Nr. 47/2007 vom 22.11.2007

Gut gefesselt und verpackt auf Weltreise

Hollywood setzt sich vermehrt mit politischen Themen auseinander. Doch auch der ambitionierte Film des südafrikanischen Regisseurs Gavin Hood bleibt erstaunlich unpolitisch. Leider.

Von Silvia SüessMail an Autor:in

Zum Beispiel Ahmed Agiza und Mohammad al-Zery: Die beiden in Schweden lebenden ägyptischen Asylbewerber werden am 18. Dezember 2001 in Schweden verhaftet. Gefesselt schafft man sie zum Stockholmer Flughafen Bromma, wo sie von sechs bis acht maskierten Männern geschlagen werden. Sie werden nach Ägypten ausgeflogen und dort in einem Gefängnis als Terrorverdächtige gefoltert.

Oder der Deutsch-Libanese Khaled el-Masri: Er wird am Jahresende 2003 an der mazedonischen Grenze verhaftet und nach Afghanistan ausgeflogen, wo man ihn misshandelt, um Aussagen zu erpressen.

Oder der in Syrien geborene Kanadier Maher Arar: Ende September 2002 will er auf dem Kennedy-Flughafen in New York auf einen Flug nach Kanada umsteigen, wird festgenommen und nach Syrien deportiert.

Schon unter Clinton

All diese Männer wurden Opfer einer «extraordinary rendition», einer «aussergewöhnlichen Überstellung», ausgeführt von der US-amerikanischen Central Intelligence Agency, dem Geheimdienst CIA. Als «rendition» wird die geheime Übergabe von mutmasslichen Terrorverdächtigen durch die USA an Drittstaaten bezeichnet. Die Verdächtigen werden in Länder gebracht, die berüchtigt sind für Verhöre, bei denen körperliche und psychische Folter angewendet wird. Ziel dieser Überstellungen ist es, durch Folter von Gefangenen Informationen zu erhalten, für die sich die US-Regierung die Finger nicht schmutzig machen muss, denn die Folter wird ja anderswo ausgeübt.

Gemäss Amnesty International werden Hunderte von sogenannten Terrorverdächtigen von den USA an geheimen Orten und in CIA-Geheimgefängnissen festgehalten und misshandelt. Am 6. September 2006 gab Präsident George Bush die Existenz von CIA-Geheimgefängnissen zu und verteidigte deren Existenz. Zwar ist die Rendition-Praxis keine Erfindung der Bush-Regierung, sie begann schon unter Bill Clinton. Doch seit dem 11. September 2001 hat die Anzahl der «aussergewöhnlichen Überstellungen» massiv zugenommen.

Eine solche Überstellung steht im Zentrum von «Rendition», dem neuen Film von Gavin Hood. Der südafrikanische Regisseur hat im letzten Jahr für sein Gangsterdrama «Tsotsi» den Oscar für den besten fremdsprachigen Film erhalten und konnte «Rendition» nun in Hollywood mit einem beachtlichen Staraufgebot realisieren.

Der aus Ägypten stammende US-amerikanische Ingenieur Anwar El-Ibrahimi (dargestellt von Omar Metwally) reist von einem Kongress in Südafrika zurück nach Chicago, wo ihn seine hochschwangere Frau Isabella (Reese Witherspoon) am Flughafen erwartet. Sie wartet vergebens: Anwar El-Ibrahimi ist kurz nach Verlassen des Flugzeugs von der CIA verhaftet worden. Er wird verdächtigt, an einem Selbstmordattentat in Nordafrika beteiligt gewesen zu sein. Anwar wird dorthin geflogen und vom Gefängnisleiter Abasi Fawal (Igal Naor) gefoltert. Anwesend bei den Verhören ist der CIA-Mann Douglas Freeman (Jake Gyllenhaal). In der Zwischenzeit erfährt Isabella durch einen Freund, der für einen Senator arbeitet, dass ihr Mann Opfer einer «extraordinary rendition» wurde, angeordnet von Corinne Whitman (Meryl Streep), der Chefin der CIA-Terror-Einheit.

Ein weiterer Erzählstrang des ambitiösen Films schildert die Liebesgeschichte von Fatima (Zineb Oukach), der Tochter des Gefängnisleiters, und ihrem Schulfreund Khalid (Moa Khouas). Fatima ist ihrem strengen Vater davongelaufen und ohne sein Wissen zu Khalid gezogen. Noch ahnt sie nicht, dass Khalid nach fundamentalistischen Idealen lebt und ihren Vater umbringen will.

Alles wird gut

«Rendition» beginnt dynamisch und vielversprechend: Die parallelen Erzählstränge werden schnell eingeführt, die Geschichte hüpft rasant von Südafrika in die USA, nach Nordafrika und wieder zurück in die USA. Sowohl inhaltlich wie auch visuell erinnert der Anfang an «Babel» (2006) von Alejandro González Iñárritu. Doch leider hält «Rendition» nicht, was der Beginn verspricht. Anstatt einen politisch brisanten und mutigen Film zu drehen, hat Gavin Hood mit «Rendition» eine zu gross angelegte Hollywoodkiste abgeliefert, in der alles ein bisschen zu schön, zu abgerundet und zu glänzend ist. Durch diese seltsame Sterilität berührt der Film nicht wirklich, er wühlt nicht auf und regt nicht zum Nachdenken an. Auch die Bemühungen des Regisseurs Hood und des Drehbuchautors Kelley Sane, die Geschichte nicht in einem simplen Gut-Böse-Schema zu erzählen, scheitern. Ein Happy End gibt es am Ende doch nur dank eines US-Amerikaners und nur für die in den USA lebenden Figuren.

Es mag erfreulich sein, dass sich Hollywood in letzter Zeit vermehrt mit politischen Themen auseinandersetzt. Doch die meisten Regisseure nutzen die politischen Ereignisse nur, um eine spannende Geschichte zu erzählen; politische Anliegen vertreten sie nicht. Leider.

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