollte. Sie wurde die Geschichte, die ihre eigene sein sollte, nicht mehr los. Es bohrte in ihr, und «irgendwann habe ich einen Bluttest machen lassen. Ich wollte sicher sein.» Und als sie sicher war, stand auch fest, dass sie nach El Salvador reisen würde. Nicht gleich, erst wollte sie Spanisch lernen. Ihrem leiblichen Vater gegenüberzustehen und ihm nichts sagen zu können, das er verstehen könnte, das wollte sie sich gar nicht vorstellen.

«Sie hat viel Zeit gebraucht», sagt Ester Alvarenga, «so lange wie kaum ein anderes Kind, das wir ausfindig machen.» Vom ersten Kontakt bis zur Reise nach El Salvador vergingen sieben Jahre. María Delia hat in dieser Zeit keine Unterstützung von ihren Adoptiveltern bekommen. «Sie wollten sicher das Beste für mich», sagt sie. Aber dass sie nach El Salvador reisen wollte, um sich ihrer eigenen Geschichte zu stellen, «dafür hatten sie kein Verständnis».

Auch María Delia selbst hatte Zweifel. Sicher: Dort wartete ihr Vater auf sie, auch die jüngere Schwester, die bei dem Soldaten aufgewachsen war, dem auch sie ihr Leben verdankte. «Aber das waren ja völlig fremde Menschen für mich. Was mache ich, wenn ich sie unsympathisch finde?» Trotzdem lernte sie Spanisch, hatte irgendwann «ein gutes Gefühl», nahm unbezahlten Urlaub, reiste zu einem drei Monate dauernden Intensivsprachkurs nach Costa Rica und von dort nach El Salvador – für eine Woche. Besser, man kann schnell wieder verschwinden.

«Wird er mich mögen?»

MitarbeiterInnen von Pro-Búsqueda holten sie vom Flughafen ab, schickten ihr später eine Psychologin ins Hotel. «Die konnte mir nicht viel helfen», sagt sie. «Ich konnte zu wenig Spanisch und sie zu wenig Englisch.» Sie habe einfach versucht, nicht zu viel zu erwarten. Cool bleiben. Keine Enttäuschung zulassen. Und doch war da «eine grosse Unsicherheit», die Frage, die wohl jedes Kind umtreibt, das nach bald dreissig Jahren zum ersten Mal seinen Vater sehen soll: «Wird er mich mögen?»

Natürlich mag er sie. Tomás Oliva strahlt noch heute, wenn er davon erzählt, wie es war, als seine älteste Tochter in den Hof vor seiner Hütte kam. «Ich wusste sofort: Das ist sie. Das ist meine Tochter! Wie könnte ein Vater seine Tochter nicht erkennen?!» Der Ton ihrer Haut, die krausen Haare – «ganz wie die Mutter. Sie ist eine hübsche Frau geworden.»

Die Hütte von Don Tomás hat nur einen Raum; die Wände aus Lehm, der Boden nackte Erde, das Dach aus gebrannten Ziegeln. Gekocht wird auf dem offenen Holzfeuer, draussen, wegen des Rauchs. Ein paar Schritte abseits steht die Latrine. Am Tag, als María Delia kam, waren Haus und Hof mit bunten Luftballons und Papiergirlanden geschmückt. Die Verwandtschaft war da, die Nachbarn. Und natürlich die zweite Frau von Don Tomás und die fünf Kinder, die das Paar zusammen hat. Für Don Tomás war der Tag ein grosses Fest. María Delia hätte Ruhe gebraucht für eine vorsichtige Annäherung.

Ihr war schon mulmig geworden, als der Geländewagen, der sie zu ihrem Vater brachte, von der asphaltierten Überlandstrasse abgebogen war und auf einem staubigen schmalen Feldweg ins Hinterland holperte. Dort, wo der Feldweg zu Ende ist, geht man auf einem schmalen Pfad ein paar Schritte die Böschung hinunter, dann ist man im Hof angelangt. «Es ist wunderschön dort», sagt María Delia, «die Landschaft, die Natur.» Aber die Armut hat sie schockiert. «Ich hätte dort nicht übernachten können in diesem ärmlichen Haus mit einem Plumpsklo dahinter. Da bin ich doch zu sehr Schweizerin geworden.» An diesem Tag konnte sie mit ihrer neuen Familie nicht richtig warm werden.

Sie fuhr noch einmal hin, zusammen mit ihrer Schwester Elizabeth, die immer in San Salvador geblieben war. Don Tomás führte die beiden an diesem Tag zu dem Haus, in dem sie zur Welt gekommen waren. Von seiner heutigen Hütte ist das eine knappe halbe Stunde Fussmarsch entfernt, auf einem schmalen Pfad den Hang hinunter. Don Tomás hält immer wieder an, zeigt auf Leguane, die sich auf einem Felsbrocken sonnen. Er erklärt, wie man sie fängt und häutet und wie man eine Suppe daraus bereitet. Er reisst Kräuter ab, die man als Gewürz dazutun kann, und warnt vor anderen, die giftig sind. Er kennt den Namen jedes Baums und jeder Blume. Er geht diesen Weg jeden Tag: Das kleine Maisfeld, das er gepachtet hat, liegt auf der anderen Seite des Tals.

Unten in der Talsohle stürzt ein Bach über einen schattigen Felsen hinunter und kühlt die Luft. Ein paar Meter weiter steht die Ruine des Elternhauses von María Delia. Man kann den Grundriss noch erkennen, und Don Tomás zeigt, wo die Küche war, wo sie geschlafen haben und auch die Stelle, wo María Delia zur Welt kam. Der Mangobaum vor der Ruine sei damals noch nicht so hoch gewesen. Aber er habe schon Früchte gegeben und Schatten. «Als das Haus im Krieg leer gestanden hat, kamen Soldaten vorbei und haben die Dachziegel klein geschlagen.» Wasser drang ein, die Lehmwände weichten auf und stürzten ein. Den Rest erledigte die Natur.

Er hat das Haus nach dem Krieg nicht mehr aufgebaut. «Es ist gefährlich hier unten im Tal», sagt er. «Es gibt viele Banden, viele Überfälle. Und weit und breit wohnt sonst niemand.» Weiter oben am Hang, wo seine neue Hütte steht, sind die NachbarInnen nur einen Steinwurf entfernt. Und seit ein paar Jahren gibt es Strom. «Nur für das Wasser müssen wir in der Trockenzeit sehr weit gehen.»

Ein Verbrechen und ein Glück

María Delia war das dritte seiner verlorenen Kinder, das Don Tomás in El Cerrón besucht hat. Alle vier hat Pro-Búsqueda wiedergefunden: José Fredy und Santos Catalina wurden von einem Paar aus den USA adoptiert, Elizabeth war immer in El Salvador geblieben. Damals im Krieg dachte er, er würde seine Kinder nie wieder sehen.

Als damals die Soldaten abgezogen waren, ging er wieder zum Lager auf dem Berg, wo er seine Familie zurückgelassen hatte. «Ich habe schon auf dem Weg dorthin viele Leichen gesehen, und auch im Lager lagen nur Tote.» Alle Erwachsenen. Die Soldaten hatten ihre Körper verbrannt. Dass auch seine Frau darunter war, erkannte Don Tomás an Resten ihrer Kleider. Von den Kindern fehlte jede Spur. «Ich suchte die ganze Gegend ab», erzählt er. «Manchmal hängten die Soldaten Kinderleichen zur Abschreckung an Bäume.» Als er nichts fand, begann er zu hoffen.

«Heute weiss ich, dass es allen gut geht», sagt er. «Sie sind zu guten Menschen gekommen.» Don Tomás besitzt gerade mal ein ausgebleichtes T-Shirt und eine hundertmal geflickte Hose zum Arbeiten und ein Hemd und eine Hose ohne Flicken für Festtage. In guten Jahren füllt er drei kleine Blechsilos mit Mais und holt vier Säcke Bohnen vom Feld. Die Hälfte davon verbraucht die Familie. Für die andere Hälfte bekommt er auf dem Markt vielleicht 200 Dollar. Mehr Einkommen hat die Familie nicht. «Ich kann mit der Machete umgehen, mehr kann ich nicht», sagt er. «Aber alle meine verlorenen Kinder haben einen Beruf gelernt. Das hätte ich ihnen nicht bieten können.»

Für María Delia blieb El Cerrón eine fremde Welt. «Ich kenne diesen Mann jetzt», sagt sie. «Aber eine richtige Beziehung ist das nicht.» Und doch spürt sie so etwas wie Verantwortung, vielleicht auch, weil sie in einem so reichen Land leben kann. «Auch wenn meine Geschichte mit einem Verbrechen begann – für mich war es trotzdem auch Glück», sagt sie. Und dann, ganz leise: «Ich kann doch nichts dafür.»

Prozess gegen Militärs

Gefährliche Suche

Das Attentat wurde am 14. November vergangenen Jahres verübt. Es war kurz vor vier Uhr am Morgen, als in San Salvador drei bewaffnete Männer in die Büroräume von Pro-Búsqueda eindrangen – der Organisation von Familienangehörigen, die nach ihren im Bürgerkrieg von Militärs geraubten Kindern sucht. Die drei Eindringlinge fesselten die drei Anwesenden: den Nachtwächter, einen Fahrer und den Vorsitzenden von Pro-Búsqueda. Dann stöberten sie Akten durch und suchten nach Computerfestplatten.

Sie nahmen alles Material mit, das mit der Vorbereitung der ersten Prozesse gegen Militärs zu tun hat, die in den Raub und den Verkauf von Kindern verwickelt sind: Namen und Adressen von Zeugen, ihre Aussagen, Beweise, ein digitalisiertes Archiv mit DNA-Proben. Als die Männer alles aus dem Haus geschafft hatten, schütteten sie Benzin in die Räume und zündeten es an. Die Gefesselten konnten sich rechtzeitig selbst befreien. Das Gebäude aber brannte aus.

Beim Verfassungsgericht von El Salvador ist derzeit eine Klage gegen ein Gesetz von 1993 anhängig, das alle Kriegsverbrechen während des Bürgerkriegs amnestiert. Sollte das Gesetz kassiert werden, können die Militärs angeklagt werden.

Heute ist Pro-Búsqueda in neuen Räumen untergebracht. Vor der Tür stehen Tag und Nacht zwei Polizisten. 22 Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs ist es noch immer gefährlich, nach den Kindern zu suchen, die damals von Militärs geraubt und verkauft wurden.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

Unterstützen Sie den ProWOZ

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch