Nr. 42/2007 vom 18.10.2007

Wen stört das lecke Fass?

Schweden hat zwar beschlossen, aus der Atomkraft auszusteigen - doch noch laufen zehn Reaktoren, und das vorliegende Endlagerkonzept wird bereits als veraltet kritisiert. Ein Augenschein vor Ort.

Von Susan Boos

Schweden ist ein ruhiges Land, tektonisch gesehen. Die Landmasse besteht fast nur aus Granit, Urgestein, das sich kaum rührt. Darin lässt sich der Atommüll von Schweden vorzüglich versorgen, findet die Svensk Kärnbränslehantering (SKB), das schwedische Pendant der Schweizer Nagra. Seit dreissig Jahren ist die SKB daran, den besten Ort zu suchen. Zwei Plätze sind in der engeren Auswahl, einer davon liegt wenige Kilometer nördlich von Oskarshamn, einer kleinen Hafenstadt an Schwedens Südostküste.

Jenny Rees ist ein gewinnender Mensch. Früher hatte sie Sprachen studiert, war Skilehrerin im Tirol, nun macht sie schon seit über zehn Jahren Öffentlichkeitsarbeit für die SKB in Oskarshamn. Sie erzählt, wie sie zitterte, als sie die erste ausländische Delegation empfangen sollte. Sie musste ihnen den Versuchsstollen zeigen, hatte tausend Daten und Fakten auswendig gelernt und bangte, komplizierte Fragen nicht prompt beantworten zu können: «Aber das Einzige, was sie wissen wollten, war: Warum sind hier alle Häuser rot gestrichen?» Rees lacht, das wusste sie. Die Häuser sind rot, weil man früher Kupfer in die Farbe mischte, um das Holz vor der Witterung zu schützen.

Die Fahrt geht durch Fichtenwälder die Küste rauf zum Versuchsstollen unweit des AKW Oskarshamn. 1972 nahm das Kraftwerk den Betrieb auf, sagt Rees, im selben Jahr sei sie zur Welt gekommen.

Grosse Fische dank Atomkraft

Weiter geht es an einer lauschigen Bucht vorbei. Hier gebe es die grössten Fische, sagt Rees, weil das Kühlwasser des AKW das Wasser erwärme. Die Bucht friert im Winter nie zu, weshalb auch die Nationalmannschaft der Kanuten hier trainiert.

Rees erzählt, jedes Jahr würden 15 000 BesucherInnen den SKB-Versuchsstollen auf Äspö anschauen, Fachleute, Schulklassen, aber auch Leute aus der Gegend, die ihren Gästen etwas Besonderes bieten wollen. Die SKB hat es geschafft, aus dem Atommüllproblem eine Touristenattraktion zu machen. Und sie tut es professionell und unkompliziert; gegen aussen lässt sie sich fast nur durch Frauen vertreten, weil die glaubwürdiger und weniger technokratisch auftreten, und sie hisst, um den Gast zu begrüssen, sogar die Schweizer Fahne. «Das gibt doch ein schönes Gefühl von Heimat!», sagt Rees fröhlich.

Der Stollen auf der Insel Äspö ist eindrücklich, ein 3,5 Kilometer langer Tunnel, der sich in weiten Windungen 420 Meter in die Tiefe schraubt. Dutzende von Tests und Forschungsprogrammen sind hier im Gang. Die Idee ist es, die Kernbrennstäbe in Kupferbehälter zu verpacken und senkrecht nebeneinander in den Fels einzulassen. Der Stollen liegt unter dem Meeresspiegel, Wasser drückt an zahlreichen Stellen in den Tunnel, kleine Bäche rinnen die Wände entlang. Eigentlich fürchtet man bei einem Endlager nichts so sehr wie Wasser, denn es beschleunigt die Korrosion, die Behälter gehen schneller kaputt, und das Risiko steigt, dass radioaktives Material in die Umwelt gelangt.

Rees weiss, dass die Frage wegen des Wassers kommt. «Ein Fels ohne Wasser lässt sich nicht finden», sagt sie, «wir haben deshalb überall Wasser.» Aber das sei auch richtig so, «ohne Wasser würde unser Konzept gar nicht funktionieren.» Der Raum zwischen Kupferbehälter und Fels werde mit Bentonit, einer Art trockenem Ton, ausgefüllt, erklärt sie. Der Bentonit quillt auf, sobald Wasser in den Stollen eindringt. Ohne Wasser, sagt Rees, würde der Bentonit zu wenig quellen, und die Sicherheitsbarriere, die den Abfall wirksam abschirmen soll, bliebe löchrig.

Die hochradioaktiven Brennstäbe enthalten unter anderem Plutonium, das eine Halbwertszeit von über 24000 Jahren hat, und müssen deshalb für schier unendliche Zeit sicher versorgt werden. Deshalb verpacke man die Brennelemente in Kupfer, weil man Kupfer seit Jahrtausenden kenne, sagt Rees: «Ein Kupferbehälter korrodiert in 100 000 Jahren etwa um einen bis zwei Millimeter - die Wand eines Behälters ist fünfzig Millimeter dick.»

Tierversuche im Stollen

Selbstverständlich, sagt sie, dürfe man nie denken, was man tue, sei das Beste: «Vielleicht haben spätere Generationen bessere Lösungen. Darum testen wir auch das Zurückholen der Behälter.» Einen hätten sie versuchsweise wieder herausgeholt, eine enorme, sich über Wochen hinziehende Arbeit sei das gewesen, aber schliesslich sei es gelungen.

Ganz unten im Stollen befindet sich ein Projekt ganz anderer Art. Rees kommt in Fahrt, wenn sie von den kleinen Mikroben erzählt, die keine richtigen Tiere sind und doch leben: «Es gibt solche, die fressen wie Kannibalen andere Mikroben. Andere brauchen Sauerstoff, falls er vorhanden ist - wenn er aber aufgebraucht ist, können sie auch von Schwefel, verschiedenen Gasen oder Eisen leben.» Zuerst hätten die WissenschaftlerInnen gemeint, diese Mikroben seien während der Arbeiten eingeschleppt worden, «aber inzwischen wissen wir, dass das nicht stimmt: Die lebten schon hier im Fels.» Und wenn das Endlager mal gefüllt und abgeschlossen sei, könnten ihnen die Mikroben helfen, den Sauerstoff zu beseitigen, denn Sauerstoff fördert ebenfalls die Korrosion der Kupferbehälter. «Die Mikroben verbrauchen den Sauerstoff so schnell (wahnsinnig!), wir glaubten zuerst, wir hätten einen Fehler gemacht. Aber es ist wahr, in wenigen Tagen ist der Sauerstoff weg.»

Jenny Rees spricht immer begeistert und immer von «wir» - die perfekte SKB-Botschafterin. Auf jede kritische Frage hat sie eine freundliche Antwort. Detailliert gibt sie an, welche Gemeinden ablehnten, ein Endlager auf ihrem Boden zu erlauben. Es waren einige. Übrig geblieben sind zwei AKW-Gemeinden, die offiziell bereit sind, das Endlager zu beherbergen: Oskarshamn und Östhammar im Norden von Stockholm. Beide Gemeinden liegen am Meer, beide leben seit Jahren von der Atomindustrie, andere Arbeitsplätze gibt es dort kaum.

1980 hatte Schweden beschlossen, aus der Atomkraft auszusteigen. Ein AKW wurde inzwischen stillgelegt, doch zehn Reaktorblöcke sind noch in Betrieb. Keine Regierung hat sich bislang getraut, einen Termin festzulegen, auf den hin sie abgeschaltet werden sollen.

Jenny Rees meint, sie sei nicht einfach eine AKW-Befürworterin, aber jetzt müsse man doch eine Lösung für das Müllproblem finden - unabhängig davon, wann die Reaktoren abgestellt würden. Kritik am Endlagerkonzept der SKB gebe es, sagt sie, aber niemand demonstriere mehr dagegen. Die SKB habe auch aus ihren Fehlern gelernt, man müsse mit den Leuten reden, ihre Sorgen ernst nehmen. Und so sind heute allein im SKB-Büro auf der Insel Äspö sieben Personen mit Öffentlichkeitsarbeit beschäftigt, drei davon tun nichts anderes, als mit den rund sechzig Landbesitzern in der Gegend zu reden.

Ein ganzes Dorf in AKW-Besitz

In Östhammar, dem anderen potenziellen Endlagerstandort, dürfte es die SKB einfacher haben. Dort muss sie nur mit einem einzigen Landbesitzer verhandeln, der restliche Boden ist in öffentlicher Hand oder gehört den Atomkraftbetreibern selbst. Forsmark ist ein kleines Dorf in Östhammar. Drei Reaktoren sind dort in Betrieb, einer verursachte im Sommer vor einem Jahr fast einen Super-GAU.

Das komplette kleine Dorf gehört dem Atomkraftwerk, die Betreiber haben es vor über dreissig Jahren gekauft, jedes Haus und selbst das einzige Restaurant. Zudem gibt es in der Gegend noch ein Internat mit 130 Schülern, das ebenfalls den AKW-Betreibern gehört. Dort bilden sie den Ingenieurnachwuchs aus. Und auch ein Endlager gibt es in Forsmark schon, eines für schwach und mittel radioaktiven Atommüll. Ein ähnliches wollte die Nagra einst im Wellenberg im Kanton Nidwalden bauen.

Auch im Endlager Forsmark machen junge Frauen Führungen. Inger Nordholm, etwa so alt wie Jenny Rees, ist ein bisschen weniger enthusiastisch. Sie war Coiffeuse, musste wegen Allergien aufhören. Wenn sie diesen Job bei der SKB nicht hätte, sagt sie, wäre sie vermutlich arbeitslos. Sie sei keine Atombefürworterin. Ihre Eltern hätten in der Gegend eine Farm und stimmten 1980 für den Atomausstieg, aber, da hat sie dieselbe pragmatische Haltung wie Rees, etwas müsse man ja mit dem Atomabfall machen.

Nordholm erläutert das Endlager: Ein langer Tunnel führt von der Küste weg ins Meer hinaus. 1988 ging das Lager in Betrieb, 60 000 Kubikmeter Abfall haben darin Platz, für die nächsten vierzig Jahre reicht das. Doch wenn einmal alle schwedischen AKW abgebrochen werden, kommen nochmals 150 000 Kubikmeter hinzu, dann muss die SKB das Lager erweitern. Gerne würde sie die bestehende Anlage ausbauen, doch dazu braucht es ein neues Bewilligungsverfahren. Das dürfte nicht einfach durchzubringen sein, denn inzwischen ist eine internationale Konvention in Kraft, die die Entsorgung von Atommüll im Meer untersagt. KritikerInnen monieren, das Endlager, das fünfzig Meter unter dem Meeresboden liegt, verstosse gegen diese Konvention.

«Hier war das Leck»

Die Anlage von Forsmark ist menschenleer. In riesigen, künstlich ausgebrochenen Höhlen sind Behälter mit strahlendem Abfall gestapelt. Hier dürfte eigentlich nur Material liegen, das nicht zu stark und nicht zu lange strahlt. Es sollte höchstens eine Halbwertszeit von 500 Jahren haben, aber freimütig gibt Nordholm zu, dass auch geringe Mengen Americium oder Plutonium hier lagern, hochtoxische und lang strahlende Stoffe.

Auch in diesem Stollen rinnt Wasser von den Wänden. Nordholm sagt, was schon Rees feststellte: «Wasser wird immer reinkommen.» Pro Minute pumpt man derzeit 400 Liter Wasser aus dem Lager.

Eine der künstlichen Höhlen ist schon voll gestellt mit grossen, weissen Containern. «Hier drin», sagt Nordholm, «hatten wir das Leck.» Das Leck, das in Schweden in den neunziger Jahren für Schlagzeilen sorgte: Wasser tropfte auf die Atommüllbehälter, einer davon war undicht und kontaminierte das Wasser. «Welcher Behälter es ist, weiss man bis heute nicht genau», meint Nordholm, die SKB habe aber eine zusätzliche Decke in die Kaverne gezogen, um die Behälter vom tropfenden Wasser abzuschirmen. Eine handgestrickte Lösung für ein Problem, das frühestens in einigen Hundert Jahren hätte auftreten dürfen. Doch darüber regt sich in Schweden heute kaum mehr jemand auf.

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