Nr. 39/2007 vom 27.09.2007

Die uralte Frage

Das Aufkommen der synthetischen Biologie, die davon träumt, künstliche Lebensformen hervorzubringen, wirft einmal mehr die Frage auf, was denn eigentlich Leben ist. Ein neues Buch wagt eine Antwort.

Von Florianne Koechlin

Die moderne Biologie suggeriert, das Leben bestehe aus Puzzleteilen, die mit den Mitteln der Wissenschaft dereinst «verstanden» und dann «neu zusammengebaut» werden können. Der neueste Abkömmling dieser Weltsicht ist die synthetische Biologie (siehe WOZ Nr. 28/07). Doch was ist Leben wirklich?

Der an der Basler Universität lehrende Philosoph Andreas Brenner hat sich in einem neuen Buch dieser alten Frage angenommen. Darin präsentiert er eine philosophisch-historische Analyse des Lebensbegriffs mit speziellem Bezug zur synthetischen Biologie, gut lesbar und spannend. Er hat das Buch im Auftrag der Eidgenössischen Ethikkommission für Biotechnologie im Ausserhumanbereich (EKAH) verfasst, die sich demnächst mit der synthetischen Biologie auseinandersetzen wird.

Einleitend gibt Brenner zu bedenken, dass die Frage nach dem Wesen des Lebens nie abschliessend zu beantworten sein wird: «Was ist Leben?» ist eine uralte Frage mit einer Vielfalt an Interpretationen, die jeweils stark von gesellschaftlichen Interessen geprägt werden.

Zunächst nimmt uns der Philosoph mit auf einen Streifzug durch die abendländische Kulturgeschichte. Nach Ausführungen über den Lebensbegriff bei Aristoteles geht es weiter zu Hildegard von Bingen, Fürsprecherin einer mystischen Lebensauffassung. Dann folgt René Descartes' Maschinenmodell des Lebens: Erkenntnis, so Descartes, finde nur im Geiste statt, nicht im Körper. Tiere, die keinen Geist, also keinen Verstand haben, seien nicht beseelt und deshalb nichts anderes als Maschinen. Deshalb brauche es gegenüber Tieren keinerlei Rücksichten.

Wenn Lebewesen so etwas wie Maschinen sind, können sie auch auf entsprechende Weise untersucht werden: durch Zerlegung in ihre Einzelteile. Damals schon glaubte man, dereinst den «Bauplan des Lebens» entziffern zu können.

Brenner führt uns weiter zur Romantik mit ihrem Gespür für Zusammenhänge, zu Immanuel Kant, Johann Wolfgang von Goethe, Charles Darwin.

Leben macht sich selbst

Ausführlich erörtert er in der Folge Konzeptionen des Lebens aus dem 20. Jahrhundert. Ein wichtiger Bezugspunkt ist dabei die Theorie der Autopoiesis, die in den sechziger Jahren von Humberto Maturana entwickelt wurde. «Auto» heisst «selbst», und «poiein» «machen»: Leben macht sich selbst, so Maturana. Leben hat die Kompetenz, sich selbst zu organisieren und zu entwerfen. Voraussetzung ist eine permanente Interaktion mit der Umgebung. Leben ist ein Prozess aus Kommunikation und Kognition.

Laut der Theorie der Autopoiesis hat ein lebendiges System ein Selbst. Es kann nicht hergestellt werden, weil es sich selbst herstellt. Was Leben ist, versperrt sich daher einer Analyse «von aussen».

In einer Gesamtschau aller bisherigen Lebenstheorien erkennt Brenner zwei Hauptstränge. Auf der einen Seite finden sich mechanistisch-funktionale Modelle. Dabei erscheint Leben als eine Art Maschine, deren Wesen grundsätzlich verstanden werden kann, wenn erst einmal die wissenschaftlichen Instrumente zur exakten Untersuchung vorhanden sind. Descartes' Materialismus, die Anfänge der Gentechnik oder die synthetische Biologie sind Beispiele dafür. Auf der andern Seite stehen hermeneutische Lebenstheorien, die davon ausgehen, dass allem Leben im Kern ein nicht erklärbares «Geheimnis» innewohnt. Andreas Brenner schreibt: «Leben haben wir bisher kennen gelernt als: 'selbst bewegt', (...) als 'integrativer Teil eines Ganzen', als 'sich selbst herstellend', (...) und 'mit andern zusammenwirkend'.» Allen diesen Theorien eigen ist, dass sie das Leben als etwas per se nicht Definierbares ansehen.

Was einer hermeneutischen Position grundsätzlich weiterhin eine Berechtigung gebe, schreibt Brenner, sei die Tatsache, dass es trotz grosser Erkenntnisfortschritte nach wie vor einen nicht aufklärbaren Rest gebe: «Dieser Rest bleibt verborgen wie ein geheimnisvoller Schatz, weswegen man die Vermutung wagen kann, dass das 'Geheimnis des Lebens' letztlich nicht zu lösen ist.»

Leben ist herstellbar

Schliesslich nimmt Brenner Projekte der synthetischen Biologie unter die philosophische Lupe. Bei den Vordenkern dieser Wissenschaft sei die Vision des künstlich herstellbaren Lebens allgegenwärtig, schreibt er, auch wenn sich alle einig seien, dass die bisherigen Ergebnisse noch meilenweit von dieser Vision entfernt sind. Das heisst für Brenner, dass «Leben demnach endgültig entzaubert und eindeutig als eine Form materiellen Seins ausgewiesen wäre, welche sich von anderem materiellen Sein lediglich durch seine Komplexität unterscheidet».

Er geht noch einen Schritt weiter: Einmal angenommen, die synthetische Biologie könnte dereinst Zellen im Labor herstellen, die alle Lebenskriterien erfüllen. Wären das dann künstliche Lebewesen? Nein, meint Brenner - da werde das Ergebnis mit der Genese verwechselt. Das erinnere an die ordinäre Redeweise mancher Paare, ein Kind «gemacht» zu haben. Auch hier finde eine Verwechslung des Ergebnisses mit seiner Genese statt.

Abschliessend begründet Brenner, warum uns die Vision des künstlichen Lebens – wenn sie doch in so weiter Ferne liegt - dennoch etwas angehen muss: Die synthetische Biologie «formuliert einen mit der Autorität der positiven Wissenschaften, des Militärs und der Ökonomie versehenen Deutungsvorschlag, was Leben sei. Leben ist demnach ein vollständig auf die Materie zurückführbares und zugleich aus dieser herstellbares Phänomen. (...) Dem Projekt der Synthetisierung von Leben kommt mithin eine weit über seine aktuellen und seine künftig jemals zu erwartenden Ergebnisse hinausgehende Bedeutung für den Begriff des Lebens zu.»

Florianne Koechlin ist Mitglied der EKAH und Autorin des Buches «Zellgeflüster».

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